Logbuch

INSIDER.

Nur keine Überraschungen. Das ist das interne Motto jener, die nach außen SENSATIONEN zu verkaufen suchen. Ich habe manchmal ehrliches Mitleid mit Journalisten. Wenn die schlauer tun müssen, als sie sein können.

In einem Weltkonzern ereignet sich ein plötzlicher und für viele unerwarteter Führungswechsel. Das kann passieren, wenn die tatsächliche Lage nicht dem Bild entspricht, das LINKED-IN und TWITTER davon gezeichnet haben. Dafür fehlt den Internet-Helden jedes Gespür. Weil sie das Lob im Netz für das Leben halten. Und nun das; die Überraschung ist perfekt. Und wir, das staunende Publikum, erwarten jetzt, dass uns INSIDER erklären, was wirklich passiert ist. Der überraschte Journalist wird in seinen literarischen Fähigkeiten gefordert; insbesondere weil er diesmal nicht den Eindruck erwecken kann, dass er die Lage herbeigeschrieben hat.

Jetzt taucht ein ganzes Ensemble von Nebelwesen in der Presse auf. Sogenannte INSIDER, die nicht namentlich genannt werden wollen. Anonyme Zeugen. Man liest von QUELLEN („scources“), die nah am Geschehen sind. Der FLURFUNK wird zitiert; im Englischen “hallwayradio“ genannt. Paaah! Man muss bei Informanten immer vorsichtig sein, weil sie stets ein drittes Interesse haben. Bei diesen Nebelwesen aber kann man getrost davon ausgehen, dass sie frei erfunden sind. Die große Stunde der Vogelschauer. Ein Kabarett der Auspizien.

Im alten Rom gab es AUGUREN, die die Zukunft voraussagten, indem sie den Vogelflug oder die Eingeweide von Opfertieren untersuchen. Der weise Cato, genannt der Ältere, pflegte zu fragen: „Warum lächelt der Vogelschauer, wenn er einen anderen trifft?“ Eigentlich grinsen die sich vertraut an, die Herren Wahrsager. Na, weil sie beide wissen, dass sie frei fabulieren. Und trotzdem damit durchkommen.

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NARRENFREIHEIT.

Am Morgen nach dem Christopher Street Day frühmorgens um sieben in der U-Bahn unter jenen Touristen, die gestern zum Feiern kamen und kein Hotel buchten, weil es durchgehend gehen sollte. Alter Schwede.

Ich respektiere, dass eine fortgesetzte Diskriminierung von privatem Verhalten öffentlich kritisiert wird, nachdem der Staat einen Strafanspruch gegen deviantes Verhalten endlich aufgegeben hat und die sexuelle Präferenz den privaten Freiheiten überlässt, wo er nun wirklich sein Recht verloren hat.

Wer hat das gesagt: „Ich will, dass es all das gibt, was es gibt.“ Ich respektiere, dass Gesetze an die neue Freiheit angepasst werden, also zum Beispiel gleichgeschlechtliche Paare Elternschaft vereinbaren können. Nur das Kindeswohl hat zu zählen. Richtig. Und ich respektiere die Demonstrationsfreiheit sowie das Recht auf Party, dem Berlin so weit nachkommt, dass es die Freizügigkeit der Anwohner erheblich einschränkt. Wer Karneval erlaubt, hat eh jede Präzedenz geschaffen; wozu in Berlin auch andere Drogen als nur Alkohol gehören. Man ist hier nüchtern und hetero in einer gefühlten Minderheit. Und als ebensolcher Anwohner ein unfreiwilliger Gastgeber. Tag wie Nacht.

Und ich bin nachsichtig, was das Phänomen der ÜBERKOMPENSATION betrifft. Die straffrei gestellte Devianz im privaten Verhalten will auch öffentliche Geltung; sie gerät notorisch in der Aufmerksamkeitsökonomie an den Rand des Erträglichen. Geschenkt. Als Anwalt des Gleichmuts plädiere ich auf Narrenfreiheit. Auch für die Partytouristen aus Paderborn, die mit den ungewohnten Drogen zweifelhafter Qualität ihrer Gesundheit zu Leibe gerückt sind.

Aber, liebe Paderborner, liebe Sigmaringen, nehmt Euch bitte ein Zimmer mit Bad, wenn Ihr das nächste Mal in die große Stadt kommt. Mit Bad. Bitte.

