Logbuch

FIGAROS HOCHZEIT.

Revolutionen entstehen nicht durch himmelschreiende Missstände. Die gibt es ja immer und fast überall. Sie drohen, wenn der Plebs sich langweilt. Darum galt im Alten Rom das doppelte Motto BROT & SPIELE. Und Spiele!

Als Massenmedien noch aus Papier waren, im Zeitalter der Zeitungen, da war wichtig, was die BILD „auf der Eins über‘m Bruch“ hatte; das meinte die Titelstory, die den Leser schon ansprang, auch wenn das Blatt noch gefaltet am Kiosk lag. Diese Schlagzeile sollte den Kaufimpuls auslösen, war also wichtig. Dort lese ich gestern etwas von einem anstehenden Kanzler-Tausch. Das ist schon sprachlich so schlecht, dass ich nicht mal mehr weiterlese. Selbst BILD kann keinen Boulevard mehr. Man gähnt.

Das ventilierte Gerücht will von einem Plan in der Union wissen, den amtierenden Friedrich Merz durch Henne Wüst zu ersetzen, der in Düsseldorf den Ministerpräsidenten gibt. Er gilt als der Kennedy vom Niederrhein und hat die Haare schön. Politisch kommt er aus der Tiefe des Raums, weiß also, wie das Geschäft geht. Zudem war er mal bei der Lobbyfirma EUTOP, die nun wirklich mit allen Wassern gewaschen ist. Das ist schon Erste Liga. Unsern Henne als Kanzler; echt, jetzt?

Ich bin nicht überrascht, aber doch irritiert, weil ich finde, der Merz macht seinen Job so schlecht nicht. Zumindest nach der Stupidität, mit der der SCHOLZOMAT sein Kabinett vor die Wand gefahren hat, weil, so sein Schwanengesang, die Bubis der FDP böse waren. Allerdings ist das Haupt von Fritze Merz nur noch sehr spärlich von einem Flecken Resthaar bedeckt und glänzt ansonsten wie ein Osterei. Anweisung an die Maske: Bitte regelmäßig mit Puder abdecken.

Meine Frisörin, die fabelhafte Denise, empfiehlt den Kahlen ausgedehnte Besuche in der Türkei, wo man sich, im Urlaub nebenbei Haar von anderen Körperteilen, die noch eine gewisse Buschigkeit aufweisen, auf die Pläthe verpflanzen lassen kann. Das „pubic hair on head“ sei echt in Mode, sagt Denise; sie habe Kunden, die damit wirkten, als seien sie einem Jungbrunnen entsprungen. Ich bin skeptisch. Nach solchen Plattitüden vergeben wir doch nicht das dritthöchste Amt im Staat. Nur, weil unsern Henne die Haare schön hat.

Der Kern meines heutigen Monitums ist aber, dass es keinen kräftigen Boulevard mehr gibt. Die wirklich irren Stories kommen nur noch aus der PR; dabei vorwiegend aus der rechts gestimmten Regierungs-PR. Frech wie Dreck. Und insofern ist der Friedrich Merz vielleicht nur zu vorsichtig. Hülfe es, wenn er noch mehr über das Stadtbild schwadronierte und warum man seine Kinder nicht mehr in die USA schicken kann? Fritze, hau noch einen raus! Ein Volk, das sich langweilt, ist echt gefährlich.

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WACKERSDORF DIE ZWEITE.

Ende Gelände in Hamm. Ist das da, wo ich mich mal um einen Kugelhaufenreaktor bemüht habe? Und der Bruder von Grönemeyer Störfälle in der Gülle eines westfälischen Kuhstalls fand, die es nie gegeben hatte? Man sagt, die Geschichte wiederholt sich nicht; was natürlich Unsinn ist. Laufend.

Mein Gedächtnis ist nicht das Beste, zumindest was Chronologie angeht; ich erinnere vieles nur simultan. Vielleicht ist das ja eine Gnade des Alters, dass man den Babys schon in der Wiege ansieht, auf welcher Bahre sie mal enden. Und oft behält man recht. Mein Herr Vater pflegte zu sagen, dass er daran, wie der Zimmermann den Hammer halte, sehe, ob der Nagel krumm werde. Nun, vieles ist vergessen an krumm geschlagenen Nägeln. Aber das weiß ich noch, wo ich Ostern 1986 war.

Im ländlichen Wackersdorf hatte sich ein Lager gebildet von Aktivisten, die sich dem Willen von Bundes- und Landesregierung widersetzten, dort eine Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Kernbrennstoffe (WAA) zu bauen. Das wäre der Eintritt in eine nukleare Kreislaufwirtschaft gewesen. Big Deal. Ich war vor Ort, weil ich mit den Leuten reden wollte und eine Sicherheitsgarantie durch die Veranstalter hatte. Man kann sich vorstellen, dass ich im Flanellanzug und mit Krawatte auffiel, wie ein Schwein auf dem Sofa. Aber man wollte reden und konnte es.

