Logbuch
Die MACHT DER WORTE.
Gelungene Formulierungen können geiler sein als erotische Bilder. Wenn ich mal ganz ehrlich sein soll. Beweis gefällig? Ich lese zum neuesten Stand der kapitalistischen Welt: Man sei allenthalben fasziniert von der Hochzeit zwischen Wall Street und Silicon Valley. So was wie Goldman Sachs plus Google. Im Englischen aber noch steiler: „the inflight marriage of Wall Street and Silicon Valley in the cockpit of globalization“; schreibt Jackson Lears in einer Rezension. Hammer. Ich sehe die Szene in meinem KOPFKINO und werde sie nicht mehr los. Dazu das feiste Grinsen von Elon Irgendwas, der einer Investmentbankerin an die Hüfte fasst... Die Macht der Worte kommt von der Macht der Bilder.
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Korrektur durch Herrn Innacker: Marion Horn ist jetzt bei CNC, also Christoph Walther, nicht bei ihm. Ich bedaure den Irrtum und bitte um Nachsicht.
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CHATHAM HOUSE RULE.
Teilnehmer einer Runde unter der Chatham Haus Regel dürfen Gesprächsinhalte zwar als ihr Wissen zu erkennen geben, ohne aber die Quelle oder den Quellenkontext zu offenbaren. Auch: „unter Drei.“ Anzunehmen, das könnte in Internetforen wie CLUBHOUSE gelten, ist naiv. Als STREET DOG der PR sage ich zudem: Es gilt auch nicht gegenüber allen (!) Journalisten, jedenfalls dann nicht, wenn diese, unter dem ideologischen Vorbehalt der HALTUNG, die Informationen gegen ihre Gegner verwenden können. „Wirkliche Geheimnisse“, hat ein alter Boss mir mal gesagt, „erzähle ich nicht mal mir selbst.“
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Geld spielt doch keine Rolex
Im Fälschen von Bildern haben die Machthaber Russlands so ihre Erfahrungen. Früher schnitten sie den gerade von Stalins Schergen in Mexiko mit einem Eispickel erschlagenen Leo Trotzki einfach mit der Schere aus den politischen Portraits heraus. Heute gibt es Photoshop.
Der orthodoxe Patriarch in Moskau wird auf einem Foto mit einer Schweizer Uhr gezeigt, die im Wert eines guten deutschen PKW steht. Kritik an dessen feudalem Lebensstil wird laut. Schwups kommt ein retuschiertes Foto. Leider schlecht gemacht: Die Edeluhr ist am Handgelenk verschwunden, ihr Spiegelbild auf der Tischplatte aber noch zu sehen. Erwischt.
Unmut regt sich in Diktaturen am korrupten System. Die Luxusuhr brandmarkt. Zweites Beispiel aus China. Nach einem verheerenden Bahnunglück sollen die Trümmer der Züge mit den darin noch verkeilten Leichen der verunglückten Passagiere in einem Rutsch entsorgt werden.
Menschenverachtung pur. Und am Handgelenk eines der dabei agierenden Politikers eine Schweizer Edeluhr, die das Zehnfache seines Jahresverdienstes kostet. Die Internetgemeinde durchkämmt Pressefotos. Eine ganze Kaste wird bei einem Luxus erwischt, der auf Korruption schließen lässt.
Nur in Diktaturen? Nein, der legendäre Klaus Kleinfeld ließ als Siemens-Chef ein Portraitfoto im Geschäftsbericht „ent-rolexen.“ Und seine Presseabteilung beflunkerte dazu behend die Öffentlichkeit. München war so doof wie Moskau heute. Der Pfusch flog auf.
Warum besorgen die Jungs sich teure, sündhaft teure Uhren, wenn sie sich dann damit gar nicht zeigen können? Gute Frage. Die Erklärung ist mehrstufig. Erstens reden wir von Männern an der Macht, jedenfalls von Männern in ihrer Funktion als Gockel. Sie wollen den Hühnern imponieren. Bunte Federn.
