Logbuch

BEILEID.

Manche Stücke formen auf immer die Erinnerung, obwohl im Inhalt kaum bekannt, nur weil ihr Titel so einprägsam. So geht es vielen Menschen der Gattung „Rollkoffer“ mit Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“. Wir reden von den Rastlosen im Außendienst, die es durch die Lande treibt, als seien sie notorisch nichtsesshaft. Diese ambulanten Gewerbetreibenden versammeln sich nächtens in billigen Hotels, Orten ganz eigener Verzweiflung. Auch Spitzenpolitiker kennen das.

Neben dem amerikanischen Opus vom Salesman erinnern wir Mobilen mit Rollkoffer das tragische Foto des deutschen Politikers Uwe Barschel, der im Genfer Beaux Rivage in seiner Badewanne ertrunken aufgefunden wurde. Oder ertränkt. Der STERN machte das zum Titel; nicht sehr pietätvoll. Bis heute sind die Umstände ungeklärt. Sicher ist nur, dass es sich um eine persönliche Tragik zeitgeschichtlicher Bedeutung handelt. Auch seine parteipolitischen Gegner hat das Geschehen gezeichnet. Leid auf allen Seiten.

Jetzt also der Tod eines bayerischen Politikers in Berlin, der mich betroffen macht, weil so tragisch banal. In der Mitte des Lebens. Wohlgemerkt, den Angehörigen jedes Mitgefühl. Und ihm, den ich nicht kannte und wohl auch fern war, ewige Ruhe in Gottes Hand. Aber in mir rumoren Fragen. Warum war er, der stellvertretende bayerische Ministerpräsident, ausgerechnet im Berliner Hotel „Neuer Fritz“? Das ist dem Ortskundigen völlig unplausibel. Es handelt sich um eine DDR-Platte am Schiffbauer Damm, eher mittleren Zuschnitts, allerdings über der Kultgastronomie „Grill Royal“. Austern-Alarm. Da steigt ein Spitzenpolitiker ab? Und warum ohne Kommando, sprich die obligatorische Sicherheit? Da stimmt was nicht.

Es schnürt den Hals zu, wenn man annehmen muss, dass dem Mann schon tagsüber übel war und er allein und einsam auf einem Hotelzimmer zu kämpfen hatte. Man möchte ihn vor falschen Assoziationen bewahren, die mit der Nennung der Barschel-Affäre verbunden werden könnten. Dafür gibt es nicht den geringsten Anschein. Alleiniger Gegenstand des Interesses ist Mitgefühl. Und die Angst vor einem einsamen Tod in einem Hotelzimmer gemäß Arthur Miller. Jeder Handlungsreisende hat dieses Trauma. Wehe dem, der fern der Heimat und allein, in fremden Trubel und doch voller Zweifel, wenn still. Beileid.

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AUS DER ZWEITEN REIHE.

Wer sich ein Bild machen möchte, der sitzt am besten in der zweiten Reihe. Die erste Reihe ist im politischen Theater immer Teil der Aufführung. Die Kameras sind oft nicht nur auf die Bühne gerichtet, sondern auch die Frontlinie des Parketts. Man will einfangen, wie das Publikum reagiert. Man sieht Beifall, aber auch Gähnen, selten Protest und Männer, die statt Strümpfen Socken tragen. Oder an ihren Handys daddeln.

Die zweite Reihe gibt dem Betrachter Schutz, aber ist eben auch noch nahe genug dran, um jene Regungen mitzukriegen, die die Fotografen nicht mehr einfangen. Das betrifft die Berühmtheiten, aber auch deren Entourage, und die kleinen Momente der Privatheit im öffentlichen Trubel. Ich werde dazu hier nichts Despektierliches berichten, weil ich meinen reservierten Platz in der zweiten Reihe nicht verlieren mag, den ich einem politischen Ehrenamt verdanke. Ich zahle dafür mit ernstem Gesicht und gelegentlichen Bravorufen.

Gestern also der Kanzler und der Vizekanzler, Friedrich Merz und Lars Klingbeil, eine junge Bundesministerin aus einem Haus minderen Rangs, ein gelernter Staatssekretär aus einem höheren Belang und Beamte mancher Ministerien. Sie alle kämpfen, jeder für sich, aber doch als Gattung, einen Kampf gegen die Beiläufigkeit des politischen Geschäfts. Mit einigem Respekt sehe ich die Bemühungen um Gewicht.

Der Lateiner nennt dieses Ziel der öffentlichen Rede „gravitas“; das meint ein inhaltliches Gewicht, das den Geschäften mit dem unvermeidlichen Gewusel eine Geltung vor der Geschichte gibt. Daraus zieht das Publikum nämlich jene Hochachtung, die Autorität verleiht. Man spricht von Charisma. Charismatisch macht nicht das Amt; es ist eine Zumessung an den Inhaber, an eine Person. Schnell ist vergessen, wer frei davon.

