Logbuch
DIE BAHN - EIN SELBSTMORD IN RATEN.
Schlecht gestellt ist es um Dich, wenn Du beginnst, selbst Deine Freunde so zu verärgern, dass sie Gegner werden, schließlich gar Feinde. Diesen Selbstmord auf Raten begeht gerade die Bahn. Das schreibe ich, bevor ich gleich eine Autofahrt über 600 km beginne, hin und rück 1200km. Highway man. Notgedrungen.
Die Bahn ist in öffentlicher Hand, weil Staatsunternehmen. Und sie ist in schlechten Händen, weil lausig geführt. Jüngst legt ein Streik einer Mini-Gewerkschaft ohne angemessene Ankündigung Güter- und Personenverkehr lahm und der amtierende Personalvorstand tut so, als sei das wie ein Unwetter über ihn gekommen. Es ist die Aufgabe eines Arbeitsdirektors solche Streiks zu verhindern. Dafür wird er bezahlt, und zwar gut. Dies ist keine Naturkatastrophe, sondern eine des Managements.
Ich höre viele Stimmen enttäuschter Kunden. In „normalen“ Unternehmen nimmt man das ernst („voice of the angry customer“). In dem Staatskonzern kümmert das in Wirklichkeit keine Sau. Man habe es halt mit einer QUERULANTISCHEN KLIENTEL zu tun, höre ich im Bahntower zu Berlin aus berufenem Mund. Auch die Presse, jedenfalls das MANAGER MAGAZIN, gehöre zu den lästigen Kohorten der ewig Undankbaren. Darauf reagiert man autoritär mit KAMPFANSAGEN. Der Kunde irrt, zu dieser Paradoxie hat man sich verstiegen. Verdacht: In diesem Bahn-Vorstand stimmt die ganze Einstellung nicht.
Meine Verärgerung fing jüngst damit an, dass man bei Verspätung vor Erreichen des Reiseziels irgendwo in der Pampa abgeworfen wird, damit der verspätete Zug zurückkönne und pünktlich zur nächsten Fahrt sei. So stehst Du mit dummem Gesicht in Augsburg statt in München. Dann dass man mich als Kunden in den Sozialen Medien gegen meinen Willen duzt; auch ein klares Zeichen mangelnden Respekts. Dazu kommt jüngst ein Berliner Soziolekt, den ich die BVG-Pampigkeit nenne, weil das örtliche Nahverkehrsunternehmen damit begonnen hat. Rhetorische Übergriffigkeit als Prinzip. Keine Peinlichkeit wird ausgelassen. Ghetto-Charme als Stil des Hauses. Frech im Ton, nachlässig in der Sache, das Geschäft gemächlich im Behördentrott, im Zweifel autoritär gegen den Kunden.
Und nun zu den Preisen. Was bekomme ich für mein Geld? Nun, die BahnCard 100, die ich einst abonniert hatte, lag nicht weit unter 7000€ im Jahr. Für die Hälfte kann man fliegen. Oder ein Drittel. Da kommt man am Ziel an; man wird zudem gesiezt und mit Respekt behandelt, jedenfalls bei den Linien. Große weite Welt statt Ghetto-Charme. Na ja, wenigstens früher und wenn man nicht mit dem irischen Billigflieger reiste. Ökologisch Irrsinn. Fazit? Man wirft mich auf den PKW zurück. Die Bahn wird zur AUTO-LOBBY. Eine Groteske.
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CURRYWURST.
GERHARD SCHRÖDER, seines Zeichens BUNDESKANZLER (nie mit a.D. lt. Protokoll) kommentierte gestern eine Fehlmeldung fehl. Bei VW in Wolfsburg sei in den Werkskantinen die allseits beliebte CURRYWURST abgeschafft worden; sie werde durch so einen veganen Tofu-Frevel ersetzt. So würde die Facharbeiterschaft geschwächt. Das, sagt Gerd, hätte es zu der Zeit, als er noch im Aufsichtsrat von VW saß, nicht gegeben. Dazu wäre bei besserer Ortskenntnis gleich mehrfach etwas zu sagen.
Aber ich habe an BK Schröder nichts zu meckern. Erstens hat er mir zu der Zeit, auf die er hier anspielt, mindestens ein Mal den Arsch gerettet. Ich empfinde Dankbarkeit über den Tag hinaus. Ich war damals VW-Vorstand für Kommunikation und er nicht nur AR-, sondern sogar Präsidiumsmitglied. Der Mann hat zu mir gehalten, auch wenn die Presselage gerade nicht rosig war. Wofür damals ein Sündenbock gesucht wurde.
