Logbuch
DIE NEUE RECHTE.
Die grün buhlende CDU sagt, das Konservative sei nicht ihr Markenkern. Sie will rechts Platz lassen. Da wird kein Vakuum entstehen. Das füllt gern die Neue Rechte. Dem Postfaschismus eine Gasse.
Schweden, hören wir, ist nicht mehr das Mutterland der Sozialdemokratie; eine Neue Rechte ist erstarkt und verbündet sich mit den moderaten Konservativen. Mehrheit rechts der Mitte. Aus Italien tönt eine postfaschistische Dame, die ein reaktionäres Bündnis will. Ihre populäre Kollegin in Frankreich kennen wir. Belgien hat einen rechtsextremen Flämischen Block. Und in den USA, täuschen wir uns nicht, steht das halbe Land hinter Trump. Aber bleiben wir in Europa.
Ich will mich der Empörung des liberalen Milieus, dem ich angehöre, für einen Moment verweigern und die Gemeinsamkeit suchen, die die neuen Blüten am rechten Rand eint. Warnhinweis: Ich versuche das zu referieren; ich teile es nicht. Man wage nicht, mich sinnentstellend zu zitieren.
Die modernen Staaten, Annahme eins, werden von außen beherrscht; sie seien nicht frei. Es gelte daher den Imperialismus abzuschütteln. Das geht gegen die USA. Oder gegen die EU. Diese dekadenten Gemeinwesen werden, Annahme zwei, von innen zersetzt durch Zuwanderung, auf die der liberale Staat nicht machtvoll genug reagiere. Das geht vor allem gegen muslimische Migration. Der Ausweg sei, Annahme drei, eine homogene Gesellschaft. Damit ist die Vorstellung des Reinrassigen gemeint, was man aber so nicht sagen mag. Geredet wird von einem neuen Nationalismus, dem der gleichen Abstammung. Jedenfalls keine Parallelgesellschaften.
Eigentlich gemeint sind dabei Volksgemeinschaften, die nicht nur in der Abstammung gleichförmig sind, sondern auch in der Gesinnung und Lebensweise; was, Annahme vier, ein gesunder Urzustand ist. Diese Gesundheit der Volksgemeinschaft darf man aber nicht in Parlamenten von Kranken zerreden lassen, weshalb es, Annahme fünf, einer präsidialen Führung bedarf; gemeint ist eine populäre Diktatur, geredet wird von einer illiberalen Demokratie.
Die ideale Welt der Neuen Rechten ist also eine heterogene Gemeinschaft homogener Staaten; nehmen wir mal an, das sei kein Widerspruch in sich selbst. Deren Wirtschaft kann nur gedeihen, wenn man den Einfluss der Kapitalmärkte ausschließt. Wer nach Ansicht der Postfaschisten an den Börsen das Sagen hat, das lassen wir mal aus. Die Ökonomie der Zukunft ist, Annahme sechs, ein Korporativismus, viele Betriebsgemeinschaften vom Zuschnitt der Volksgemeinschaft. Reinrassiges Mittelalter.
Nun entsprang die Menschheit aber der bäuerlichen Idiotie des Mittelalters durch die Hanse, Welthandel also. Durch die Renaissance, die Wiedergeburt des Fremden, also die Aufklärung. Ups. Ich räsoniere. Das könnte undeutsch sein. Wäre ich ein Neurechter unterliesse ich das. Schließlich will ich nicht, dass Deutschland sich abschafft. Ironie aus.
Man kann bzgl. Postfaschismus das „Post“ streichen.
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DER FREMDE.
Kipling galt als Propagandist des Imperialismus. Der Stammpoet des Weißen Mannes. Ein beachtlicher Irrtum. Er war ein Gefangener der Geschichten seiner Zeit, die er virtuos zu erzählen wusste.
Mit nur 42 Jahren war der englische Dichter Rudyard Kipling Nobelpreisträger für Literatur; der jüngste bis heute. Berühmt wurde er leider über Gelegenheitsarbeiten wie das Kinderbuch vom Dschungel. Im Alter verblasste sein Ruhm. Heute ist sein Werk über weite Strecken vergessen. Dabei ist er ein großartiger Erzähler. Den jungen Bertolt Brecht hat er stilprägend beeinflusst.
Kipling war Spross einer anglo-indischen Identität, eines Mischmilieus, das der britische Imperialismus hervorgebracht hat. Das Lahore seiner Jugend liegt heute in Pakistan. Aber es verschlug ihn auch in das Kleinbürgertum Südenglands, nach Amerika, nach Afrika. Ein Rastloser mit tiefer Sentimentalität. Wie der tragische Maler, der langsam sein Augenlicht verlor, von dem er erzählt. Seine Welten, die er virtuos nacherzählte, sind schon zu seinen Lebzeiten alle untergegangen. Kipling zu lesen, das heißt, sich in vertraulichem Ton Fremdem zu nähern, mit der Weltsicht eines freimaurerisch geprägten Gentleman, der nirgendwo eine Heimat fand.
Nicht nur in Indien ist sein Werk heute geächtet. Es gehorcht nicht der einsinnigen Biederkeit des politisch Korrekten. Oft im Jargon des kahki-gekleideten Militärs schwadronierend zitiert es vergangenene Milieus; immer ironisch. So sagt er: „A woman is only a woman, but a cigar is a good smoke!“ Wer darüber lachen kann, ist kipling-geeignet.
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KOPFTUCH.