Mein Patron war der Energie-General der VEBA, der legendäre Werner Müller, dessen Sohn der Branche erhalten geblieben ist. Nun, wie immer habe ich hier und heute keine Indiskretionen zu begehen; aber nachzulesen ist, dass unser oberster Kriegsherr, der legendäre Rudolf von Bennigsen-Foerder, danach im STERN sagte, dass man eine Technologie nicht auf Dauer mit dem Bundesgrenzschutz durchsetzen könne. Die WAA wurde aufgegeben. Das Bundeskanzleramt war entsetzt, die bayerische Staatskanzlei tobte. Müller und sein Umfeld hatten den Satz in das Interview reinredigiert. Gespaltene Freude, aber das Leben in der Energiewirtschaft ist kein Ponyhof.

Heute sehe ich die Söhne und Enkel der damaligen Kämpfer ein Zeltlager in Hamm errichten; meine alten Kontakte, obwohl über Jahrzehnte gut geölt, bleiben zurückhaltend. Man wittert Spionage und traut der Industrie nicht, jedenfalls nicht der amtierenden Ministerin und ihrem Freiherrn. An Unternehmern vom Format eines Bennigsen oder Zuschlägern im Charakter eines Müller fehlt es. Obwohl, man weiß es nicht, vielleicht ist das jetzt, fast vierzig Jahre später, nur die etwas dekadente Wehmut alter Kämpfer. Weil man weiß, auf welcher Bahre endet, was da gerade aus der Wiege nach Mutters Brust schreit. Man müsste stillen können.

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HERR K. AUS KASSEL.

Ich entdecke, nach den Herren K. bei Kafka, Brecht und anderen Dichtern der Neuzeit, nun einen K. in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, den man wegen seiner Glossen einige Beachtung schenkte. Er hat seinen scharfsinnigen Spott über die Gesellschaft seiner Zeit positiv gewendet und zu einem Ratgeber verarbeitet. Im Jahr 1788 erscheint in der Schmidtschen Buchhandlung zu Hannover das Werk „Über den Umgang mit Menschen“. Der Autor ist Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge. Ja, der Knigge. Und es geht ihm nicht um gutes Benehmen; er habe kein „Complimentirbuch“ geschrieben. Er ist Kolumnist.

Manches ist gleichwohl durchaus deftig. So rät er dem alten gebrechlichen Gelehrten, eine junge „Cokette" nicht mit seinem offenen Beinschaden zu unterhalten; „daß man bey Tische den abgeleckten Löffel, womit man gegessen, nicht wieder vor sich hinlegen“ und „einen benutzten Zahnstocher nicht weiterreichen soll“; „daß, wenn man mit jemand in Einem Bette schlafen muß" - („ich kenne nichts eckelhafteres und unanständigers, als zu Zwey unterderselben Decke zu liegen") -, dem anderen möglichst wenig Ungemächlichkeit verursachen dürfe - all dies versteht sich für Knigge von selbst und ist eine Frage der guten Kinderstube. Er will darüber hinaus und vor allem für die Aufklärung eine Lanze brechen. Und das ausgerechnet bei Hofe und dann noch in den gesellschaftlichen Ödnissen von Nordhessen und Niedersachsen, allem voran im Urgrund der Dystopie, in Kassel.

Ich blättere in einem Band der fabelhaften Hannoveraner Germanistin Birgit Nübel und stoße auf ein Faksimile aus dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, datiert 1777, das die Mitglieder der Schottischen Loge „Zum Gekrönten Löwen“ zu Kassel verzeichnet und dort unter der Mitgliedsnummer 58 unseren Knigge. Man weiß, dass schon sein Vater Freimaurer war und in Göttingen eine Deputationsloge der Hallenser „Zu den drei Schlüsseln“ gegründet hat. Alta Schwede, wir sind unter die Illuminaten geraten. Mehr ist nicht zu erfahren, da die Kasselaner der Strikten Observanz angehörten. Wahrscheinlich war auch nichts von Bedeutung.

Wenden wir also unseren Blick den Ratschlägen des Herrn K. bzgl. des praktischen Lebens zu. Etwa der Episode, dass er in einem kleinen Silberkästchen Ungeziefer der aller niedrigsten Stände bei sich trug, das er den Damen von Stand beim Ball in ihre Perücken platzierte… weiteres erspare ich uns. Irgendwie taugt er nicht zu höherer Bildung, dieser K. aus Kassel. Keine Kunst, kann weg.

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Kein Alkohol ist auch keine Lösung

Für den Weltfrieden wäre eine Menge getan, wenn einschlägige Religionen ihr Alkoholverbot überdächten. Man schaue nicht nur auf den Islam, auch das Christentum hatte seine Irrungen in der Frage. Die Mäßigungs-Bewegung („temperance“) zu Beginn des letzten Jahrhunderts ging von moralisierenden Christen, namentlich Pietisten und Methodisten, aus. In den USA brachten sie das Organisierte Verbrechen an die Macht, in den Morgenländern nähren sie bis heute den Radikalismus. Allzu nüchtern wird der Mensch zum Tier.

