Logbuch
DIE HANDBIBLIOTHEK DES WELTWEISEN.
Marbach oder Müllverbrennung? Es gibt immer ein Zögern, wenn Gedrucktes zu entsorgen ist. Als Mumpitz schon eine Weile beerdigt war, konnten die Erben auf Drängen des Immobilienmaklers irgendwann, es war zu Pfingsten, der Frage nicht mehr aus dem Wege gehen, was mit seinem Nachlass zu geschehen habe, insbesondere dem ungeheuren Konvolut an Büchern, deren Zahl auf gut tausend geschätzt wurde.
Man könne es nicht Bibliothek nennen, befand Cousin Heribert, der feststellte, dass die Anordnung in den zahlreichen Regalen keinerlei Prinzip folgte. Ein wildes Sammelsurium, das schon deshalb ruhig der Müllverbrennung anheim fallen könne; ein Antiquar würde daran verzweifeln. Mumpitz war, so wurde es irgendwann spruchreif, ein Messi, jedenfalls was Bücher anging. Die Müllverbrennung sei der richtige Ort.
Verstörend nur der Bericht der Putzfrau der letzten Jahre, die von dem Ärger zu berichten wusste, als Mumpitz bemerkte, dass sie einige Bände zum Staubwischen an die Seite genommen hatte, sie wollte eine Steckdose erreichen, und dann zurückgestellt, Mumpitz aber bemerkte, dass sie dabei die Reihenfolge ruiniert habe, wie er zornig kritisierte. Sie habe sich gewundert, wie er das habe bemerken können, in dem Chaos.
Man beschließt das vernichtende Urteil des örtlichen Buchhändlers noch einmal überprüfen zu lassen. Ein pensionierter Studiendirektor vergräbt sich in einen leichter zugänglichen Teil der Buchsammlung. Nach Wochen äußert er eine Hypothese und bittet bescheiden um neues Honorar. Er will insgesamt prüfen, ob es wirklich sein kann, dass Mumpitz die Bücher alphabetisch geordnet habe, nach dem jeweils ersten Buchstaben des Fließtextes. 1289 Bände. Bei Lexika gelten Ausnahmen.
Welch ein Kleingeist. Man wird Mumpitz, den Weltweisen, als Pedanten erinnern müssen. Die Bücher seiner Handbibliothek können weg.
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GOVERNMENT ISSUE.
Die Kavallerie hat, hoch zu Ross aufgewachsen, ihre Pferde nicht freiwillig abgegeben. Wer will sich schon in diese rollenden Konservendosen namens Panzer zwingen lassen. Die stolzen Seelords der Armada haben nicht nach Dampfschiffen aus Stahl gerufen. Und man erzählt mir aus der Luftwaffe, dass die neuen unbemannten Drohnen nicht sehr beliebt sind. Der Baron von Richthofen will noch immer in sein Cockpit.
Mein Verdacht als Zivilist ist, dass man die Aufrüstung nicht den Militärs überlassen kann. Sie sind nicht die bösen Buben, die wir bräuchten, sondern brave Beamte. Das Beschaffungsamt der Bundeswehr in Koblenz sei ein bürokratischer Orkus. Das lese ich auch aus den USA, wo bisher der Takt vorgegeben wird, was zur Waffe taugt. Die G.I. selbst seien zu doof für Cyber War; da müsse die Industrie selbst ran. Ich bin in der Frage schon als Student verdorben worden. Ich habe in Bochum Friedrich Kittler gehört, den großen Apodiktiker. Dem war vieles eine Waffe, was naiv als Instrument erscheint. Radio, UKW, Radar, Rock: alles Kinder des Krieges.
Das gilt für das Internet dann allemal. Selbstfahrende Autos und Raketen zum Mars riechen allerdings auch danach, wenn man den Geruch einmal in der Nase hat. Das amerikanische Militär war immer schon ein sehr beliebter Auftraggeber der kalifornischen Wunderknaben. Oder umgekehrt. Die heutige zivile Vergnügungsnutzung der Halbleiter jedenfalls ist nur ein Abfallprodukt.
Die Bundeswehr soll mittlerweile kein Liquiditätsproblem mehr haben; geblieben ist die geistige Armut. Es riecht in den Kasernen nach Pulverdampf wie aus Opas Karabiner. Was sind die Waffen der Zukunft und wie führe ich die mit den Trotteln der Vergangenheit? Wie kann es sein, dass schon jetzt Italien drei Flugzeugträger hat und wir keinen? Werden wir künftige U-Boote statt mit Diesel auf Batterie betreiben? Kriegt das Generalkommando neue Dienst-Nokias? Legt die Telekom Glasfaser sogar bis in Kasernen?
