Logbuch
KARL MAY.
Meine Jugend begleitete ein ungelesenes Buch über einen Schatz im Silbersee. Unzählige Versuche der Lektüre strandeten nach zwei Seiten. Das war weise. Ich bin etwas wirklich Üblen entronnen.
Noch mal Glück gehabt. Ich erinnere den Schinken noch gut, verlegerisch aufwendig gestaltet und mit Vorruhm versehen, lag die Schwarte irgendwann unter dem Weihnachtsbaum. Meine Frau Mutter wusste den langen Namen eines Hatschi Alef Omar Abbu Irgendwas herzusagen; bis heute ein Mysterium, woher sie das hatte. Ich sollte mich für Old Shatterhand begeistern, was irgendwie nicht gelang.
Frühem Zubettgehen wirkte man als Heranwachsender damals entgegen, indem man unter dem Schutz der Bettdecke heimlich beim Licht einer Taschenlampe noch las. Dieses Buch aber vermochte mich nicht wach zu halten. Heute weiß ich warum. Hinter der aufgeblasenen Sprache wurde Angelesenes zu Abenteuern aufgebauscht. Gravitätisches Geschwätz. Kolportage mit einem aufgesetzten Exotismus, banal und pompös zugleich. Der Autor war, so fängt es an, ein gelernter Kleinkrimineller. Kein Vorbild für die Jugend.
Der Autor war zudem krank, er litt an Pseudologie, wie die Psychiater seiner Zeit zwanghaftes Lügen nannten. Er war weder Old Shatterhand noch gab es dieses Fraternisieren mit angeblich herzensguten Wilden, Blutsbrüderschaft genannt. Plagiate en masse und vorurteilsbeladene Stigmatisierungen fremder Völker. Alles nur Staffagen einer vordergründigen Reiseliteratur, deren Reisen nie stattgefunden hatten. Man muss froh sein, dass der Ravenstein Verlag, das Zeug jetzt aus dem Programm genommen hat.
Die Filme vor jugoslawischer Kulisse habe ich nie aufmerksam gesehen, weil das schon zu einem Zeitpunkt meiner Pubertät war, in der man ins Kino ging, um „Loge“ zu buchen, wo heimliches Grabschen angesagt war; die Abwesenheit von Klassenkameradinnen vorausgesetzt. Da interessierte die Ilona aus der Parallelklasse, und nicht Winnetous Schwester.
Ich nenne noch einen dritten Grund. Karl May war Ossi, nicht nur das, er war Sachse. Also ehrlich, als wenn wir im Westen nicht eigene Kinderbuchautoren hätten.
Soviel zum intellektuellen Stand der Literaturkritik.
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PROPAGANDA.
Was vom Tage übrig blieb. Ich habe gestern vor dem Einschlafen noch Nachrichten geschaut. Und davon geträumt. Die Sorge hat die Nacht überdauert.
Was hat mich gefreut? Der neue Botschafter Israels entstammt einer Familie Berliner Juden, die 1933 vor den Nazis fliehen mussten. Er hat gestern mit seiner Familie den ersten öffentlichen Auftritt auf dem Bebelplatz in Berlin arrangiert, weil dort eine der Bücherverbrennungen stattfand, die seiner klugen Großmutter damals gezeigt habe, wohin das Land getrieben würde. Das ist klug, weil damit begann der Völkermord, mit dem Verbrennen von Büchern. Mit Propaganda.
Was hat mich erzürnt? Ungarn befestigt die Grenze zum Balkan mit riesigen Stacheldrahtanlagen und der amtierende Innenminister äußert dazu offenen Rassismus. Sein Premier tut dies nur in Andeutungen, die aber verstanden werden. Die illiberale Demokratie (Selbstbeschreibung) will eine reinrassige (Selbstbeschreibung) Nation. Das kann Europa nicht tolerieren. Nicht schon wieder.
Wozu ich nix sage? BILD-TV bietet Thilo Sarrazin ein Forum; er habe ein neues Buch geschrieben. Auch ein Großmeister der Andeutung, die von den Seinen verstanden wird. Das habe ich nicht mal durch Kritik auch noch zu befördern.
Drei Nachrichten, ein Thema. Brecht: „Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
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TRANSPARENZ.
„Jetzt hilft nur noch unbedingte Transparenz!“ Ein Allerweltsspruch in Krisen, der dümmer nicht sein könnte. Ein Rat des Teufels, verloren, wer ihm folgt. Ein Erfahrungsbericht.
