Logbuch

EINSTEIN.

Nein, nicht das Kaffeehaus, der Physiker ist gemeint. Ich lese eine sorgfältig argumentierende Besprechung einer englischen Werkausgabe des Albert Einstein, in der es neben den Lebensumständen dieses bescheidenen und kreuznetten Mannes um sein Fach geht, die theoretische Physik. Ich verstehe kein Wort. Bin aber von seiner gnadenlosen Unverschämtheit fasziniert.

Nein, er hat keine wesentlichen Beiträge zum Bau der Atombombe geleistet, aber den Kühlschrank erfunden. Echt. Aber das ist schon im Grundsatz fehlleitend. Erwähnungen dieser Art, die man dem Ingenieurwesen zuordnen muss, sind dem theoretischen Physiker fremd. Dem Mann ging es nicht um Praktisches; selbst dort, wo er, selten genug, Experimente unternahm, darf man ihm keinen Hang zum Basteln unterstellen.

Nein, er war kein politischer Kopf, wenn man darunter jemanden versteht, der seinen Vorteil in dieser oder jener Angelegenheit sucht. Es gibt pazifistische Aufrufe, aber sie stammen von einem jüdischen Weltgeist, dem jede Kreuzrittermentalität fremd. Einstein war Agnostiker insofern, als er seinen Verstand keinem Glauben opferte. Sein Gospel war: Unbestechlich die Dinge zu Ende denken.

Seine wissenschaftlich produktivsten Jahre hauste er in einer kleinen Stube des langweiligen Bern, und schrieb kurze Aufsätze, deren Gehalt so bombastisch war, dass die Wissenschaft ihnen lange die Anerkennung verweigerte. Die kurzen Schriften dachten Aporien der Physik zu Ende und landeten in einem neuen Weltbild. Licht lässt sich beugen. Höre ich. Kapiere es aber nicht.

So wie Mathematik keine Naturwissenschaft ist, hat Physik nichts Plausibles. Einstein ist, wenn er etwas zu Ende denkt, gnadenlos. Er lässt keine Zufälle zu. Der liebe Gott, glaubt er, zocke nicht: „Die Quantenmechanik ist sehr achtunggebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß das noch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der Alte nicht würfelt.“

Wer so klar im Kopf wie vor ihm nur Newton und Kant, der ist weltabgewandt. Ich schließe mit einer Episode der eingangs genannten Rezension. Einstein hört von einer Dame deren Sehnsucht nach der Weltstadt Paris. Er antwortet: „I like Paris, but I don't want to go there or anywhere. I should not like to learn a new language. I don't like new food or new clothes. I'm not much with people, and I'm not a family man. I want my peace. I want to know how God created the world. I'm not interested in this or that phenomenon, in the spectrum of this or that element. I want to know His thoughts, the rest are details.“

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KLOPPO.

Das war eine wirklich kluge Wahl, die der gelegentlich tapsig wirkende Kanzlerdarsteller da getroffen hat. Der Sportpropagandist des Safterl-Konzerns wird Bundesverkehrsminister. Red Bull verleiht Flügel.

Max Weber unterscheidet zwischen klassischer Herrschaft, etwa der eines Königs, und der legalen, wo sich die Untertanen als Bürger Recht und Gesetz unterwerfen, und der charismatischen. Hier entsteht Gefolgschaft in den Herzen, denn es überzeugt eine Persönlichkeit durch ihre außergewöhnlichen Charaktereigenschaften. Etwa der Fähigkeit zu fliegen.

Die Antike kannte viele Kombinationen zwischen Menschlichem und Tierischem, siehe der berühmte Pferdemann (wie die gleichnamige Drogerie). Auch heute finden wir noch Wunderwesen, deren Authentizität unsere Urteilskraft ausschaltet. Ein Adler. Obwohl unzweifelhaft göttlichen Ursprungs gewinnt uns der Charismatischen durch Nähe. Mir wird ganz warm ums Herz, wenn KLOPPO uns duzt. Er kann fliegen und liebt uns Irdischen doch.

Der Mann wird Brücken bauen und die Bahn sanieren. Die De-Industrialisierung ist gestoppt. Wir sind wieder Weltmeister. Fritze Merz, da hast Du mal was gekonnt! Salut!

