Logbuch

LAUTER PROMMIS.

Immer wenn in Berlin zu Gericht, dann gehe ich gegenüber dem monumentalen Justizpalast in die Dorothenstädtische Buchhandlung (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Friedhof). Diesmal erwerbe ich „Bis zur letzten Instanz“, eine Lebens- und Rechtsgeschichte von Matthias Prinz, dem berühmten Prommi-Anwalt. Ich habe ihn in einer Reihe von Mandaten als Presserechtler erlebt und schätze ihn sehr. Ein guter Mann, ein sehr guter.

Er berichtet aus der Fülle seiner Mandate und balanciert zwischen dem Gebot anwaltlicher Verschwiegenheit und dem Prahlen mit einer illustren Mandantschaft; übrigens das Kernparadox des Prommi-Anwalts. Der Bossi-Effekt. Ich lese in dem Buch mit großem Vergnügen, wie er die Waage hält; insbesondere die zwischen der Wirklichkeit, die ich als Zeitzeuge anders kannte, und der feingeschliffenen Wahrheit seines Plädoyers. Nicht ohne Charme. Allerdings erinnere ich nichts mehr so besonders genau; eine „deformation professionell“.

Dann hatte ich einen Austausch mit Christoph Peters, dem Erfolgsautor, der von einem Gemeinten seiner authentischen Dichtung verklagt wurde wegen zu großer Lebensähnlichkeit (der im Roman gehörnte Gatte mit wenig Erfolg vertreten durch die Prommi-Kanzlei von Christian Schertz). Peters lehnt mein Angebot einer Romanidee ab, was ich am Ende verstehe. Es bliebe immer, selbst wenn er es großzöge, ein Adoptivkind. In der Dorothenstädtischen der umstrittene Roman im Stapel; verkauft sich.

Dann Literaturpreis Niedersachsens für Erfolgsautor Feridun Zaimoglu, den ich vor 30 Jahren entdeckt habe; Preis benannt nach Walter Kempowski, einem elenden Langweiler. Aber Feridun meistert das mit seinem orientalisch freundlichen Humor und kafkaesker Schlitzohrigkeit. Kurzer, aber sehr guter Bericht darüber im NDR; kreuznette Journalistin aus der Redaktion Landespolitik, noch nicht prominent.

In den Sozialen lobt der Prommi-Anwalt Gerhard Strate seinen Kollegen Matthias Prinz als einzigen Hamburger Anwalt, den er schätze. Der Strate kann ohne Neider nicht leben. Ich erinnere mich, dass im Büro von Prinz ein Foto stand, das ihn auf der Segelyacht des Aga Kahn zeigt, wo er mit blanker Brust gegen den Wind pinkelt. Oder trügt mich da mein ohnehin sehr schlechtes Gedächtnis? Keine Ahnung. Ich vergesse sehr vieles, Herr Vorsitzender… Kein guter Zeuge. Keiner.

Über den Rest schweigt des Dichters Höflichkeit.

Logbuch

DIE ANTI-ELITÄRE ELITE.

Man versteht in Europa nicht so recht, warum die Politik des Donald Trump in den USA von breiter Zustimmung getragen wird. Ich habe mich belesen und kann es erklären. Die NEUE RECHTE beruht auf einem besonderen sozialen Träger, dem deklassierten frustrierten Kleinbürgertum. Diese Hefe wirkt weit über sich selbst hinaus als Steigbügelhalter besonderer Art.

Es begann bei den Rechten schon zu Beginn der neunziger Jahre; es wurde eine neue Freund-Feind-Logik geboren. Zum amerikanischen Wesen, an dem die Welt genesen sollte, wurde ein neues Milieu in die Position des Authentischen gehoben, das zu Unrecht deklassierte Kleinbürgertum der Provinz. Es wurde die Geschichte des verarmten Bauern wiedergeboren. Der kleine Händler, den die Konkurrenz an die Wand drückte. Der Bürgermeister im Nirgendwo, der unter „federal law“ litt. Auch Arbeitslose im „rust belt“, die mal die Demokraten gewählt hatten. Insgesamt ein Milieu, dass den Kleinkapitalismus liebte, weil er auch den Ungebildeten einen Dollar machen ließ. Und das Faustrecht des Weißen Mannes sollte wieder was gelten.

