Logbuch

MAMMA MIA.

Im Café Einstein Unter den Linden zu Berlin sitze ich zufällig neben einem Mammalogen. Der Herr gehört, wie ich dem Gespräch zu entnehmen weiß, zum Stab der Fachleute des Bundesfinanzministeriums. Er vertritt dort die Belange der Mammalogie. Es geht um notwendige Korrekturen an der Biologie. Das Problem ganz allgemein sind stillende Muttertiere unter den lebendgebärenden Säugetieren, was in der Biologie so ziemlich alles ist, was ein Gesicht hat und zur Gruppenbildung („Familie“) in der Lage. Der Mensch ist auch ein Säugetier. In Englischen „mammal“ genannt. Wegen der Mammas, mittels derer sie ihre Kinder stillend nähren. Die Natur ist so eingerichtet, dass das Baby mittels Muttermilch jede Menge an Nahrung sowie natürlicher Medizin erhält, die es gedeihen lässt und auch die Mutter sich dabei Gutes tut. Die Faszination, die die weibliche Brust auf uns ausübt, hält, jedenfalls bei Jungs, ein Leben lang; man darf sie als eine Konstante der Biologie bezeichnen. Leider politisch nicht korrekt.

Den Mammologen beunruhigt, wie bei allen BTM-Drogen, die unkontrollierte Abgabe. Sie sei nachfragebedingt. Die kleinen Junkies würden halt recht laut, wenn trocken, woher der Begriff des Stillens stamme. Statt sich den Milchpulvern der segensreichen schweizerischen Konzerne anzuvertrauen, würden vor allem in ärmeren Bevölkerungskreisen schlicht die Möpse rausgeholt und gestillt. Ich wage, obwohl gar nicht Gesprächspartner des Mammalogen, über den Tisch weg eine Nachfrage. Mich interessiert, wo das Problem liegt.

Nun, Muttermilch ist süß, Lactose ist das Stichwort, randvoll mit Zucker. Damit unterliegt sie natürlich der Zuckersteuer auf diese unheilvollen Dickmacher, deren Konsum mittels Fiskalpolitik zu brechen ist. Es geht um Zucker wie überhaupt das Bedürfnis nach Süßem. Beides und diesen Titten-Fetisch! Wie verhindere ich, dass die Mamas unkontrolliert ihre Mammas rausholen und sich so der steuerlichen Abgeltung gemäß Zuckersteuer entziehen? Ich starre auf meinen Milchkaffee und fühle ein echtes Schuldgefühl in mir aufsteigen. Mamma mia.

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DIE HALBE WAHRHEIT.

Kanzler und Vizekanzler kritisieren im Lustgarten des sommerlichen Regierungssitzes, dass die törichte Öffentlichkeit sich über eine „fachliche Erwägung“ der Beamten in den Ministerien empöre, nämlich bei zuckerfreien Getränken die Zuckersteuer anzuwenden, um derart dem übermäßigen Zuckergenuss präventiv zu begegnen. Ein monströses Paradox. Man wolle gar nicht, sagt die Regierung, den nicht vorhandenen Zucker mit einer Strafsteuer belegen. Das sei eben nur eine fachliche Erwägung gewesen. Aha.

Ich will es mal milde formulieren. Wenn das so wäre, dann hätte man die oberste Verbraucherschützerin das nicht genau so kommentieren lassen sollen. Das Geschmacksmuster sollte mittels Fiskus gebrochen werden. Eine Grüne hat verraten, wessen Fachverstand da unter den Beamten rumlungert. Veggie-Day, die Zweite. Mehr notiere ich dazu nicht. Gesundheitsdiktat & Kasse machen. Tax & spend. Leo statt Limo.

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POLITISCHER SELBSTMORD.

Die Zuckersteuer wird zu einem Exempel des politischen Selbstmordes. Zunächst ging es darum, den allzu dicken Menschen den übermäßigen Zuckerkonsum zu erschweren, indem man Softdrinks verteuert, die heimlich voller Zucker. Dazu hatte ich bereits Bedenken, weil als Liberaler kein Freund staatlicher Zwangsernährung. Ich wurde aber durch die beiden führenden Gesundheitspolitiker der SPD eines Besseren belehrt. Gruß an Tanja & Kitto. Das werde die Industrie animieren, die Rezepturen bei den Limonaden zu ändern; dazu gebe es faktische Erfolge in England, die die Zuckersteuer auf Softs schon hätten. Ich wusste zwar, dass das nicht stimmt, machte aber eine Faust in der Tasche.

