Logbuch
KONSTRUKTIV.
Der Unternehmer sei idealerweise ein „konstruktiver Zerstörer“, hat sich Schumpeter vor 100 Jahren gewünscht. Heutzutage meint dies das Modewort des DISRUPTIVEN. Etwas RADIKALES wird ersehnt.
Fortschritt ist manchmal eher schwierig. Eine Evolution pflegen zu müssen, das klingt mühsam. Man muss Übergänge gestalten. Böse Brüche verhindern. Die MENSCHEN mitnehmen. Revolution ist als Idee geiler. Wenn das Neue einfach RATZ FATZ käme, das wäre weniger anstrengend. In der Französischen Revolution hat hier das Fallbeil des Doktor Guillotine hilfreiche Dienste geleistet.
Wie geht die Technikgeschichte? In der berühmten Theorie der LANGEN WELLEN kommt auf die Dampfmaschine für Spinnereien die Dampfmaschine für die Eisenbahn; das war KOHLE. Und STAHL. Dann kam ÖL, sprich die Verbrenner. Dann die INFORMATION, sprich STROM. Ratzfatz unterbrach jede neue Technik jeweils die alte. Diese etwas zu glatte Theorie stammt von einem Russen namens Kontratjew oder so. Darauf hat dann der Österreicher Schumpeter gesattelt. Darauf wiederum der Südafrikaner Elon Musk.
Innovative Sprünge hat meine Generation mit dem Computer erlebt. Der Vorsprung der Amis aus dem Silicon Valley, die als INNOVATOREN in den Garagen ihrer Eltern begannen, ist fast nicht mehr aufzuholen. Das DIGITALE unterbrach unzweifelhaft das ANALOGE, eben eine „disruptive Innovation“. Ich habe meine Doktorarbeit noch auf Karteikarten getippt, erst auf „Erica“, einer Reiseschreibmaschine, dann mit einer elektrischen Tipp-Apparatur von IBM (Kugelkopf), ein Gerät am Übergang der Zeiten, noch ganz ohne KÜNSTLICHE INTELLIGENZ: Das war in der Tat der letzte doofe Apparat.
Also, die PARADIGMEN wechseln. Die Natur macht keine Sprünge, die Technik schon. Die POLITISCHE Aufgabe lautet: den Paradigmenwechsel sozial gestalten können. Klingt betulich, ist aber bei Leibe kein Kinderspiel. Außer man bemüht wieder die glorreiche Erfindung des Doktor Guillotine.
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TABUS.
Drei Tabus fallen gerade: Sternegastro, Kernenergie und Gentechnik. Das eine ist jetzt „out“. Die anderen beiden sind nunmehr „in“. Neue Moden.
Sterneköche waren die Helden der Gastronomie, Halbgötter in Weiß. Ich habe im Elsass schon für einen Gang mit 1 Ei so um die 50€ gegeben. Geholfen hat es nicht. Nach und nach sind alle pleite. Man hört von Arbeitsplatzwechseln in Kindergärten und Krankenhausküchen. Vom Haubenkoch zum Kantinenwirt. Der wunderbare FRÜHSAMMER in Berlin war der erste. Und SVEN ELVERTSFELD vom AQUA in Wolfsburg wird nicht der letzte sein.
Atomkraft kommt wieder. Unter der erbarmungslosen MONOKAUSALITÄT der Klimadebatte ist jedweder KOHLENWASSERSTOFF verteufelt, sprich Kohle wie Öl wie Gas. Man will nun Kleinkraftwerke auf nuklearer Basis in die Vorgärten stellen. Die gibt es schon von Rolls Royce als U-Boot-Antriebe. Opa Hoppenstedt wird wahr. Frankreich ist dafür, England auch. Der Rest der Welt war nie skeptisch. Meinen Diesel im Auto verlieren und ein Atom-U-Boot im Hinterhof gewinnen. Echt?
Muss man Mutter ERDE als Schöpfung hinnehmen oder darf man auch selbst Schöpfer:in spielen? Man darf. Längst wird an der DNA gebastelt. Nicht nur in chinesischen Laboren (ich habe nie an die mythische Ursache in Fledermäusen geglaubt, ein DRACULA-Narrativ), auch in den GELDMASCHINEN, die nun Impfstoffe produzieren. Wir sollen BIG PHARMA als Schöpfer:in lieben lernen. Klingt ein wenig nach 1984 von George Orwell.
