Logbuch
KLARE KANTE.
Die Hauptstadt sucht nach einer Regierung; ein Wahlergebnis ist zu berücksichtigen. Man sondiert im Geheimen. Es verlautet, die Dinge seien schwierig. Finde ich nicht.
Ich möchte keine Faschisten an der Macht sehen, die die Verteufelung von Fremden in dem Konzept einer Volksgemeinschaft pflegen und Abstammung über Aufklärung stellen. Damit ist die AfD, egal, was sie sagt, raus.
Ich möchte keine Kommunisten an der Macht sehen, die Privatvermögen enteignen wollen, um die Wirtschaft wieder als Volkseigenen Betrieb führen zu können und den Staat über das Individuum stellen. Damit ist die Links-Partei, egal, was sie sagt, raus.
Ich möchte nicht in Berlin mit Befürwortern des islamischen Staatsterrors und Antisemiten Gettos bilden, die die Scharia einführen. Oder über Staatsbürgerschaft als biologisches Privileg reden und meinem Nachbarn mit Vertreibung drohen. Oder Europa zugunsten russischen Vasallentums verlassen wollen. Von den Freunden des organisierten Verbrechens nicht zu reden. Das alles möchte ich nicht, egal, was die so in den Senkel Gestellten jetzt sagen, um doch noch an die Futtertröge zu kommen.
Damit müssen die verbliebenen Parteien der bürgerlichen Mitte sich halt zusammenraufen, auch wenn einander verleidet. Schwarz rot grün. Zweckdienliche Lippenbekenntnisse faschistischer oder kommunistischer Lautung helfen ersatzweise nicht. Wenn es damit nicht reicht, Neuwahlen. So einfach ist das, wenn man Prinzipien hat.
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INTERNATIONALER FRÜHSCHOPPEN.
Heilige Orte der Bonner Republik. Wir sprachen über das italienische Restaurant Da Bruno. Dann muss noch erwähnt sein der Deutsche Presseclub im Regierungsviertel mit dem legendären Bartender Karl Rosenzweig, von jedermann „Karlchen“ genannt, auf dessen Diskretion angeblich Verlass war. Ich werde hier nichts Gegenteiliges behaupten, schon gar nicht etwas Ehrenrühriges. Will aber doch nicht verheimlichen, einen SPIEGEL-Reporter gekannt zu haben, der stante pede Satz wie Suppe stehen ließ, wenn ihm ein Anruf übermittelte, dass hier gerade eine sehr interessante Konstellation besoffen und redselig sei.
Stammgast bei Karlchen war Werner Höfer, der Ur-Vater des WDR und, solange ich auf der Welt, sonntags zu Mittag Gastgeber des „Internationalen Frühschoppens“, zu dem er mit eiserner Disziplin jeden Sonntag zu Wein und Tabak lud, um den Germanen an den Geräten eine kosmopolitische Runde der Auslandspresse zu bieten. Höfer residierte, wie gesagt, zum Feierabend oft bei Karlchen, wenn er nicht auf Sylt weilte, von wo der Barchef übrigens ursprünglich stammte. Der blasierte Höfer war ein Symbol für die neue Weltoffenheit der westgebundenen Republik, der Umerziehung mittels BBC, sprich öffentlich-rechtlichem Rundfunk, und der Nachkriegsverlogenheit der Deutschen. In seinen eigenen Worten sei er als NSDAP-Mitglied zwar kein Widerstandskämpfer gewesen, aber auch kein Schreibtischtäter. Das war gelogen; ich traf ihn in Bonn, als er darüber schon in Schande gekommen und in Ungnade war; ein gebrochener Mann. Wo ich ihn traf? Im Presseclub.
Dabei fällt mir ein, dass ein Berufskollege, mit dem ich mich wegen geschäftlicher Dinge zerstritten habe, über den Presseclub in der Brüningstraße zu erzählen wusste, den ich allerdings lange nicht gesehen habe; seine Mutter wirkte dort wohl als Gesellschaftsdame. Sven wusste jedenfalls viel Anekdotisches. Jetzt fällt die Bank, für die er auch mal sprach, in die Hände der Italiener. Italiener lässt man in die Küche oder die Kasematten, aber nicht an die Kanone oder die Kasse. Wünscht man, Kosmopolitik hin oder her, niemanden; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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GEHEIMER DIENST.
