Logbuch
LICHT & SCHATTEN.
Nicht der larmoyante Thomas, sein Bruder, der tragische HEINRICH MANN ist mein Confident. Man muss wissen, wo man weiter sieht. Die bösen Zeiten („wahrlich ich lebe in finsteren Zeiten“) haben ihn allzu früh gerichtet, den Hellsichtigen. Man muss aber wohl für alle Zeiten seinen Roman vom UNTERTANen gelesen haben. Vielleicht auch den PROFESSOR UNRAT. Weiteres, obwohl lesenswert, war nicht so erfolgreich. Vertrieben von den Nazis, ausgebürgert, mit dem Tode bedroht, über Frankreich in die Staaten geflohen, aber nicht gerettet. Er gehörte dann zu den unseligen EXILANTEN, denen Hollywood kein Glück brachte. Wie auch Brecht. Immer war er der politischere Kopf. Ja, auch mit einem gewissen Neigung zum Berufsstand der Animierenden, einer derer hielt er die Treue, einer der Animierenden, wie es im Gender-Deutsch heutzutage heißen würde. Licht in finsteren Zeiten.
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ANZIEHSACHEN.
Thomas Mann, der Dichter des Bürgerlichen, saß immer gestiefelt und gespornt am Schreibtisch, zur immer gleichen Zeit. Im Homeoffice, gekleidet, als wolle er ausgehen. Derart affektiert angezogen, schrieb er dann Elegisches vom Knabenmissbrauch durch Herren seines Alters in Venedig. Ich verachte Thomas Mann. Der große Bertolt Brecht ließ sich in der Saville Row in London aus edelsten Kattun eine graue Arbeiterjoppe schneidern, die ihm bequem war und noch proletarischer aussah, als es die im Osten gängigen Originale konnten. Das war der Kern seiner sogenannten Verfremdungstheorie. Ich schätze ihn. Ich schätze ihn sogar sehr. Und auf dem Weg zum Bäcker sehe ich jeden Morgen den stellungslosen Nachbarn in Jogginghosen und würde ihm wünschen, dass er eine Arbeit fände, die ihn nebenbei auch zum Habit zwingt. Was ich aber online sehe an Freizeituniformierungen der ganz Lässigen, die den Unterschied von Nachtgewand und Ausgehuniform aufgehoben haben, weil ja auch die Morgentoilette entfällt im sogenannten Homeoffice, steigert mein Missvergnügen ins Grundsätzliche. Man nennt das INFORMALITÄTSGEBOT, in der Kleidung, in der Sprache, im Umgang. Im Denken. Man lässt sich gehen.
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ANSTRENGEND.
Welch ein Lob! Welch ein wunderbares Attribut für eine Nachrede. Es ist verstorben die Tochter von Gustav Heinemann. Uta Ranke-Heinemann, das hellgrüne Lederkostüm! Ach, Uta! Sie wollte der moralisierenden Enge des väterlichen Protestantismus entfliehen und wurde katholisch. „Vom Regen in die Traufe“, das waren ihre Worte dazu. Sie war dann als Akademikerin und Kirchenkritikerin eine echte NERVENSÄGE. Ihre Stimme war oft eine halbe Oktave zu hoch. Selbst die ihr Zugeneigten fanden sie „anstrengend.“ Das ehrt sie. Salut! So möchte man posthum gelobt werden. Wer möchte schon als leichte Beute gegolten haben? Und dann auch noch in den Augen solcher dunklen Gestalten wie die Inquisition sie anzubieten hatte. Ihr Kampfruf war: Es geht um Inhalte! Es ging natürlich eigentlich um Macht. Wie immer. Das wusste sie. Möge die Erde ihr nicht zu schwer werden.
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Die Fukushima-Kirmes
Mit dem Jahrestag des Erdbebens in Japan kommt die große Stunde der Klugschwätzer. Das ist recht, aber es ist auch billig.
Katastrophen sind Mahnungen, darüber nachzudenken, was man sich zumuten will. Zuvor jedoch, das rät Immanuel Kant anlässlich eines Tsunami zu seiner Zeit, steht Mitmenschlichkeit. Erst Nächstenliebe, dann Besserwissertum, in dieser Reihenfolge.
Also gilt mein Mitgefühl dem japanischen Volk, den Menschen, die Opfer eines Erdbebens wurden. Wir leben auf einer schlecht erkalteten Feuerkugel in einem riskanten Universum. Die Menschheitsgeschichte ist eine Episode, unser Leben ein Wimpernschlag. Wir suchen Schutz in Höhlen und Hütten, einige in Palästen, aber auch die stürzen ein. Wir scharen uns um Lagerfeuer aus Holz, Kohle, Öl, Gas oder Uran. Ja, auch Sonnensegel und Windmühlen.
Bevor nun die Besserwisserei um die Kernenergie losgeht: Wir hatten ein Erdbeben und in der Folge eine große Flutwelle und in der Folge eine Reaktorhavarie. Nur ein Zyniker wird die Opfer auf die drei Ereignisse fraktionieren; wenn er es aber tut, so gibt es Grund, sich vor Erdbeben zu fürchten, nicht vor Uran.
Gemach, gemach: Die Kerntechnik muss erdbebensicher sein und sie war es in Fukushima nicht. Gemach, gemach: Die Kerntechnik muss in einer partizipatorischen Demokratie möglich sein oder sie hat bei uns keine Zukunft.
Quelle: starke-meinungen.de