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HAUSBESUCH.

Die Landkarte zeigt ganz in der Nähe meines ländlichen Domizils eine Wüstung. Hier hatte das 17. Jahrhundert noch ein Dorf, in das dann aber marodierende Truppen einfielen. Der Dreißigjährige Krieg war für die zivilen Opfer kein Vergnügen. Mein gelegentlicher Überraschungsruf zum alten Schweden stammt noch aus jener Zeit, als die nordischen Söldner hierzulande ihr Unwesen trieben. Es wurde gebrandschatzt und vergewaltigt, Mord und Totschlag.

In die Kriege ihrer Herren zogen ganze Generationen junger Männer; es kamen nicht alle wieder. Mein Vater hatte dieses Lebensgefühl, im Tausendjährigen Reich des österreichischen Lumpen zufällig verschont geworden zu sein. Millionen wurden dahingerafft, sogenannte Feinde, aber eben auch Kameraden und Freunde. Ich selbst fühle mich als Sohn von Friedenszeiten, möge das meinen Kindern und Kindeskindern auch gewährt sein.

Nach dieser pazifistischen Offenbarung eine bellizistische Anmerkung. Obwohl im Kriegshandwerk unkundig, sehe ich bedeutenden Fortschritt. Man macht neuerdings bei den Warlords Hausbesuche. Das, finde ich, ist ein riesengroßer Fortschritt. Ich bedaure, dass es auch dabei Kollateralschäden gibt, aber eben doch wenige; es werden nicht gleich ganze Generationen ausgelöscht. Und die Folgen des Krieges treffen ausnahmsweise mal jene, die ihn veranlassen. Gerechtigkeit auf Erden.

Im übrigen: Schwerter zu Pflugscharen! Für die geschichtsvergessenen Wessis unter uns: Das Alte Testament formuliert die Hoffnung an den damaligen Gott der Juden: „Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ Das steht bei Micha und Jesaja. Bei Pflugschar und Sichel handelt es sich im übrigen um landwirtschaftliche Geräte. Das tägliche Brot anbauen statt Völker zu morden. Klar? Alta Schwede.

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CASH AUSSER TESCH.

Im Studium chronisch an Rachenentzündung leidend, durfte ich damals in Bochum bei meinem HNO ins private Wartezimmer. Nett. Der Doc hatte zwei Türen; eine für Kumpel Anton vonne Knappschaft und eine weitere diskreter Natur für bürgerliches Publikum und sonstige Höhergestellte. Ich freute mich über das unverdiente Privileg. Später als junger Beamter war ich eh Beihilfe, also prinzipiell was besseres.

Ein Freund, der lange im Chinesischen gelebt hat, berichtet von Roten Umschlägen mit Barem, derer es bedürfe, um im staatlichen System eine gute medizinische Behandlung zu erlangen. Nennt sich „hong boa“ oder Roter Umschlag, ursprünglich Glücksgeschenk zu Neujahr, mittlerweile wohl gängige Praxis; so das Gerücht. Wollen wir dem glauben? Ich warne vor kolonialer Arroganz.

Ein anderer Kumpel weist mich auf gemeinere Kollegen der roten Kunstwerke hin, solche in eher schlichtem braunem Packpapier („brown envelopes“), die man bei Pressekonferenzen für die Journalisten bereithalten solle. Glücksspiel sei beliebt; daher am Eingangscounter eine Glaskugel mit Goldfischen aus Papier, an denen man sein Glück durch „lucky draw“ probieren dürfe. Wenn keine Niete, werde ein brauner Umschlag fällig. Umgeknickte Banknoten bevorzugt.

Ein Narr, wer dieses Unwesen für chinesisch hält. Wer in meinem Vaterland per Kasse krankenversichert, braucht Geduld. Ein Facharzttermin, so glücklich ergattert, kann schon mal ein Dreivierteljahr auf sich warten lassen. Außer, man vergisst die Karte und tarnt sich als Privatpatient. Man halte dafür Cash bereit. So ist der Brave doppelt gestraft: ein satter Tausender im Monat für die Kasse und „hong boa“ für die private Behandlung oben drauf.

Natürlich ist das Klassenmedizin. Es bedarf zudem einer gewissen Geschicklichkeit, da die privat liquidierenden Doktoren nicht von den Kassen dabei erwischt werden wollen, dass sie dies sehenden Auges tun. So wie es natürlich in der Goldfischbowle keine Nieten gibt; man hat, höre ich, wenn auf gute Presse aus, braune Umschläge für jedermann.

Die Grundversorgung per Kasse ist schon teuer genug, aber in dieser Praxis des Abziehens wird Gesundheit wieder sozial exklusiv. Na ja, fast. Ich hatte „dual“ nur für Wahlfreiheit gehalten; nicht für doppelt: Kasse plus Cash ausse Tesch. Wer so naiv, wartet zurecht.

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SÖHNE EINES VATERS: BRÜDER ALSO.

