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LÄRM: EINE LAST.
Der Tag begann gestern damit, dass beim Nachbarn die Handwerker pünktlich um Sieben ihre Tätigkeit aufnahmen. Woran erkennt man, dass ein Handwerker nix taugt? Er kommt tatsächlich. Wie merkt man es? Er stellt das BAUSTELLENRADIO an. Solche Quälgeister bieten die Bosch dieser Welt ihrer Klientel; offensichtlich mit einer Voreinstellung für besonders dämliche Radiostationen und die Niederungen des deutschen Schlagers. Radio Freibier trällert dann den lieben langen Tag. Unerträglich.
Mittags in der Kantine; so nennt der beruflich in Berlin verhaftete Business-Luncher das Borchardt in der Französischen Straße. Der Laden ist durch eine regelrechte Touristeninvasion laut geworden. Was als Gespräch beginnt, landet bald in Geschrei. Ist mir früher gar nicht so aufgefallen. Vielleicht wird man auch alt und verliert die Distinktionskraft des Gehörs. Ich sitze verdattert unter lauter Brüllaffen. Was mache ich hier?
Alles aber erträglicher als der Nachbartisch abends im Adlon. Ohnehin ein plüschig puffiger Ort (der Kellner fragt, ob man beim Essen das Brandenburger Tor sehen wolle), heute das Danaergeschenk einer lauten Tischgesellschaft in unmittelbarer Nachbarschaft. Das Unheil ist zu dritt. Ein alter Schwarzrock in Begleitung seines Diakons, ein pausbäckiger Kapaun schwulster Intonation; man ist aus der rheinischen Provinz im Bus angereist und wird begleitet von einer dieser unglückseligen Damen, die ihre Berufung im Katholischen finden. Das hysterische Lachen, eher ein Gekicher peinlichster Art, dieser maroden Matrone zieht sich über den ganzen Abend. Sie erinnert mich an eine Weinkönigin aus der Pfalz. Ihr überheiteres Gekreisch rechtfertigt das Zölibat. Spätestens das.
Am Abend dann Ruhe. Schweigen und ein Glas vom Besten. Es erholt sich der tagsüber Lärmbelästigte. Eine erholsame Nacht. Erholtes Erwachen. Bis sie das BAUSTELLENRADIO wieder anstellten. Es zieht mich ins Eremitische. Oder Taubheit als Erlösung. Beethoven.
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RUCKREDE.
Wenn eine Rede richtig wichtig sein soll, dann darf man wünschen, dass ein Ruck durch‘s Land geht. Das hatte sich in grauen Vorzeiten der damals amtierende Bundespräsident auf die Fahnen geschrieben; ein bigotter Bayer namens Roman Herzog, eigentlich ein spröder Moralist von Kohl‘s Gnaden. Davon berichtet Bela Anda gerade in den Sozialen; dieser wiederum war einer der Pressesprecher von Gerd Schröder, Kohls Nachfolger. Opa erzählt vom Krieg. Es habe damals nicht geruckt, sagt Bella Anda, sondern nur geruckelt. Der Sprecher von Herzog, unser Kollege Thomas Ellerbeck, habe in allen Redaktionen emsig hinterher telefonieren müssen. Ruckelrede.
Da war noch mehr schief. Ich traf an dem betreffenden Abend in dem protokollarisch völlig falsch gewählten Veranstaltungsort, dem wieder eröffnenden Luxushotel Adlon, den stets angetrunkenen Harald Juhnke, ein Volksschauspieler, an der Bar; er war auf dem Weg zur Ruckrede, wo er in der ersten Reihe saß. Berliner Boulevard. Und dazu predigte der Bigotte Verzicht. Keine bella figura.
Überhaupt kündigt man rhetorisch Großes nicht vorher an. Das geht immer schief. Da ist es mit dem Reden wie dem Beischlaf; die Dinge mögen gelingen, aber nicht allein durch den Vorsatz. PR-Opa Anda weiß das von der Ruckelrede seines Chefs Schröder, die die AGENDA auf die Agenda setzen sollte. War dann im Echo auch so, dass das Bundespresseamt emsig hinterher telefonieren musste. Das Volk wollte nicht von selbst kommen, wenn das als Metapher aus der Liebeskunst hier zulässig sein sollte.
