Logbuch
EIDGENOSSEN.
Ich höre tagein tagaus den Radiosender SWISS CLASSIC, weil dort niemand schwätzt oder Werbung macht. Lediglich Komponist, Stück und ausführende Künstler werden dezent angesagt. Leitkultur. Einer meiner Freunde ist dorthin ausgewandert; seine Familie hat inzwischen Schweizer Pässe. Aus dem Ruhrpott nach St. Gallen; auch eine Migrantenkarriere.
Warum steht auf seinem Auto aus der Schweiz eigentlich ein CH? Rechtschreibfehler? Chweiz? Nein, das rührt aus dem Lateinischen, weil die Helveten eine Conföderation gebildet haben, deshalb CH, besser bekannt als EIDGENOSSENSCHAFT. Ich lese dazu den wunderbaren Begriff der „Willensnation“. Ja, eine Nation ist ein Rechtskonstrukt, eine politische Willenserklärung. Mit Rasse und Klasse hat das nichts zu tun.
Die Schweiz hat gleich vier Sprachen; sie ist deutsch, französisch, italienisch und rätoromanisch. Die dreißig Kantone haben sich schon vor 500 Jahren aus den Diktaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen gelöst und bereits vor 700 Jahren zur Freiheit verschworen. Das gefällt mir. Ich sage nur WILHELM TELL. So begründet man eine Nation und ein Nationalgefühl. Verschworen zur Freiheit.
Als eher mühsam empfinde ich den „Kampf gegen Rechts“, den die amtierende linksliberale Regierung ausgerufen hat und dem sich NGOs nun governmental widmen. Unstrittig ist, dass es Reaktionäre und faschistische Kräfte in der CDU/CSU und vor allem der AfD gibt, denen politisch Einhalt zu gebieten ist. Keine österreichischen Verhältnisse, würde ich mal sagen. Aber die Insinuation einer zweiten Wannseekonferenz zur staatlichen Deportation von deutschen Staatsbürgern ausländischer Herkunft, das mag man als berechtigte Furcht nachsehen; stattgefunden hat es wohl nicht. Mir gefällt der laxe Umgang dieser steuerfinanzierten PR-Truppe mit der Wirklichkeit nicht, den sie sich selbst wegen ihrer höheren politischen Wahrheiten sehr selbstbewusst erlaubt.
Deutscher ist, wer die deutsche Staatsbürgerschaft hat; auch wir sind eine Willensnation. Selbstverständlich sollte man sich überlegen, wen man einlädt, sich dieser Willensgemeinschaft noch durch Migration anzuschließen, also wen man zusätzlich zum Eidgenossen machen möchte. Das wird aber immer eine Diskussion mit Haken und Ösen bleiben. Wenn dazu Witze erlaubt sind, würde ich mal fragen wollen, ob man auch tauschen kann. Ich hätte einige Angestammte abzugeben. Satire aus.
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SPREZZATURA.
Man kann es auskosten oder nur probieren. Das ist der Unterschied von Vielfraß und Feinschmecker. Früher kam ich zu Partys immer später und blieb bis zum bitteren Schluss; westfälische Reihe: Sekt, Wein, Bier, Schnaps, in dieser Reihenfolge. Jetzt komme ich sehr früh, zum sogenannten Einlass und putze mit Eröffnung des Buffets wieder die Platte.
Wenn Du als erster Gast da bist, hast Du eine Chance zu sehen, wie sich der Abend aufbaut. Wen man ansprechen sollte, wem aus dem Weg zu gehen ist. Gestern Abend in der riesigen Hauptstadtrepräsentanz der Telekom ein Parlamentarischer Abend des Wirtschaftsforums der SPD, ein vorparteilicher Lobbyclub. Ich bin dort, weil eine persönliche Freundin dort in Funktion ist; sie zu sehen, das freut mich einfach.
Dann treffe ich einen guten Bekannten, ein Pfadfinder wie ich, der es in der Immobilien-Mafia zu was gebracht hat. Da man sich in den Sozialen Medien beobachtet, reicht ein kurzer Abgleich dazu, was davon stimmte und was nicht, um sich abzudäten (sic). Wir schauen uns zusammen an, wie der Veranstalter sich die Arme bricht. Man soll einem völlig belanglosen Kabinettsmitglied lauschen, das nichts zu sagen hat. Die Moderatorin entblödet sich, während dieser salbadert, nicht, durch das munter schwätzende Publikum zu laufen und mittels alberner Gesten zum schweigsamen Zuhören aufzufordern. Vergeblich.