Dieserhalben muss man lange Linien ziehen können, große Bilder malen, treffende Worte finden. Die Zeitgenossen erinnern ja, was jene vortrugen, die sie als Vorfahren verehren. Ein Sozialdemokrat hat wie Willy Brandt, mindestens wie Helmut Schmidt zu klingen. Bei einem Konservativen möchte man Helmut Kohl hören, wenn nicht gar Ehrhardt oder den alten Adenauer. Das ist ungerecht, weil was diese zu Vorbildern erhebt, das ist unsere Erinnerung, die bekanntlich vergoldet.

Da mir das klar, betrachtet ich mit Nachsicht und Geduld das Geschäft der mittleren Gewichte im Bestreben um Größe. Klingbeil war übrigens echt gut gestern. Merz ganz okay; der kann das. Ich wünsch denen einen langen Atem.

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KEIN SCHMUTZIGES GESCHÄFT.

Einem raffinierten Journalisten, der als besonders einfühlsam gilt, ist es gelungen, von der demissionierten SPD-Vorsitzenden und ehemaligen Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas ein Interview zu erlangen, das mir den Atem verschlägt. Wir sehen, auch als Laien, einen Menschen in einer schweren Lage, vielleicht einer Depression, und dürfen zunächst und zu allererst Genesung wünschen. Von mir hat es dazu kein polemisches Wort gegeben und daran wird sich nichts ändern. Alles Gute!

Es fällt aber ein Begriff, der uns als Zeugen dieser Überforderung nachdenklich werden lassen sollte. Es ist von Politik als „hartem“ Geschäft die Rede. Dort wolle niemand Schwäche zeigen, weshalb Krankheit schon als Möglichkeit prinzipiell geleugnet werde. Menschlichkeit habe in der Politik eigentlich keinen Ort. Ich will diesen Befund mit VITALISMUS bezeichnen, einem biologischen Erbe, das wir als Rudeltiere in uns tragen. Kein vornehmer Teil unserer sozialen Verfassung. Nehmen wir den Befund etwas harmloser als Ausdruck von Wettbewerblichkeit. Sie kann Sportsgeist sein, aber eben auch jede Niedertracht. Dazwischen liegt eine rote Linie, nein, ein Abgrund. Dabei definiert das Opfer, was ein Übergriff, nicht der Täter.

It‘s lonely at the top. Wer dort die ganze Woche durch, jeden verdammten Tag, zwölf, vierzehn Stunden gearbeitet hat, auch am Wochenende, weiß, dass das seinen Preis hat. Selbst, wenn die Belohnungen exorbitant. In der Politik kommt man mit geringer Vorbildung, vor allem aber geringerer Abhärtung unter Umständen in solche Positionen, was auch bei sehr Ehrgeizigen zu Überraschungen führen kann. Häme aus der Etappe gewiss. Aber das ist nicht der Punkt.

Mir läge an Respekt vor Leistungsträgern, Ritterlichkeit gegenüber Frauen und Caritas im Herzen. Sportlichkeit zeigt sich nämlich im Umgang mit jenen, die es nicht auf das Treppchen geschafft haben, aber sich redlich bemüht. Ich finde übrigens, dass Merz und Klingbeil einen guten Job machen. Ich sehe zu dieser Koalition zur Zeit keine Alternative. Politik ist ein hartes Geschäft, muss aber kein schmutziges sein. Das gesagt, könnte ich nun ausführen, was mir alles nicht passt. Das ist einiges, aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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Bilder des morgenländischen Mobs gehen um die Welt

Seit dem legendären Satz des seinerzeitigen Staatsoberhaupts Christian Wulff, dass der Islam Teil Deutschlands sei, darf man fragen, was denn Teil Deutschlands, besser Europas, sein soll und was nicht. Ich debattiere in England über Fernsehbilder von einem morgenländischen Mob, der aller Orten Botschaften stürmt. Reaktion auf einen Tabubruch, gegen den man aufstehe. Es geht um Ikonoklasmus, vorgeblich. Ich sehe einen von Religionsführern aufgehetzten Mob, der symbolisch Rache nehmen will. Ich sehe Pogrome, fernsehgerecht inszeniert.

Es herrscht im FFTMC, meiner Oxforder Kneipe, eine bitterböse Stimmung. Es stehen Kommilitonen aller Länder beim Bier; das Wort führt in lautreinem Queens-English ein Herr mit Kopftuch, ein Inder, vermute ich. Hier wird über alles respektlos geredet, jedenfalls gelten keine Tabus. Aber das völkerrechtliche Tabu der Unberührbarkeit von Botschaften als exterritorialem Gebiet, das sollte doch gelten, sagt die Runde. Man bezweifelt, dass die religiöse Empfindsamkeit der Imane reinen Herzens ist. Man wittert Politik hinter dem Missbrauch der Religion.

