Logbuch

WER WIR WIRKLICH SIND.

Zum Schicksal einfacher Leute, so mutig und tüchtig, gehört es schon mal, ihre Heimat verlassen zu müssen, wenn es zum Leben nicht mehr reicht. Zur besonderen Ehre des Migranten gereicht es, wenn er es dann in der Fremde geschafft hat. Ein gelungenes Leben erscheint ihm vornehmlich im Erfolg seiner Kinder und Enkel, die die Sprache des Gastlandes fließender sprechen als die der ursprünglichen Heimat ihrer Familie. Ich halte diesen Stolz für wertvoll. Er erinnert mich an das bürgerliche Selbstbewusstsein, nach dem Arbeit adelt. Für den in der Fremde erfolgreichen Fremden gilt ein Gleiches. Und Bildung!

Wie reden über Meritokratie, die Idee, dass man es mit Verdiensten zu Verdienst bringt. Oder mit Verdienst zu Verdiensten. Oft ist die Heimatverbundenheit des Migranten sentimentaler Natur. Man ist hier geboren; wenn nicht schon die Eltern hier zur Welt gekommen. Und trotzdem dem Herzen nach noch immer, zumindest zum Teil, was schon Generationen her. Wir reden über symbolische Wurzeln. Seit zwei Generationen deutsch, aber doch ein Anatole. Der designierte Ministerpräsident Baden-Württembergs weiß diesen Strauß von Identitäten gut zu vertexten. Ich mag den, obwohl grün.

Auch gut, dass er vor einem Vierteljahrhundert den berühmten PR-Berater Moritz Hunzinger getroffen hat, der ihm mit 80k an privatem Kredit aus einer unerwarteten Steuerschuld half. Hunzinger gilt als schillernd; ich mag den allerdings auch. Aber damit schweigt des Sängers Höflichkeit, weil im Süden die Wahllokale noch offen. An die Urnen, Ihr Schwaben! Den wählen, der es kann.

Ob das der gleiche schillernde PR-Berater ist, der sich auch um Rudolf Scharping gekümmert hat? Ja, könnte sein, aber in Rheinland-Pfalz wird demnächst auch gewählt. Dort heißt der Cem Özdemir allerdings Alexander Schweitzer und stammt vom Fluss. Können wir als Migrant gerade mal so gelten lassen. Ich spreche nunmehr Wahlempfehlungen aus. Wenn in der Palz oder im Ländle, dann bitte den Langen vom Fluss oder den Türkenbub wählen. Die taugen beide was. Vom schillernden PR-Fachmann empfohlen.

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KOLLATERALSCHADEN.

Der Krieg, sagt Cicero seinem Bruder Quintus, ist kein schlechtes Geschäft. An ihm verdienen allerdings nicht die, die im Felde stehen. Die römische Redekunst weiß Kluges, zumal im spätrömischen Zeitalter der wiedergewonnenen Größe der Großen.

Wenn es im Kriegshandwerk nicht nur den Bösewicht trifft, sage ich Dir, mein Bruder Quintus, sondern, sozusagen seitlich davon, auch noch einen Unschuldigen erwischt, sprechen wir bei diesem Opfer zur Seite vom kollateralen Schaden. Andere Handwerke kennen den Sachverhalt auch: Ein bisschen Schwund ist immer. In großen Dingen kann man auf einzelne Schicksale keine Rücksicht nehmen. Vorbei sind die Zeiten, als sich nur Edelmänner, Gentlemen in Uniform duellierten und die Zivilbevölkerung zu schonen war. Sie wird mindestens zur Kasse gebeten.

Zu den zivilen Opfern des Krieges im Nahen Osten gehören nicht nur die bedauernswerten Familien in dürftigen Zelten. Meine Familie weiß noch, was es heißt „ausgebombt“ zu sein. Der österreichische Lump hatte sich einige finstere Reaktionen des englischen Lügenbarons auf‘s Fell gezogen, respektive die deutsche Zivilbevölkerung. Meine Großmutter mütterlicherseits war zum Kummer ihrer Tochter schließlich so marodiert, dass sie nächtens nicht mehr in den Luftschutzkeller ging. Der seitliche Tod schien eine Lösung. Jetzt geht es um mehr als Leib und Leben; es geht um Geld.

Zu den zivilen Opfern des Krieges im Nahen Osten gehört auch, das, Quintus, ist mein Punkt, unsere Energieversorgung. Die Gaspreise haben sich verdoppelt. Der Diesel notiert bei zwei Euro fünfzig. Beides Importgüter. Die deutsche Kohle haben wir ausgelistet, heimische Kernenergie abgeschaltet und russische Leitungen von unseren Verbündeten sprengen lassen; der Ausbau Erneuerbarer Energien geht allerorten zögerlich. Drill, Baby, drill! Man hat uns geraten, auf amerikanisches Fracking-Gas in LNG-Tankern zu setzen, deren Route gerade nach Asien umgeleitet wird. Quintus, sieh hin: der fröhliche Vasall als miserabler Sklave.