Zweitens ist für den CURRYWURST-Ausputzer möglicherweise Schröders PR-Berater verantwortlich, ein Berufskollege, den ich notorisch schätze und nicht öffentlich kritisiere. Drittens ist die Faktenlage ex Kantinenregime halbgehangen. Sie betrifft, wenn ich das aus der Ferne richtig verstehe, den Speisesaal des Hochhauses, wo, unter uns gesagt, die essen gehen, deren Allerwertester tagsüber auf den sprichwörtlichen Kissen ruht. In einem ganzen Jahrzehnt, das ich in dem betreffenden Hochhaus zubringen durfte, habe ich es keine zwei Mal in diesen Saal geschafft; bei uns, in meinem Bereich, wurde nämlich durchgearbeitet. Klare Ansage: „Mittagspause ist was für Kissenpuper.“
Viertens kann ein Aufsichtsrat nicht in operative Entscheidung des Managements eingreifen. Das untersagt das AKTIENGESETZ ausdrücklich. Und der kluge Vertreter des Landes Niedersachsen im AR hätte das auch nicht versucht. Fünftens frequentierte Gerd Schröder in Berlin leider (!) eine Pommesbude im Osten, deren Currywurst er sogar im Bundestag namentlich erwähnte. Habe ich persönlich gehört. KONNOPKES IMBISS an der Schönhauser findet hier allerdings keine weitere Empfehlung.
Die Bochumer CURRYWURST von Herbert Grönemeyer, von ihm besungen Anfang der Achtziger, ist dagegen referentiell korrekt. Ich halte den Grönemeyer zwar für dramatisch überschätzt, aber sein Hinweis auf die CURRY von DÖNNINGHAUS ist verdienstvoll. Die „Echte“ von Dönninghaus wurde im BERMUDA DREIECK (einem Kneipenviertel in Bochum) in einem Bauwagen neben dem Lichtspielhaus UNION THEATER angeboten. Unnachahmlich. Dorten oft selbst an den Mann genommen.
Natürlich kommt das Curry nicht aus Indien oder Südostasien, sondern wie CHICKEN TIKKA MARSALA eigentlich aus England, natürlich kommt die Currywurst eigentlich aus Berlin, aus einer Zeit, als die „englischen Besatzer“ über die angeblich indischstämmige Gewürzmischung verfügten, und es in die FAST FOOD Versorgung eindringen konnte, bevor die Stadt die Hackfleischplättchen briet oder Hängefleich am Spieß, vulgo Hamburger und Döner. Die „Echte“ übrigens immer mit Pommes Schranke. Scharf, aber keine Körner.
Dass die Berliner Pommesdame heutzutage nach der korrekten Bestellung von „Doppelcurry Pommes Schranke“ peinlicherweise jedermann fragt, ob „mit Darm oder ohne“, das ist nun wirklich, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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NATIONALCHARAKTER.
Ich gehöre zu der Generation, die noch den Ruf „Ho-Ho-Tschi-Minh“ auf den Straßen Berlins gehört hat. Und T-Shirts mit dem Konterfei des kubanischen Revolutionärs Che Guevaras trug. Ein eigenartiger Exotismus. Jedenfalls gehörte man hierzulande zum besseren Teil der Welt. Die USA hatte man im Verdacht des IMPERIALISMUS.
Die ernstzunehmende Erinnerungskultur meiner Generation beschäftigte sich mit der Vorgeschichte und der Wirklichkeit des Zweiten Weltkriegs. Es waren Fragen an die junge Bundesrepublik danach, wie sich ihre Träger in der Weimarer Republik, zur Machtergreifung, dem verbrecherischen Angriffskrieg und dem Völkermord, insbesondere dem Holocaust verhalten hatten. Das war im Kern die Auseinandersetzung mit dem Erbe des FASCHISMUS, das wir gerne ausschlagen wollten. Gefragt war die Generation der Väter und Großväter.
Mittlerweile geht die Debatte um HISTORISCHE POLITIK noch ein, zwei Generationen weiter zurück. Wir schauen auf das ausgehende Kaiserreich und den Ersten Weltkrieg. MILITARISMUS und das Wirken in den KOLONIEN wird Thema. Wir sind bei den Groß- und Urgroßvätern. Auch da scheint es ein Erbe zu geben, das man ausschlagen könnte. Ich erinnere mich noch an die Frage eines von Bonn nach Berlin verlegten Spitzenpolitikers, worauf sich die Siegessäule („Goldelse“) historisch beziehe. Als sein Büroleiter vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 sprach, fragte er: „Und wer hat den gewonnen?“
Mich stört auch an der KOLONIALISMUS-Debatte der Exotismus des Themas. Andererseits alles vor der eigenen Tür. Ich lerne was zur Teilung der Niederlande im 15. Jahrhundert, die Entstehung Belgiens und dessen Wirken als Königreich im 19. /20. Jahrhundert in seinen afrikanischen Kolonien. Meine Güte, selbst Deutschland soll in Afrika Kolonien gehabt haben, das hätte ich jetzt aber nicht gedacht. Ist die Geschichte vor 1870/71 wenigstens halbwegs okay?