Nun muss man mit Alkoholgenuss ja nicht gerade die Weihnachtsmärkte und das Glühweinunwesen in Verbindung bringen. Dessen Gefahren sind seit der Antike aktenkundig. Der im Alten Rom als Tiberius bekannte Claudius Nero, ein exzessiver Glühweinsäufer, wurde öffentlich als „Biberius Caldo Mero“ verspottet. Er trank warmen (caldo) Mischwein (vinum merum), genauer gesagt einen Tresterwein (sprich Grappa), der durch die Zugabe von Süßweinen (späte Reben, über Jahre gekeltert) und Honig dem Zeitgeschmack angepasst wurde. Süß und warm, das kann nicht gut gehen.

Der in allen Dingen vorbildliche Cato der Ältere, genannt der Zensor, empfahl pro Tag und Kopf einen Liter kalten Weins (Zusatz, wenn vorhanden Schnee oder Eis, ansonsten Wasser), für fleißige Sklaven einen halben, bei Frauen riet er wegen des bekannten Hangs zur Maßlosigkeit ganz ab. Da war er eben ein Kind seiner Zeit. Jedenfalls kalt und „austerum“ (herb). Und Diktatoren, das wusste Cato, werden zum echten Problem, wenn sie auch noch Asketen sind. Was man Nero so nicht vorwerfen konnte, Hitler schon.

Von der Prohibition auf alles, was wirklich Spaß macht, in den Dekaden zu Anfang des 20. Jahrhunderts sind heutzutage nur die sogenannten „Volksdrogen“ ausgenommen. Bei diesen Volksdrogen ist man dabei, uns das Nikotin ganz zu nehmen, beckmessert am Alkohol und bietet nur noch das Koffein, freilich zu Preisen, die dem Markt für Opiate entsprechen und mit einer mysteriösen weißflüssigen Verunreinigung namens „latte“. Das Ende des Tabaks beschleunigt die Gesundheitspolitik in ganz Europa, selbst von Australien wird dieser politische Wahnsinn  gemeldet.

Im Zug nach Berlin treffe ich in der Ersten Klasse eine in Braunschweig zusteigende SPD-Bundestagsabgeordnete, nennen wir sie Carola. Eine intelligente, unterhaltsame und gut aussehende junge Frau, die sich darüber empört, dass das Mitgliedermagazin der SPD namens „Vorwärts“ Anzeigen von Tabakkonzernen druckt. Genau hier ist das Problem: Sie sind so besorgt um die Volksgesundheit, dass sie die Demokratie aus den Augen verlieren. Ich versuche zu erklären, dass es das Wesen einer freien Presse sei, dass in Anzeigen alles stehen dürfe, was derjenige, der sie bezahlt, zu sagen wünscht. Das findet sie nicht , nicht wenn es um die Volksgesundheit geht. Da muss man auch über Zensur nachdenken wollen, im Interesse der Menschen. Lieber gesund als frei!

Morgens ein Joint und der Tag ist dein Freund. Verhandelbar? Aber es geht mir ja um’s Prinzip. Ich habe niemandem ein Mandat für Zwangsmaßnahmen zur Volksgesundheit gegeben; in der Verfassung steht davon auch nichts. Woher also nimmt sich die Politik das Recht, mir bis in kleinste Details vorzuschreiben, wie ich zu leben (oder zu sterben) habe? Auch eine Diktatur der Gesunden ist eine Diktatur.

Carola erzürnt schon der Begriff „Volksgesundheit“, nachdem ich sie gefragt habe, ob sie nach der Wahl Volksgesundheitsministerin werden will. Sie findet, das klinge nach Drittem Reich. Es ginge schließlich um (jetzt Achtung, es folgt ein wertfreier Fachbegriff) „public health“. Großartig! Und was genau heißt das anderes als Volksgesundheit? Diese Politik definiert bis tief in die persönliche Freiheit hinein, was denn das Allgemeinwohl zu sein habe. Bei Delinquenz droht fürsorgliche Zwangsernährung. So etwas als Demokratie denken, das können, sagen wir es offen, nur Nüchterne. Schon ein kleiner Scotch würde historische Assoziationen auslösen, die nun wirklich niemand wollen kann.

Frei wollen wir leben, zur Not auch gesund. Darauf sollten wir Sylvester anstoßen. Aber lassen Sie sich nicht  ins Geld treiben. Der unerträgliche Billy (sic) Wagner aus dem Berliner Rutz an der Chausseestraße empfiehlt für die berühmte Mitternacht eine Cuvée Fidéle Extra Brut aus der Champagne von Vouette & Sorbee zu 65 €. Wagner ist ein lautsprechender Schwätzer, der durch seine impertinenten Belehrungen ein Dinner im ohnehin affektierten Rutz zur Touristenattraktion macht – und zur Qual aller Rechtschaffenden, die sich hierhin verirrt haben. Wir folgen der Empfehlung der feingeistigen Sommelieuse aus dem soliden Berlin Horvath und nehmen einen 2008 Rieslingsekt Heiligenstein vom Weingut Steininger. Kostet die Hälfte, macht genauso schicker.  Prost Neujahr!

Quelle: starke-meinungen.de