Logbuch

ZEIT BEHERRSCHT ALLES.

Was so auf alten Uhren steht: „Tempus Rerum Imperator“. Das stimmt ja nicht, dass die Zeit alles beherrsche. Mit ihr. Mittels ihrer. Wir sind nicht als Sklaven geboren.

Als die Alten Römer am Capitol die erste SONNENUHR anbrachten, eine Kriegsbeute, lästerte Plautus, das sei Unsinn. Er trage einen verlässlichen Zeitmesser in sich, seinen knurrenden Magen. BROT & SPIELE.

Die Sozialgesetze ENGLANDS, die Kinderarbeit auf zehn Stunden pro Tag beschränkten, legten Wert darauf, dass die Zeit mit öffentlich zugänglichen Uhren gemessen wurde. Nicht mehr durch die Willkür der Fabrikglocke. Daher später BIG BEN.

Kirchenglocken strukturieren nicht nur den Tag, sie mahnen den Gläubigen zum Glauben. Bei den Muslimen ruft sogar jemand vom Turm zum Gebet. Öffentliche Gebäude hatten früher immer eine Uhr. Kurzum: ZEIT ist MACHT. Genauer gesagt, die Zeit ansagen zu dürfen, heißt MACHT HABEN.

Die Glocke an der Wall Street ist ein altes Symbol für die HERRSCHAFT dessen, was heute in Millisekunden gemessen wird. Aber auch das ja nur ein FETISCH für den Handel mit FETISCHEN, Aktien, die für Geld stehen, ein weiterer FETISCH. Sklaven unterwirft man mit FETISCHEN.

Ich beginne diesen Sonntag mit Kaffee und dem Vorsatz, dass dem GLÜCKLICHEN keine Stunde schlägt. Jedenfalls am Tag des Herrn. Jedenfalls noch eine Viertelstunde, dann beginnt die Kirchenglocke zu plärren. Kurzes Glück.

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GUTMENSCHEN.

Man kann bei den NATIONALCHARAKTEREN nur lernen. Warum zum Beispiel bewundern die eher kleinen dunkelhaarigen Italiener blonde Riesinnen mit großem Busen? Wegen der Wikinger.

Ein Norweger berichtet: Er sei in einer roten Hütte am Fjord aufgewachsen. KINDNESS, HONESTY & HARD LABOUR hätten seine Jugend geprägt. Und so habe er sich eine offene Gesinnung für die Welt erworben. Ein GUTMENSCH, der Norweger.

Ich liebe dieses Land und seine Menschen. Auf einen Fjord zu blicken vom Sonnenaufgang bis tief in die Nacht, das beruhigt die Seele. Oslo ist eine wunderschöne Stadt. Die Weihnachtsessen der Deutsch-Norwegischen Gesellschaft gehören zu meinen schönsten Weihnachtserinnerungen. Ein Geschlecht großer Menschen; jedenfalls hochgewachsen.

Das mit der Freundlichkeit und der Ehre und der harten Arbeit sagt eine sonore Stimme im englischen Radio. Der Herr wirbt für Urlaubsreisen auf den Flüssen und Meeren Nordeuropas mit dem Unternehmen VIKINGS. Engländer sollen sich in perfektem Komfort von den Wikingern um die Welt schippern lassen. „Spoil yourself“ lautet der Euphemismus.

Das ist urkomisch. Die Wikinger haben vom 8. Jahrhundert an in ganz Nordeuropa RAUBHANDEL getrieben. Es waren SEERÄUBER der besonders grausamen Art. Ihre BRUTALITÄT füllt ganze Sagen. Und feige waren sie. Weil sie sich mit ihren primitiven Booten nicht auf Fernreisen wagten, plünderten sie vorwiegend längst der Küsten, am liebsten in Flüssen und ausschließlich UFERNAH.

Nach Plünderung der Siedlungen und Vergewaltigung der Bewohnerinnen kam es gelegentlich zu Sesshaftigkeit, aber nie lang, dann zog es die BARBAREN wieder auf die Boote. Längst der Küsten, bis runter nach Sizilien. Da kommen die hochgewachsenen blonden Italienerinnen her, vom gelegentlichen Besuch der Wikinger.

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TEA BOYS.