Der Uniformzwang in gewissen Kreisen grenzt die Möglichkeiten aber ein. Es werden graue Anzüge getragen, schwarze Schuhe und verhalten bunte Krawatten. Auch da gibt es Unterschiede, sogar gewaltige, aber alles in allem trägt die Business Class eben Business Class. Uniformiert sein und sich abheben wollen, dieser Widerspruch zeigt, dass es schwierig wird. Jungs haben es nicht leicht.
Der Balletttänzer mag sich noch eine Hasenpfote vorne in die Strumpfhose stecken, oder der O-Beinige einen indischen Schneider mit seinen Hosengestaltungskünsten bemühen. Dandy-Naturen wagen eine Blume im Knopfloch oder ein gewagtes Einstecktuch. Die wirkliche Schlacht der Differenzierung tobt aber am Handgelenk.
Mann und Technik, das passt eh. Jetzt also: Mann und Zeitmessung. Zeige mir Deine Uhr, und ich sage Dir, wer Du bist. Natürlich ist ein elektronisches Werk asiatischer Herkunft tief verpönt. Profis sehen schon an der Bewegungscharakteristik des Sekundenzeigers, ob es sich wirklich um ein mechanisches Werk handelt.
Hochwertige mechanische Uhren beginnen beim Monatsgehalt und enden beim Preis eines Einfamilienhauses. Manufakturen fertigen Geniales. Wirkliche Kenner lassen sich ihre Uhr persönlich anfertigen. Und holen sie selbst ab.
Swiss made, so lautet das Motto, jedenfalls gängiger Weise. Neben die Technik treten seltene Materialien, Gold ist dabei das Wenigste. Warum aber nicht einfach Schmuck? Mit Brillanten ließe sich doch protzen. An jedem Finger ein Ring, Ketten um den Hals. Nun, Männer unterliegen, wenn sie richtige Männer sind, einem Schmuckverbot.
Das Gerät am Handgelenk kann Dinge, von denen die Mädchen nicht mal gehört haben. Wissen Sie, bis wann auf der alten Rolex Air King noch „superprecision“ steht, und wann nicht mehr, als mit dem anderen Kaliber die Chronographenqualität erreicht wurde? Wenn Sie das nicht abgrundtief fasziniert, sind Sie ein Mädchen. Und wenn Sie eine Rolex mit Fischauge tragen, dann sind Sie Zuhälter oder Russe.
Der komplizierteste Widerspruch ist der calvinistische. Wir sollen demütig leben. Selbst für Katholen ist Gier eine Todsünde. Und ob wir in den Himmel kommen, das ist vorbestimmt, Also nicht durch gute Taten erwirkbar. Da könnte man ja gelassen eine Swatch tragen, bis der Herrgott einen hoch ruft ins Paradies.
Aber wir würden gerne schon vorher wie Erwählte wirken und so behandelt werden. Deshalb will auch der Calvinist, dass an ihm Gottes Gunst erkannt wird. Da man nicht ins Herz schauen kann und nicht ins Depot, trägt er den Beweis am Handgelenk.
Osterausflug für alle Jungs: ab in die Züricher Bahnhofstraße. Uhren schauen. Und wenn es am Geld fehlt, dann klaut man sich halt eine. Oder sucht sich einen Posten, wo es das unterm Tisch gibt. Wie habe ich mal in Wolfsburg an einem alten Golf gelesen: „Keine Airbags. Wir wollen noch sterben wie Männer!“
PS.: Der Autor dieser Zeilen vertraut auf Dornblüth & Sohn aus Sachsen-Anhalt. Was soll man tun, wenn schon jeder Pope und Bonze Schweizer Marken trägt? Dornblüth baut auf einer Dreiviertelplatine. Sagt Ihnen nichts? Dachte ich mir. Sie Mädchen.
Quelle: starke-meinungen.de