Und was sage ich dazu? Nun, die meisten Sterneköche benehmen sich in ihren Küchen wie Idioten. Um die ist es nicht schade. Aber eine bedingungslose PROLIFERATION von Nuklear- und Gentechnik? Darf ich da noch mal drüber nachdenken?
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VORBILD.
Die ganz Klugen machen die ganz einfachen Dinge richtig. Nicht nur die Komplizierten. Zum Beispiel tragen sie, wenn unter Menschen, eine Maske.
Wie stellt man sich eine Forscherin vor, die dreißig, vierzig Preise und acht oder zehn Ehrenpromotionen auf dem Buckel hat; einen Nobelpreis für Chemie noch oben drauf? Jedenfalls ohne Buckel. Neben mir steht die Erfinderin der Genschere.
Eine fröhliche junge Frau, fast ein wenig flapsig. Mit der schlechten Lautung des Englischen, die alle Franzosen haben. Franzosen kriegen kein ordentliches Englisch hin; schlimmer nur noch Spanier. Eine zierliche Erscheinung mit geradezu mädchenhaften Zügen. Was habe ich erwartet? Eine Riesin? Eine Greisin? Marie Curie?
Sie hat die Welt der Krankheitserreger epochal erhellt und ist Viren auf die Schliche gekommen. Oder Bakterien. Keine Ahnung. Und wohl deren DNA. Die kann sie modellieren. Stichwort Genschere. Ich weiß wahrlich nicht, wovon sie redet. Und immer wieder taucht ein Gedanke auf, den ich zu verstehen glaube: „Viren verändern sich, um zu leben; sie leben, um sich zu verändern.“ Schweinepriester.
Sie trägt beim Sektempfang übrigens als einzige Person unter den 2Gs eine MASKE, die sie erst später, beim Essen, ablegt. Wenn die das macht, sollte mir das ein Vorbild sein. Schließlich ist sie die Marie Curie unserer Tage. Möge sie gesünder bleiben, als es jener vergönnt war.
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Das Jahr der Tragödie Wulff
In der Besinnlichkeit der Weihnachtstage sollte man vergeben können. Alles verstehen heißt alles verzeihen. An dem ehemals Ersten Mann im Staate Christian Wulff hat sich eine Tragödie vollzogen. Der gefallene Held konnte seinem Schicksal nicht entgehen; das versteht man, wenn man weiß, woher er kam. Ortstermin Hannover.
Nichts ist doofer als Hannover, sagt Moritz Hunzinger, der neue PR-Berater von Wulff, wenn man den Gazetten glauben darf. Hunzinger sitzt im besseren Teil von Frankfurt am Main; uns zieht es heute an die Leine.
In der Holländischen Kakao-Stube in der Ständehausstraße lese ich die schon reichlich abgegriffene BILD am Sonntag vom letzten Sonntag. Für das Blatt untypisch, ist die wirkliche Sensation innen versteckt. Der bravouröse Enthüllungsjournalist Kayhan Özgenc (ortsüblich: „der Kampftürke“) hat ein Dokument aus dem Bundespräsidialamt ergattert und druckt es als Faksimile ab. Das ist ein epochaler Bericht zur Tragik der Macht. Wir sehen darauf die grüne Schrift (ortsüblich: Cheffarbe ist grün), Aufzeichnungen des Herrn Bundespräsidenten. Wir werden, wenn das denn nun authentisch ist, Zeuge einer Straftat.
Die Beamten des Bundespräsidenten geben Presseanfragen an den Ersten Mann im Staate wieder und empfehlen ihrem Chef Antworten. Es geht um den Kredit, mit dem Herr Christian und Ehefrau Bettina ihr spießiges Häuschen in der Nähe Hannovers bezahlt haben. Der Verdacht bestand, dass das Geld von einem örtlichen Versicherungsunternehmer namens Maschi stamme. Tatsächlich war es aber wohl aus der Schweiz geleitetes und in einen anonymen Scheck gewandeltes Geld eines befreundeten Autoschiebers oder dessen Frau. Zu dieser Verbindung hatte Wulff als Ministerpräsident zuvor seinem Landtag nicht die Wahrheit gesagt, jedenfalls nicht die volle.
