Logbuch
SCHÖNER SCHEIN.
Eine entfernte Freundin (entfernt, weil sie die Gattin eines Freundes ist, die ich nur „vom Lesen“ kenne, aber eine immer kluge Kommentatorin) fragt mich was. Das schiebe ich nicht weg. Aber eine schwere Frage. Achtung: Kann eine INSZENIERUNG trotzdem AUTHENTISCH sein?
Na klar. Wieso trotzdem? Deswegen! Klingt paradox, ist aber so. Was empfinden wir denn als „echt“ oder „ursprünglich“ oder „unverstellt“? Wenn wir glauben, den Wesenskern entdeckt zu haben, dann sind wir beglückt, weil etwas „authentisch“ war. Aber Vorsicht: Das ist die Entsprechung der Erscheinung zu unserer Erwartung, also zu unseren Vorurteilen. AUTHENTIZITÄT ist lediglich die Bestätigung tiefsitzender Vorurteile.
Akademisch: RESSENTIMENT adäquat, so muss das Authentische sein. Wenn wir fremdeln, schnackelt es nicht. Wenn wir uns bestätigt fühlen, dann geht das Herz auf. Etwas als authentisch zu empfinden, das ist also tief egozentrisch. Das kleine Glück, schon immer richtig gelegen zu haben.
Eine AUTHENTISCHE INSZENIERUNG ist eine, die eben dies, dass sie inszeniert ist, leugnet. Dabei ist es unerheblich, ob die Inszenierung zufällig war oder vorsätzlich. Einmal in der Welt, beginnt das Symbol sein Eigenleben; es ist nicht rückholbar, allenfalls kann es vergessen werden.
Dazu könnte ich die Geschichte des Victory-Zeichens von Joe Ackermann (ex Boss der Deutschen Bank) vor Gericht erzählen, wie sie mir ein Insider aus dem Aufsichtsrat der damaligen Mannesmann AG berichtet hat. Das Handzeichen galt in der Presse als Hohn des Bankers gegenüber der Justiz. Ein Skandal! Es war aber nur eine gestische Erinnerung an den amerikanischen Popstar Michael Jackson, von dem beiläufig in einer Pause die Rede war, weil dieser ein dortiges Gericht hatte warten lassen. Der Deutschbanker hatte die Geste nicht so gemeint, wie sie dann wirkte, aber das interessierte kein Schwein. Autonomie des Symbols, seine Verselbständigung ist nicht zurückzuholen. Die Fehlinterpretationen stärker, weil authentischer, als die Wahrheit. Der SCHÖNE SCHEIN kann ein mächtiger Geselle sein.
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GESTEN.
Wir sehen einen hochgereckten Mittelfinger, der uns aggressiv entgegengehalten wird. Und wissen, dass dies nicht freundlich gemeint sein kann. Eine Geste. Oder die leichte Andeutung eines Kusses, der uns von der zarten Hand einer Angebeteten zufliegt. Da scheint was zu gehen, wie Monaco Franze zu sagen pflegte. Oder die geballte Faust, die der kommunistisch gesinnte Arbeiterführer, hebt, um den Herrschaften mit dem Hitlergruß zu zeigen, was er von ihnen hält. Solche Gesten, das ist selten, sind eindeutige Zeichen, man weiß, was sie bedeuten.
Schwieriger wird es mit sozialen Symbolen, die spontan entstehen oder gar unfreiwilliger Natur sind. So beim Kniefall von Willy Brandt in Warschau am Ehrenmal der Ermordeten des Warschauer Ghettos. Ich weiß von seinem Berater Egon Bahr, dass dies nicht geplant war. Brandt war wohl so. Die Geste war umstritten, wie Brandt selbst. Mich hat sie für ihn eingenommen. Heute werden Kniefälle zu kleiner Münze.
In Berlin habe ich erlebt, wie eine SPD-Politikerin, mit der ich die Friseurin teile, also eine Nachbarin, bei einer Veranstaltung nicht mitbekommen hatte, dass vorne am Pult ihr Parteivorsitzende Martin Chultz etwas Ernstes vortrug, während sie ihren Bekannten grotesk albern zu winkte. Seitdem nennen ich sie mit Spott DAS WINKELEMENT. Sie ist jetzt für die Bundeswehr zuständig; da lernt man ja Disziplin.
Nun zu Armin Laschett, der den Eindruck erweckt, dass er unter Stress zu ÜBERSPRUNGSHANDLUNGEN neigt. Hinter der Trauerrede des Bundespräsidenten hat die Nation ihn lachen und scherzen gesehen. Zu seiner Entschuldigung trug er dann vor, es sei ein langer Tag gewesen. Also keine Geste, jedenfalls keine gewollte. Ich war von seiner Ehrlichkeit beeindruckt und wusste zugleich, dass so einer KANZLER gar nicht kann.