Bleiben wir bei der Redekunst. Überhaupt ist die Ankündigung von was Wichtigem ein PR-Kunststück schwierigster Art. Großes sagt man beiläufig. Es darf klingen wie ein Versprecher; lapsus linguae. So wie: Stadtbild. Diese Tugend nennt sich „sprezzatura“. Aber davon verstehen nur sehr, sehr wenige PR-Leute etwas. Meist ruckelt es ersatzweise emsig bemüht.
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DIE TÖCHTER FRAGEN.
Propaganda bleibt immer im Ungefähren, weil sie nicht haftbar gemacht werden will für den Zorn, den sie schürt. Sie ist immer ein Brandstifter, der als Feuerwehr daherkommt. Deshalb ist mir bei der Stadtbild-Debatte unwohl. Ein Kanzler hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Ross und Reiter zu nennen. Also bitte, Herr Merz! Das ist das eine.
Das andere ist, dass die wirkliche Wirklichkeit nicht zugunsten von Wünschbarkeiten ausgeblendet werden darf. Vor allem, wenn es das alltägliche Erleben der Menschen betrifft, die hieran ihre politischen Einstellungen bilden. Der Siegeszug der Rechten wird aus dem Empfinden genährt, dass die Links-Grünen anderen Menschen deren Leben schön reden wollen. Hauptaufgabe der Staatsmedien.
Darum fragen wir die Töchter; ja, einverstanden. Und die kleinen Paschas lassen bitte ihr Messer solange mal stecken. Es werden künftig die Köpfe in Bücher gesteckt. Und es wird Deutsch gelernt, damit der Tellerwäscher aus der Spülküche raus kommt, vielleicht sogar ein eigenes kleines Restaurant eröffnet, seine Tochter studieren kann, seine Enkel in Frieden und Freiheit leben. Das ist mein Vaterland. Das meiner Mutter.
Welch ein hervorragendes Motto: Fragen wir die Töchter! In allen Kulturen, auch und gerade den zugewanderten. Und reden wir darüber. In fließendem Deutsch. Mein Ernst.
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IKEA-Tand aus dem DDR-Knast: das passt!
Reden wir über den grünen Zeitgeist anhand dessen, was in Berlin Bulette heißt und in Bochum Frikadelle; reden wir über die Ökos im Spiegel von gebratenem Hackfleisch. Wenn das Brät flach ist und in einem Brötchen steckt, nennt es sich Hamburger; es wird dann bei McDoof oder WürgerKing serviert und ist der Untergang der Menschheit. Wegen der Regenwälder und der fettleibigen Kinder. Darum auch die Energiewende, wo wir in der Landwirtschaft durch Verstromung von Mais aus Nahrungsmitteln Bio-Brennstoffe herstellen. Das habe ich verstanden.
Rollt man das Brät zu kleinen Kugeln und legt es zu Preisselbeerkompott an Pommes und Erbsen auf einen Teller, dass sind das Köttbullar. Die gibt es bei IKEA, und sie sind moralisch ziemlich erhaben. Amerikanisches fast food richtet die Menschheit zu Grunde. Schwedischer Lachs oder eben Hackfleischbällchen, dabei erklingt ein leises Hosianna. Selbst Hot Dogs werden hier zu Hostien, auf die man sich zudem so viel Senf und Ketchup schmieren darf, wie man will. IKEA, das ist real existierender Sozialismus, konsumtechnisch aber auf hohem Weststandard.
Es gibt eben die Buletten des Bösen, Burger genannt, die aus den USA kommen und wahrscheinlich gerade im Nahen Osten einen Krieg anzetteln. Und es gibt die friedfertigen Bullar mit Preisselbeeren, die dem besseren Menschen munden und die Glöckchen der Freidensengel erklingen lassen. Von wegen, Hack ist Hack. Alles hat, wenn man ökologisch bewusst lebt, seine tieferen Gründe.
Der Gutmensch, das wissen wir längst aus den Schweden-Krimis und von Pipi Langstrumpf, wohnt in Skandinavien. Da kommen ja auch ursprünglich die Piraten her, die missratenen Kinder der Grünen. Aber nicht jeder hat das Glück, sich von Knäckebrot und den genannten Köttbullar vor Ort ernähren zu können. Darum zog diese wunderbare Marke des grünen Lifestyles um die Welt. Die Tempel der Gutmenschen sind nunmehr aller Orten kenntlich als blaue Hallen mit der Aufschrift IKEA.