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DOPPELMORAL.

Der deutsche Dichter Heinrich Heine ist in vielem vergessen, aber nicht in seiner Definition von Doppelmoral. Sie lautet:
„Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn’ auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.“
Offensichtlich geht es um ein Fehlverhalten derer, die da predigen dürfen. Auf die Kanzel darf der Klerus und im weiteren Sinn die Politik. Sprich eine Elite.

Damit ist der Populist hellwach. Er versucht Wind unter die Flügel zu kriegen, indem er die Elite geißelt und sich selbst zum Wahrer der Volksseele stilisiert. Das ist eine propagandistische Haltung, die ihre wirklichen Absichten hinter einer ideologischen Polarisierung verbirgt. In diesem Sinne hat der Reichsminister für Volksaufklärung Joseph Goebbels ausgerufen, dass „die Juden unser Unglück“ sind; und einen monströsen Völkermord angezettelt. In der Dimension nicht vergleichbar, aber strukturähnlich sprich die Neue Rechte in den USA von „white supremacy“, der Überlegenheit der weißen Rasse. Man hört wieder Geschwafel von Ariern.

Auch der AfD-Ton gegen „die Ausländer“, die wieder in ihre Herkunftsländer „remigrieren“ sollen, nutzt diese soziale Polarisierung. Das ist ja der Kern der Vorstellung von der Volksgemeinschaft, dass sie ordentliche Bürger und nette Nachbarn zu Aussatz deklarieren will. Oder der Glaube, dass die Eliten der EU unsere Nationalinteresse unterlaufen und der Euro die Herrschaft des Kapitals brachte. Es gibt auch linke Varianten des Populismus, die die Völker der Welt von einer Bourgeoisie bedroht sehen. Erläuterungen zum allfälligen grünen Populismus spare ich mir.

Wir wollten eigentlich über Doppelmoral reden. Eine der elementarsten Formen ist die frauenfeindliche. Misogynie.
Danach untersagt man denen, die die Natur zur Empfängnis befähigt hat, Verhütungsmittel und Abtreibungen, spricht sich entschieden gegen Prostitution und kommerzielle Leihmutterschaften aus, erlaubt sich als Männerbund aber Einkauftrips ins Ausland, um sich anschließend öffentlich mit einem Fremdgeborenen im Kinderwagen zu zieren. Im Grunde die Beibehaltung des Adelsprivilegs, in der zwar Ihre Majestät schwängern musste, aber alle Mühe der Erziehung bei Hebamme und Nanny lag. Halt zeitlich noch weiter nach vorne gezogen. Samenspende reicht. Man kann Vater wie Familie auch ohne Mutter. Das ist in Wahrheit der Gospel.

Die Konservativen in diesem Land haben also sagen müssen, was ihnen die Kanzel noch wert ist. Denn Doppelmoral ist keine, gar keine. Und die katholische Kirche schweigt; sie ist bei dem Thema Zölibat nämlich schon immer „conflicted“; so nennt man dort die diesbezügliche Doppelmoral.

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Neu: Beschneidungen sind nicht (mehr) kriminell

Ich habe meine Meinung geändert. Ich hatte unrecht. Vor einer Woche stand hier: Beschneidungen sind kriminell. Klare Kante, aber es wurde auch zu einem bedachten Umgang damit aufgefordert. Nun: Heute steht hier das Gegenteil. Warum?

Vertreter meiner jüdischen Mitbürger haben sich empört. Muslime in Deutschland haben sich empört. Ich habe zugehört und meine Meinung geändert. Es ist dem deutschen Nationalcharakter eigentlich ein Gräuel zuzugeben, dass er falsch lag. Aber es ist so.

Vieles, was die deutschen Juden vorgetragen haben, halte ich für unangemessen. Insbesondere die Vergleiche des Kölner Urteils gegen die Zwangsbeschneidung von Kleinstkindern mit dem Holocaust gefallen mir nicht. Sie machen einen monströsen Völkermord in politischer Rhetorik zu kleiner Münze. Das geht gar nicht.

