Logbuch

SCHAMLOS.

Gestern bei den Berliner Philharmonikern eigenartige Stücke von Bartok bis Strawinsky unter dem Dirigat des Sibiren Kirill Petrenko. Den ich noch immer nicht leiden kann. Angeblich ist die Metropole das Thema des Konzerts. Volles Orchester, laute Musik. Mir bleibt alles fremd. Am Klavier eine Sarah Tysman, immerhin eine Schönheit. Der Dirigent gibt ihr den Blumenstrauß. Dann erkenne ich die Französin wieder; Professorin von der örtlichen Universität der Künste. Beachtliches Talent an einer eher mediokren Hochschule. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ich geh ja im Abo in den Karajan-Schuppen, übrigens auch wegen der Schnittchen; dazu zwei, drei Glas Wein. Und der Abend wird rund. Es setzt sich zu der Blonden und mir ein veritabler Berliner mit Begleitung. Die Herrschaften nehmen Heiße Schokolade, sprich Kakao. Zu einer Arbeitshose (Ostjeans) trägt er eine solide Strickjacke mit Reißverschluss, eine Joppe. Könnte der Sibire am Pult aus seiner Heimat mitgebracht haben. Sehr sachlich solide. Er berlinert. Ich spreche die Berliner Schnauze an; höflich, weil zwar ossig gekleidet, aber ein älterer Herr in den Achtzigern mit Manieren. Ich glaube ihn zu erkennen.

Ja, sein Name sei Eppelmann. Respekt. Ich gratuliere zu einer erstaunlichen Lebensleistung. Sein Haupt hebt sich leicht und er sagt: „Ich muss mich nicht schämen.“ Welch ein Satz. Wir reden mit Pfarrer Eppelmann, dem Gründer des Demokratischen Aufbruchs in der DDR: Der Mann hat eine Diktatur gestürzt, die ihm auf das Perfideste nach dem Leben trachtete. Ein großer Deutscher, ganz getarnt in protestantischer Bescheidenheit, die nur im Herzen eitel ist. Sein Satz hat die Schärfe einer Rasierklinge. Er muss sich nicht schämen, ja, aber vielleicht andere? Der Unbeugsame lässt das offen. Das gefällt mir, das gefällt mir sogar sehr.

Man trifft ja nicht oft wirkliche Größen der Geschichte, aber Berlin hat noch einige dieser Helden aus dem Vier-Mächte-Status. Viele Politiker der untergehenden DDR sind erbärmlich gescheitert, an sich oder ihren Verstrickungen. Aber es gibt auch die anderen. Und hier formuliert einer von jenen seinen Kantischen Imperativ. Er hat sich nicht schämen müssen wollen. Ich weiß gar nicht, ob das politisch reicht. Aber man kann damit offensichtlich Zaren stürzen. Respekt.

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SCHÖNE NEUE WELT.

Wenn mein Internet-Verleger von den klassischen Medien spricht, nennt er sie „legacy“, was Erbe oder Vermächtnis meint. Allerdings schwingt dabei keine Ehrfurcht vor einem kulturellen Vermächtnis mit; es wird Verachtung zum Ausdruck gebracht vor den Alten Medien wie Zeitungen oder Fernsehen, denen die Welt der Neuen Medien entgegengehalten wird. Das Digitale blickt auf das Analoge herab.

Ich meine meinen Verleger im Netz. Er hat über die Jahre 15.000 Beiträge von mir gebracht. Die im Internet möglich gewordenen Sozialen Medien sehen sich als demokratische Foren, in denen die Nutzer (früher Leser oder Zuschauer genannt) das Sagen haben. Die Pressefreiheit der klassischen Presse war eine Einwegkommunikation; das Vermögen der Zeitungszaren ihre Meinung gedruckt zu sehen oder einer Politischen Klasse ihren Mainstream zu senden. Die Sozialen behaupten, dass eine solche Zensur bei ihnen nicht stattfinde.

Demokratie im Netz? Das ist eher naiv und eine politische Floskel. Gerade wenn ich meinen eingangs zitierten Verleger nehme, sieht man sehr deutlich, wenn man hinschaut, wie politische Inhalte der „far right“ gefördert werden. Das Netz zensiert nicht, es fördert gezielt. Natürlich bietet der Auswahlzwang des Mediums Zugang für offene wie verdeckte Förderung von Themen, hinter denen sich politische Intentionen verbergen. Algorithmus.

Gestern saßen bei meinem Italiener gleich vier oder fünf Köpfe der Alten Zeiten. Der große, sprich lange Chefredakteur der ARD und das Gerupfte Huhn, seine Korrespondentin aus Paris, der krakeelende BILD-Boss und der rechte Schweizer mit den schrecklichen Krawatten. An getrennten Tischen, eh klar. Alle pensioniert, viele schon Mitte 70. Sie alle erleben die Neuen Zeiten als Verfall.

Die Helden der Sozialen sieht man hier im Restaurant nicht, weil sie im Privaten irgendwo vor ihren Schirmen hocken und sich die Pizza von einem Sikh auf dem Fahrrad bringen lassen. Oder Berauschenderes vom einschlägigen Taxi. Derweil enttarnen sie Weltverschwörungen und gründen Bewegungen neu. Und dieserhalben fordern sie Redefreiheit für jedermann, auch den Roboter. Habe ich das zutreffend beschrieben?

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AUFARBEITEN.

Der Deutsche arbeitet gern und gut; dafür hasst ihn der Rest Europas, jedenfalls der mediterrane Süden, bei dem sich der Tag in zwei recht kurze Arbeitsphasen gliedert und eine ausgedehnte Mittagspause. Arbeit adelt, sagt bei uns der fleißige Bürger. So weit, so gut. Ertragen wir halt den Spott der Lebenskünstler.