Der Bundesnachrichtendienst BND ist keine Nachrichtenagentur. Während diese alles Wichtige in die Welt posaunt, behält jener alles Wichtige für sich. Sollte man meinen. Außer der alte Chef braucht Knete, weil verspekuliert. Dann vermittelt er auch schon mal exotische Schlapphüte an Hoteliers-Eltern, die sich gegenseitig ihre Kinder entführen. Willkommen in der Halbwelt der Geheimdienste, wo Widersprüchliches wahr und die Moral vom Metzger.
Ehrlich gesagt, habe ich von diesem Thema keine Ahnung, gar keine. Ich kenne allerdings drei oder vier von diesen Geheimdienstkoordinatoren persönlich; das sind die als „Leiter BK“ getarnten Herrscher im Bundeskanzleramt, die dort regelmäßig alle Schlapphüte-Chefs zur Besprechung der „Lage“ versammeln. Das ist so geheim, dass an deren Privatwohnungstüren Müller steht, selbst wenn sie Meier heißen. Unauffällig sein, ist alles. Jetzt rückte ein ehemaliger BND-Chef echt wenig unauffällig in U-haft ein, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich wollte von DA BRUNO erzählen. Der war seinerzeit in Bonn eine Institution als „Kohls Italiener“, ein Trivialmythos. Dessen Lokal lag in Godesberg neben der nigerianischen Botschaft, von der man in Kreisen der Dienste wusste, dass die Jungs immer klamm. Bruno konnte Pasta und hatte Zimmer zu vermieten. Es zog dort zur Untermiete ein der erste freigewählte Oberindianer der DDR, Lothar de Maziere, dessen Presse-Tusse eine gewisse Angela Merkel war. Bei Bruno war immer voll. Alle Tische ausgebucht. Entweder waren die Schlapphüte da wg. Kohl. Oder wg. der Zehndollaragenten aus Afrika. Oder wg. dem Ostdeutschen und seiner Pfarrerstochter. Oder zur vorsorglichen Beobachtung der anderen Agenten. Mittendrin meiner Mutter Sohn. Viel Spaß gehabt damals.
Berlin war schon immer ein Moloch dessen, was die Bonner Republik nur als Puppenstube übte. Also Frage vom Fach: Woran erkennt man einen Agenten? Das ist nicht schwer. Er ist unauffällig. Je unauffälliger, desto geheimer. Sollte einer total unauffällig sein, ist es höchst wahrscheinlich ein Doppelagent.
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Das Ende der rosa Zeiten: Warum eine Zeitung starb
War sie nun pink oder lachsfarben, die deutsche Financial Times? Jedenfalls nie schwarz. Eine viertel Million Euro oder eine halbe hat das Blatt in den Sand gesetzt. Wie kann man eigentlich dem Rest der Welt Lektionen über Wirtschaft erteilen wollen, aber selbst nichts davon verstehen? Man kann, als Journalisten, weil dies der Berufsstand mit besonderem Recht auf das Paradoxe ist.
Paradox ist die Wehmut der Lachsfarbenen. Es hat sie jener Neoliberalismus gerichtet, zu dessen Lob und Preis die Rosa Gang angetreten war. Christoph Keese hatte aus allen Redaktionen Journalisten zusammengekauft, wenn sie denn nur plietsch genug waren. Die Tempel dieser Frischen standen in der City und der Wall Street. Die Deutschland AG roch nach Muff. Die Plietschen wollten ein Blatt für den Casino-Kapitalismus. Der ist aber, welch eine Neuheit, zyklisch. Im Moment sind wir unten, ganz unten. Und Schuld haben, wen wundert es, die anderen.
