Logbuch
DER RAUSWURF MIT SCHINKEN.
Es ist hinreichend bekannt, dass SPAGHETTI CARBONARA niemals der Sahne bedürfen. Ein Sakrileg. Immer nur Ei und Speck. Ich weiß, dass im unglückseligen Städtchen Montabaur ein Italiener beides wahlweise anbietet. Ein Frevel. Aber das ist ja auch der Ort, an dem ein anderer Italiener Ananasscheiben auf die Pizza legt. Der Frevel namens Hawaii. Kulturell ist Montabaur der Kongo. Obwohl es dort gute französische Küche gibt, im Kongo.
Wie Professore Alberto Grandi in seinem Buch „Mythos Nationalgericht - Die erfundenen Traditionen der italienischen Küche“ (HaperCollins) überzeugend nachweist, sind die SPAGHETTI CARBONARA eine Nachahmung des nordamerikanischen Frühstücks mit Eiern und Speck. Das wiederum ist die Erfindung von Edward Bernays, dem Urvater der PR. Dessen Standardwerk „Propaganda - Die Kunst der Public Relations“ ist übrigens mit einem Nachwort von mir für 18 € im Netz zu beziehen.
Der alte Bernays will mehrere Megatrends mittels PR geschaffen haben. Neben dem Speckei auch das Zigarettenrauchen von Frauen in der Öffentlichkeit. Nun, das ist die übliche Eigen-PR: Er hat auf einen kommenden Trend kommerziell gesetzt und dann nachträglich die Vaterschaft verlangt. Der übliche Taschenspielertrick der PR. Das amerikanische Frühstücken ist irischen Ursprungs, die in der neuen Welt die Engländer kopierten. Nennt sich „full fry“ und hat auch noch Heinz seine gebackenen Bohnen.
Ich frühstücke heute einen Toast mit Käse (kaas) und einen mit gekochtem Schinken (ham), nennt sich „uitsmijter“. Holländisch für Rausschmeißer. Das hörte ich gern von meinem Vers.
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DEKONSTRUKTION.
Man vergrößere das Volumen von vier Kugeln Vanille-Eis, in dem man es durch ein tiefgekühltes Spaghetti-Sieb presst, richte es über einer Portion Sahne mit passierten Erdbeeren an und überstreue es mit Raspeln weißer Schokolade. Ein italienisches Nationalgericht.
Richtet mir in einer zum Einkaufszentrum konvertierten Brauerei in Moabit ein Araber an und serviert ein türkisches Mädchen, beide mit großer Freundlichkeit, Nachbarn halt in diesem Teil Berlins. Ich kriege es auch in Niederelbert im Westerwald, von einer Familie, die aus den Abruzzen zugewandert ist. Für 6 Euro 50 in einer großen Waffel; stolzer Preis. Berlin ist billiger. Aber bitte mit Sahne.
Die universelle Süßspeise ahmt ein neapolitanisches Pastagericht nach, das dünne Nudeln mit Tomatensauce anrichtet und geriebenen Parmesankäse darüber gibt. Die Nudel ist aber, stark sein, liebe Freunde, asiatischen Ursprungs. Die wunderbaren Tomaten an den Rispen entstammen den Gewächshäusern Israels. Der Käse schließlich kommt aus den USA. All das verdichtet sich zum italienischen Nationalcharakter seit den Siebzigerjahren. Fünfzig Jahre alt, nicht älter.
Die Armut des italienischen Südens hat die Söhne des Landes über die Welt verteilt. Wie bei allen Migranten schafft das Heimweh einen Mythos des besseren Selbst. HEIMAT. Und die Sehnsucht nach Mamas Küche. Wenn der Nationalmythos erfolgreich ist, springen die Nachäffer auf. So entsteht Spaghetti Carbonara mit Sahne. Man lese Alberto Grandi, Professor zu Parma.
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BRITAIN IS NOT YET BACK.
Schon vor vier Wochen, da ich in London die Köpfe der Demoskopie traf, war klar, was gestern dann passierte: Die vier Völker der britischen Inseln werden die Konservativen zum Teufel jagen. Die Sozialdemokratie bestimmt die Zukunft des Mutterlandes der Demokratie. Der neue Premier ist ein Sozi. Satte Mehrheit dank des Wahlrechtes. Aber ist damit Westminster zurück in Europa? Gemach.
Erste Regel: Es werden bei so klaren Entscheidungen immer nur schlechte Regierungen abgewählt. Niemals kommen gute so ins Amt. Die Wähler haben sich von den Konservativen schlicht verarscht gefühlt; dafür gab es eine deutliche Quittung. Die Tories wurden Opfer ihrer zynischen Dekadenz. Stichwort PARTYGATE: Als Kinder Hausarrest hatten und Großeltern allein zu sterben, feierte die politische Elite. Bring your own booze. Bottle Party in Downing Street.