Früher wurde Geschirr von Mutti in Schüsseln mit Spüli, lauwarmen Wasser und Bürste gewaschen und Vati trocknete mit einem Geschirrtuch ab, wenn gut gelaunt. Dann Asbach und Zigarette im Wohnzimmer. Werner Höfer im Fernsehen. Weltpolitik. So ging Sonntagsidylle, jedenfalls in Oberhausen.

Was in meiner rauchverhangenen Geburtsstadt Oberhausen die Kurzfilmtage, das ist im vermüllten Berlin die Berlinale, ein kulturelles Highlight der Filmschaffenden von den hinteren Rängen. Viel Müll. Wenn das Geflimmer ganz belanglos, rettet die Aufmerksamkeit der Welt ein politisch Irrer mit einem Skandälchen im Protokollarischen. Diesmal ein Apologet des islamistischen Terrors, der das obligatorische Küchentuch hochhält und der deutschen Regierung vorwirft, einen Völkermord im Nahen Osten zu unterstützen. Die Spültuchträger haben in der fanatischen Welt der Schauspüler vielfältige Unterstützung.

Ich bin nie Staatsgast bei dem Staatsakt Berlinale; ich habe also nicht entscheiden müssen, ob ich nach einer solchen Entgleisung aufstehe und gehe. Der anwesende Bundesminister, ein gänzlich unbekannter, aber kreuznetter Sparkassendirektor aus Erfurt, hat das gut gemacht und ist gegangen. Gut so. Als ich gestern von Moabit nach Charlottenburg schlendre, sehe ich, dass die Lessingbrücke an allen vier Enden in Stein gehauene Szenen aus Dramen Lessings zeigt. Von der Tafel mit NATHAN DEM WEISEN bleibe ich stehen. Ich kenne das Stück und den Herrn Verfasser und sage, das Ding ist nicht ohne. Ich hadere mit dessen Toleranzgebot. Drei beknackte Brüder buhlen dort um Gottgefälligkeit. Ist mir fremd.

Man will „angenehm“ (sic) vor Gott erscheinen. Die Ringparabel bei Lessing: Es geht nicht nur um die Frage, ob sich Judentum, Christenheit und Muslime vertragen sollten (eh klar); es wird unterstellt, dass alle drei den gleichen Gott verehren. Ich selbst bin religiös unmusikalisch, aber in der Frage bleibe ich zurückhaltend. Jedenfalls sollte hierzulande niemand geehrt werden, der grundsätzlich das Existenzrecht des Staates Israel bestreitet. Da hört die Brüderlichkeit beim Spülen auf. Küchentücher hin, Küchentücher her.

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Von italienischen Jungfrauen und spanischen Huren: Warum Lebensmittel krank machen

Spontanes Entsetzen: Eine Freundin hat EHEC, hier und heute. Im Februar 2012, mitten in Berlin. Dabei hat sie Sprossen aus Niedersachsen gemieden und spanische Gurken sowieso.

Ich bin besorgt und sinne auf Rache. Wie kann ich das den Lidls und Aldis anhängen?

Verbrecher allesamt, allemal! Wie oft sind die Zeitungen voll von Beweisen, dass Lebensmittel immer mehr zu Todesboten werden. Nieder mit der Industrialisierung von Landwirtschaft und Nahrungsmittelherstellung. Ich fordere die Agrarwende. Und eine Staatsaufsicht bei den Unternehmen der Food Inc. Die Lösung heißt organic food. So nennt der Engländer Bio. Weg von der Chemie, hin zum Organischen. Zurück zur Natur.

Die englische Presse liebt es saftig. Die Rede ist dort von italienischen Jungfrauen und spanischen Huren oder gar solchen aus Tunesien oder Marokko. Böser Boulevard um schlimme Mädchen? Neue Eskapaden eines ehemaligen Präsidenten? Nein, es geht um Olivenöl. Der Reihe nach. Die ursprüngliche Idylle liegt in Italien, in der Toskana. Goethe wusste es schon, als es ihn in das Land verschlug, in dem die Zitronen blühen. Italien ist für unsere Alltagskultur das Land, in dem Milch und Honig fließen. Und Normalsterbliche wissen es von der schicken hippen Toskana-Fraktion: Pasta plus vino plus, welch ein Versprechen schon im Namen, Eros Ramazotti. Das Paradies auf Erden.

Das italienische Olivenöl steht in unseren Regalen mit einem weitreichenden Versprechen: extra vergine, was so viel heißt wie „besonders jungfräulich.“ Das gefällt uns in einer verdorbenen Welt, in all dem Frevel an Gottes Schöpfung. Gemeint ist mit „vergine“ die erste Pressung der Früchte des Ölbaums, ohne Einsatz chemischer Lösungsmittel. Im kalten Deutsch heißt das Kaltpressung. Danach kommen die miesen Fraktionen. Was dabei gewonnen wird aus den Oliven, nennt der Italiener „lampante“ oder gar „pomace“, unschöne Wörter für ein unschönes Produkt; sagen wir: Lampenöl. Dann doch lieber das Jungfräuliche.