Ich fand schon immer, dass der Krieg eine zu ernste Sache sei, um ihn den Militärs zu überlassen. Das gilt allerdings wohl schon für die Aufrüstung selbst. Mein Vorschlag: Wir nehmen das abgelegte amerikanische Equipment der letzten Generation komplett. Das hat das alte Rom mit seinen Vasallen auch so gehalten. Es gab römische Sandalen auch für germanische Treter. Deren Nägel findet man in Gräbern bis heute.
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VORBILDER.
Als ich noch bei ARAL war, folgten die Klugen unter den Kollegen einem seltsamen Sprichwort. Es lautete: „Die SHELL macht keine Fehler.“ Jedenfalls nicht im Tankstellengeschäft. Hier galt „retail is detail“; man hatte schon genau hinzusehen. Was die Gelben machten, das schaute man sich immer ganz genau an. Jedenfalls wir, die Weiß-Blauen. Ich habe mir damals klammheimlich eine Sondermeinung zugelegt. Für mich machten die Roten keine Fehler; jedenfalls in meinem Fach, der PR.
Wir sind im Fall der Brentspar, einem riesigen Off-shore-Tank, der entsorgt werden sollte, woraus Greenpeace eine ganz große Nummer machte. Das Ding gehörte hälftig SHELL und ESSO. Es hätten beide im Senkel stehen müssen. War aber nicht so. Der geschätzte PR-Kollege bei den Gelben gab den reuigen Sünder und zog den Greenpeace-Groll komplett auf sich; er durfte dann im Büro übernachten. Ach, Klaus-Peter. Wie der PR-Mann der ESSO hieß, weiß heute niemand mehr. Auch damals nicht. Er ist einfach nicht ans Telefon gegangen. Zudem bestand er darauf, nicht geduzt zu werden. Ach, Herr Doktor Eich.
Wir lassen jetzt mal die Debatte um deap sea dumping, also darum, dass die Blechdose in der Tiefsee keinen Schaden angerichtet hätte, weil das außerhalb der Biosphäre ist, aus (stattdessen hat man das Monster in Norwegen an Land auseinandergeschweißt). Wir lassen auch mal unsere damalige Überzeugung, dass die Doofen grün sind (sprich BP), außen vor; zumal die dann ARAL gekauft haben. Es geht mir um den Punkt: Wir haben uns dafür interessiert, was der Rest der Welt macht. Wir hatten Vorbilder. Sonderwege galten als riskant.
Neuerdings sagen SHELL, ESSO, BP und TOTAL, also alle, dass eine Klimaneutralität bis 2050 nicht zu erreichen ist und alle streichen ihre Investitionsprogramme in eine vollständige Wende schon bis 2045 deutlich zusammen. Alle doof, außer wir? Die großen deutschen Stromversorger blicken besorgt auf die Blütenträume einer inzwischen abgewählten grüngestimmten Regierung und den Scherbenhaufen halbfertiger Gesetze. Am fehlenden Geld kann es allerdings künftig nicht mehr liegen. Es regnet gerade Sondervermögen.
Ich rufe einen Freund aus alten Zeiten in London an. Was sagen die Gelben zum deutschen Fiasco? Er lacht. Was sie immer gesagt haben: „Nicht zu Ende gedacht, nicht vom Ende her gedacht.“ Das könne man auch durch rainmaking nicht heilen. Die deutsche Krankheit, oberschlau und unterkomplex.
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Die Euro-Lüge zerstört Europa
„Sieg Heil!“, rief der ältere Herr in gebrochenem Deutsch mit durchgestrecktem Arm. Und mich traf der Blitz. Bis heute kann ich nicht glauben, was im Sommer 1990 in London geschah. Ich traf auf dem ehemaligen Militärflughafen Biggin Hill den Baron of Liddesdale an der Bar, eine Zigarette hing in seinem Mundwinkel.
Ich wusste sofort, wer da angetrunken vor mir stand, the Right Honourable Nicholas Ridley, bis vor kurzem im Kabinett der Eisernen Lady als Umweltminister. Während ich auf meinen Firmenflieger wartete, war er mit einer Regierungsmaschine gelandet und verweilte noch kurz, um einen G&T nachzutanken. Ich kannte ihn aus Oxford und hatte in der Stadt gerade das Magazin Spectator gelesen, in dem eine Karikatur von ihm steckte; er malte Helmut Kohl einen Hitlerbart an.
