Logbuch
DAS LEBEN ALS FUSSNOTE.
Tagebücher stehen im Geruch, besonders authentisch zu sein, weil man annimmt, sie seien unverbrüchlich Zeugnis einer Beichte. Insbesondere bei berühmten Menschen erlangen sie daher einen geradezu historischen Wert. Das könnte ein Irrtum sein.
Eine Historikerin erzählt mir, dass der Propaganda-Minister der Nazis, der unsägliche Joseph Goebbels, seine Tagebücher schon vor der Niederschrift an einen Verlag verkauft habe, da er das Geld zum Erwerb eines Anwesens an den Promigestaden Berlins benötigte. Goebbels hat dann also Tagebuch geführt in dem Wissen, dass sie veröffentlicht werden, und man ja annehmen musste, dass der „Führer“ noch lebte und herrschte und die eifersüchtigen Schergen der faschistischen Meute. Was erwartet man unter diesen Umständen von seinen Lebensbeichten? Dokumente des Widerstands?
Überhaupt ist es nicht unüblich, dass die Rechte an Tagebüchern schon an Verlage veräußert werden, bevor sie überhaupt geschrieben worden sind. Gilt auch für die Memoiren wichtiger Leute, die sie nach öffentlichen Aufgaben zu kargem Lohn nunmehr als Autoren ihrer selbst reich machen sollen. Wer hätte da den Mut darzulegen, dass sein Leben langweilig war und er selbst ein Einfaltspinsel.
Ein weiteres Hindernis für ertragreiche Lektüre liegt im historischen Verlust des Kontextes. Der spätere Leser hat nicht mehr auf dem Schirm, was dem Zeitgenossen noch präsent war. Was heute ein Mörderwitz, kann morgen ein schaler Kalauer sein. Oder gänzlich krude. Viele Schlüsselromane werden so nur noch verständlich durch einen Monsterapparat an Fußnoten. Das mag den Philologen faszinieren, für den flüchtigen Leser ist das eine Tortur.
Der Weltmeister im Verstellen von Verständnis war der Dichter Franz Kafka. Ich lese gestern, dass es bei der Parabel „Vor dem Gesetz“ eigentlich um die Auflösung seiner Verlobung im Askanischen Hotel gegangen sei, die er ohnehin durch einen flotten Dreier kompliziert hatte; zudem hätte es Inzestängste gegeben. Ja, Alta, man kann es sich aber auch unkommod einrichten. Max Brod hätte das ganze Zeug seines Kumpels weisungsgemäß verbrennen sollen. Was es damit auf sich hat, erfahren Sie in hundert Jahren hier an dieser Stelle durch eine Fußnote.
Logbuch
HALBWAHRHEITEN.
Habe ich mich verlesen? War das eine alte Meldung? Oder gar Fake? Die Kommunikation der Deutschen Bahn soll künftig, verlautbart deren PR-Chefin eigenhändig in den Sozialen, ehrlicher sein. Auch andere Ziele werden genannt; der übliche Reigen von Attributen, die Rationalisierungen verbrämen. Aber eben auch ehrlicher soll es zugehen.
Ich neige zwar gelegentlich zu Kollegenschelte, aber die Kollegin bei der Bahn war mal bei VW, da halte ich mich zurück. Darf ich trotzdem sagen, dass der Komparativ mich irritiert. Was meint das? Ein wenig ehrlicher? Nicht mehr so ganz verlogen? Künftig öfter mal die halbe Wahrheit? Sonntags die ganze?
Diese Irritation führt zurück zu einer Debatte, die vor Jahrzehnten die Publizistik beschäftigt hat: Darf PR lügen? Ich gehörte damals zur Fraktion der Nestbeschmutzer (in den Augen der Gegner). Im Kern vertraten meine Lehrer Luhmann und Merten sowie deren Schüler die Auffassung, dass PR sozial tolerierte Täuschung sei. Danach macht der Satz der Bahn-Sprecherin Sinn; man will künftig also weniger täuschen als in der Vergangenheit. Das stimmt mich als regelmäßiges Opfer eines notorischen Missmanagements hoffnungsfroh.
Wäre noch meine Anschlussfrage zu stellen: Wird auch die Veralberung der Kunden im Berliner Getto-Slang zurückgenommen? Jedenfalls bleibt Satire im Angebot. An der Sitzung zur neuen Kommunikationsstrategie habe beratend auch Bahn-Chef Lutz teilgenommen; man liest es und sieht ihn auch auf dem Foto. Ehrlich.