Die Damen vom Gewerbe werden für die Freier mit eigener Kosmetik aufgehübscht. Das überdeckt dann die Chlor-Aromaten, die es braucht, um in den Resten noch Öl zu finden.  Wenn das Lampenöl gefärbt wird und mit industriellem Chlorophyll versehen und mit Duftstoffen, reich an chemischen Lösungsmitteln und Rückständen anderer Spülmittel, dann darf man dem Etikettenschwindel auch unkomische Seiten abgewinnen. Lebensmittel als Todesboten. Aber, und hier holt Bartel den Most, der Markt für jungfräuliche Lebensmittel unter italienischer Flagge ist groß. 60 Milliarden Euro im Jahr werden mit „Made in Italy“ erlöst. Hoffentlich kommt wenigstens der „prosciutto di parma“ aus Parma. Sicher sein kann man da nicht. Mit einiger Wahrscheinlichkeit ist es ein belgisches Schwein, gefüttert mit US-Mais, aus dem holländischen Industriestall, das als Eros Ramazotti daherkommt.

Szenenwechsel. Ein Verbandsvertreter der Lebensmittelindustrie brezelt sich in einer hiesigen Talkshow auf: Alles sei gut und fein beim deutschen Billigschwein. Der Schinken-Papst spricht. Man erfährt: Sein eigener Betrieb vertreibt Schwarzwälder Schinken, der so heißt, weil er im Schwarzwald abgepackt wird; das rechtfertigt die Herkunftsbezeichnung, egal, woher das Schwein stammt und wer den Schinken produziert hat. Der Verband der Ernährungsindustrie findet das in Ordnung. Und der ist im BDI, die crème de la crème. Mit solchen Winkelzügen bringt die Industrie sich um; vielleicht nicht ihre Geschäfte, sicher aber ihren guten Ruf. Der schnelle Euro ist erotischer als nachhaltige Ethik.

Auf Lebensmittelskandale reagiert die Öffentlichkeit heftig. Es geht nicht immer um Leib und Leben, es geht aber immer um unseren Seelenfrieden. Die Menschen lassen sich so ungern verarschen. Und was bei Gips oder Reifen, bei Fonds oder Derivaten noch angehen mag, das wird bei Nahrungsmitteln fundamental. Der Mensch ist, was er isst; fürchtet er. Deshalb wüsste er gern, wer ihm was auf den Teller legt. Und ob er aus industrieller Dreistigkeit Objekt eines Etikettenschwindels wird, der sein Misstrauen und seine Larmoyanz als Opfer nur noch weiter anstachelt.

Aber eigentlich schuld ist nicht irgendeine Industrie, schuld sind wir selbst. Als Bürger wie Verbraucher sind wir Schafsköpfe. Die Verbraucher sind schizophren. Wir sind es. Wir sind bio-blöd. Wir wollen die unberührte ursprüngliche Natur auf dem Teller. Eier dürfen nur noch von freilaufenden Hühnern stammen. Das Schwein hat sein Leben streunend in einem Kastanienwald verbracht. Der Fisch ist geangelt und stammt weder aus einem Netz noch aus der Zucht. Der Garten Eden ist uns als Lieferant gerade gut genug. Nur kosten darf das nichts.

Die Preise (tief!) und die Qualität (hoch!) sollen auf einem Niveau liegen, das nur durch eine industrielle Landwirtschaft und eine hoch industrialisierte Nahrungsmittelindustrie gewährt werden kann. So werden die Lebensmittelanbieter zu Psychiatern. Sie geben dem Schizophrenen, was er will: beides! Das Lockwort für die Schizophrenen heißt Bio. Auf gar keinen Fall Genmanipuliertes, bitte nur Organisches.

Eine Hausmacherleberwurst, das ist uns Ursprünglichkeit. Wir erleben mit jeder Stulle Landlust und heile Welt. Wer mag da an eine Fleischfabrik denken, gar an die Massenschlachtungsfabriken, in die Massenhaltungstiere zu Massenwurst werden. Die letzten Landmenschen unter uns wissen, dass es eine größere hygienische Schweinerei als eine Hausschlachtung gar nicht gibt. Aber das wollen wir nicht wissen. Bio-blöd ist schön.

Der Verbraucher will keine Aufklärung. Er belohnt das  verlogene Marketing. Seine Wünsche will er erfüllt sehen, nicht die Ängste bestätigt. Wehe, die Viktualien-Psychiater der schizophrenen Verbraucher sagen ihren bio-blöden Kunden die Wahrheit. Dann kommt wirkliche Rache. Wir wollen für unser gutes Geld belogen werden. Heilsversprechen ist doch das Mindeste, was man erwarten kann. Ruft sie herbei, die italienischen Jungfrauen. Stellt sie auf zum Chor. Und nun, all Ihr Schönen, singt uns das Lied von der Bio-Lüge, singt uns in den nächsten Schlaf.

Quelle: starke-meinungen.de