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HOTDOG.

Hunde verzehrt man hierzulande nicht. Auch nicht, wenn sie als Brät in Schafsdärme gepackt sind und mit Röstzwiebeln sowie eingelegten Gurken verziert in einem süßen Weizenbrötchen dargereicht werden. Außer es sind knall rote Pölser; dann schon.

Der Speckdäne und der IKEA-Schwede färbt Fleisch auch mal wie Kulturnationen die HARIBOS, knall rot zum Beispiel. So habe ich auf Jütland Salami gesehen und in Stockholm Würstchen. Die Unart stammt allerdings aus Coney Island in den USA, wo deutschstämmige Migranten die Frankfurter Würstchen als Brötcheneinlage populär machten. Das Würstel vom Main ist gekochtes Schweinefleisch, das danach noch geräuchert wurde; etwas edles. Warum das dann mit süßem Senf, Ketchup und Mayonnaise zugeferkelt werden muss, wissen die Götter. Ja, und Röstzwiebeln und Gurkenscheiben. In einem Milchbrötchen. Weder koscher noch halal.

Bei dem Event in Montabaur, das ich letzte Woche besuchte, hatte der örtliche Caterer statt Frankfurtern oder Wienern dazu eine weiß gefärbte Bratwurst verwendet, die so kurz auf dem Grill war, dass der angebräunte Schafsdarm den fälschlichen Eindruck vermitteln konnte, es handle sich um Grillgut; das Schweinebrät war aber innen noch kalt, ekelhaft. Rohes Schwein im Schafsdarm mit Zuckersauce und panierten Röstzwiebeln. Och, nä.

Und der Sponsor, ein in die Jahre gekommener Hersteller von verglasten Holzhütten, nutzte das Ereignis als banale Werbung für sein Gezimmere auch als Gewerbebau. Das war echt peinlich. Übrigens an den Fenstern des Musterbaus Leerstandsanzeigen; die hätte man vielleicht abhängen sollen. Also, das hat mich nicht überzeugt. Man kann zudem an allem sparen, aber nicht am Buffet.

Wer im Holzbau noch IKEA unterschreiet, der tut diesem wunderbaren Gewerbe keinen Gefallen. Wegwerf-Qualität gehört nicht in die Architektur. Man baut, wenn man baut, für Generationen oder lässt es. Ich weiß nicht, wer die Schutzheilige der Zimmerleute ist, aber das hätte ihr nicht geschmeckt.

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Das Jahr der Tragödie Wulff

In der Besinnlichkeit der Weihnachtstage sollte man vergeben können. Alles verstehen heißt alles verzeihen. An dem ehemals Ersten Mann im Staate Christian Wulff hat sich eine Tragödie vollzogen. Der gefallene Held konnte seinem Schicksal nicht entgehen; das versteht man, wenn man weiß, woher er kam. Ortstermin Hannover.

Nichts ist doofer als Hannover, sagt Moritz Hunzinger, der neue PR-Berater von Wulff, wenn man den Gazetten glauben darf. Hunzinger sitzt im besseren Teil von Frankfurt am Main; uns zieht es heute an die Leine.

In der Holländischen Kakao-Stube in der Ständehausstraße lese ich die schon reichlich abgegriffene BILD am Sonntag vom letzten Sonntag. Für das Blatt untypisch, ist die wirkliche Sensation innen versteckt. Der bravouröse Enthüllungsjournalist Kayhan Özgenc (ortsüblich: „der Kampftürke“) hat ein Dokument aus dem Bundespräsidialamt ergattert und druckt es als Faksimile ab. Das ist ein epochaler Bericht zur Tragik der Macht. Wir sehen darauf die grüne Schrift (ortsüblich: Cheffarbe ist grün), Aufzeichnungen des Herrn Bundespräsidenten. Wir werden, wenn das denn nun authentisch ist, Zeuge einer Straftat.

Die Beamten des Bundespräsidenten geben Presseanfragen an den Ersten Mann im Staate wieder und empfehlen ihrem Chef Antworten. Es geht um den Kredit, mit dem Herr Christian und Ehefrau Bettina ihr spießiges Häuschen in der Nähe Hannovers bezahlt haben. Der Verdacht bestand, dass das Geld von einem örtlichen Versicherungsunternehmer namens Maschi stamme. Tatsächlich war es aber wohl aus der Schweiz geleitetes und in einen anonymen Scheck gewandeltes Geld eines befreundeten Autoschiebers oder dessen Frau. Zu dieser Verbindung hatte Wulff als Ministerpräsident zuvor seinem Landtag nicht die Wahrheit gesagt, jedenfalls nicht die volle.

