Logbuch
VENI VIDI VICI.
Die Geschichtsschreibung alter Schule konzentrierte sich auf Schlachten, weil bei kriegerischen Großereignissen wenigstens feststand, wer Gewinner und wer Verlierer war. Mit dem Sieg im Feld war dann auch klar, wem die darauf folgende Heldenverehrung galt. Selbstbewusst durfte der Cäsar dann darin davon singen, dass er kam, sah und siegte. Veni, vidi, vici.
Unternehmensgeschichten tun sich da schwerer, selbst wenn der Bogen von den kargen Anfängen bis zur imposanten Größe gelingt. Man ist selbst bei der erfolgreichen Vernichtung eines Konkurrenten nicht allein dadurch schon Patriot. Hilfreich ist es, wenn der eigene Erfolg als epochal gelten kann. Dabei befördert den Ruhm, wenn man das Genie des Erfinders reklamiert.
Was aber, wenn all das fehlt. Vor mir sitzt ein verdienter Mann ohne Eigenschaften, der sein Wirken und natürlich sich selbst in den Geschichtsbüchern sehen möchte. Er hebt immer wieder zu Episoden an, die er mehr durchlebt denn gestaltet hat. Er habe Glück gehabt, sagt er, wenn das Schicksal ihn verschonte. Oft wurden die Geschicke ganz gut gewendet; zu wirklichen Niederlagen kam es nicht. Alles in allem hat man sich bemüht.
Wie mache ich daraus ein Heldenepos? Es wäre gut, wenn er die Leidenschaft von Artus in sich verspürte und ich als seine Gesellen Iwein, Galahad, Erec, Lancelot, Gawein oder Parzival einsetzen könnte. Ich baute ihm dann ein Schloss namens Camelot und ließe sie die Schale verwahren, in die die Schweißtropfen des Gekreuzigten gesammelt wurde, den Heiligen Gral. Stattdessen erzählt er mir von einer Maschine, die die Hannover Messe 1973 in Erstaunen versetzte; er habe noch den Artikel aus den VDI-Nachrichten. Heute gehört sein Laden Chinesen.
Man würde als Historienmaler, aber auch als Autobiograf, zum heroischen Zyniker, jedenfalls für Existentialismus anfällig, könnte man sich nur all die alltäglichen Vergeblichkeiten als Glück vorstellen. Aber da ist ja nichts, was aus dem Ozean der Belanglosigkeit wirklich herausragte. Ich kam, ich sah, ich versiegte.
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FUSIONSKÜCHE.
Wenn ich die Essensregeln unterschiedlicher Kulturen halbwegs richtig verstehe, so sind es Riten der symbolischen Reinheit, meist religiöser Abkunft. Dabei gibt es Vorstellungen zu Tieren, die nicht zu verzehren sind, wie Verfahrensregeln der Schlachtung oder der Zubereitung. Mir ist dabei alles recht: Jedermann mag nach seiner Facon selig werden. Ich achte meine Nachbarn, egal, was sie auf dem Teller haben.
Obwohl also kein Experte für koscher oder halal oder den Unterschied zwischen vegetarisch und veganisch kennend, staune ich über einzelne Erscheinungen der erfolgreichen Integration des Fremden in den deutschen Speiseplan. Es begann damit, dass der Grillspieß-Muslim an der Ecke nun auch Curry-Wurst bietet. An den Dönerbomben hing bisher nur Lamm und Hähnchen, was der Code für Pute ist. Nun also auch Wurst vom Schwein?
Da ich eine Weile im Hessischen zugebracht habe, ist mir die Rindswurst geläufig, die der Frankfurter der ehedem zahlreichen jüdischen Population verdankt. Bei Heißhunger eine Köstlichkeit, so mit scharfem Senf verzehrt. Die Berliner Wurst mit aromatischer Tomatensauce, allgemein Körri genannt, ist aber schweinischen Ursprungs. Man wird bei Bestellung nur barsch gefragt, ob mit oder ohne Darm; was sich auf die Wurst bezieht, nicht den Esser. Da der wurstige Muselmann das Schaf mit scharfer Soße mit demselben Besteck zubereitet wie die indisch-gewürzte Grönemeyer-Gabe müssen bestimmte Tabus gefallen sein. Kürzlich fand ich beim Italiener eine Rindsroulade mit Käse gefüllt. Ich sage nur Cordon Bleu: Kalb mit Schinken und Gouda, der völlige Kulturschock.
Viele Garküchen in der großen Stadt firmieren als vietnamesisch; das mag mit der entsprechenden Zuwanderung in der DDR aus dem Land von Onkel Ho zu tun haben oder frischen Interesses blitzgescheiter asiatischer Studenten, ist aber ohnehin nur symbolisch gemeint. Ich kriege auch laut Speisekarte meines Vietnamesen bei ihm China-Pfanne. Mit Formosa-Champions. Bei der Zugabe-Frage zu öligen Glasnudeln rattert die Modulküche eh immer runter: Tofu, Shrimp, Ente oder Lind. Letzteres ist die Mandarin-Lautung für Kuh.
