Logbuch

NEUE WELT, TAPFER.

Die Zukunft beginnt heute, wenn sie nicht schon gestern begonnen hat und wir es verschlafen.

Ein Freund berichtet aus Fernost per WhatsApp-Call. Ich höre die vertraute Stimme nicht nur aus einer entlegenen Welt; sie berichtet auch aus einer fernen Zeit. Ich fühle mich jetzt, da ich dies notiere, wie George Orwell, der 1948 von 1984 berichtet. Er war übrigens für die britische Regierung in deren Kriegspropaganda tätig und wusste aus eigener Erfahrung, wie dabei gelogen wird. Auch bei „London calling“, dem meiner Vorfahren wahrheitshungrig auf dem Dachboden lauschten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Aus den USA kommend sei er, erzählt mein Freund, in der chinesischen Industriemetropole spät am Abend hungrig gelandet und habe wohlweislich noch am Flughafen die Restbestände örtlicher Währung von seinem WeChat-Account in Bargeld getauscht. Er hatte auf dem Nachtmarkt anderer Metropolen wunderbare Garküchen in Erinnerung, die seinem Appetit zu Willen sein sollten. Deshalb besser „Cash auf de Tesch“.

Im Hotel keine Restauration. Der Concierge erheitert über seine Fragen zu nächtlichen Restaurants; da erinnere er wohl Hong Kong oder Singapur (beide Nennungen schütteln den braven Mann vor Ekel). Mit Cash fange man hier gar nichts an. Er solle sich über WeChat etwas auf‘s Zimmer bestellen. Da war aber der Etat gerade geleert. Mein Freund weckte einen anderen Ex-Pat vierhundert Kilometer entfernt und bat diesen, ihm ein warmes Mahl zu ordern. Der sagte ihm noch, er solle darauf nicht in der Halle warten. Der Room Service brächte es auf‘s Zimmer.

Eine halbe Stunde später klingelt es an der Tür seines Hotelzimmers, er öffnet, niemand steht dort. Dann bemerkt er in Kniehöhe den kleinen Roboter, dessen Anzeigetafel ihn bittet seine Bereitwilligkeit zu erklären. Ein Fach springt auf und gibt ein Paket dampfender Teigtaschen frei. Der Empfang wird durch Knopfdruck bestätigt. Nun darf er bewerten, wie zufrieden er mit dem Service der blinkenden Büchse ist. Der Wicht rauscht ab.

Mit halbem Auge sieht er noch, wie er im Aufzug verschwindet. Stellt sich zum Dessert die Frage, wie der Blechgnom an die mannshohe Türklingel gekommen ist. Oder in den Aufzug. Mein Freund vermutet, dass er auf die Elektronik des Hotels zugreife. Die Teigtaschen seien nicht schlecht gewesen; die nähme er noch mal. Seinen Geschmack kenne das System jetzt ja. Müssen nur noch frische Dollars auf WeChat. Brave new world.

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WESTLICHE ZIVILISATION.

Im Katholischen fallen Geistlichkeit und Geist zusammen. Es herrscht durch die Kardinäle hindurch sogar der Heilige Geist. Ihr Papa schließlich ist unfehlbar. Mehr geht nicht. Stellvertreter Gottes. Wer daran herumkritelt, der ist ein Ketzer; oder eben so ein verdammter Protestant wie Thomas Müntzer und ich.

Die Beerdigungsfeier des Papstes hat mich beeindruckt, auch wenn ich mir nicht so ganz sicher bin, wie ernst es ein Mitglied der Societas Jesu (SJ) mit der Bescheidenheit meint. Aber ein großer Auftrieb in der Ewigen Stadt; der Katholizismus noch immer eine Weltmacht. Auch der als bescheiden adressierte Holzsarg hat mir gefallen; so was in der Art hätte ich für mich auch gern.