Die konkurrierende Geste war die Angela Merkels, die neben der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreier gehend, deren Hand ergriff, vielleicht um sie zu stützen, vielleicht um Mitgefühl auszudrücken, jedenfalls war ich ergriffen, zu sehen, wie sich beide Frauen Hand in Hand der Situation stellten. So den Betroffenen die Solidarität von Bund und Land zeigend, über Parteigrenzen hinweg, ernst, mit eigener Autorität. Es fehlte gänzlich, was die großartige Journalistin Hatice Akyün männliche GOCKELEI genannt hat.
War das spontan? Das glaube ich nicht. Man lese nach, wie Angela Merkel sogar mit ausländischen Regierungschefs konferierte, wie sie im Weißen Haus verhindern könne, dass Donald Tramp sie an die Hand nähme. Es ist KALKÜL, was unsere Herzen erwärmt. Große Politik ist immer auch großes Kino.
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NATURSCHAUSPIEL.
Eine Naturkatastrophe wird zum Erlebnis für alle, wenn sie sich verhält, wie die Zuschauer es von einem Drama, einer veritablen Tragödie erwarten. Die Zerstörung muss ausdrucksstarke Bilder liefern. Ein Naturschauspiel. Zunächst aufgeführt von der Naturgewalt selbst, dann von der politischen.
Ich nenne das im Akademischen: Fiktionalismus. Panfiktionalismus. Nein, es ist nicht die Presse und das TV, das diese Dramatik verlangt. Unser Bedürfnis ist sehr viel älter. Man lese HOMER mit den wilden Abenteuern des Odysseuss oder das ALTE TESTAMENT mit Noah und der Sintflut. Und natürlich das EVANGELIUM unseres Religionsstifters, der gegen die Natur Wunder tut. Wir erwarten große Schauspiele, wenn wir uns Schicksalsschläge erklären wollen. Und HELDEN, wenn nicht gar ERLÖSER.
Eigentlich erwarten wir nämlich nicht nur Dramen; wir wollen religiöse Rituale, sogenannte GOTTESDIENSTE. Früher mit Opfergaben, auch Menschenopfern, jetzt mit Zorn gegen „die“ Leugner. Für alle gilt nun: Unterwerfung unter die Symbole der höheren Gewalt. Zu Kreuze kriechen, auch wenn es nur heißt, den Gesslerhut zu grüßen. Deshalb muss man nun notorisch einräumen, dass die Ursache für den Starkregen die menschengemachte Klimaerwärmung ist. Es ist zu wiederholen, wie man einen Rosenkranz betet.
Ich erinnere bei den Bildern aus dem Ahrtal ein Ereignis in England, das „Lynmouth Flooddesaster“ von 1952. Anhaltender Starkregen im Exmoor, N. Devon, hat im flussnah bebauten Tal der Lyn viele Gebäude weggespült. Ich habe in den Siebzigern noch mit Zeugen gesprochen. Studiert habe ich vor Ort, wie man das Hafenstädtchen bei Linton neu angelegt hat. Riesige Brücken, breite Wasserläufe und eine Auflauffläche enormer Größe, als Park angelegt. Das flooddesaster war in meinem Geburtsjahr, eine neue Flut ist bisher nicht gekommen, trotzdem schien es mir immer klug, so zu siedeln, dass die Natur sich ernstgenommen fühlt. Ich liebe das Exmoor und Lynmouth. Im Hafen übrigens ein kleiner Feuerturm, den sie den Rheinischen Turm nennen. Zufälle.
Aktuell zu sagen ist, dass sich der Kanzlerkandidat der Grünen, Robert HABECK, klug verhält im Naturtheater, der Kandidat der Sozis, der SCHOLZOMAT, an der Seite von Malu Dreyer keine Fehler macht und der Karnevalskasper der Union, der Armin aus Aachen, gestern mit Clownerie schlicht abgeschmiert ist. Das zu der POLITISCHEN BEWIRTSCHAFTUNG, dem Ausnützen eines Naturschauspiels für die eigene HELDENSAGE.
Im übrigen ist es wie im Krieg: vom wirklichen Elend der einfachen Menschen handeln die STAATSAKTE nur vordergründig. Sie sind, wie schon immer, nur Statisten im Schauspiel der Feldherren. Kanonenfutter, nennt das mein Alter Herr, der einen Krieg überlebt hat. Es ist mindest so bitter, wie der Zyniker es empfindet.
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Rübe ab, einsperren, Schlüssel wegwerfen: Neues von Law & Order
Thilo Sarrazin in der Verkleidung eines schwarzen Zuhälters, denke ich, als ich in das Gespräch meiner Nachbarn hinein höre. Die Sprüche des deutschen Stammtisches kann man also auch im Ausland vernehmen. Die bunte Truppe am Nachbartisch intoniert: „Lock the gangsters up und throw away the keys!“ Wir sind im industriellen Herzen Englands, den West Midlands, wo Bandenkriminalität als Kehrseite von Multi-Kulti erscheint.