Logbuch
WO DER SAUMAGEN HERKOMMT.
Dass Berlin eine dem Wasser abgerungene Stadt wie Venedig sei, ist eine unhaltbare Übertreibung. Hier haust der Proll! Zumal die großartige Lagunenstadt längst zum touristischen Theme Park verkommen ist. Petra Reski passt auf sie noch auf, aber stimmt mir in der Trauer um den Niedergang von Harrys Bar zu. Nun, ich hause in Berlin auf der Insel Moabit, einst Industriemoloch von Borsig, und darf den Spreebogen genießen.
Die Spree band das preußische Kaff im Brandenburgischen Sand ans tschechische Hinterland und brachte Kohle, Viehfutter wie Milch („Bimmel-Bolle“). Nun entdecke ich gestern, dass das Ufer im Spreebogen fast durchgängig befestigt ist und somit zu erwandern. Freizeitidylle. Berlintypisch mit einem Hauch von Slum, aber Bote einer neuen Zeit. Man wird einsehen müssen, dass Gentrifizierung eine kulturelle Leistung ist (und die Romantik der ewigen Ghettoisierung ein Zynismus linksradikaler Spinner). Niemand kann die Slumbehausungen der DDR noch wollen. Nicht mal die Berliner Linke.
Züge einer Gartenstadt entstehen im immer attraktiveren Berlin; ja, die Preise der Immobilien spiegeln das. Erst weiterer Zubau wird daran etwas ändern. Zur Zeit zahlt der Student für eine Bude, so er sie kaufen kann, eine Viertel Mille. Also Daddy. Die soziale Frage ist also nicht zu leugnen. Und ich sehe auf meinem Spaziergang, dass die Stahldeckel der Kanalisation punktverschweißt sind. Es gibt eine Sicherheitsfrage. Die Eingänge der Souterrain-Wohnungen haben massive Stahlarmierungen. Es gibt in Berlin eben auch Anarchismus und verzweifelte Gestalten osteuropäischer Alks; der U-Bahnhof ist für Frauen auch tagsüber nicht nutzbar; man darf damit rechnen, ohne Anlass bespuckt zu werden. Die Politik wie die Bahn ignorieren das.
Mein Ausflug in meinem Kiez führte mich in ein modernes Hotel einer vornehmen Porzellanmanufaktur in der Englischen Straße, das als vietnamesisch betrieben wird. Auch das Frühstück. Sie hatten (Abendkarte ab 15.00 Uhr) zu rohem Fisch einen Sauvignon Blanc aus Deidesheim. Das ist in der Pfalz, wo Kohl Saumagen verzehrte. Vielleicht ist die Assimilation der kulinarischen Kulturen eine maßgebliche Metapher für die Zukunft der Metropole.
Logbuch
Journalisten machen kein PR – das ist leider wahr
Der SPIEGEL zerlegt gerade seine Reputation; es tut in der Seele weh, wie jämmerlich sich das „Sturmgeschütz der Demokratie“ selbst darstellt. Es gehört ja zur Ehre der Investigativen Journalisten, dass sie kein PR machen. Ganz offensichtlich können sie es auch nicht. Das ist wie Moral im Alter: der Verzicht auf sexuelle Abenteuer fällt leichter, wenn auch die versagenden Lendenkräfte ihn nahe legen.
Man muss das dem Rest der Menschheit, der nicht zur hochwohl gelobten (ab-)schreibenden Zunft gehört, erklären: Was in der Liebe wahre Gefühle sind und was bezahlter Sex, dieser Unterschied bestimmt auch die Differenz von Journalismus und PR. Das sagen jedenfalls die Anhänger der wahren Liebe, die Redakteure, Inhaber der Vierten Gewalt. Und PR ist ihnen fremd. Die Ware Liebe wird von den PR-Leute betrieben, die Auftragsarbeiten ausführen.
Wer erwachsen ist und zu oft auf moralische Verklärungen reingefallen, weiß gleich: Hier stimmt was nicht. Aber es soll uns nicht darum gehen, die vermeintliche Ehre der PR-Leute zu retten (das macht schon deren Ethik-Rat in atemberaubender Peinlichkeit). Es geht uns um die Jammergestalt, die Journalisten abgeben, wenn es um ihre Zunft und ihre Blätter geht. Mein Anliegen ist die Autorität des gehobenen Journalismus, der Respekt vor einem Blatt wie dem SPIEGEL; mein Schmerz, die Posse, mit der beim SPIEGEL gerade die Chefredaktion ausgetauscht wird. Dabei wird unfreiwillig eine böse Geschichte über das Blatt erzählt, die wenig Respekt zurücklässt.