Alle Welt tiefschwarz in Trauer gekleidet, nur Donald Trump kommt in Taubenblau: Hat der Kerl keinen schwarzen Anzug? Es ist wirklich degoutant. Überhaupt wird die Diskrepanz deutlich zwischen Amt und Person. Man kennt das schon von den Thronen, die früher die Welt beherrschten. Der Macht der Krone entsprachen nicht immer die Adeligen, die sie aufsetzen durften. Riesige Reiche wurden in grauer Vorzeit schon von Minderbegabten regiert.

Deshalb ist der Amtsinhaber immer nur der Träger dieser Würde, aber nicht das Amt selbst. Die mittelalterliche Sehnsucht nach einem Philosophenfürst war Reaktion auf die gelegentlich schmerzliche Kluft. Trump mag clever sein, aber ist er intelligent? Ein Intellektueller jedenfalls ist er nicht. Da würde er mir zustimmen. Auch Putin kein Philosoph, jedenfalls nicht im akademischen Sinne.

Nicht schlecht ist im Philosophischen allerdings die Gastgeberin des Vatikan, Frau Meloni. Sie definiert die Leitkultur der Westlichen Zivilisation als Erbe griechischer Philosophie, römischen Rechts und christlicher Werte. Alle Achtung. Kann sie wissen, was das ist, von dem sie da gerade spricht? Ja, sie verehrt Mussolini und war auf einer Hotelfachschule.

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ITALIENERFLEISS.

Jeder Nationalismus erweist seine innere Idiotie, wenn man ihn auf den Alltag, sprich das wirkliche Leben wirklicher Menschen, überträgt. Zum Beispiel das Essen. Niemand genießt noch gekochtes Eisbein mit Erbspüree, auch wenn DEUTSCH gesinnt. Zumal das Schwein, wenn nur noch dreibeinig, im Stall ja umfällt. Das deutsche Lebensmittelgeschäft unserer Vorväter war ein KOLONIALWARENHANDEL, weil man Exotisches aus aller Welt liebte. Das soll auch so klingen und der Gastronom sprich nur unbeholfen Deutsch, wenn überhaupt.

Trotzdem muss man sich wundern. Ich gehe mit einem gebildeten Menschen in New York essen; er lädt ein. Wir essen Steak und Salat, ein gebratenes Fleisch und Grünzeug, was ich für keine kulturelle Leistung halte. Der Laden heißt Tete d‘ Or, weil der Koch aus Lyon kommt. Mein Gastgeber regt sich über die Speisekarte auf, wo ohne Kommentar „Soup de l‘oignon“ verzeichnet sei: Kein Mensch wisse, was das sei. Tjo. Ich erzähle ihm, wie ich mal in Lyon ein Bressehuhn in der Kalbsblase hatte. Findet er seltsam. Selbst in NYC, der polyglottesten aller Städte, hat die Sehnsucht nach der Fremde ihre Grenzen. Steak & Salad, das ist der Kern, obwohl jeder Idiot ein Filet braten kann.

Daran denke ich gestern, als ich nach einem vergnüglichen Essen bei einem Italiener in Hessen auf die Rechnung schaue. Ein in feine Scheiben seziertes Steak hat für zwei Personen 125 € gekostet. Auch Geld für einen Hauptgang vom Grill. Weil ich aus den radebrechenden Anpreisungen des italienischen Kellners nicht schlau geworden bin, schaue ich bei Google nach: Aus dem hinteren Teil der Hochrippe vom Rind stammt das extra dick geschnittene Tomahawk Steak. Das Teilstück am Knochen ist ein besonders großes Zwischenrippenstück und überzeugt mit seinem intensiven Fleischgeschmack und seiner extraordinären Größe: Bis zu 1,4 kg kann dieser Cut auf die Waage bringen.

Unser geschätzter Kellner hatte es zunächst am Nachbartisch, dann bei uns mit großzügiger Geste als „Italienerfleiss“ angepriesen; er meinte damit wohl, dass die Kuh im Piemont stand, als sie noch Gras fraß. „Isse echte Italienerfleiss!“ Gut 300 € das Dinner für zwei Personen, tatsächlich fleißig. Ich hätte mir den Knochen einpacken lassen sollen.