Wohnst Du noch oder lebst Du schon? Teelichter mit Duft, das ist hier der Schlager. Marketingleute nennen das einen Schnelldreher. Kaum im Regal, schon verkauft. Weihrauch erfüllt als bald die schlecht gelüftete Spießerbude. Das Rezept hatte die katholische Kirche schon bei einer heiligen Handlung, die sich Wandlung nennt. IKEA wandelt das öde Leben in ein glückliches. Man kann sein Glück kaufen, jedenfalls ein ganz kleines Stück.
IKEA bietet einen Devotionalienhandel zu kleinen Preisen. Was früher ein Wässerchen aus Lourdes oder ein Splitter aus dem Kreuz des Herrn war, das ist heute die Duftkerze im Glas. Sie kostet 99 Cent, nicht mal einen Euro. Dafür erklingt das Glöckchen der Wandlung im eigenen Heim. Der Aufbewahrungscontainer für die Infanten heißt hier in der blauen Halle, wo Torben und Inga toben, Kinderparadies. Paradies, drunter tun sie es nicht; man liebt das große Wort.
Wir wissen nun, dass IKEA nicht nur die Fähigkeit war, Pressspanmöbel aus Polen als schwedischen Lifestyle zu verkaufen, sondern auch Sofas aus dem DDR-Knast, gefertigt von Zwangsarbeitern der SED-Diktatur. Wir haben den Schund des Ostens und seine Schande angebetet als Reliquien einer westlichen Welt, als Symbole unserer Freiheit. Dazu erinnere ich ein Wort des Bundespräsident, dem ich in dieser Woche bei einer großen Rede zugehört habe.
Gauck schlug im Berliner Adlon bei einer Werbeveranstaltung der Süddeutschen Zeitung auf und sprach zur Wirtschaftsethik. Das war eine wirklich gute Rede, die sich mit Freiheit und Verantwortung beschäftigte. Gauck predigte lutherisch: in fester Moral und handgreiflichen Beispielen. Ob ausgerechnet das Luxushotel Adlon der richtige Ort für eine solche Ansprache war, daran mag man Zweifel haben, aber wir wollen nicht beckmessern.
Vor dem Adlon bis runter zum Brandenburger Tor war schon am Vorabend eine Demo mit Lichterkette gegen das Unrecht in der Welt. Der Pariser Platz schimmerte weihnachtlich im Glanz der deutschen Gutmenschen. Die dabei massenhaft verwendeten Teelichter kosten im Beutel zu 48 Lichtern 1 € 99 bei IKEA. Das Teelicht wird also für 0,4 Cent verkauft. In einem Aluminiumbecher. Die Herstellung des Alubechers verzehrt etwa das fünfhundertfache an Energie, die das Lichtlein dann erbringt. Aber es kostet halt nichts; nun, dazu später.
Der Satz des Bundespräsidenten lautete: Wer eine Jeans für zehn Euro kauft, kann wissen, dass er damit an Verbrechen an der Menschlichkeit teilnimmt. Ich würde es noch schärfer sage: Mit diesen Spottpreisen finanziert man Kinderarbeit und Umweltzerstörung; man schafft sie geradezu. Denn es ist der Junkie, der die Drogenszene nährt, nicht der Dealer. Wer ein T-Shirt für zwei € erwirbt, macht sich schuldig, ob er das nun wahrhaben will oder nicht. Und wer einen Döner für 99 Cent verzehrt, isst Gammelfleisch; er ist nicht nur ein Idiot, sondern auch ein Verbrecher.
Denn wir tragen als Verbraucher die Verantwortung für die Voraussetzungen unseres Verhaltens. Die wahren Preise werden immer gezahlt; die Frage ist nur, von wem. Dass gerade die grünlackierte Öko-Generation, die die IKEA bevölkert, sich darüber hat hinwegtäuschen lassen, gehört zur Ironie der Geschichte. Und ist typisch zugleich.
Der grüne Zeitgeist ist eine Vulgär-Religion. Es gehört zum Wesen aller Religionen, dass ihnen selbst offenkundige Widersprüche nichts anhaben können. Die Welt retten und auf Kosten der anderen leben, das geht in der Seele des deutschen Hauptschullehrers. Solche Bigotterie ist dem gesamten grünen Milieu nicht fremd. Vielleicht ist es dessen Grundfeste. Es ist diese konsumorientierte Verlogenheit, die den moralischen Anspruch der Weltretter beflügelt. Ob Weihrauch oder Duftkerze, ob alte oder neue Verlogenheit, es stinkt zum Himmel.
Quelle: starke-meinungen.de