Vorwurf: Militär wie Polizei entführten gewohnheitsmäßig Knaben vom Basar, die sie dann zu ihren Sex-Sklaven machten. Dieser Kindesmissbrauch bei Afghanischen Uniformierten wurde von der NATO ausdrücklich als örtliches Brauchtum toleriert. Man sprach von Tea Boys.

Die Gerüchte betreffen unsere Partner in den zwei Jahrzehnten der Besetzung. Erst ausgerechnet die Taliban sollen diesem Spuk ein Ende bereit haben. Nachdem der „Teufel USA“ aus dem Land gejagt war, sagen die Taliban. Fragen über Fragen.

Die USA hatten ihre dort eingesetzten Militärs aufgefordert, den „man-love Thursday“ und die Praxis der adoleszenten Diener zu tolerieren; lese ich in einer Rezension zu zwei rekapitulierenden Büchern über den Afghanistan Krieg: AMERICAN WAR IN AFGHANISTAN.

Beispiel: Ein gewisser Dan Quinn, Captain der Special Forces, soll vom Kommando entbunden und nach Hause geschickt worden sein, als er einen Offizier der befreundeten afghanischen Armee („allied forces“) zusammengeschlagen hatte, weil der seinen Tea Boy mit einer Kette an sein Bett gefesselt hatte.

Man wollte, so die NATO-Logik, die Alliierten im gemeinsamen Kampf gegen die Taliban nicht irritieren. Ich lese hierzu den Begriff, das sei eben „indigenous cultural practise“. Es geht um jene Herrschaften, unsere Alliierten, die nach der Flucht der NATO-Truppen sofort kapitulierten und faktisch zu den Taliban übergelaufen sind. Man kann nicht wissen, ob diese Vorwürfe zutreffen und wenn, ob es sich um Einzelfälle oder ein regelrechtes Milieu handelt.

Dass die Korruption durch die Amerikaner nicht beendet wurde, sondern bedient, ist aber unzweifelhaft. Dass Rauschgift-Produktion und -Handel nicht beendet, sondern geduldet worden sind, ebenfalls. Dass die WAR LORDS in den Provinzen nicht abgesetzt, sondern in Kollaboration erstarkten… Dass im Ergebnis der islamistische Terror und die Taliban …

Vietnam war ein Menetekel, Afghanistan ist eines. Nach allem, was man so liest, haben wir Grund, uns zu schämen.

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Das Jahr der Tragödie Wulff

In der Besinnlichkeit der Weihnachtstage sollte man vergeben können. Alles verstehen heißt alles verzeihen. An dem ehemals Ersten Mann im Staate Christian Wulff hat sich eine Tragödie vollzogen. Der gefallene Held konnte seinem Schicksal nicht entgehen; das versteht man, wenn man weiß, woher er kam. Ortstermin Hannover.

Nichts ist doofer als Hannover, sagt Moritz Hunzinger, der neue PR-Berater von Wulff, wenn man den Gazetten glauben darf. Hunzinger sitzt im besseren Teil von Frankfurt am Main; uns zieht es heute an die Leine.

In der Holländischen Kakao-Stube in der Ständehausstraße lese ich die schon reichlich abgegriffene BILD am Sonntag vom letzten Sonntag. Für das Blatt untypisch, ist die wirkliche Sensation innen versteckt. Der bravouröse Enthüllungsjournalist Kayhan Özgenc (ortsüblich: „der Kampftürke“) hat ein Dokument aus dem Bundespräsidialamt ergattert und druckt es als Faksimile ab. Das ist ein epochaler Bericht zur Tragik der Macht. Wir sehen darauf die grüne Schrift (ortsüblich: Cheffarbe ist grün), Aufzeichnungen des Herrn Bundespräsidenten. Wir werden, wenn das denn nun authentisch ist, Zeuge einer Straftat.

Die Beamten des Bundespräsidenten geben Presseanfragen an den Ersten Mann im Staate wieder und empfehlen ihrem Chef Antworten. Es geht um den Kredit, mit dem Herr Christian und Ehefrau Bettina ihr spießiges Häuschen in der Nähe Hannovers bezahlt haben. Der Verdacht bestand, dass das Geld von einem örtlichen Versicherungsunternehmer namens Maschi stamme. Tatsächlich war es aber wohl aus der Schweiz geleitetes und in einen anonymen Scheck gewandeltes Geld eines befreundeten Autoschiebers oder dessen Frau. Zu dieser Verbindung hatte Wulff als Ministerpräsident zuvor seinem Landtag nicht die Wahrheit gesagt, jedenfalls nicht die volle.