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Reichensteuer: eine dreiste Volksverdummung

Millionengehälter für Spitzensportler oder Showstars sind in Ordnung, wenn sie Tore schießen oder Quote bringen, was beides das Gleiche ist. Selbst die moralinsaure Talkmasterin Maischberger wird bezahlt wie eine Schlagertusse. Die gleichen Summen für Manager wecken den Klassenkämpfer in uns. Das ist die große Stunde der Besänftiger. Sie wollen deckeln oder kappen und eine Reichensteuer einführen. Politik in diesem Land ist immer mehr vorauseilender Gehorsam vor dem Volkszorn.

Frieden den Hütten. Krieg den Palästen. Wer eine Reichensteuer erhebt, der sorgt für soziale Gerechtigkeit. Robin Hood hat es auch so gemacht: die Reichen geplündert und es dann den Armen gegeben. Wer das verspricht, den werden wir wählen. Warmer Regen ist uns versprochen. Die Herren werden Manna werfen, sagen sie. Das ist ein bewährter Trick der Linken: tax and spend.

Dieser politische Mythos beruht auf der Annahme, dass es bisher eine Umverteilung von unten nach oben gegeben habe. Den Arbeitslosen wurde genommen, was dann auf den Konten der Milliardäre Zins und Zinseszins bringt. Dass daran schon rechnerisch irgendetwas nicht stimmen kann, ist ein fachidiotischer Einwand. Hier geht es aber um Politik. Wir sollen Gerechtigkeit, sprich die Umverteilung von oben nach unten, wollen.

Dazu lese ich bei Sloterdijk: „Ist es gleich Wahnsinn, hat es doch Methode – und Geschichte. Natürlich läuft der staatlich gelenkte Geldstrom in die entgegengesetzte Richtung: Die öffentliche Hand verteilt das der aktiven Mitte abgenommene Geld nach unten.“ Begünstigte sei das Millionenheer der Rentner und Umverteilungsempfänger, die so in der staatlichen Alimentation eingemauert würden. Das Argument des Philosophen erweitert die soziale Gliederung von einem zweistufigen Gebilde in ein dreistufiges.

Oben thronen die ewig Reichen und unten sitzen die ewig Armen, in der Mitte der Zwiebel ackert der Mittelstand aus Arbeiter, Angestellten und Selbständigen. Im unteren Teil der Zwiebel halten sich 20 Millionen Rentner auf und 8 Millionen Arme. Somit sind es in der Mitte 50 Millionen, die durch neue Steuern abgezogen werden. Damit es dazu keinen Aufschrei gibt, wird auf die hunderttausend Vermögenden an der Spitze verwiesen. Die Reichensteuer ist Volksverdummung nach dem Muster Brot und Spiele auf Kosten der Mehrheit, um den Staat zum Wohltäter für eine Minderheit zu machen; mit den Reichen hat das Ganze gar nichts zu tun.

Die Manipulation des Libor-Leitzinses ist ein Skandal, nicht das Gehalt eines Bankbosses. Die hohen Boni für Investmentbanker sind berechtigt, wenn dieses Investmentbanking berechtigt ist. Wer das ändern will, muss an das System, nicht an das Taschengeld. Man kann nicht den Casino-Kapitalismus da lassen, wo er ist, aber den Jungs ein wenig die Spesen kürzen. Diese symbolische Politik amüsiert die Geldschneider, weil sie nur gedacht ist, uns als Ahnungslose zu täuschen. Die Reichensteuer ist Augenwischerei.

Gleichzeitig macht man uns glauben, dass die Herrschaft des internationalen Kapitalmarktes gebrochen ist, die Euro-Krise fast bewältigt, die Zeit wieder reif, um die Staatskasse zum big spender zu machen. Das wirklich Enttäuschende dieser symbolischen Umverteilungspolitik ist ihr demagogischer Kern: Nichts ist zum Besseren gewendet, außer dass man den Menschen Themen nimmt, die sie erzürnen.

Quelle: starke-meinungen.de