Logbuch
GUYS.
Am Empfang des Raffles in Singapur fragt der Hotelmitarbeiter mich und Gattin: „What can I do for you guys?“ Eine echte Unverschämtheit. Typen? Für Euch Typen?
Aus dem Amerikanischen kommt eine geschlechtsneutrale Anrede, deren Ursprung vergessen scheint. „GUYS and dolls“, das waren mal Typen und ihre Schicksen; heute steht GUY für jedweden Typen jedweden Geschlechts. Da ist ja mehr im Schwimmen begriffen als die Biologie weiß. Guys also? Aber nicht, wenn ich tausend Dollar für ein Bett zahle. Dann redet der uniformierte Laffe mich mit Sir an und die Blonde an meiner Seite mit Mam.
Übrigens ist es Mam mit einem „a“ wie in „marmelade“ und nicht Mäm mit einem „ä“ wie in „jam“ oder „ham“. Kommt auch am englischen Hof aus dem Französischen von „Madame“, dem Pendant zu „Monsieur“ (Meine Dame/ Mein Herr). Im George V in Paris bin ich ebenso Monsieur wie im kleinen Bistro um die Ecke; eine Kulturnation. Da quakt einem niemand „salut les copains“ beim Check-In oder dem Absinth ins Gesicht. Die Anrede mit GUYS ist eine egalistische Frechheit.
Wie das routinierte Duzen im Geschäftsleben und die Verkürzung von Namen (eigentlich nämlich mindestens zwei gemäß Tauf- und Familiennamen) auf eine einsilbige Verballhornung des Vornamens. Weil sich im Einwanderungsland USA niemand Fremdsprachiges merken will oder kann. Aus Richard wird Dick; und Dick, das heißt Schwanz oder Blödmann. Ich mag die Amis nicht. Obwohl unsere geschätzte Schutzmacht; wg. GI, was „government issue“ heißt, sprich Staatseigentum. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Unter Freunden duzt man sich. Und unter Kollegen (#gerneperdu); finde ich gut. Historisch auch unter Genossen. Und bei den Sportskameraden. Alles gut. Ich habe schon Bundeskanzler geduzt und Bundespräsidenten, aber den schnorrenden Bettler in Zehlendorf vor dem Rathaus, den sieze ich. Oder die Nichtsesshafte in dem Transporter auf dem Autobahnrasthof Göttingen (Fahrtrichtung Hannover). Eine Anrede ist eine Respektsbezeugung.
Wo wir gerade dabei sind: der Doktortitel ist Namensbestandteil. Von seiner Nennung sind ausdrücklich nur andere Promovierte ausgeschlossen. Hier kann man sich aber das Vergnügen bereiten und die Doktorarbeit anderer Doktoren über die Fernleihe zu besorgen und mal mit Muße anzusehen. Es gibt so manche GUYS unter den Damen und Herren Doktoren. Typen halt. Dicks.
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VOM WETTER REDEN.
Die feine englische Art spricht vom Wetter, weil sie eine freundliche Zuwendung will, die keine AUSEINANDERSETZUNG ist. Es geht nicht um die Sache.
Der gebildete Franzose spricht von Kunst wie der vornehme Italiener vom Essen. Freundlich und höflich, vor allem ohne jeden Drang, überzeugen zu müssen. Wenn das mein ach so deutscher Frisör nur könnte. Er will über Sport oder über Politik reden; es ist unerträglich. Von Sport habe ich keine Ahnung; es interessiert mich nicht.
Über Politik rede ich nicht mit Frisören. Weder beim Haarschnitt noch auf Twitter. Hier fehlt notorisch der Wille, sich zwar jemanden zuzuwenden, aber dabei möglichst jede AUSEINANDERSETZUNG zu vermeiden. Es lungern geradezu Zeitgenossen herum, die nur Streit suchen. Das hat etwas sehr Kleinbürgerliches. Als Kinder werden sie in der ersten Reihe der Schulklasse gesessen haben und das Klassenbuch geführt. „Herr Lehrer, ich weiß was…“
Soziologisch: der Proletarier ist großzügig, dem Bourgeois ist es egal, der Kleinbürger hat diese elende Ambition des Besserwissers. Im schlimmsten Fall mit moralischer Oberwelle. Neulich sah ich im Restaurant Borchardt, dass diese Ex-Staatsekretärin des Senats, die auch mal Sprecherin im Außenministerium war, einen Platz an meinem Nachbartisch hatte; ich bat den Kellner, was ich selten tue, mir einen anderen Tisch zu geben. Ich ertrage diese Twitterin nicht. Möge sie andere belehren.