Was ist passiert? Man durfte in einem Blatt der nun wirklich anders gestrickten Springer-Presse lesen, dass die Chefredakteure für das gewichtige Blatt und den leichtfüßigeren Internetdienst rausfliegen, weil sie zerstritten sind und ein Geschäftsführer des Verlages findet, der eine tue nicht, was er wolle. Aha! Die Redakteure gelten als überrascht. Zuvor hörte man schon Dinge über das Betriebsklima und die Frauenquote in der Berliner Dependance und andere Grillen.
Wieso war man intern überrascht? Das verwundert, weil seit einigen Tagen alle möglichen Publizisten der Republik angemeiert werden, ob sie den oder die Jobs nicht wollen. Den Nachfolger suchen, um den Vorgänger los zu werden, das gehört zu den wirklich schmutzigen Verfahren im Personalmanagement. Wie Sauerbier wird Hans und Franz angeboten, was einst als der Olymp des Journalismus galt.
Zweiter Vorwurf: Der Online-Mann wolle keine Integration von Papier und Netz. Und er wolle die Gratis-Kultur, während die Springerleute angeblich zeigen, wie es geht. Zur Zusammenführung seien auch Redakteure des Blattes nicht geneigt, weil sie dann am Ende mehr als ein Stück im Monat machen müssten, was dann nun wirklich an Lohnschreiberei grenze. Hallo? Wer sich jemals die Stückchen aus SPON angesehen hat, weiß, das solche Häppchen zwischen Fahrstuhl und WC runterzudiktieren sind. Das alles mögen aber böswillige Gerüchte sein.
Jetzt aber kommt es. Was sagt die Pressestelle des Sturmgeschützes angesichts des Kommunikationsdesasters? Sie sagt, man werde keine Gerüchte kommentieren. Punkt, Ende, aus, Micky Maus. Das ist der absolute Dummfick-Satz der PR, für den selbst in PR-Agenturen der Provinz die Praktikanten rausfliegen. Und die Pressestelle sagt eben auch „off-the-records“ nichts mehr. So verschiebt sich die Schuld für das Elend spekulativ auf ein Wesen namens Mitarbeiter-KG. Das ist so schlecht, dass es schon Methode haben könnte.
Jetzt werden als neue Führer gehandelt: ein Leitender Redakteur der BILD, und der schon beim letzten Desaster vergraulte Grüne aus Bielefeld, inzwischen Herausgeber und Mitbesitzer eines Wirtschaftsblattes, eine Agentur-Mops, der gelernte Staatsanwalt und Ständige Vertreter Gottvaters bei der SZ, der Verlegersohn TGIF, der Pizzabäcker von der Leine, zur Zeit an der Spitze der Lehrerzeitung, ein Chefredakteur von Kölner Gnaden, der schon längst auf die schwarze Seite (vulgo: PR) gewechselt ist, es aber könnte…You name it.
Beenden wir die wilden Spekulationen und kommen zu den harten Fakten: das Problem heißt Mitarbeiter-KG. Der Altverleger Augstein hatte in einer eher philanthropischen als sozialistischen Anwandlung seinen Mitarbeitern die Hälfte des Unternehmens geschenkt. Die sind nun in Mielkes Letztem Kombinat, der Mitarbeiter-KG, organisiert. Schon beim unwürdigen Abgang der letzten Redaktionsspitze hatte man das Gefühl, dass hier das Heckenschützentum zur Königsdisziplin entwickelt ist. Aber nichts genaues, weiß man nicht. Denn Journalisten machen kein PR.
Was geht uns das als Leser an? Bitte ruiniert nicht ein Blatt, das wir schätzen und fürchten gelernt haben. Was geht uns das als Bürger an? Bitte ruiniert nicht einen Beruf, den wir schätzen und fürchten gelernt haben. Was geht uns das als PR-Menschen an? Gebt einem unserer Kollegen einen Job, damit diese Posse nicht ewig währt. Wenn wir nämlich in einer SPON-Welt wach werden, dann braucht es weder gute Journalisten noch gute PR-Leute. Das, was dann noch SPIEGEL heißt, kann der Leser oder ein paar Werbetussen sich selbst zurecht bloggen. Dann bliebe von der wahren Liebe noch der Quickie. Ach.
Quelle: starke-meinungen.de