Zweite Regel: Selbst die Leidensfähigkeit jener Menschen, die die Leidensfähigkeit erfunden haben, ist irgendwann erschöpft. Der BREXIT war vor allem eines: chaotisch. Staatsversagen. Aber Vorsicht: Auch Labour hat es nicht gewagt, den Elefanten im Raum beim Namen zu nennen. Zu viele Veränderungsverlierer glauben noch immer daran, dass die EU die Quelle ihres Übels sei. Der Slogan davon, dass man seine Souveränität zurückgewinnen könne, wenn man Nostalgisches pflegt, wirkt noch.
Dritte Regel: Medienmacht wirkt nur solange, wie nicht für jedermann offensichtlich ist, dass sie lügt. Und im Vergleich zur englischen Boulevardpresse, da ist BILD ein Kirchenblättchen. Propaganda kennt aber einen „point of no return“, wo weitere Demagogie nicht mehr hilft. Etwa, wenn es um Leib und Leben geht; da hat das staatliche Gesundheitssystem namens NHS einige Hässlichkeiten zu bieten.
Vierter Rat zur Vorsicht: Jetzt kommen lauter Anfänger. Das Mehrheitswahlrecht tauscht ja praktisch das komplette Parlament aus. Jetzt kommen die, die reinen Herzens sind, aber unter Umständen leer in der Birne. Auf deren Fehler lauert eine zynische Oberklasse und deren Schmierenpresse. Die Messe ist noch nicht gesungen.
Aber es ist Hoffnung in meinem Herzen. Ich grüße den englischen Teil meiner Familie und die vielen Freunde an ihren Teetassen. Respekt! Man muss jetzt wieder öfter mit unserem Besuch rechnen. Well, sorry, but there are no free lunches.
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DICKE HOSE.
Man sieht im Netz eine faszinierende Szene: Angela Merkel im akademischen Habit, dem Doktorengewand, an einer amerikanischen Uni, auf die Frage, was sie am ersten Tag nach dem Ausscheiden aus dem Amt vorhabe. Uneitel, gänzlich uneitel, geradezu obszön bescheiden (wenn man das so sagen darf). Eben keine „dicke Hose“. Führt sich nicht auf wie Graf Koks von der Gasanstalt. Allenfalls eben die (protestantische) Eitelkeit der gänzlich Uneitlen. Männern fällt das schwerer, aber auch prahlende (!) Frauen hatten wir in der Spitzenpolitik.
Man will ja Peinlichkeiten vermeiden, also nimmt man sich vor, missverständliche Dinge mit Bedacht zu formulieren. Aber ohne Klartext geht es halt nicht. Frau BÄRBOCK hätte ein „Dicke-Hose-Problem“ gehabt, soll ihr Parteifreund, Herr HABECK, diagnostiziert haben. Stimmt vielleicht in der Sache, aber die Sprache! Das geht so doch nicht. Ein Bildbruch, nennt sich Katachrese.
Beginnen wir mit der Semantik: einem auf dicke Hose machen, das meint, ein Angeber gewesen zu sein, geprahlt zu haben. Ergänzt aus der Pragmatik: gemeint ist die Hose im Bereich der Hüfte, der sogenannten „primären Geschlechtsorgane“, meist weniger um einen etwaigen Erregungszustand zu beschreiben als die Größe der beigeordneten Hoden. Der Volksmund spricht, obwohl Kastrationen auch bei Sopranen eher selten geworden sind, von „Eier haben“. Oder eben nicht.
Nun zur Metaphorik: mit diesem bildhaften Ausdruck sind eigentlich nur männliche Wesen zu beschreiben, aus biologischen Gründen, aber eben auch aus sozialpsychologischen. Die Rede ist von Testosteron gesteuertem virilen PRAHLVERHALTEN. Alle Frauen, die ich schätze, belächeln das. Bei männlichen Jugendlichen ist es im Getto am verbreitesten; also nicht nur entwicklungspsychologisch, sondern auch sozial indiziert.
Frau BÄRBOCK hatte angegeben wie ein Mann; das war der Vorwurf. Inzwischen bemüht sie sich mit Erfolg um einen Ton, der weniger jakobinisch herrisch klingt.
Wie gibt man geschickter an? Ich hätte Ratschläge, wenn mich jemand fragen würde. Erstens: immer mit klarer Selbstironie. Zweitens: immer mit deutlicher Untertreibung. Drittens: nie allzu glatt oder perfekt, eher verlegen bis unbeholfen. Wie Hugh Grant in Notting Hill: verdruckst und mit „understatement“. Und bitte, ohne jeden Bezug auf Körperorgane und deren Besamungs- oder Stillvermögen. Auch VOLLE BLUSE ist wohl daneben. Schade eigentlich.
PS: Hugh Grant in Notting Hill? Könnte das das „role model“ von Robert HABECK sein? Interessante Vermutung.