Dass die christlichen Kirchen in den Protest der Beschneidungswilligen eingestimmt haben, verwundert mich. Der Messias Jesus von Nazareth ist angetreten mit einer Revision des jüdischen Glaubens und der daraus abgeleiteten Sitten und Gebräuche. Christen taufen ihre Kinder, aber sie respektieren deren Anspruch auf körperliche Unversehrtheit und die Religionsfreiheit.

Ich habe als Christ (und als Protestant, der ich immer mehr bin) meine Amtskirche mit 14 verlassen, aber so viel weiß ich noch: Der christliche Religionsstifter, ein gewisser Jesus von Nazareth, ist als Messias angetreten und hat eine Revision des jüdischen Glaubens gefordert. Einschließlich der Sitten und Gebräuche. Seine Rede war: „Euch ist dies und das gesagt. Ich aber sage Euch, tut das Gegenteil.“

Religionsfreiheit heißt nicht, dass die Religionen jede Freiheit haben. Da dürften sich sonst auch die neuen Religionen, etwa die aus USA stammende Kirche Scientology, einschließen. Haben das die sich jetzt frisch empörenden christlichen Amtskirchen zu Ende gedacht? Religionsfreiheit heißt: Freiheit vom Machtanspruch aller Religionen. Den Staat begründen Recht und Gesetz, sonst nichts.

Nach Recht und Gesetz gehören Kinder und Frauen nicht ins Sachrecht. Kinder sind nicht Besitz ihrer Eltern. Frauen nicht Besitz ihrer Männer. Deshalb dürfen sich Männer wie Frauen beschneiden lassen, wenn dies auf einer freien Willensentscheidung beruht. Grundlade ist ihre eigene freie Willensentscheidung, nicht die ihrer Eltern oder die ihrer Religionsgemeinschaft. Oder einer Sektenzentrale.

An Beschneidungen wurde hier kritisiert, dass sie für die Betroffenen Zwangsbeschneidungen sind, die für die Unmündigen aber eine irreversible Entscheidung bedeuten. Wer das als Staat bestimmten Religionen zubilligt, muss es allen zubilligen. Weil der aufgeklärte Staat nicht zwischen legitimen und illegitimen Religionen unterscheidet.

Damit sei, sagt mir ein jüdischer Freund, in Deutschland jüdisches Leben nicht mehr möglich. Das hat Gewicht, nicht nur aus historischen Gründen. Für muslimisches gilt  wohl ähnliches. Die meisten Muslime, die ich kenne, tun sich schwerer mit öffentlichen Diskursen über religiöse Praktiken, jedenfalls mit argumentativen Diskursen, als meine jüdischen Freunde. Jedenfalls sage ich heute, der Einwand hat Gewicht.

Wie kommt der Staat aus der Falle? Es gibt eine Präzedenz beim Thema der sogenannten Schwangerschaftsunterbrechung. Wir wissen, dass damit irreversibel ein Schwangerschaftsabbruch gemeint ist, was viele die Tötung ungeborenen Lebens nennen. Es stehen zwei Rechte im Konflikt: das Selbstbestimmungsrecht der Frau und das Tötungsverbot.

Mit der Fristenlösung hat der Rechtsstaat einen Weg aus dem Konflikt gefunden. Innerhalb bestimmter Fristen und unter bestimmten Bedingungen bleibt die Abtreibung straffrei. Sie ist damit nicht legal, sie ist straffrei, wird als Straftat nicht verfolgt, was nicht das gleiche ist.

Der Staat kann, aus Respekt vor seinen jüdischen und muslimischen Bürgern, die Beschneidung

unter bestimmten Konditionen medizinischer Art straffrei stellen. Der ethische Konflikt ist damit nicht aufgehoben, aber ein Zusammenleben von Menschen gänzlich unterschiedlicher Auffassung möglich. Das wär doch was. Die Politik ist gefordert.

Wenn wir über Nacht unsere Energieversorgung zertrümmern konnten und über Nacht die deutsche Finanzhoheit aufgehoben haben, dann sollte es der Regierung Merkel doch gelingen, ein solches Gesetz schnell über die Bühne zu kriegen.

Das ist das Wesen von Kompromissen: niemand ist wirklich voll zufrieden, aber alle leben halbwegs in Frieden. Das verbleibende Unvergnügen ist das Salz demokratischer Politik.

Quelle: starke-meinungen.de