Religionsfreiheit ist nicht die Freiheit der Religion, sondern die Freiheit von Religion. Ihr steht keine staatliche Macht zu. Auch nicht im Iran. Von der Theokratie, also vermeintlicher Gottesherrschaft.
Das war denkwürdig, die Interviewabsage in New York. Der Iran wird von einer Theokratie beherrscht, einem Regime, das seine Herrschaft religiös begründet. Dabei gibt es scharfe Vorstellungen zur Geschlechtertrennung, sprich der Diskriminierung von Frauen. Ein symbolischer Ausdruck dessen ist wohl der staatliche Zwang zur Bedeckung des Haupthaares. Es wird von Sanktionen bei Nichtbefolgung berichtet, gar von Mord. Femizid ist das Wort. Eine Ungeheuerlichkeit.
In New York soll der Repräsentant dieser Glaubensdiktatur, Irans amtierender Präsident‚ anlässlich eines Auftritts bei der UNO von einer berühmten Reporterin für CNN interviewt werden und verlangt dazu, dass diese ein Kopftuch trage; aus Respekt ihm gegenüber. Sie weigert sich. Interview fällt aus. Das sagt etwas über die USA, über die amerikanische Pressefreiheit, vor allem aber sagt es etwas über ein Frauenbild. Vor dem muslimischen Laienprediger im höchsten Staatsamt hätte ein weiblicher Profi gesessen mit amerikanischem Pass und britisch-iranischer Abstammung, deren Familie Persien hat verlassen müssen, als die Islamische Revolution die Theokratien errichtete. Ein Gegenbild. Es geht um mehr als Kopftücher.
Ich sehe das mit so viel Empathie, weil ich in Berlin gelegentlich mit einer Frau rede, deren Familie ihre iranische Heimat hat verlassen müssen, als der religiös motivierte Terror begann und nun in Deutschland und Schweden exiliert. Meine Bekannte hat hier geheiratet und heißt jetzt Müller. Frau Müller aus Teheran, jetzt Charlottenburg. Ich höre aus der Stimme der kreuznetten Frau, wenn sie über ihre Heimat spricht, stets die tiefe Trauer über den Verlust einer Kulturnation. Ich sollte mich stärker für die Nachrichten aus dem Iran interessieren. Vielleicht nicht wegen Christiane Amanpour von CNN, aber wegen Frau Müller aus Teheran, jetzt Charlottenburg.
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FDP light: immer im Anschein blasierter Arroganz
Die FDP kommt nicht wieder auf die Füße. Ob nun der Sockenpuppen-Doktor Rösler ihr vorsteht oder der jüngst genannte Yuppie Lindner. Die Partei wird dem nächsten Bundestag leider nicht mehr angehören. Das bedauern viele; es beeindruckt die Partei selbst aber nicht. Eitle Herablassung, eine blasierte Arroganz beherrscht den Ton dieser Liberalen. Wegen des falschen Tons gehen die Westerwelles und Röslers nach Volkes Willen unter.
Ein kleiner Beweis für diesen bösen Befund. Wann immer irgendeiner der FDP-Granden in den Medien einen Auftritt hat und dabei Wortlaut absondern darf, vermeldet das die Pressestelle der Partei via Pressemitteilung an den Rest der Presse. Manchmal sogar mit einer Sperrfrist, weil man schon mit etwas prahlt, dass noch gar nicht gesendet worden ist. Das mag gut sein, insbesondere für jene Redaktionen, die keinen Internetanschluss haben. Es ist aber das Gackern der Hähnchen, bevor die Hühner Eier gelegt haben.
Wie, wir schauen mal genau hin, überschreiben die liberalen Partei-Strategen das Prahlen mit Interviews? Sie nennen es „ein Interview für die Welt“ oder „ein Interview für den Deutschlandfunk“, um dann auszuführen, dass Herr So-Und-So „der Welt ein Interview gab“. Dann nennen sie noch namentlich, wer aus der Redaktion die Fragen stellen durfte. Der Ton macht die Musik. Die Sprache ist verräterisch.
Ein „Interview für die Welt“ ist kein Gespräch mit der „Welt“, schon gar keine Diskussion ( siehe: „die Fragen stellte…“). Es ist die Benutzung der „Welt“ für eine Mitteilung an die Welt (da draußen, wie man in Bonn und Berlin sagt). Wir kennen diesen Gestus von Wilhelm II und Madonna. Vielleicht sollte man treffender von gewährten Audienzen reden.
Denn was die PR-Leute in der Parteizentrale meinen, ist: Herr Rösler gewährte ein Interview; deshalb ist es dann ein Interview „für“ die Welt. Man kann aber ein Gespräch nicht „für“ jemanden führen, sondern nur „mit“ jemandem. Es gibt ein Interview „in“ der Zeitung oder „mit“ der Zeitung. Ein Wortlaut „für“ die Zeitung, das zeigt das Denken. Es handelt sich um einen hoheitlichen Akt. Seine Majestät haben ein Interview gewährt, für diesen oder jenen Schreiberling. Der Rest der Tintenkleckser möge es jetzt bitte abkupfern.
Diese Boygroup agiert wie die Hähnchen auf dem Mist. Sie krähen, wo sie staatsmännisch sein sollten. Wir haben noch Genschman im Ohr oder Graf Lambsdorff, wenn wir die Westerwelles kikerikien und die Röslers Witze über Fröschetöten machen hören. Not good enough. Diese FDP redet nicht mit dem Wähler, sie redet „für“ ihn. Deshalb, bitter genug, empfindet selbst die eigene Wählerklientel: gewogen und für zu leicht befunden.
Quelle: starke-meinungen.de