Es wird Kasse gemacht. Die Kriegsgewinne landen bei den Kriegsgewinnlern. Man darf Zweifel hegen, ob der leidige Schaden zur Seite wirklich unbeabsichtigt ist. Das Kollaterale könnte das eigentliche Ziel sein. Dass etwas politisch planlos verläuft, heißt ja nicht, dass es frei von Kalkülen ist. Es reiben sich die ehedem frohgemuten Vasallen die wunden Augen.

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ALLES SUPER.

Von unserer Natur her sind wir immer noch Neandertaler, kluge Tiere, die in Höhlen hausen. Beobachtungen an der Tanke.

Was macht der deutsche Michel, wenn eine Krise droht? Er hortet. Ich habe meinen Tank nur zu Dreiviertel voll, Reichweite knapp unter 700 km, und fahre gestern folglich flux an die Station des polnischen Händlers, weil der in der Regel zwei, drei Cent unter den Markentankstellen liegt. Dort ist die Kasse ausgefallen, viel zu tun, der Shop füllt sich also mit Kunden. Wartend sinniere ich.

Schon eigenartig. In den Nachbarländern, meldet der ADAC flaues Geschäft bei moderaten Preiserhöhungen, hier wird gehamstert, obwohl die Tafel fast 2€50 zeigt; nach altem Geld ein Fünfer. Alta, einen Heiermann für den Liter; ich erinnere noch Preise von 49,9 Pfennig. Der Faktor zehn! Warum füllen wir germanischen Gierköpfe ausgerechnet jetzt den Tank? Weil wir die Nation sind, die bei der Ausgangssperre wegen COVID Toilettenpapier hortete. Ein Mysterium.

Der Shop bietet Tabak, Alkohol und tausende Süßwaren, sprich Zucker; alles, was die Volksgesundheit zweifelsfrei ruiniert. Die Knackwürste hatte ich vergessen. Also: plus Fett. Wer das konsumiert, kann sich um Benzol im Blut nicht ernsthaft Sorgen machen wollen. Der „Convenience Store“ würde erklären, womit sich die Höhlenbewohner das Leben verkürzen. Aber hinter all diesen Schädlichkeiten lauern Süchte. Rauchen, Saufen, Fressen. Welch ein Menschenbild.

Durch die ungeputzten Scheiben blicke ich am anderen Ende des Geländes auf drei Elektroladestationen. Ich selbst glaube nicht an die Batterie, aber die Logistik der E-Mobilität interessiert mich. Obwohl Hochspannungstechnik, sind die Dinger nicht überdacht; es regnet, nein, es nieselt, und eine Porschefahrerin hantiert mit einem Schirm, einer Handtasche und dem Ladekabel. Drei Dinge, zwei Hände. Der Platz ist zugemüllt, da eine Burger-Station auf der anderen Straßenseite. Eine weitere Ladefläche ist als Parkplatz genutzt und der dritte Platz hat nächtens einem osteuropäischen Trucker zur Erleichterung gedient. Für die Karre hat die Lady sicher hunderttausend gezahlt. Jetzt wackelt sie mit rotem Kopf in den Shop der Tanke und fragt nach der Toilette, da sie ihre Pumps mit Papier zu reinigen gedenkt.

Ich will ihr gerade Hilfe anbieten, als die Kasse wieder geht. Ich bin dran. Zahle. Und fliehe heim in meine Höhle. Wer hat entschieden, dass der unwirtliche Ort der Tanke an den Kabelmonstern zu einem Orkus verkommen sollte?  Notlösungen am Rande des Zumutbaren sind kein Geschäft. So wird das nix.

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Der Mensch – ein Ersatzteillager

Halbgötter in weiß? Welch ein Scheiß. Mediziner galten früher als bessere Menschen, jedenfalls  besser als der gemeine Mechaniker. Das ist vorbei, seit wir wissen, dass man ihn schmieren kann, den Onkel Doktor.

Der Mensch galt früher als die Krone der Schöpfung, und nicht als Maschine. Unsinn! Er ist ein Ersatzteillager. Schon im 18. Jahrhundert, das fasziniert von der aufkommenden Technologie der Uhren war, galt: l‘ homme machine. Aber es gibt Unterschiede.

Manche Menschen sind eine Swatch, andere wiederum eine Rolex. Eine Swatch ist ein Massenartikel, asiatische Industrieware, das Herz ein alberner Quartz, die Optik grell, der Preis bezahlbar. Wenn die Swatch mal streikt, dann versucht es der Libanese im Bahnhof mit einer neuen Batterie. Wenn das auch nicht hilft, dann geht sie in den Müll.