Bei Barbie sitzt eine larmoyante Schar geschasster Journalisten. Sie nennen Barbie nicht bei ihrem Spitznamen, sondern sagen brav Karin. Die Fischküche um die Ecke von Gruner & Jahr ist in zwei Jahrzehnten zu einem Medientreff geworden; das gekachelte Restaurant mit dem Charme einer Aufbahrungshalle hat die FTD von Kindertagen an erlebt. Damals konnten die Herrschaften vom rosa Blatt vor Kraft nicht gehen und rissen Witzchen über die Inhaberin, die mit einem Fischrestaurantmogul aus dem Hafen in Verbindung gebracht wurde. Heute ist die „Schülerzeitung“ (Karin über das Blatt ihrer Gäste) platt, und die als Barbie verspöttelte Karin gibt der Fischküche selbstbewusst ihren Nachnamen. Willkommen in Brahms Restaurant, Kajen 12 am Binnenhafen.
Im Schein der roten Lampions, mit denen Brahm die Leichenhalle anheimelig zu gestalten sucht, werden die Wangen der Gescheiterten rot. Die Industrie habe versagt, weil sie nicht hinreichend Anzeigen geschaltet habe und nicht massenhaft Abos gezeichnet. Das habe sie jetzt davon, die Industrie. Ich sitze nicht zum ersten Mal hier und wundere mich. Die jetzt der mangelnden Unterstützung gescholtenen Unternehmen waren früher eigentlich immer nur die Arschlöcher, denen man es schon zeigen werde. Und deren Pressesprecher die Oberdeppen.
Einer der Gründungschefredakteure hat den Plan jetzt noch mal in einem Nachruf bekräftigt. Man habe nicht mit Pressesprechern reden wollen, sondern nur direkt mit den Vorstandsvorsitzenden, referiert Christoph Keese in der WELT. Und sein Redakteur Smolka leckte im eigenen Blatt die Wunden: Eine diktatorische Medienpolitik der PR-Leute habe sie gar nicht an die Vorstände rangelassen. Wohl wahr, als Ersatz gingen dann einschlägige Spin-Doctoren beim späteren Chef Klusmann ein und aus. Statt stolzem Angeln von Lachsen wurde dann im Trüben gefischt. Nicht immer, nicht von allen, aber doch allzu oft. Wir, die stigmatisierten Pressesprecher, wissen, wer bei der FTD platzieren durfte; nicht die Gentlemen der Branche.
Keese sagt, sie hätten sich nur den Aktionären der Unternehmen gegenüber verantwortlich gefühlt, nicht dem Management oder der Belegschaft. Gowers feiert das Blatt als Fanfare des Shareholder Value. Hier liegt die bittere Wahrheit. Der Tunnelblick galt der Börse. Kultur hieß hier Aktionärskultur. Die FTD war, die Herren räumen das noch immer freimütig ein, ein Spekulantenblatt. Shareholder Value ist das Mantra eines entfesselten Finanzkapitalismus; richtiger gesagt: war das Mantra. Tempi passati.
Wo ging Andrew Gowers nach seiner Zeit als Chefredakteur der FT hin? Als PR-Chef zu Lehman Bros., ja, der berühmt-berüchtigten Investmentbank, deren Pleite die internationale Finanzkrise auslöste. Dann zu BP. Ja, Deepwater Horizon… Und Christoph Keese, das Talent von Bertelsmann, ist heute Public-Affairs-Manager bei Springer, ja, bei Axel Springer. Das erscheint nun den Arbeitslosen in Barbies Fischküche wie ein Menetekel.
Die FTD ist nicht journalistisch gescheitert, nun gut, aber sie hat sich journalistisch auf Kreise und auf Zeiten abonniert, die vorbei sind. Und dafür tragen nicht Schicksalsschläge die Schuld, sondern eben jene Helden, zu deren Verehrung Gowers und Keese angetreten sind. Tragisch. Karin bringt noch eine Runde billigen Grauburgunders. Der zu kalte Wein wird gestürzt. Der Abend, sage ich voraus, wird auf der Reeperbahn enden. Genau, böse enden, sagt Barbie. Und die kennt sich aus. Denn sie ist wirklich plietsch.
Quelle: starke-meinungen.de