Der Freundschaftskredit war später, als Entdeckung drohte, in ein Darlehen der BW-Bank gewandelt worden. Nun schreibt Wulff, wenn das Dokument echt ist, handschriftlich auf die Frage, von wem die Finanzierung stamme: „Die BW-Bank ist der Kreditgeber.“ Das wäre wieder nur eine halbe Wahrheit gewesen, noch eine. Dann fügt er laut BILD hinzu: „Die BW-Bank war und ist der Kreditgeber.“ Das wäre eine volle Lüge. Weiter schlägt die grüne Handschrift vor, dass nicht das deutsche Staatsoberhaupt, sondern ein Sachbearbeiter der Bank das der Presse sagen solle. Das wäre, to say the least, Vorsatz und zeugte von krimineller Energie. Wie dumm kann man sein? Nun, hier galt das als schlau. Es ist ortstypische Advokatenschläue.
Die Spitze dessen, was in Hannover „Gesellschaft“ heißt, isst in der „Insel“, einem Lokal in einer Freibadanlage am Maschsee, einem Tümpel, den seinerzeit (Sie wissen schon) der Arbeitsdienst ausgehoben hat. Der noch immer kleinwüchsige, inzwischen aber korpulente Winzersohn Schu von der Mosel hat hier einen Szenetreff aufgezogen. Wir sitzen an dem Tisch, an dem seinerzeit das Ehepaar Wulff mit dem Ehepaar Oettinger (jetzt EU) dinierte. Man konnte das schon damals allgemein wissen, weil ein Ehepaar mit Kindern vom Nachbartisch um ein Foto mit den Infanten bat und Wulff einwilligte. Am Tag drauf war das Foto in der BILD, mit einem schwarzen Balken über den Kindergesichtern, aber die beiden Politiker jeweils mit ihren ehelichen Neuerwerbungen, stolz wie Oskar. Man war in dem, was man „second gear“ nennt; jeder der unglückseligen JFKs hatte seine neue Jacky an der Seite. So war das damals, als die Welt noch in Ordnung war.
Die penetrante Kellnerin rappelt ungefragt als Empfehlung der Küche Gerichte herunter, die sich alle hinterher in der Speisekarte finden. Der Fischteller des Hauses wäre mit Fischresten an Gemüseresten treffender beschrieben, aber man beschwert sich nicht, wenn man weiß, wie schlecht das Essen in den örtlichen Altenheimen ist. Schu’s Restaurant, das ist Essen auf Rädern ohne Räder. Geordert wird ein „guter, aber bezahlbarer“ Weißwein. Die erste Flasche Riesling steht später mit 118 und die zweite mit 138 Euro auf der Rechnung, auf der sich auch noch ein Gericht befindet, das gar nicht serviert wurde. Man lässt sich seine Geltungssucht was kosten in Hannover.
Mir wird klar, dass „petite bourgeois“ ein kulturelles Kriterium ist, aber kein finanzielles. Das Provinztheater ist in jeder Hinsicht klein, aber es kostet richtiges Geld. Das muss nicht stören, wenn man altes Geld hat und es nicht obszön findet, es so auszugeben. Was aber macht hier ein frisch geschiedener Rechtsanwalt mit MP-Salär. Er ist aufgeschmissen. Außer sein Pressesprecher hat eine Idee…
Mit dem Nachtzug nach Berlin entfliehen wir dieser Stadt, die das gewisse Nichts zu einem Dünkel entwickelt hat. Der Hamburger beschreibt die Tragik des Ortes und seiner Helden mit dem schönen niederdeutschen Wort: „Wenn Schiet watt wiet…“ Das ist die Tragödie des Christian Wulff. Er wollte als Ente mit den Schwänen fliegen. Der Schwan in Wulffs Vita hieß Gerd Schröder, dessen rotweinselige Besuche Schu’s Restaurant groß gemacht haben. Schröder war immer fest entschlossen, seine Karriere als Komödie enden zu lassen, aber auch das war knapp. Hunzinger hat recht, nichts ist doofer als Hannover.
Quelle: starke-meinungen.de