Zum Schluss zwei Sensationen der Fusionsküche. Im „Com Home“ bieten sie jetzt Tintenfisch mit Nusch-nusch: mit Schweinefleisch gefüllte Calamari. Dazu leckeren Leis. Alta Schwede. Die Krönung allerdings im türkischen Café „Mocca“: Es gibt halbe Brötchen mit Fleischsalat, das ist grenzständiger Fleischwurstersatz mit reichlich Mayonnaise, also Öl mit Hühnerei. Zu der Wurst siehe oben. Ist Ei veganisch? Und dann eine Schale in der Vitrine, vielleicht schon seit gestern oder von vor dem Wochenende, mit Hackepeter-Brötchen. Rohes Schwein als Gehacktes mit Zwiebelringen. Geht beim Berliner gut, sagt die sehr nette Inhaberin.
Die Welt der Mitnahmenahrung ist nur pseudo-ethnisiert; in Wahrheit zeigt sie, was wir anthropologisch für elende Allesfresser sind. Ich zitiere Brecht: „Der Mensch, die Krönung der Schöpfung, das Schwein.“
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DAS ZUVIELE DEUTSCHE FERNSEHEN.
Die englische BBC kämpft um‘s Überleben; ihr setzen die Rechtspopulisten aus Amerika und im eigenen Land zu. Das könnte in meinem Vaterland auch so kommen, wenn ich höre, was hier US-Vizepräsidenten für Töne anschlagen und wenn man den Parolen aus den Reihen der FDP wie der AfD lauscht. Der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk (ÖRR) verliert den Nimbus des Unerlässlichen. Aber bitte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten!
Grundgesetz (GG) ohne ÖRR, das geht nämlich nicht. Wer je die Kasernengelände in Hamburg (NDR) oder Mainz (ZDF) betreten hat, weiß vom Geist dieser Kommandaturen in Feindesland. Der NDR hat sogar einen eigenen Frisör auf dem Gelände; das hat mich irgendwie berührt; wie Kombinate in der DDR, diese Umerziehungsbehörden mit eigenem Sender. Ich bin aber kein Freund von Zerschlagungsplänen, schon gar nicht aus dem Ausland. Weder Moskau noch Washington haben hier ein Mandat. Britannia rule the waves, Britons never will be slaves. Was für den Tommy gilt, gilt auch für den Teutonen.
Die ARD sollte bleiben. Überflüssig aber wäre das ZDF, ohnehin gerade mit 62 im Renteneintrittsalter. Das Publikum ist noch zwanzig Jahre älter. Man könnte den Übergang ins Internetzeitalter erleichtern, indem man die Sendelizenz erst in fünf Jahren entzieht und die Zwangsgebühren solange noch gewährt. Zwischenzeitlich können sich die Herrschaften vom zuvielen ÖRR im World Wide Web mit neuen Formaten erproben. 2030 ist dann Schluss mit lustig auf unsere Kosten und die digitale Selbstständigkeit kann erblühen. Für den ÖRR machen die Anstalten der ARD weiter; das ZDF ist dann endgültig das Zuviele Deutsche Fernsehen.
Natürlich ist dieser großartige Plan zur Transformation des Staatssenders noch mit Dunja und Marietta abzustimmen; ich finde aber, er hat den Frühlingsgeruch eines Tauwetters, dann eben auch auf dem Lärchenberg. BBC und ARD bleiben, der Adenauersche Staatsfunk zur Bestrahlung der DDR namens ZDF ist endgültig ein Zuviel und macht mit dem notorischen Elan der dortigen Pädagogischen Publizisten den kalifornischen Oligarchen Konkurrenz im Netz. Weil wir nämlich Strukturwandel können. Nur mal so als Vorschlag.
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Neujahrswunsch: endlich einen Minister für gesunden Menschenverstand
Dies ist eine Jahrhundertidee, aber leider nicht von mir. Über die Feiertage habe ich einen wahren Berg an ungelesener Post und alten Zeitungen abgearbeitet. Darunter eine saustarke Meinung von Jeremy Clarkson. Die könnte man ohne weiteres klauen. Wer liest hierzulande schon englische Zeitungen?