Eine KONVERSATION ist getragen vom Willen, eine gewisse Leichtigkeit im Thema mit einem interessanten Gedanken zu verbinden, aber dabei jeden Übergriff zu vermeiden. Nie wird man persönlich. Nie wirklich indiskret. Selbst wenn er derb werden sollte, der Witz, sind ausschließlich Dritte gemeint. Es gilt gegenüber Dritten, dass das Recht zu beleidigen über dem Recht steht, nicht beleidigt zu werden; ein Grundgesetz der Satire. Seinem Gegenüber zeigt man sich aber, wie der Gentleman sagt, „kind and polite“.
Warum hier eingangs der Ausfall zu Frisören? Nun der HANSEAT sagt: „Der Mensch ist entweder Hanseat oder Frisör.“ Da ist was dran.
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VERKEHRSWENDE.
Die Berliner SPD will in zwei Stadtvierteln das Parken von Autos grundsätzlich verbieten. In den SPIELSTRASSEN dürfen dann nur noch Taxis stehen und die Car-Sharing-Vehikel. Auf die früheren Parkplätze kommen Stadtmöbel. Wg. Klima.
Das wird jenen helfen, die eine eigene Tiefgarage haben oder einen privaten Stellplatz nutzen können. Oder mit Fahrer, sprich Chauffeur, unterwegs sind. So geht heute Sozi: die oberen Zehntausend bleiben außen vor. Alte und Arme und andere Behinderte mögen bitte in den Öffentlichen Personen Nahverkehr krackseln. Oder mit dem Lastrad zu Aldi fahren. Wg. Klima.
Nützen werden die Stadtmöbel (Sitzbänke und Tische monströsen Ausmaßes) in den SPIELSTRASSEN den Air-Bie-end-Bie-Touristen, die von ihren exzessiven Sauftouren in Berlins Kneipen nach Mitternacht noch mal am Späti (Nachtkiosk) nachtanken und ja irgendwo sitzen, singen, pinkeln und sich übergeben können müssen. Die Verslumung der Bushaltestellen und U-Bahnzugänge breitet sich weiter aus. Das nicht-gentrifizierte Ghetto als Kulturziel.
Der Parkverkehr, meint die Suche nach Parkplätzen jener Trottel, die schlicht auf ein Auto angewiesen sind, wird auf die benachbarten Viertel abgedrängt, wo schon Parkautomaten bereitstehen. Deren Preis soll dann um den Faktor 10 erhöht werden, womit dann auch das eine soziale Frage wird. Siehe oben: so geht heute Sozi. Wg. Klima.
Ich spreche auf einem Empfang mit einem jungen Mann, der bei der IHK arbeitet, der Interessenvertretung der Wirtschaft, und Sympathie für die Verkehrsverdrängung erkennen lässt. Er fährt nur Car-Sharing, sagt er mir. Das sei ja die Zukunft. Auch raus in die Vororte? Auch aus den Vororten in die Stadt? Auch zur Kita oder in die Schule oder von dort weg? Und nachmittags bei Betriebsschluss der Fabrik? Auch für andere Wesen als die Büroangestellten in der Mitte der Stadt? Nö, da funktioniere das eher nicht, was die SPD da wolle. Aber es sei die Zukunft. Wg. Klima.
Zurück zur Parteipolitik. Wer spricht sich dagegen aus? Die GRÜNEN am Ort. Das sei eine VERKEHRSWENDE gegen die Menschen und nicht mit ihnen. Die SPD ist verdutzt. Wer darüber bei den Sozen nicht den Verstand verliert, hat keinen zu verlieren.
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Schluss mit Schlecker und Soli finito: Das Ende der Auffanggesellschaft
Der Ruf nach Vater Staat erklingt immer zur falschen Zeit. Er soll auffangen, was schon gefallen ist. „Papa Staat, mach es ungeschehen, fange uns zumindest auf!“
Die Kinder, die bereits im Brunnen sind, erheben ihre Stimme. Wenn die Geschichte endlich jene straft, die notorisch zu spät kommen, soll plötzlich Solidarität walten. Da soll dann die Politik Herz zeigen. Es wäre besser, wenn sie früher Verstand annähme. Natürlich gehört der Soli abgeschafft und Schlecker abgewickelt. Oder wollen wir das Modell Nürburgring national wiederholen?
Wenn den Deutschen was einfallen soll, bauen sie Autobahnen. Dann kurbelt die so verballerte Staatsknete die Konjunktur an. Und alles ist wieder gut. Wenn der strohdumme Metzger Schlecker seine Kramläden an die Wand fährt, dann behält der Multimillionär sein Vermögen und die Verkäuferinnen werden staatlich aufgefangen. Wenn die Mineralölgesellschaften demonstrieren, was Marktwirtschaft ist, dann kompensieren wir das durch eine Erhöhung der Pendlerpauschale. Auch die FDP fordert: Volltanken auf Kosten der Allgemeinheit.