Meine Überzeugung ruhte auf der Gewissheit, dass die Fettleibigkeit, wenn nicht Krankheitsfolge, durch Fehlverhalten der Betroffenen begründet, nicht heimliche Zuckerzugabe der Getränkemafia. Die Dicken müssten ihr Leben ändern, denn Cola Zero gab es schon, ohne dass der Trend zur Adipositas gebrochen. Es folgen zwei, drei Volten. Man will auch Produkte diskriminieren, die den Zucker verstecken; das hat eine gewisse Logik. Der Fruchtsaft ist ein Sirup, also insofern durchaus des Teufels. Na gut. Die Hafermilch auch, na gut, trinken eh nur Spinner. Dann der Knaller: Auch solche Limonaden, in denen der Zucker fehlt, weil durch Süßstoff ersetzt, sind der Zuckersteuer zu unterwerfen. Hier reißt der Faden. Habt Ihr Sie noch alle?

Die Sozialdemokratie hat den politischen Instinkt dafür verloren, was die Menschen, die sie mal gewählt haben, mit sich machen lassen. Ihre durchaus wohlgenährten Vorsitzenden predigen Wasser, während sie offenkundig Wein saufen. So nährt man die AfD. Zwei weitere Belege für die strukturelle Ignoranz einer schlicht entpolitisieren Elite. Zunächst wird aus einer Abgabe eine Steuer; damit kann man die Strafsteuer fiskalisch für jedweden Zweck nutzen, nicht nur der vermeintlichen Gesundheitsfürsorge. Zum Beispiel für die so dringenden Aufrüstung. Leo statt Limo; schon klar.

Dann sagt die oberste Verbraucherschützerin, eine stockautoritäre Berliner Grüne osteuropäischer Provenienz, in der Tagesschau, worum es wirklich geht: Der ganze Trend zum Süßen müsse gebrochen werden. Der Geschmack der Menschen ist falsch. Daher Zuckersteuer auch bei fehlendem Zucker. Es geht um mehr als Medizin. Dies ist eine Maßnahme zur autoritären volkspädagogischen Umerziehung des Geschmacks. Man setzt uns auf Wasser und trocken Brot. Mehr Alltagsdiktatur geht nicht. Die biologische Natur des Menschen ist das Problem. No more sweets. Die SPD wendet sich damit fundamental gegen ihren eigenen sozialen Träger. Der Anteil der Bevölkerung nämlich, der das goutiert, ist einstellig. Man verabschiedet sich vom Konzept der Volkspartei.

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Rumpelstilzchen wird umbenannt

Der Negerkönig bei Pippi Langstrumpf heißt jetzt Südseekönig: Das verlangt „pc“, zu deutsch politische Korrektheit. Bestimmte Verballhornungen von Gedichten, die ein Autor der SZ in herrlich albernen Erfolgsbüchern geschaffen hat, werden in Buchhandlungen nicht mehr ausgelegt, weil im Titel ein Unwort steht und der Händler Anschläge befürchtet.

Bei den Brüdern Grimm wird ein Märchen wiedergegeben, in dem sich das Böse selbst zerreißt, wenn man seinen Namen weiß. Der Rumpelstilzchen-Effekt steht seitdem für den Aberglauben, dass man mit dem Aufsagen von Wörtern oder ihrem Verschweigen das Leben verändert. Das ist nicht so albern, wie es klingt; es beschreibt auch den Grundmythos von Freuds Psychoanalyse. Freudkenner wissen, dass er das selbst nach der Analyse einer jungen Frau schreibt, die seine Phantasie beflügelte.

Man darf keine bösen Wörter sagen. Jedenfalls nicht in Gegenwart von Kindern. Denn Wörter sind, das sagen uns die Kampagnenführer der Märchenkritik, Waffen. Mit bestimmten Wörtern würden bestimmte Menschen gekränkt und seelisch beschädigt. Das soll nicht sein, keine Frage. Und ich interveniere, wenn in der Berliner S-Bahn von „Spastis“ die Rede ist oder die wunderbare Tochter meiner Freundin Antje beleidigt wird, die unter dem Down-Syndrom leidet. Muss ich deshalb den Wicht Rumpelstilzchen, den das Lagerfeuer umtanzenden Gnom, künftig „physically challenged“ nennen? So heißen Körperbehinderte in den USA. Kindergekasper.