Die Rolex ist ein Manufakturstück, kein elektronischer Mist, ein mechanisches Kunstwerk. Ihr Herz ist eine echtes Federhaus, ein kreisender Automat,  eine Unruh, lauter Dinge, von den nur die Experten mit der Lupe wissen, wie sie wirklich funktionieren. Edelste Handarbeit aus geheimnisvollen Manufakturen im Schweizer Jura.

Wenn die Edeluhr mal streikt, dann wird sie in die Klinik geschickt. „Schicken wir ein“, sagt dann die freundliche junge Dame im Fachgeschäft. Ein Schweizer Nerd setzt dann im Jura die Lupe auf und vollbringt Wunderwerke an ihr. Dann tickt sie wieder. Wirklich tolle Uhren vererbt man, über Generationen. Sie sind unsterblich.

Aber das ist nicht das Problem, noch nicht. Stellen wir uns vor, die Ersatzteile werden knapp, verdammt knapp. Stellen wir uns weiter vor, wir wollen unbedingt, dass das Ding weiter tickt. Wir nähern uns mit diesem Gedanken ein ganz kleinwenig der sehr viel ernsteren Situation eines Transplantationspatienten, der auf ein Organ wartet.

Weil die Organe knapp sind, werden sie nach Dringlichkeit zugeteilt. Ich stünde also, wieder zurück in der Bahnhofstraße, sähe mein Ersatzteil in der Auslage und wäre laut Liste jetzt dran, aber ein russischer Kunde schiebt mich an die Seite, stopft der Asiatin tausend Dollar in den BH und kriegt das Ding. Und meine Uhr gibt den Geist auf. Nicht mit mir.

Man fände, ich schwöre, nachts in Zürich einen ermordeten Russen, dem man nichts gestohlen hätte. Nur das linke Handgelenk wiese eine gewisse Lücke auf. Das wäre freilich noch zu verschmerzen. Ich lese, dass man in den Slums Indiens Bettler auffindet, denen man eine Niere entnommen hat. Das soll sich Igor nicht so anstellen, man kann schlechter sterben als vor dem Baur au Lac.

Wäre die nette asiatische Verkäuferin nicht bestechlich, was sie sicher nicht ist, denn sie spricht schwyzerdytsch, müssten die Ersatzteile vom Amts wegen nach Bedarf und Bedürftigkeit zugeteilt werden. Dazu müsste man auf’s Eidgenössische Ersatzteil-Zuteilungs-Amt und sich eine Bescheinigung holen. Der dortige Beamte wäre auch nicht bestechlich, weil er schwyzerdytsch…aber das hatten wir schon.

In diese ökonomische Nische würde sofort ein Schwarzmarkt grätschen. Gegenüber vom Baur au Lac gibt es jeden Samstag einen Trödelmarkt. Hier tauchten jetzt die ersten asiatischen Nachbauten von Original-Teilen auf. Für kleines Geld, aber ohne Prüfsiegel. Und es gibt einen kleinen Stand mit einem Lupenmann, der ambulant macht, wozu andere in die Klinik müssen. Er ist Türke und gelernter Zahnarzt und reist aus Budapest an. Dort macht er die Woche über deutschen Privatpatienten die Zähne.

Es reicht? Der Mensch ist keine Maschine? Die Medizin folgt dem Gebot „Niemals schaden“ ? Einverstanden. Ich achte Ärzte und fordere dazu auf. Das Problem in unserer kleinen Geschichte sind ja auch nicht die Menschen, nicht mal die „Bisiness-Män“ aus Russland, die die Bahnhofstraße bevölkern.

Dagegen hilft nur Verstaatlichung sagt mein Freund Helmut. Das ist deutsch, wenn es wer richten muss, dann Papa Staat. Ja, sage ich, Helmut, weil es bei Behörden ja keine Korruption gibt, vor allem nicht in Russland. Dann müssen es, sagt Helmut mit einem letzten Argument der Verzweiflung, die Krankenkassen richten.

Und bei den Kassen, den guten, weil gesetzlichen, da spielt Geld ja keine Rolex, solange es den Versicherten gut geht. Helmut, Helmut, wo lebst Du? Göttingen ist überall. Aber spielen wir es durch. Ich versichere meine Edeluhr gegen Stillstand. Wenn es dann doch hapert, geht sie in die Schweiz zur Chefarztbehandlung. Und das zahlt dann die AOK.

Nach allem,was man aus der Gesundheitsreform so weiß, schickt mich die AOK zu dem türkischen Zahnarzt auf den Trödelmarkt, der mir einen Re-Import einbaut. Wer übernimmt die Garantie, dass meine Uhr danach wieder tickt? Ein Leben lang? Jedenfalls nicht die AOK. Frühe Mortalität ist ohnehin nicht deren Problem, nur so eine unsinnige Langlebigkeit. Das geht ja auch anders, siehe Swatch.

Quelle: starke-meinungen.de