Dann einer meiner Lieblingsgegner, mit dem mich eine tiefe Abneigung verbindet. Der Mann sieht aus, als schlafe er unter Brücken. Aus einem schlechtsitzenden Baumwollanzug („Kombination“) ragt ein ungesund geröteter Glatzkopf mit dramatisch ungepflegter Nackenbehaarung, der sich ein Hundefrisör anzunehmen hätte. Er redet impulsiv auf sein Gegenüber ein; er redet immer ein. Zu meiden, der Mann. Dann Kumpels und, sehr nett, Kumpelinnen, eine davon inzwischen eine Frau Doktor designata, alle Achtung.
Erfreulicher Abschluss: Ich treffe meine Bundestagsabgeordnete am Eingang; sie kommt, als ich gehe. Kann ihr gratulieren zu der wirklich guten Kommunikation ihrer Mandatsausübung. Man fühlt sich als Wähler gut informiert, auch wenn man nicht jede parteipolitische Grille teilt. Ich lobe sie darob und man stellt sich ein baldiges Treffen im Wahlkreis in Aussicht. Auf der Straße ankommendes Taxi geschnappt und zur Tagesschau wieder zu Hause. Ha!
Man erkennt den Meister eines Fachs daran, wie leicht ihm die Dinge von der Hand gehen. Scheinbar mühelos. Sprezzatura, so nennt das der italienische Edelmann.
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PROJEKTION.
Das eigene Übel hineinzulesen in sein Gegenüber, das nennt der Soziologe eine PROJEKTION. Darum darf man Feindbildern nie trauen; es kann sein, dass sie nur ein Umkehrbild sind und das Unterbewusste des Freundes zum Wesen des Feindes machen.
Das gilt aber auch im sozialen Nahbereich. Beispiel Geschlechterrollen, heutzutage GENDER genannt und Sex. Ich lese in der New York Review of Books einen Essay einer Historikerin über das Werk einer Autorin über die Rolle des Weiblichen im Mittelalter, also vor mehr als tausend Jahren. Die Grundannahme der männlichen Quellen dieser Zeit war, lese ich, dass Männer kalt und trocken seien, Frauen dagegen heiß und feucht. Das schreibt das Frauenbild der bösen Verführerin fort, beginnend mit Eva im Garten Eden.
Ein wesentliches Motiv für die Sittenlehrer, die Fehlverhalten kanonisieren wollten, war die Frage, welche Ausreden die BEICHTE für Fehlverhalten zulassen sollte. Dabei fand die gewollte Nachsicht für männliche Delinquenz natürlich Eingang in die Beschreibung der Wirklichen. Es gibt interessante gynäkologische Spekulationen, warum Prostituierte bei Ausübung ihres Berufes nicht schwanger werden können. Natürlich gegen jeden Augenschein, aber mit der angenehmen Konsequenz, dass Freiern keine Vaterschaft zugerechnet werden konnte.
Der dombauende Bischof von Worms namens Burchard erörtert in seinem berühmten Buch, dem Liber Decretum, eine Ursache für übersteigerte sexuelle Lust bei Männern (die natürlich zu entschuldigen war, weil wesensfremd). Gesteigerte Leidenschaft sei auf eine fehlzubereitete Fischmahlzeit zurück zu führen, also Schuld der häuslichen Köchin. Unter hoher kanonischer Strafe stand eine Hexentechnik, die man nur mit Vorsicht zitieren kann, da unsere Zeiten das Drastische des Mittelalters verloren haben.
Man solle, so Bischof Burchard zu Worms, weibliche Kirchgänger darauf befragen, ob sie lebenden Fisch intravaginal verborgen hätten, den sie später ihren Gatten häuslich zubereitet zu servieren gedenkten, weil diese Zubereitungsart diabolisches Verlangen bei Männern auslöse. Hohe Strafen waren dafür angesetzt; höhere, berichten die Quellen, als für Kindesmord. Projektion als Wahrheitsbeweis der Inquisition. Dunkle Zeiten.