Mein schottischer Freund, Stammgast im FFTMC, zitiert den englischen Komiker Mister Bean, der gesagt haben soll: „Das Recht zu beleidigen steht über dem Recht, nicht beleidigt zu werden.“ Und er meint das durchaus nicht ironisch. Er meint es. „Enlightment“ sagt er. Der Schotte glaubt, dass nicht nur die Dampfmaschine von Edinburgh aus die Welt verbessert hat, sondern auch die Aufklärung dort eingeläutet worden sei. Der Schotte glaubt im übrigen ohnehin, dass er für den besseren Teil der Menschheit verantwortlich ist.

Darüber lachen die Engländer, die Inder lächeln und die Waliser werden Bier holen geschickt. Tabus sind ein Zauberding. Derjenige, der an sie glaubt, den beherrschen sie. Und derjenige, dem sie nicht einleuchten, der stellt schon die falsche Frage. Wie es sich für einen Pub gehört, wird die Diskussion handfest. Dem Juden wie Moslem ist der Schinken, sprich das Schwein, tabu. Der Chinese isst keine Kaninchen. Der Inder, glauben wir zu wissen, verzehrt keine Kühe. Der Sikh (das Kopftuch ist ein Turban) widerspricht. Jedenfalls wollen alle keine Hunde. Also, sagt Joe, heute Abend mal nicht zum Cantonese Take Away.

Obwohl Tabus so archetypisch auftreten, als eherne Gesetze der Menschheit, unterliegen Tabus dem Wandel. Und kulturellen Unterschieden. Nehmen wir die unverhüllten Körper der Menschen. Nach dem Sündenfall, wegen des Sündenfalls erkannten Adam und Eva ja, dass sie nackt waren; was ihn weniger gestört hat als sie, finden wir im FFTMC. Was gestern noch als unaussprechlich galt, ist heute gebrochen und morgen üblich. Der Tabubruch ist Motor des kulturellen Prozesses, und zwar mit verzehrendem Appetit. Die Zahl der Tabus nimmt kontinuierlich ab. Nichts scheint den Menschen noch heilig, jedenfalls im Westen.

Wie explizit reden wir über den Geschlechtstrieb, sexuelle Praktiken, Dinge, die man früher „schmutzig“ nannte? Jetzt erzählen die Trunkenbolde Witze, die ich hier nicht wiederholen möchte. Auch nicht den über den Unterschied beim „sheep shaggin“ in Wales und in Schottland. Das ist das untere Ende des Themas, das obere behandelt zum Beispiel den Ikonoklasmus, das Bild-Verbot vieler Religionen. Aber darf man diese Dinge überhaupt in einen Zusammenhang bringen? Die Tabuisierten und Tabuisierer finden: Nein. „Anathema est“: Das ist kein Thema. Redeverbot. Sie sprechen nicht mal den Namen ihres Gottes aus, schon gar nicht in diesem Kontext, schon gar nicht in einer Kneipe.

Im FFTMC ist man von den lynchenden Horden, die die BBC überträgt, nicht begeistert. Man ist überhaupt vom Mob nicht begeistert. Ich sollte sagen, wofür das Kürzel über der Kneipentür steht. FFTMC heißt: „Far From the Madding Crowd“, schlecht übersetzt: Weit weg von der irren Masse, dem irrsinnigen Pöbel. Ich sage: „keine Sehnsucht nach dem Sportpalast!“; ich sage es auf deutsch und alle verstehen. Far From the Madding Crowd, das klingt elitär und westlich, riecht nach Westminster und ist ganz und gar snobistisch. Und ist auch so gemeint. Mir gefällt der Laden.

Unser Motto für diesen bierseligen Freitagabend: Das Recht zu beleidigen steht über dem Recht, nicht beleidigt zu werden. Das ist der Geist der Aufklärung: Allen Tabus wird auf die Schulter geklopft. Nicht von den Wächtern über das Tabuisierte, sondern von jenen, die kein Recht haben, weil sie keine Macht haben. Professorale Intellektuelle, Dichter ohne Einkommen, Privatgelehrte, Schreiberlinge.

Da ich wieder an der Reihe bin, was Kluges zu sagen und den Jungen vom Kontinent zu geben, zitiere ich einen Wiener Juden. Der vorbildliche Karl Kraus hat gesagt: „Journalisten schreiben, weil sie nichts zu sagen haben, und haben etwas zu sagen, weil sie schreiben.“ Das ist westliche Demokratie. So will ich Europa: Far From the Madding Crowd.

Quelle: starke-meinungen.de