Aber es geht den Säuberern der Literatur gar nicht um die Infanten. Wir hören: „Die Streichung rassistischer Begriffe ist nur der Anfang vom Frühjahrsputz.“ Die Säuberung ist zunächst nur für Kinderliteratur angesagt, weil es dort leichter fällt, das Grundrecht auf Informations- und Meinungsfreiheit auszuhebeln. Beim Kindeswohl muss das Autorenrecht zurückstehen. Oder die historische Wahrheit.

Die neue Welle um den Südseekönig ist als politisch motivierte Säuberungspraxis nicht neu. Die Lateiner gaben gereinigte Bücher heraus: ad usum delphini, zu deutsch: zum Gebrauch in der Schule. Im „Tagesspiegel“ befürwortet die Theaterregisseurin Simone Dede Ayivi die Säuberung von Kinderliteratur, indem rassistische Wörter durch solche ersetzt werden, die „tatsächlich nicht rassistisch“ sind. Sie nennt das einen „Frühjahrsputz“, der hier beginne und dann weiterzugehen habe.

Man fragt sich, was von der Bibel noch bleibt, insbesondere vom Alten Testament. Man fragt sich, ob Homer noch ins Regal gehört. Oder dies und jenes Shakespeare- Drama. Denn beim Umdichten der bösen Wörter in gute Wörter wird es ja nicht bleiben. Unsere Kultur gründet auf einem Universum politisch nicht korrekter Mythen und Symbole. Wir werden die ganze Literatur, die komplette Kunst kanonisieren müssen.

Dann gibt es für Kinder die gereinigten Werke, für Schulen noch die sauberen. Da Kinder aber auch ins Internet kommen, sollte Amazon auch die schlechte, weil schmutzige Literatur aus dem Programm nehmen. Schließlich: Warum sollte für Erwachsene gut sein, was für Kinder böse ist? Da hat die Heilige Inquisition des katholischen Mittelalters auch nicht zu Ausnahmen geneigt. Das Rauchverbot gilt ja auch für alle. Folge: Der Kanon des Sauberen gilt überall. Und den schmutzigen Rest kann man dann getrost verbrennen.

Der Frühjahrsputz, den Simone Dede Ayiyi vom Ballhaus Naunynstraße in der Zeitung fordert, sei keine Zensur, sagt sie, es gehe nur um die Umbenennung schlimmer Wörter. Das ist, wenn redlich, naiv. Im Stadtwappen von Coburg ist ein Mohr. Das ist, der Religions- und Kunstgeschichte geschuldet, der Magdeburger Mohr, und auch der hat seine eigene Geschichte. Sollen wir den jetzt durch einen Oberfranken ersetzen? Für meine Begriffe hat der Coburger Mohr nichts mit deutschem Kolonialismus und Rassismus zu tun, aber selbst wenn. Darüber muss man nicht streiten. Es gelten die Menschenrechte.

Wenn wir aber vom Mohren nicht mehr reden, wird man die Heiligen Drei Könige in der Bibel und bei allen anderen Spielen zu Jahresbeginn umbesetzen oder aus dem Programm müssen. Es hilft doch nichts, wenn wir einen der drei in Südseekönig umtaufen. Nimmt man den Kaufmann von Venedig bei Skakespeare, so ist klar, dass allein durch die Umbenennung von Shylock in William oder Karlheinz das Problem nicht zu lösen ist.

Es geht um mehr als Wörter. Es geht um das Diktat der politisch Korrekten. Sie leiten die Berechtigung aus Persönlichkeitsrechten von Minderheiten ab. Petiten aus dieser Betroffenheit stellen sie dann aber über alle andere Verfassungsgüter. Die Ausnahme diktiert die Regel. Menschenrechtsverletzungen sind das eine, eine Befindlichkeitsdiktatur bis in die Geschichtsfälschung hinein ist das andere. Alles was unter „pc“ firmiert, erweist sich als extrem ambivalent, sprich: als Segen und als Seuche, in politischer, rechtlicher und ethischer Hinsicht.

Quelle: starke-meinungen.de