Logbuch

DEN TON TREFFEN.

Unser allseits geschätzter Bundeskanzler ist kein großer Redner von Format, der die Herzen der Menschen mittels Rhetorik zu erobern wüsste; es kann vorkommen, dass er Buhrufe aus dem Publikum vernimmt. So wie die Vizekanzlerin schon mal vom Saal ausgelacht wird, was sich gegenüber einer Dame nicht gehört.

Redenschreiber, die Vorlagen liefern, die dem Redner Erfolg bescheren, sind selten. Ich habe im Bonner Kanzleramt mal ein solches Genie kennengelernt, der dem damaligen Regierungschef Helmut Schmidt einen Auftritt vor der britischen Labour Party getextet hatte, die diesem das linksgewirkte Auditorium zu Füßen legte. Der teutonische Hunne hatte vor den englischen Sozis den Ton getroffen; das kann nicht einfach gewesen sein. Der Redenschreiber wurde in der Folge aus der Londoner Botschaft an den Rhein befördert und trug fortan zwei Montblanc-Füller in der Weste. Edelfedern der Edelfeder.

Merz sagt den Gewerkschaftlern beim DGB, dass die Reform der Sozialsysteme unbedingt sei, ergebe sich aus Demographie und Mathematik. Butt. Das hat die „alternativlose“ Herzlichkeit der Naturwissenschaftlerin Merkel, gepaart mit der beißenden Arroganz eines Controllers. Ach, Fritze, wer schreibt Dir so was auf? Ich sehe ob dieser blasierten Kühle seinen Chef des Kanzleramtes scheitern; mindestens aber den des Bundespresseamtes. Von beiden weiß ich nicht mal den Namen. Ab dafür.

Obwohl gelernter Redenschreiber war es mir als Redner in eigener Sache selten vergönnt, einen Saal gerührt zu haben. Dazu war die mir mitgegebene Neigung zur barschen Polemik zu ausgeprägt; auch beruflich hat mich die Zahl meiner Feinde immer mehr interessiert als die kollektive Zuneigung für Jedermanns Liebling. Die scharfe Zunge polarisiert; man hat wenige, aber recht gute Freunde, und meinst eine irritierte Meute im Saal. „The nice guys are in the mailroom.“ Die netten Jungs arbeiten in der Poststelle, nicht im Vorstand.

Obwohl die Rhetorische Begabung als Handwerkszeug der Politik gilt, scheinen die großen Könner der Redekunst selten. Johannes Rau war einer, Richard von Weizsäcker und Willy Brandt, auch FJ Strauß. Kohl eben nicht. Der amtierende Bundespräsident ist wie der Dicke ebenfalls gänzlich frei davon. Da frage ich mich oft, ob es eine Verschwörung in seinem Haus gibt, der er selbst angehört, so gänzlich frei von Talent und Ambition, wie er seine grotten-miserablen Zettel verhackstückt. Piet Klocke. Piet Klocke im Amt.

Logbuch

WOHNDOSEN.

Während mich die Automatiken meines PKW gemächlich von einer Geschwindigkeitsbeschränkung zur nächsten fahren, habe ich Muße, mir die anderen Verkehrsteilnehmer anzusehen. Ich mag diesen ruhigen Stil großer Limousinen, die nur gelegentlich prüfen, ob der Fahrer noch wach; mit leichter Bewegung am Lenkrad oder der zweiten Hand am Volant ist er beruhigt, der Rechner, und man gleitet weiter auf der Bahn: Wir fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn.

Feiertags fehlen die Laster und man erfreut sich auf der rechten Spur in endlosen Folgen des Parcours von motorisierten Wohndosen. Man nennt sie wohl Wohnmobile, diese Hotelzimmer auf Kastenwägen, und es gibt sie vom kargen Alkoven bis zu großen LKW. Offensichtlich sind die darin Gefangenen zu mäßiger Geschwindigkeit gezwungen, können aber aus riesigen Frontscheiben auf ihresgleichen starren. Die Wohndosen frönen dem Anspruch, dass man in ihnen alles anstellen kann, was die häusliche Wohnung auch biete. Gaskocher, Kühlschrank, Klima, Doppelbett, Dusche und Chemie-WC; ich will es gar nicht wissen. Räder werden immer mitgeführt, oft Roller und gelegentlich ein kleiner PKW für den Nahbereichsausflug.

Ich höre, dass diese prächtigen Zellen der Reisekader ohne weiteres eine Viertel Million € kosten können; dafür muss man, damit sich der Quatsch lohnt, schon sehr alt werden und viele Kilometer über die Autobahn geschlichen sein, um dann auf Abstellplätzen übernachtet zu haben, gegen die ein Knast gemütlich erscheint. Ghettos der Wohndosengreise in selbstgewählten Zigeunerlagern. Vor ihren Dosen auf albernen Campingstühlen hockend, um den Schatten der ausgefahrenen Markise zu genießen. Kleinbürgertum in Reinform. Peinlich.