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Meinungsfreiheit, darum geht es; nicht um bunte Eier.
Der alberne Hase mit seinen bunten Eiern hat hier eigentlich gar nichts zu suchen. Kein Ostern ohne Karfreitag. Das ist der höchste christliche Feiertag. Karfreitag erinnert an die infame Ermordung des Aufrührers Jesus von Nazareth, den seine Zeitgenossen wegen seines Zeugnisses zusammen mit Mördern und Verbrechern bestialisch an das Kreuz geschlagen haben. Karfreitag feiert einen Märtyrer.
Hier ist die alte Vorstellung, dass jemand Zeugnis ablegt, etwas bezeugt, von dem er zutiefst überzeugt ist. Mit der Konsequenz, dass ihn die herrschenden Ideologen seiner Zeit ermorden. Schieben wir die religiösen Mythen der Auferstehung, also den Ostersonntag, für einen Moment beiseite, kommt der Kern des Märtyrertums wieder zum Vorschein. Es geht um Meinungsfreiheit.
Märtyrer: das altgriechische Wort für Menschen, die sich nicht den allgemein gewünschten Auffassungen anschließen wollten, auch nicht um den Preis gravierender persönlicher Nachteile, am bösen Ende um den Preis des eigenen Lebens, hat viele moderne Entsprechungen. “ Freedom of Expression“, das Recht des freien persönlichen Ausdrucks gehört zu den vornehmsten Menschenrechten. Journalisten sind die Helden dieser Herausforderung, was ihre moralische Erhabenheit begründet.
Zu den bittersten Gegnern der Meinungsfreiheit gehörten über alle Zeiten jene, die den Gekreuzigten Jesus von Nazareth als Religionsstifter verehrten, die Kirchen. Nicht nur die Katholische Kirche hat mit der Inquisition gegen Irrlehren gewütet und Scheiterhaufen entzündet. Die Protestanten standen mit der Ächtung und Ermordung von Ketzern nicht nach. Freilich verweigerte man den so Verfemten den Status als Märtyrer. Selig sind immer nur die eigenen Opfer, nicht die Kadaver der Feinde.
Das gehört zu den großen Paradoxien der Menschheit, dass sich Religionen als wahrer Glauben gegen den Aberglauben anderer bilden und zu Institutionen werden, um sogleich die eigene Lehre von den Ursprüngen der Rechthaberei zu befreien und als Wille des Himmels ins Absolute zu setzen. Mit der Glaubensgewissheit kommt die Intoleranz, wenn nicht auf den Lippen, so doch im Handeln. Ungläubige darf man dann verachten oder gar totschlagen.
Die Frage, wer denn Jesus nun an das Kreuz gebracht hat, die römische Besatzungsmacht oder die jüdische Orthodoxie, ist insofern interessant, als sie zeugt, dass es von Anfang an immer auch um den Zusammenhang von Rechtgläubigkeit und staatlicher Macht ging. Alle Gottesstaaten, auch die christlichen, auch der „Bibel Belt“ der USA, pervertieren Meinungsfreiheit und reduzieren sie auf die Machtfrage einer Freiheit der Rechtgläubigen. Im Nacken spürt man den kalten Wind der Diktatur.
Das demokratische Konzept, das republikanische, lautet: Meinungen dürfen Macht nur auf Zeit haben und müssen sich zu Recht und Gesetz läutern. Das freiheitliche Konzept lautet: Meinungen sind Privatsache, sie haben keinen Anspruch auf Gültigkeit für andere, wenn sie sich nicht zu Recht und Gesetz geläutert haben. Die freiheitliche Demokratie ist eine Veranstaltung in einem permanent labilen Gleichgewicht. Man muss auf sie aufpassen, deshalb braucht es eine freie Presse.
Österlich argumentiert: man sollte den Märtyrer vom Karfreitag ehren, ihm aber den Anspruch vom Ostersonntag verwehren. Einen so radikalen Protestantismus machen freilich selbst die Evangelischen nicht mit. Aber es ging hier ja auch nicht um Religion, sondern um Politik. Und da haben die beseelten Eiferer eh nichts zu suchen. Warum? Weil die Religiösen die ersten sind, die Meinungsfreiheit verwehren.
Quelle: starke-meinungen.de