Der Deutsche hat aber noch ein Privileg; er arbeitet gerne auf. Das bezieht sich auf Antiquitäten und die Geschichte. Wie aus Omas alter Kommode ein wiedergewonnenes Sammlerstück wird, indem man es aufarbeitet, das ist hier nicht so interessant. Es geht um die andere Aufarbeitung, in der aus Opas verlorenen Kriegen etwas Ehrenvolles wird. Oder nicht so Ehrenvolles. Das ist nicht so leichtgängig zu bewerkstelligen. Wenn man es halbwegs mit der Wahrheit hält. Hier hat man in einen langen Schatten der Geschichte Licht zu bringen.

Ich komme darauf, weil ein akademischer Freund mir aus dem italienischen Bologna berichtet, dass dort jüngst ein Professor von Studenten niedergebrüllt wurde, weil er Jude sei. Die mit Spültüchern behangenen Hamas-Freunde machten ihn wegen des Glaubens seiner Großväter für die aktuelle Kriegspolitik des Staates Israel verantwortlich. Dazu sagt mir der Historiker, dass der Antisemitismus in Italien schon in den Zwanziger Jahren stark gewesen sei, als ein Teil des Faschismus, der hier geboren wurde. Und nicht aufgearbeitet. Frau Meloni weiß aus ihrer Jugend noch sehr genau, wovon wir sprechen.

Das hören die Italiener aber nicht gern, dass sie schon einem Duce folgten, als der Führer noch Ösi war. So wie die Engländer nicht gern an ihre Black Shirts erinnert werden. Aber da sind wir notorisch eifrig, wenn es um das Aufarbeiten geht. Das gibt uns, die wir wahrlich einen dunklen Schatten zu erhellen haben, vielleicht das Recht auf gelegentliche Meinungsäußerungen. Hier und heute: Ich verlange Redefreiheit für den Professor in Bologna! Und schließe mit einem Brecht-Wort zum Thema des Aufarbeitens: „Mögen andere von ihrer Schande sprechen, ich rede von meiner.“

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Kanzler geht nur als Hosenrolle

Sorry,  Peer, das wird nichts. Merkel ist wie Thatcher unersetzlich, jedenfalls in der Bewältigung der Krise. Steinbrück, der hanseatische Schnösel, hat keine Chance, weil er ein (alter) Mann ist. Das Kanzlern können nur (ewig junge) Frauen.

Man versteht die Finanzkrise nur, wenn man sie durch das Kaleidoskop der Gender-Forschung betrachtet. Banker sind Jungs, die nur spielen wollen, aber die Ökonomie, das ist ein Mädchen. Und die Göttinnen, das ist bekannt auf dem Olymp, verstehen keinen Spaß. Das mit den Griechen, die auf Pump leben, und den Spaniern, die Siesta machen, und den Italienern, die auch nur morgens und abends ein wenig Fleiß zeigen, das ginge alles gut, wenn da nicht die Göttin der Ökonomie wäre, eine humorlose Frau.
Es toben in Harry’s Bar vier englische Gentlemen, die in der City arbeiten, eine bürgerliche Klientel, aber doch unter der  Wirkung etlicher Martinis, die die weißgekleideten Kellner aus einer Kühllade zaubern. Ein Schauspiel besonderer Art bietet sich mir, still hocke ich in der Ecke, in der Hemingway immer saß, und bin fasziniert. Die Bartender sind von ausgesuchter Höflichkeit und übersehen mit Grandezza, wie die Investmentbankerbengel Wirkung zeigen.

Man ist mit RyanAir eingeflogen und will nun Venedig ertränken. Die Party steigt, und der mittlerweile beim Vornamen gerufene Italiener soll mal eine Runde geben. Es gibt keine Runden bei Harry, aber die Gläser kommen doch. Das Spiel geht in die Endrunde, als die Treffer im Sprachzentrum nun auch die Gehwerkzeuge irritieren.  Die Rechnung kommt und die Herren aus der City ziehen 1200€ über eine Kreditkarte. Von wegen Freibier, das glauben eben nur Jungs.

Beim Rausgehen sehe ich sie dann. Sie sitzt aufrecht, kerzengerade am Ende der Bar auf einem Hochstuhl vor einem kleinen Tischchen mit einem PC und einer Kasse. Eine kluge und nüchterne Frau. Mit freundlichem Ernst hat sie die Kellner verfolgt und jeden flüchtigen  Zettel eingetippt. Die Herren Kellner, die groß tun, schleppen Gläser, aber kein Geld. Hier wird addiert, eingenommen, verrechnet, ein Beleg erzeugt. Das Geheimnis der Nonchalence von Betrunkenen und Trankgewährenden ist, dass die Jungs spielen, aber nicht abrechnen. Wie im wirklichen Leben.

Danach ins Theater. Eine Komödie des großen William Shakespeare, in der es um das Kreditwesen geht. Ein Kaufmann aus Venedig federt seine Liquiditätslücke, entstanden durch ausstehende Handelsschiffe, mit einer Zwischenfinanzierung, für die der Kreditgeber aber weder Zinsen noch Sicherheiten will, sondern als Kreditausfallversicherung ein Pfund aus dem Fleisch des Beliehenen. Seltsame Gepflogenheiten, aber der Banker war pissig, weil der Kaufmann ihn ansonsten wie einen Hund behandelt habe. Am Ende, wie gesagt, es war eine Komödie, siegt die Gnade vor Recht, und alles liegt sich in den Armen. Es fehlte halt im Theater die ernste jungeDame des wirklichen Lebens. Im Leben wie bei Harry werden keine Schulden erlassen.

Quelle: starke-meinungen.de