Wer beschuldigt ist und sich zu verteidigen sucht, dem wäre dafür Glück zu wünschen. Gehen dem Angreifer langsam die Argumente aus oder erlahmt das Interesse des Publikums, so hört man gebetsmühlenartig die Forderung nach mehr Transparenz. Ein vergifteter Rat, und zwar aus dem Mund des Angreifers.
Klären wir vorweg: In der Politik geht es um Macht, nicht um Recht; es geht schon gar nicht um das Seelenheil. Im Beichtstuhl darf ich als gläubiger Katholik erwarten, dass auf Selbstbezichtigung und Reue die Vergebung folgt. Das ist die Hoffnung des Sünders, der sein Herz ausschüttet und sich in den Händen eines gütigen Gottes weiß. Solcherart Gnade kennt Politik nicht. Und die hetzenden Hunde der Presse schon gar nicht, die der Blutfährte des verletzten Wildes nachjagen.
Der Wolf mag dem fliehenden Schaf raten, ihm doch weitere Mühen zu ersparen, durchschaut das Schaf diese List nicht, opfert es sich selbst. Wer sich verteidigt, klagt sich an. Im Englischen gibt es den wunderbaren Begriff des RED HERRING. Er stammt von der Rotwein-Essig-Tunke, in die der Fisch gammelte, bevor man sie auf der Fährte vergoss, um so die feinen Nasen der Jagdhunde zu irritieren. Ein Ablenkungsmanöver. In der Krise braucht man eine gute Geschichte, die die hetzende Meute tief verwirrt; das ist der RED HERRING im übertragenen Sinne.
Man macht sich nicht gläsern (das meint Transparenz ja), sprich nackig. Man wirft der Meute einen roten Hering hin. Essig auf die Spur! If you can’t convince them, confuse then. Wenn man die Einbildungskraft hat und die rhetorische Begabung, den kühlen Kopf und die starke Hand. Wo sich die Gegner wünschen, jeden Morgen neu eine Scheibe von der Salami schneiden zu können, bis der Kaiser ohne Kleider dasteht, knöpft man den Waffenrock zu und schlägt den Kragen hoch. Man folgt dem Brecht-Wort, nachdem man sich in solcher Not „streng an die Unwahrheit“ zu halten habe.
Und wenn auch das nicht mehr hilft? Gibt es noch ein Geheimrezept, das ich hier verraten könnte. Ja. Muss aber unter uns bleiben. ERINNERUNGSLÜCKEN. Ich habe mal einen Politiker, der sich mit der verdeckten Finanzierung seiner Partei („Bimbes“) beschäftigt hatte, in der Hauptverhandlung auf Vorhaltungen des Richters zwanzig Mal sagen hören: „Herr Vorsitzender, daran kann ich mich nun gar nicht erinnern.“ Wortgleich, in identischem hanseatischem Tonfall. Genial.
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Schluss mit Schlecker und Soli finito: Das Ende der Auffanggesellschaft
Der Ruf nach Vater Staat erklingt immer zur falschen Zeit. Er soll auffangen, was schon gefallen ist. „Papa Staat, mach es ungeschehen, fange uns zumindest auf!“
Die Kinder, die bereits im Brunnen sind, erheben ihre Stimme. Wenn die Geschichte endlich jene straft, die notorisch zu spät kommen, soll plötzlich Solidarität walten. Da soll dann die Politik Herz zeigen. Es wäre besser, wenn sie früher Verstand annähme. Natürlich gehört der Soli abgeschafft und Schlecker abgewickelt. Oder wollen wir das Modell Nürburgring national wiederholen?
Wenn den Deutschen was einfallen soll, bauen sie Autobahnen. Dann kurbelt die so verballerte Staatsknete die Konjunktur an. Und alles ist wieder gut. Wenn der strohdumme Metzger Schlecker seine Kramläden an die Wand fährt, dann behält der Multimillionär sein Vermögen und die Verkäuferinnen werden staatlich aufgefangen. Wenn die Mineralölgesellschaften demonstrieren, was Marktwirtschaft ist, dann kompensieren wir das durch eine Erhöhung der Pendlerpauschale. Auch die FDP fordert: Volltanken auf Kosten der Allgemeinheit.