Jetzt die alles entlarvende Beobachtung: Die Insassen der Wohndose empfinden die Peinlichkeit ihrer Existenz selbst und begegnen dem mit einem grotesken Originalitätszwang. Auf die Rückseiten der Gefährte sind Witzchen gemalt, die Komik verbreiten sollen, aber doch nur Verlegenheit formulieren. Man entschuldigt sich für die Absurdität des mobilen Unterfangens, oft mit Biografischem der internierten Pensionäre oder den Kosenamen der Mobilen. Lediglich die großen Suiten verzichten auf die aufgemalten Entschuldigungsversuche. Hier protzt man implizit mit dem Busfahrerführerschein.

Ich komme zurück auf ein Erlebnis der Vorwoche: Wer allerdings das miefige Elend in Hotels mit einem fünfzigjährigen Sanierungsrückstau kennt, der versteht die Flucht zur Wohndose. Und ich will noch für die obige Pejoration zu Reisenden um Verzeihung bitten, die das aus Not oder Kultur oder beidem tun; Respekt. In der Wahl der Limousine sind wir eh von gleichem Geschmack. Hubraum kann man nur durch Hubraum ersetzen.

Logbuch

AUF SCHUSTERS RAPPEN.

Früher galt soziale Achtung dem stolzen Ritter hoch zu Pferde, auf seinem schwarzen Ross, Rappen genannt. Mitleidig sah man auf den armen Wicht, der zu Fuß Land gewinnen musste. Er hatte nur seines Schusters Rappen. Bläck Fös war noch darunter; heißt barfuß.

An einst vertrautem Ort erlebe ich dem sozialen Wandel. Essen galt einst als Einkaufsstadt (Eigenwerbung) und die Kettwigerstrasse als Adresse gehobener Angebote, jeder große Warenhauskonzern hatte hier einen Palast. Zu Weihnachten war die Konsummeile festlich erleuchtet, um die Einkaufswut in sogenannten Lichtwochen noch zu steigern. Was in Düsseldorf die Kö und Berlin der Ku’damm, das war hier die Kettwiger. Davon ist so gut wie nichts geblieben.

Schon immer war die Stadt an der Ruhr sozial stratifiziert, im Norden das Proletariat, im Süden die Bourgeoisie. Was jetzt die Angebotsstruktur bestimmt, ist der dramatische Verlust von Kaufkraft. Teure Läden sind Leerständen gewichen. Die Department Stores gänzlich verschwunden. Früher habe ich hier bei drei oder vier Herrenausstattern einen anständigen Anzug kaufen können, jetzt bekomme ich nicht mal mehr ein weißes Oberhemd mit Manschetten. Barbershops mehr an der Zahl als Kunden, mehr als Haare auf dem Kopf. Geldwäsche.

Jeder Euro, den wir bei Amazon ausgeben, fehlt im stationären Handel. Wer sich darüber wundert, ist ein Idiot. Und jede Plastikjacke lässt ein Schaf ungeschoren. Ich vermisse den Juwelier Deiter, bei dem ich meine erste Omega erwarb, und sehe jeden zweiten Passanten in sein Smartphone quatschen. Pause beim Eiskaffee, einst Exotismus aus Italien. Einen Espresso genießend starre ich auf das Schuhwerk der Passanten. Man trägt ausschließlich Plastiksohlen, in unterschiedlichen Formen und Farben, aber alles aus Asien, wo die Pressen Legionen von Fußbetten ausspucken müssen. Da alles hat keinen Schuhmacher gesehen, ist frei von Leder.

Wenn ich bei Aldi ein Paar Schuhe für 17,99€ erwerbe und früher für den rahmengenähten Budapester gerne mal 400€ zahlte, ändert sich vor allem eins, der Inhalt an Wertschöpfung im Schuh. Heute arbeitet man höchstens eine Stunde für ein Paar unverwüstliche Treter. Früher steckten drei volle Tage an Lohnarbeit in den Schuhen. Noch früher waren sie sozial exklusiv und die ganz Armen liefen barfuß.

Während die öffentliche Meinung über die hoch getriebenen Tankstellenpreise ächzen möchte, sagt in mir der Ökonom, dass das Benzin billiger ist als vor zehn Jahren, wenn ich nämlich danach frage, wie lange ich arbeiten muss, um einen Tank zu füllen. Das geht mir durch den Kopf, als ich in der sich deklassierenden Konsummeile hocke. Nichts dagegen berührt meine Einbildungskraft, dass ich wie der schwadronierende Friedrich Merz Stadtbild nennen würde.

Logbuch

Die Wende der Energiewende? Das ist sie wieder, die DDR!

Politik soll sinnvoll wirken, selbst dort, wo schlichte Willkür und blanker Irrsinn herrschen, versucht sie den Eindruck zu erwecken, sie folge irgendeiner höheren Logik. Politik will konzise und konsistent erscheinen, als Sachlogik ohne Alternative. Das ist in einer endlosen Folge von Ausreden und Verdrehungen die größte aller Lügen, die Lebenslüge einer machterhaltenden Demokratie.