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Party statt Produktion: Wie wir uns verlieren
Vater Unser, das ist doch, sagt unser Gedächtnis an lang vergangene Zeiten, das Gebet, das uns der Religionsstifter gelehrt hat, zuletzt in Kindertagen aufgesagt. Pater Noster ist das Gleiche in Latein. Und ein sagenumwobener Aufzug. Quietschende Körbe bewegen sich in endlosem, vor allem aber ununterbrochenem Reigen; man springt auf und ab. Wem das nicht gelingt, dem drohen im Keller und auf dem Dachboden ungeheuerliche Gefahren. Ein Hinweisschild im Paternoster bestreitet das; aber wer mag das schon glauben, in einem Land, das Kraftwerke durch Windmühlen ersetzt?
Wir fahren in Flemings Deluxe Hotel am Eschersheimer Tor in den fünften Stock; dort oben bietet ein renommiertes Restaurant Aussicht. Man blickt auf den Eschersheimer Turm, in dessen Schatten einst die Frankfurter Rundschau gemacht wurde. Sie befindet sich in Liquidation. Meine Gäste werden sentimental. Die FR war ein Teil ihrer Jugend. Man las sie, bevor man im Hörsaal 6 Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit lauschte. Das Blatt war links-liberal in einer Zeit, als das Schwarze noch hegemonial war. Zu dieser Zeit bewohnte unser Paternoster-Gebäude noch ein Chemieunternehmen, das im Hörsaal 6 als IG-Farben-Nachfolger verschlissen wurde; man assoziierte das Vernichtungsgas Zyklon B und den Holocaust. Und die verhassten Konservativen der hessischen Union, bei denen das Schwarze braune Schatten warf.
Tempi passati. Der Revolutionär Cohn-Bendit wünscht sich heute eine Koalition mit den Schwarzen. Das Chemieunternehmen hat das Gebäude am Eschersheimer Tor geräumt und der Schickeria wird ein Hotel im kruden Charme der Fünfziger Jahre geboten. Wir essen im Edelrestaurant im 5. Stock für gut dreißig Euro das Stück (200 g) Steaks aus Argentinien. Weil die Kuh in der Idylle der Pampa nur gesundes Gras kriegt. Bio-Landwirtschaft lobt die Speisekarte aus. Die grüne Revolution ist angekommen. Man darf eine Karikatur des Zeitgeistes miterleben: Im rekultivierten Kasino des IG-Farben-Nachfolgers sitzt eine ökologisch gestimmte Petite Bourgeoisie beim Weinchen und weint dem linksliberalen Blatt nach, das seine Jugendträume beflügelt hat.
Gerichtet hat das Blatt schliesslich das Management seines Verlegers, namentlich der SPD, die es von der Karl-Liebknecht-Straße in Ostberlin aus betreiben wollte. Welch ein Irrsinn, für die Frankfurter Schule Konserven aus der Kantine einer SED-Bezirkszeitung. Die SPD hat die traditionsreiche Geschichte ihres publizistischen Versagens um eine weitere Schandtat bereichert.
Man seufzt. Energiewende: Windparks in der Nordsee, leider fehlen die Kabel, um den grünen Strom anzulanden. Solarindustrie: Von den Konkurrenten aus dem Reich der Mitte ruinert. Atomkraft: Die Industrie hat aufgegeben, die Götter mögen die Reste entsorgen. Es rauchen Tag und Nacht die Schlote in den Braunkohlerevieren in der Lausitz und dem Rheinland. Der Duft der DDR ist wieder da. Deutschland entindustrialisiert sich. Party statt Produktion.
Was ich noch erwähnen sollte: Zum Steak gab es Sprossengemüse aus dem Wok. Die mittels Sprossen aus Bienenbüttel, Niedersachsen, verbreitete EHEC-Seuche hat mehr Menschen umgebracht als Fukushima. Wir sinnieren darüber, während wir das Restaurant und den fünften Stock über ’s Treppenhaus verlassen. Ging ganz gut. Aber runter zu kommen, ist ja nie das Problem.
Quelle: starke-meinungen.de