Margaret Thatcher hatte wenige Wochen zuvor im Landsitz der britischen Regierung eine Historikerkommission empfangen, um über den Fall der Berliner Mauer zu reden und die deutsche Gefahr. Die deutsche Wiedervereinigung erschien der englischen Premierministerin als der blanke Horror. Sie glaubte an Nationalcharaktere und hielt von dem deutschen ganz besonders wenig. Da war es egal, ob es um den Österreicher Hitler oder den Pfälzer Kohl ging.
Der fabelhafte Etonian Ridley, ein gelerntes Militär, hatte die Sache für jedermann auf den Punkt gebracht: Die europäische Finanzunion sei nichts anderes als eine Gaunerei der Deutschen, um ganz Europa zu übernehmen. Deutschland, Deutschland, über alles. Ridley war felsenfest davon überzeugt, dass man mit der Abgabe von Souveränität an Europa das Ganze gleich hätte Hitler überlassen können.
Ich sehe ihn also und bitte den älteren Herrn aus Oxford ironisch um die Erlaubnis, ihn ansprechen zu dürfen, was er mit hochgezogener Augenbraue konzediert (“Permission to speak, Sir?“ „Granted!“). Ob er nicht glaube, dass die Stärke der USA aus dem riesigen Binnenmarkt, der föderalen Struktur und der einheitlichen Währung komme. Er antwortet gar nicht, stürzt seinen Drink, steckte sich eine neue Zigarette an und verlässt den Raum mit dem eingangs erwähnten Gruß.
Da stand ich, 45 Jahre nachdem mein Onkel hier in Kriegsgefangenschaft gegangen war, und sah mich als Nazi gegrüßt. So ein Idiot. Man kann mit dem schwarzen Humor der Engländer leben und weiß um ihr lockeres Verhältnis zu historischen Vergleichen. Aber es wäre töricht, an ihrem Willen zur Unabhängigkeit zu zweifeln. Die „eccentricity“ des Kettenrauchers Ridley verbarg nur eine eiserne Entschlossenheit. Was dieses Inselvolk als englischen oder britischen Nationalcharakter definiert, wird es sich nicht wegvereinigen lassen, schon gar unter dem Regime von „unelected officials“ in Brüssel.
Die Zeiten ändern sich, aber die Wähler nicht ihre Meinung, jedenfalls wenn man nach den tieferen Schichten der Einstellungen fragt, nach dem Bauch oder noch tieferen Organen. Bei den jüngsten Kommunalwahlen in Großbritannien kommen die Europagegner auf deutlich über 20 Prozent. Die UK Independence Party raubt diese Stimmen dem Mitte-Rechts-Lager.
Ungarische Töne auch an der Themse. EU-Fragen verbinden sich mit Migrationsproblemen zu einem braunen Gemisch, an dem sich der englische Faschismus schon mal hochgehangelt hat. Die Konservativen sehen ihre Regierungsfähigkeit dahinschwinden.
Gleiches könnte Merkel durch die Euro-Gegner in Deutschland passieren. Die sogenannte Alternative für Deutschland mag nicht zwanzig Prozent holen, aber die Mehrheitsverhältnisse sind ja schon prekär genug. Die FDP krebst bei 4 oder vielleicht 5 Prozent. Götterdämmerung: Mutti, die Galionsfigur des attentistischen Populismus, muss gehen, weil sie ihre Euro-Rettung im eigenen Land nicht überlebt.
Unsere Probleme haben mit Europa nichts zu tun. Wir leiden an den Folgen exzessiver Staatsverschuldung und einer völlig entkoppelten Finanzwirtschaft. Deren Entgleisung war politisch gewollt, zumindest toleriert. Die Verantwortlichen sitzen nicht nur in der City und an der Wall Street, sondern auch im Weißen Haus und Number 10. Ja, auch in der deutschen und der französischen Regierung.
Das wird hinter dem Herumdoktern am Euro versteckt. Dies ist die Krise eines bestimmten Kapitalismus, nicht die Krise Europas. Nur wenn wir den Mut aufbringen, die politischen und ökonomischen Ursachen klar zu benennen und am Modell der Vereinigten Staaten von Europa festhalten, wird die Euro-Lüge nicht Europa zerstören. Wir brauchen, auch wenn wieder der braune Mob zu toben beginnt, mehr Europa, nicht weniger.
Quelle: starke-meinungen.de