Die Sarrazinschen Horrorszenarien hatten Birmingham eingeholt, bevor sie in Berlin überhaupt aufschienen. Vor zehn Jahren gab es hier zweimal am Tag einen Schusswechsel im Migrantenmilieu. In die entsprechenden Vororte ging man nicht nach Einbruch der Dunkelheit. Aber Ausgrenzung und Bestrafung lösten das Problem hier so wenig wie in New Jersey, der Heimat berühmter Bandenkriege.
Das ist Thema in Birminghams Island Bar, einer knallvollen Cocktail Lounge, die offensichtlich keine Kleidervorschriften macht. Die Herrschaften um den Pimp-Sarrazin sind so bunt und lasziv gekleidet, dass man sie eher einer Punkband zurechnen würde. Sie sprechen lautrein das proletarische Englisch der Midlands, ihre Familien stammen offensichtlich ursprünglich aus afrikanischen, indischen und sonstigen asiatischen Ländern. Und ich habe mich verhört. Man fordert nicht Rübe ab, sondern macht sich über solche Forderungen lustig.
Mit seinen neuen Waffengesetzen will der amerikanische Präsident einen zweiten Versuch unternehmen, europäisches Denken in den USA einzuführen. Erst eine vernünftige Krankenversicherung, jetzt eine Entmilitarisierung der Zivilgesellschaft. Das sind Vokabeln, die mich endgültig erstaunen. Die Punker sprechen die Sprache europäischer Sozialpolitik. Sie erinnern sich an den Spruch des damaligen französischen Präsidenten, dass man den Schmutz mit dem Kärcher aus den Vororten vertreiben müsse, mit bitterem Humor. Gemeint waren die Jugendgangs von Einwanderern.
Da meine mithörenden Ohren inzwischen eine Größe wie beim afrikanischen Buschelefanten erreicht haben, mein Interesse also bemerkt wird, bittet man mich und meinen Kumpel an den Nachbartisch. Es haut uns um. Die YMCA-Truppe sind Beamte auf einem Absacker nach Dienstschluss. Willkommen bei den Jungs und Mädchen vom West Midlands Mediation and Transformation Service. Sie sehen aus wie ihre Kunden, sagen sie. Das kann ich jetzt bestätigen. Wir wirken in unseren Geschäftsanzügen in der Runde wie Pinguine im Zoo. Eine wirklich wilde Vorstadt-Gang in Begleitung ihrer Anwälte.
In den letzten zehn Jahren haben sich die „gun crime incidents“ von über siebenhundert im Jahr auf weniger als dreihundert mehr als halbiert. Aus vier, fünf ernsthaften Schießereien am Wochenende ist jetzt eine geworden. „Still one too many!“ Die Sensation liegt in der Begründung für den Rückgang: Es ist nicht mehr die Polizei, die sich um die Probleme kümmert, jedenfalls nicht vorderhand. Alle Verantwortlichen der Kommune haben sich an einen Tisch gesetzt und eine gemeinsame und vor allem neue Strategie beschlossen, die auf einer ungewöhnlichen Überzeugung beruht. Law & Order hilft nicht als alleiniges, schon gar nicht als erstes Rezept.
Aus allen Militarisierungen der Parallelgesellschaften kennt man die sich aufwärtsdrehende Spirale von leichten zu mittleren zu schweren Delikten. So rückt Organisierte Kriminalität vom Rand in die Mitte der Gesellschaft. Die volle Wucht der Strafjustiz, sagt mein Sarrazin-Zuhälter, ist eine Bildzeitungsillusion („tabloid illusions“), die die reaktionären Gemüter beruhigt, aber das Problem vergrößert. In Birmingham kümmern sich Mediatoren um die Kommunikation zwischen den Gangs, um die Kultur der Vororte. So wird aus einer (empfundenen) Respektlosigkeit keine Schießerei, aus einen Gerangel kein Krieg. Im Idealfall.
Der baumlange Baseballspieler mit westindischem Hintergrund zeigt sich endgültig als Sozialarbeiter, als er mir vorrechnet, dass ein einziger Mordfall ein bis zwei Millionen Pfund an Aufklärungskosten verzehre, die Verhinderung nicht mal ein Zehntel koste; wohl gemerkt, die Verhinderung von 300 Gang-Morden kostet nicht ein Zehntel, fügt er an. „To be fucking clear, mate: We are spending taxpayer‘s money to save taxpayer‘s money. Full stop.“
Mediation statt Strafjustiz. Das nehme ich jetzt mit nach Moabit, wo ich täglich am Knast vorbei fahre. Neuerdings mit der Vorstellung, dass dort eines Tages ein Schild hängen könnte: Zimmer frei.
Quelle: starke-meinungen.de