Reise durch Deutschland. Im Westen von Schlagloch zu Schlagloch. Im Osten über nagelneue Highways. Zwischen Frankfurt an der Oder und Frankfurt am Main liegt meine Vaterstadt Oberhausen. Einst ein Juwel, jetzt ein Ghetto. Hier stand im 19. Jahrhundert die Wiege der Montanindustrie. Kohle und Stahl ermöglichten einen beispiellosen industriellen Aufschwung. Das rückständige Germanien wurde zum ernsthaften Konkurrenten Englands. Hier gingen stolze Proletarier wie ihre Meister wie Beamte sonntags im weißen Kragen, während in Bayern und Schwaben die Bauernsöhne verhungerten. Gewonnen und zerronnen.
So finster wie heute an der Ruhr, sah es nach der Wende im Osten aus. Eine Zentralverwaltungswirtschaft war implodiert: in sich zusammengefallen. Blühende Landschaften hatte der Kanzler der Einheit den Ossis versprochen, wenn sie vom Kommunismus ablassen und, so im Westen angekommen, von den Sozis. Ein Instrument, diese Auffang-Lüge wahr zu machen, war die Solidaritätsabgabe, Soli genannt, die den Aufbau Ost durch eine Sondersteuer finanzierte. Im Ergebnis gibt es tolle Autobahnen. Mal wieder.
Die Kramläden des Anton Schlecker und die heruntergekommenen Kommunen an der Ruhr haben eines ganz sicher gemeinsam: Sie haben die Zeichen der Zeit verschlafen. Sie haben versucht, dem notwendigen Wandel zu entgehen. Durch Starrsinn, Kirchturmsdenken und mittels Griff in die Kasse. In welche Kasse? Nun, in unsere. Steuergelder, das will in Deutschland niemand begreifen, sind gestohlene Löhne und Gehälter: „taxpayers money.“
Griechenland ist überall. Man kann, so dürfen wir lernen, nicht ungestraft mehr ausgeben, als man verdient. Und die Hilfe von Vater Staat, die er aus Krediten finanziert, ist keine. Das Geld wird unseren Kindern und Enkeln fehlen. Deren Erbe ist tiefrot, bevor diese überhaupt Kindergarten und Schule verlassen haben. Und die Banken, bei denen man sich verschuldet hat, zeigen, dass sie bei Geld keinen Spaß verstehen. Aufgabe staatlicher Souveränität.
Das Ruhrgebiet ist ein gleichförmiges Sammelsurium von selbstbezogenen Kommunen, die ihre Kirchturmspolitik verteidigen. Die Ruhr könnte eine Metropole sein, ist es aber nicht. Gemeinsames Marodieren macht noch keine Metropole. Aus zwei oder drei Dutzend Einbeinigen wird kein Marathonteam, nur weil es immer noch eine stattliche Zahl an Beinen ist, statistisch gesehen. Nabelschau statt Blick in die Welt. Es fehlt die politische Kraft zu einer wirklichen Differenzierung. Wie bei den Schleckerläden: viele kleine Klitschen, alle nach demselben Muster. For you. Vor Ort.
So wie viele miese Schleckerläden noch kein tolles Einkaufszentrum ausmachen, so wird aus vielen miesen Kommunen noch keine Metropole. Und Zauberworte wie Kreativwirtschaft wie Wissengesellschaft bewirken nur ein Fortdauern des dösigen Dösen. Schlecker hat jetzt einen Insolvenzverwalter. Dem Ruhrgebiet steht das bevor. Und dieser Prozess ist nicht durch das Subventionskarussell aufzuhalten. Wollen wir nicht auf der ewigen Kirmes der Auffangbemühungen verblöden, brauchen wir einen anderen Staat.
Statt Pflaster zu verteilen zu den Wunden, die die Zeit geschlagen hat, muss ein starker Staat den Wandel beschleunigen. Wenn er die Märkte nicht bremsen kann, muss er sie leiten und beschleunigen. Es macht keinen Sinn, sich mit Subventionen gegen den Strukturwandel zu stemmen, man muss ihn in die richtigen Bahnen leiten. Wenn man aber die Schleckers nicht zwingen kann, ihr Elend einzusehen, dann muss man sie halt vor die Hunde gehen lassen. Unter Verlust des zusammengeklaubten Vermögens. Und an Rhein und Ruhr muss die kommunale Selbstverwaltung geknackt werden. Ein ins Lächerliche dezentralisierter Staat ist keiner. Schluss mit dem Schrebergartendenken. Keinen warmen Regen auf die Kommunen durch einen Soli West, sondern eine einheitliche Metropolregierung. Kehraus im Rathaus. Oder es kommt die Treuhand West. Dann wird die Ruhr nicht aufgefangen, sondern abgewickelt. Siehe Schlecker.
Quelle: starke-meinungen.de