Der Freundschaftskredit war später, als Entdeckung drohte, in ein Darlehen der BW-Bank gewandelt worden. Nun schreibt Wulff, wenn das Dokument echt ist, handschriftlich auf die Frage, von wem die Finanzierung stamme: „Die BW-Bank ist der Kreditgeber.“ Das wäre wieder nur eine halbe Wahrheit gewesen, noch eine. Dann fügt er laut BILD hinzu: „Die BW-Bank war und ist der Kreditgeber.“ Das wäre eine volle Lüge. Weiter schlägt die grüne Handschrift vor, dass nicht das deutsche Staatsoberhaupt, sondern ein Sachbearbeiter der Bank das der Presse sagen solle. Das wäre, to say the least, Vorsatz und zeugte von krimineller Energie. Wie dumm kann man sein? Nun, hier galt das als schlau. Es ist ortstypische Advokatenschläue.

Die Spitze dessen, was in Hannover „Gesellschaft“ heißt, isst in der „Insel“, einem Lokal in einer Freibadanlage am Maschsee, einem Tümpel, den seinerzeit (Sie wissen schon) der Arbeitsdienst ausgehoben hat. Der noch immer kleinwüchsige, inzwischen aber korpulente Winzersohn Schu von der Mosel hat hier einen Szenetreff aufgezogen. Wir sitzen an dem Tisch, an dem seinerzeit das Ehepaar Wulff mit dem Ehepaar Oettinger (jetzt EU) dinierte. Man konnte das schon damals allgemein wissen, weil ein Ehepaar mit Kindern vom Nachbartisch um ein Foto mit den Infanten bat und Wulff einwilligte. Am Tag drauf war das Foto in der BILD, mit einem schwarzen Balken über den Kindergesichtern, aber die beiden Politiker jeweils mit ihren ehelichen Neuerwerbungen, stolz wie Oskar. Man war in dem, was man „second gear“ nennt; jeder der unglückseligen JFKs hatte seine neue Jacky an der Seite. So war das damals, als die Welt noch in Ordnung war.

Die penetrante Kellnerin rappelt ungefragt als Empfehlung der Küche Gerichte herunter, die sich alle hinterher in der Speisekarte finden. Der Fischteller des Hauses wäre mit Fischresten an Gemüseresten treffender beschrieben, aber man beschwert sich nicht, wenn man weiß, wie schlecht das Essen in den örtlichen Altenheimen ist. Schu’s Restaurant, das ist Essen auf Rädern ohne Räder. Geordert wird ein „guter, aber bezahlbarer“ Weißwein. Die erste Flasche Riesling steht später mit 118 und die zweite mit 138 Euro auf der Rechnung, auf der sich auch noch ein Gericht befindet, das gar nicht serviert wurde. Man lässt sich seine Geltungssucht was kosten in Hannover.

Mir wird klar, dass „petite bourgeois“ ein kulturelles Kriterium ist, aber kein finanzielles. Das Provinztheater ist in jeder Hinsicht klein, aber es kostet richtiges Geld. Das muss nicht stören, wenn man altes Geld hat und es nicht obszön findet, es so auszugeben. Was aber macht hier ein frisch geschiedener Rechtsanwalt mit MP-Salär. Er ist aufgeschmissen. Außer sein Pressesprecher hat eine Idee…

Mit dem Nachtzug nach Berlin entfliehen wir dieser Stadt, die das gewisse Nichts zu einem Dünkel entwickelt hat. Der Hamburger beschreibt die Tragik des Ortes und seiner Helden mit dem schönen niederdeutschen Wort: „Wenn Schiet watt wiet…“ Das ist die Tragödie des Christian Wulff. Er wollte als Ente mit den Schwänen fliegen. Der Schwan in Wulffs Vita hieß Gerd Schröder, dessen rotweinselige Besuche Schu’s Restaurant groß gemacht haben. Schröder war immer fest entschlossen, seine Karriere als Komödie enden zu lassen, aber auch das war knapp. Hunzinger hat recht, nichts ist doofer als Hannover.

Quelle: starke-meinungen.de