Nichts ist alternativlos. Nichts ist zweifelsfrei. Der Wähler erwartet ein stimmiges Gesamtbild, ein Gemälde der Welt, so wie sie ihm gefällt. Die Politik hat aber nur ein Sammelsurium an Puzzlen, die sich nicht zusammenfügen, und wenn dann mal einige Puzzle-Stücke zusammenpassen, fügt sich nichts zum Gesamtbild. Die bittere Erkenntnis würde der Wähler, fürchten die Politiker, nicht verzeihen, deshalb heißt Politik in diesem Land: Es wächst zusammen, was nicht zusammen gehört. Wendelogik.

Das Volk will belogen sein. Welche Lügen es hören möchte, das finden die Demoskopen heraus, und liefern so das Herrschaftswissen für die Propagandamaschinerie. Tell me lies, sweet little lies? Nein, nicht ganz. Da der Wähler nämlich  verführt und nicht vergewaltigt werden möchte, gibt die von der Demoskopie geleitete Politik eben diese Logik nie zu. Sie sagt, dass sie die Wahrheit sage, eine Wahrheit ohne Alternativen, weil der Wähler seine Wunschbilder als Wirklichkeit präsentiert haben möchte.

Energiewende: Es begann mit der Erderwärmung und dem Weltuntergang durch Treibhausgase. Danach hätte man nur noch auf die Sonne ( ein galaktischer Kernreaktor) und den durch die Sonne erzeugten Wind setzen dürfen. Warum diese Energieträger als “ erneuerbar“ gelten, versteht niemand, der bei Verstand ist, aber gut; darum geht es ja nicht. Wir wollten angenehm leben, ohne die Natur zu verzehren.

Die rot- grüne Bundesregierung unter Schröder gab dann mit einem sogenannten Ausstiegsbeschluss den Kernkraftwerke eine über Jahrzehnte reichende Bestandsgarantie. Die schwarz- gelbe hätte das gern bis zum Sankt Nimmerleinstag verlängert. Aber dazu hatte die Atomlobby sie in protzigen Anzeigen und durch Prahlen mit Verhandlungsdetails öffentlich billig gemacht, was dem Wähler, der verführt, aber nicht vergewaltigt sein will, nicht gefiel.

Japan wurde von einem unterseeischen Erdbeben heimgesucht und erlitt einen Sunami. Dabei zeigte sich, dass eine sieben Meter Mauer kein hinreichender Schutz gegen eine neun Meter hohe Welle ist. Das hat die Physikerin Merkel angeblich echt überrascht. Die Überraschung teilten große Teile der Atomwirtschaft. Man glaubt es nicht. Wahr war: Fukushima schlug sich in der Demoskopie nieder, also wurde gewendet, was gewendet werden musste.

Jetzt qualmen sie wieder die Braunkohlekraftwerke in der Lausitz und im Rheinland. Der Duft  der DDR erfüllt wieder unsere Luft. Und die Energiepolitik geht in die staatliche Chaosverwaltung zurück, die wir aus der DDR kennen. Die FAZ diagnostiziert Planwirtschaft.  Dazu passt dann freilich auch, dass die Spitze des Staates von zwei ehemaligen DDR-Bürgern besetzt ist. Welcome home!

Will der Wähler das wissen? Ich debattieren mit dem fabelhaften Dottore Marco Scatiggio in Harry’s Bar. Marco weist auf eine Situation an der Theke. Eine sich deutlich dem Rentenaltern nähernde Damengruppe, modisch in jugendlichen Gewändern auftretend, von insgesamt drei Grazien hat sich dort installiert und lässt die Blicke erwartungsvoll durch den Raum schweifen. Man sucht Anschluss. Marco fragt mich nach einem Eröffnungsthema für ein Anbahnungsgespräch. Scherzend rate, die Damen auf ihre Enkel anzusprechen, weil das doch ein Lieblingsthema aller Omas sei.

Ich habe es kaum ausgesprochen, als sich aus der Ecke die bei Harry notorischen Stecher Luigi und Domenico lösen, an die Bar stiefeln und intonieren: „Meine Damen, Sie werden hier nichts bestellen können, weil das das Haus streng auf Volljährigkeit achtet. Dürfen wir Ihnen behilflich sein? “ Ich denke, das ist zu dick, viel zu dick. Marco grinst und sagt, ich solle es abwarten. Er summt den alten Barschlager  „Tell me lies, tell me sweet little lies…“

Der Wähler will belogen werden, und zwar nett. Verantwortlich für diese propagandageleitete Politik ist deshalb der Wähler. Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Ach so, ja, die Ladies sind dann kichernd mit den beiden Stechern abgezogen. Eco qua? Ach, der Marco; als Mediziner kennt er die Menschen. Und als Italiener kann er mit Frauen. Und er weiß, was er tut, ein Philosoph. Vielleicht geht er mal in die Politik. Er könnte es.

Quelle: starke-meinungen.de