Der Freundschaftskredit war später, als Entdeckung drohte, in ein Darlehen der BW-Bank gewandelt worden. Nun schreibt Wulff, wenn das Dokument echt ist, handschriftlich auf die Frage, von wem die Finanzierung stamme: „Die BW-Bank ist der Kreditgeber.“ Das wäre wieder nur eine halbe Wahrheit gewesen, noch eine. Dann fügt er laut BILD hinzu: „Die BW-Bank war und ist der Kreditgeber.“ Das wäre eine volle Lüge. Weiter schlägt die grüne Handschrift vor, dass nicht das deutsche Staatsoberhaupt, sondern ein Sachbearbeiter der Bank das der Presse sagen solle. Das wäre, to say the least, Vorsatz und zeugte von krimineller Energie. Wie dumm kann man sein? Nun, hier galt das als schlau. Es ist ortstypische Advokatenschläue.

Die Spitze dessen, was in Hannover „Gesellschaft“ heißt, isst in der „Insel“, einem Lokal in einer Freibadanlage am Maschsee, einem Tümpel, den seinerzeit (Sie wissen schon) der Arbeitsdienst ausgehoben hat. Der noch immer kleinwüchsige, inzwischen aber korpulente Winzersohn Schu von der Mosel hat hier einen Szenetreff aufgezogen. Wir sitzen an dem Tisch, an dem seinerzeit das Ehepaar Wulff mit dem Ehepaar Oettinger (jetzt EU) dinierte. Man konnte das schon damals allgemein wissen, weil ein Ehepaar mit Kindern vom Nachbartisch um ein Foto mit den Infanten bat und Wulff einwilligte. Am Tag drauf war das Foto in der BILD, mit einem schwarzen Balken über den Kindergesichtern, aber die beiden Politiker jeweils mit ihren ehelichen Neuerwerbungen, stolz wie Oskar. Man war in dem, was man „second gear“ nennt; jeder der unglückseligen JFKs hatte seine neue Jacky an der Seite. So war das damals, als die Welt noch in Ordnung war.

Die penetrante Kellnerin rappelt ungefragt als Empfehlung der Küche Gerichte herunter, die sich alle hinterher in der Speisekarte finden. Der Fischteller des Hauses wäre mit Fischresten an Gemüseresten treffender beschrieben, aber man beschwert sich nicht, wenn man weiß, wie schlecht das Essen in den örtlichen Altenheimen ist. Schu’s Restaurant, das ist Essen auf Rädern ohne Räder. Geordert wird ein „guter, aber bezahlbarer“ Weißwein. Die erste Flasche Riesling steht später mit 118 und die zweite mit 138 Euro auf der Rechnung, auf der sich auch noch ein Gericht befindet, das gar nicht serviert wurde. Man lässt sich seine Geltungssucht was kosten in Hannover.

Mir wird klar, dass „petite bourgeois“ ein kulturelles Kriterium ist, aber kein finanzielles. Das Provinztheater ist in jeder Hinsicht klein, aber es kostet richtiges Geld. Das muss nicht stören, wenn man altes Geld hat und es nicht obszön findet, es so auszugeben. Was aber macht hier ein frisch geschiedener Rechtsanwalt mit MP-Salär. Er ist aufgeschmissen. Außer sein Pressesprecher hat eine Idee…

Mit dem Nachtzug nach Berlin entfliehen wir dieser Stadt, die das gewisse Nichts zu einem Dünkel entwickelt hat. Der Hamburger beschreibt die Tragik des Ortes und seiner Helden mit dem schönen niederdeutschen Wort: „Wenn Schiet watt wiet…“ Das ist die Tragödie des Christian Wulff. Er wollte als Ente mit den Schwänen fliegen. Der Schwan in Wulffs Vita hieß Gerd Schröder, dessen rotweinselige Besuche Schu’s Restaurant groß gemacht haben. Schröder war immer fest entschlossen, seine Karriere als Komödie enden zu lassen, aber auch das war knapp. Hunzinger hat recht, nichts ist doofer als Hannover.

Quelle: starke-meinungen.de