Reise durch Deutschland. Im Westen von Schlagloch zu Schlagloch. Im Osten über nagelneue Highways. Zwischen Frankfurt an der Oder und Frankfurt am Main liegt meine Vaterstadt Oberhausen. Einst ein Juwel, jetzt ein Ghetto. Hier stand im 19. Jahrhundert die Wiege der Montanindustrie. Kohle und Stahl ermöglichten einen beispiellosen industriellen Aufschwung. Das rückständige Germanien wurde zum ernsthaften Konkurrenten Englands. Hier gingen stolze Proletarier wie ihre Meister wie Beamte sonntags im weißen Kragen, während in Bayern und Schwaben die Bauernsöhne verhungerten. Gewonnen und zerronnen.
So finster wie heute an der Ruhr, sah es nach der Wende im Osten aus. Eine Zentralverwaltungswirtschaft war implodiert: in sich zusammengefallen. Blühende Landschaften hatte der Kanzler der Einheit den Ossis versprochen, wenn sie vom Kommunismus ablassen und, so im Westen angekommen, von den Sozis. Ein Instrument, diese Auffang-Lüge wahr zu machen, war die Solidaritätsabgabe, Soli genannt, die den Aufbau Ost durch eine Sondersteuer finanzierte. Im Ergebnis gibt es tolle Autobahnen. Mal wieder.
Die Kramläden des Anton Schlecker und die heruntergekommenen Kommunen an der Ruhr haben eines ganz sicher gemeinsam: Sie haben die Zeichen der Zeit verschlafen. Sie haben versucht, dem notwendigen Wandel zu entgehen. Durch Starrsinn, Kirchturmsdenken und mittels Griff in die Kasse. In welche Kasse? Nun, in unsere. Steuergelder, das will in Deutschland niemand begreifen, sind gestohlene Löhne und Gehälter: „taxpayers money.“
Griechenland ist überall. Man kann, so dürfen wir lernen, nicht ungestraft mehr ausgeben, als man verdient. Und die Hilfe von Vater Staat, die er aus Krediten finanziert, ist keine. Das Geld wird unseren Kindern und Enkeln fehlen. Deren Erbe ist tiefrot, bevor diese überhaupt Kindergarten und Schule verlassen haben. Und die Banken, bei denen man sich verschuldet hat, zeigen, dass sie bei Geld keinen Spaß verstehen. Aufgabe staatlicher Souveränität.
Das Ruhrgebiet ist ein gleichförmiges Sammelsurium von selbstbezogenen Kommunen, die ihre Kirchturmspolitik verteidigen. Die Ruhr könnte eine Metropole sein, ist es aber nicht. Gemeinsames Marodieren macht noch keine Metropole. Aus zwei oder drei Dutzend Einbeinigen wird kein Marathonteam, nur weil es immer noch eine stattliche Zahl an Beinen ist, statistisch gesehen. Nabelschau statt Blick in die Welt. Es fehlt die politische Kraft zu einer wirklichen Differenzierung. Wie bei den Schleckerläden: viele kleine Klitschen, alle nach demselben Muster. For you. Vor Ort.
So wie viele miese Schleckerläden noch kein tolles Einkaufszentrum ausmachen, so wird aus vielen miesen Kommunen noch keine Metropole. Und Zauberworte wie Kreativwirtschaft wie Wissengesellschaft bewirken nur ein Fortdauern des dösigen Dösen. Schlecker hat jetzt einen Insolvenzverwalter. Dem Ruhrgebiet steht das bevor. Und dieser Prozess ist nicht durch das Subventionskarussell aufzuhalten. Wollen wir nicht auf der ewigen Kirmes der Auffangbemühungen verblöden, brauchen wir einen anderen Staat.
Statt Pflaster zu verteilen zu den Wunden, die die Zeit geschlagen hat, muss ein starker Staat den Wandel beschleunigen. Wenn er die Märkte nicht bremsen kann, muss er sie leiten und beschleunigen. Es macht keinen Sinn, sich mit Subventionen gegen den Strukturwandel zu stemmen, man muss ihn in die richtigen Bahnen leiten. Wenn man aber die Schleckers nicht zwingen kann, ihr Elend einzusehen, dann muss man sie halt vor die Hunde gehen lassen. Unter Verlust des zusammengeklaubten Vermögens. Und an Rhein und Ruhr muss die kommunale Selbstverwaltung geknackt werden. Ein ins Lächerliche dezentralisierter Staat ist keiner. Schluss mit dem Schrebergartendenken. Keinen warmen Regen auf die Kommunen durch einen Soli West, sondern eine einheitliche Metropolregierung. Kehraus im Rathaus. Oder es kommt die Treuhand West. Dann wird die Ruhr nicht aufgefangen, sondern abgewickelt. Siehe Schlecker.
Quelle: starke-meinungen.de