Clarkson fordert einen „minister for common sense“, der als Sachwalter einer Alltagsklugheit jedweden Blödsinn untersagt. Das finde ich fabelhaft, ohnehin ist dieser englische Journalist mein großes Vorbild. Ich bewundere ihn, obwohl er mich mehrfach „the dodgy hun“ genannt hat, was soviel heißt wie der verrückte Deutsche („hun“ von Hunne) oder „nazi prat“. Ihm behagen meine preußischen Manieren nicht. Da kommen dann die historischen Vergleiche unsäglicher Art. Engländer dürfen das, weil sie den Krieg gewonnen haben. Weltberühmt haben Clarkson seine Eskapaden als Motorjournalist gemacht. Die BBC-Sendung „Top Gear“ gehört zum Abgedrehtesten, was der Journalismus zu bieten hat. Aber richtig gut ist er in seinen Meinungs-Kolumnen in der „Sunday Times“, in denen er sich als bürgerlicher Anarchist um politisch Unkorrektes bemüht. Im Gegensatz zu Henryk M. Broder oder anderen Rollenkaspern ist Clarkson völlig unberechenbar. Er schreibt die Wahrheit auch dann, wenn sie nicht absurd ist; das ist sehr selten bei Satirikern.
Und so fällt ihm zu WikiLeaks nur der Verweis auf den gesunden Menschenverstand ein, nach dem beim Zusammenbruch aller Geheimnisse und jedweder Privatheit ein gesellschaftliches Leben nicht mehr möglich ist. Ein starkes Argument: Wenn WikiLeaks Schule macht, ist keine Politik mehr möglich, auch keine Friedenspolitik. Blamiert und ausspioniert werden die Mächte wieder die Waffen sprechen lassen. Das kann niemand, der bei Verstand ist, wollen. Ein Minister für gesunden Menschenverstand würde einschreiten.
Bevor wir uns für Angela Merkel den Kopf zerbrechen, wer als Minister für den Common Sense in das Bundeskabinett einziehen sollte, muss man sich erst mal mit sehr deutschen Problemen beschäftigen. Das fängt schon bei der Sprache an. „Common Sense“, das klingt gut, wie „Commonwealth“, aber im Deutschen ist der Menschenverstand nicht nur ein „allgemeiner“, sondern sofort „gesund“, was den Schluss nahelegt, dass es auch „kranken“ Menschenverstand gebe.
Und Krankheiten gilt es auszumerzen. Da aktiviert sich ein gesundes Volksempfinden. In einem Land, in dem es mal ein „Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ gab, ist Sorglosigkeit bei solchen Begriffen fehl am Platze. Das Problem mit Ressentiments in der Politik ist ja, dass sie nach geeigneter Propaganda beinahe jedermann teilt.
Die Lösung liegt in einem anderen Amt: Der Bundespräsident sollte das doch können. Christian Wulff als Prinzip der Vernunft? Wenn es dazu nur einen Funken der Hoffnung gäbe. Seine Weihnachtsansprache war von der philosophischen Brillianz eines Glückskekses: Wir sollen Respekt haben und hilfsbereit sein, sagt er, und zwar im Stehen.
Und das preist die Republik als eigentliche Innovation: Wulff hat es im Stehen gemacht. Hurra. Natürlich geht es auch anders. Man muss Elisabeth II, die englischen Kollegin von Wulff, in ihrer Weihnachtsansprache zur „King-James-Bible“ (das ist die Luthersche Großtat für England) gehört haben: zwischen Bildung und Klasse auf der einen Seite und Gefälligkeit und Gemeinplatz auf der anderen liegt mehr als nur der Ärmelkanal.
Grinsende Gemeinplätze sind aber etwas anderes als die solide Skepsis des Bodenständigen. Der Lübke-Epigone Wulff als Höhe der praktischen Vernunft: echt jetzt? Nein, machen wir uns das klar, der Ort des gesunden Menschenverstandes ist nicht die Politik.
Stimme verleihen kann dem gesunden Menschenverstand nur eine freie und selbstbewusste Presse. Wenn sie es denn täte. Meine Zweifel wachsen mit jedem Blatt, das ich in die Hand nehme. Mit diesem Neujahrswunsch wird es werden, wie mit meinen anderen beiden; dass ich nie mehr über’s Maß trinke und zehn Kilo abnehme. Sie werden den Dreikönigstag nicht überleben.
Ich weiß gar nicht, warum ich immer wieder auf die starken Meinungen von Clarkson anspringe. Sicher war sein Vorschlag nur die bittere Ironie eines Gentleman, jener schwarze Humor, auf den Preußen wie die Trottel reinfallen?
Die Ideen der Engländer sind einfach nicht mehr, was sie mal waren. Erinnert mich an Monty Python: die legendäre Satirikertruppe hatte das „Ministerium für alberne Gangarten“ erfunden. The Minister of funny walks parodierte den preußischen Stechschritt. Wehe dem, der die Ironie-Signale nicht sieht. Reden wir, so hieß das in Preußen, über’s Räsonnieren: Der Menschenverstand ist vielleicht am Ende nur gesund, wenn er der Macht misstraut. Deshalb bekleidet er keine Ministerämter, er tobt am Stammtisch, in der Kaffee-Ecke vom Büro, auf den Marktplätzen, in den Blogs, und gelegentlich erreicht er auch mal einen Leitartikel der Tagespresse. Selten genug.
Quelle: starke-meinungen.de