Wer war an der Deklassierung der „fly-over-states“ Schuld? Die Küstenstaaten mit ihren „over-educated“ Eliten. Offener Hass gegen Schwarze an Unis und Juden an Börsen; gegen linksgesinnte Demokraten im „deep state“, denen jetzt nach rechts gewendete Republikaner gegenüber standen, die auch wieder von der Überlegenheit der Weißen Rasse schwadronierten. Gegen diese Eliten und ihren Rechtsstaat wollte man Joe Six-Pack vertreten und Amerika wieder groß machen. Egal wie. Zur Not durch Kneipenschlägereien.

Dass sich zum anti-elitären Moment eine dubiose Bourgeoise anbot, die nicht so fern vom diskriminierten Milieu war, störte nicht den Erfolg, weil die MAGA-Herren durch eine Propaganda der Regelverstöße ihre Wähler zu beeindrucken wusste. Eine kulturell autoritäre Linke tat ihr übriges durch allerlei ideologischen Zirkus. Trump ist nicht trotz seiner Ausfälle populär, sondern wegen der kulturellen Attacken, die er reitet. Die Show stimmt.

Jeff Bush hat dem Wahlkämpfer Trump mal entgegengehalten, er könne sich nicht durch PÖBELEI im Amt halten; worauf der entgegnete: „Das werden wir ja sehen!“ Nun, der Beweis ist erbracht.

Logbuch

ABUSUS: DER MISSBRAUCH.

Vor der Kirche an Berlins kürzester Allee, nach der germanischen Gattin Tusnelda genannt, sitzen drei Menschen auf der Bank und rauchen in aller Offenheit aus kleinen Pfeifen Crack, „rocks“ genannt, Kokainsalze. Es soll sich um einen extrem süchtig machenden Stoff handeln, der massiv in die Hirnchemie eingreift; die „Steine“ sind beliebt. Sie zeichnen ihre Nutzer erkennbar durch Zahnausfall. Ich flaniere da lang und stutze. Man zelebriert das auf der Kirchenbank.

Kriminalität nach dem allfälligen Betäubungsmittelgesetz wird in Berlin weitgehend toleriert. Das gilt am Ort als liberal. In einem Café sehe ich einen gutgekleideten Besucher kleine Kärtchen mit einer Handynummer beschriften und bei seinem Abgang an drei, vier Tische verteilen. Als eine der Visitenkarten liegenbleibt, lange ich danach. Gedruckt die Preise für Hasch, Koks und anderes, was ich nicht zu entschlüsseln weiß. Die Besitzerin des Cafés klärt mich auf: „Das ist das Kokstaxi!“ Sie bringen Dir den Stoff. Amazon für Junkies.

Um Strafverfolgung zu vermeiden, wird die Handynummer häufig gewechselt. Daher die handschriftliche Notiz. Ich erweise mich als Provinzdepp, der so etwas nicht schnallt. Offensichtlich kann man eine Halbwelt auch bei Tageslicht betreiben. Dabei waren die Folgen dessen schon immer sichtbar. Vermüllung, Beschaffungskriminalität, Verwahrlosung und unter den so Gescheiterten ein Milieu gegenseitiger Erbarmungslosigkeit. Wenn der Fahndungsdruck von Polizei und Justiz nachlässt, gedeiht der Slum. Die Getto-Spirale beginnt sich zu drehen.

Das ist die Kehrseite der von Touristen aus aller Welt so bewunderten Partykultur Berlins. Keine Sperrstunde für gar nichts. Ich scheue mich, hier eine restriktivere Ordnungspolitik zu fordern; zumal Drogenhilfe eben auch Hilfe für die Süchtigen meint; aber eigentlich wäre sie angebracht. Erwäge ich in einer Republik, die sich viel auf die Legalisierung von Bubatz zu Gute hält. Dass auch Alkoholmissbrauch zu erheblichen Folgen führen kann, räume ich auf Vorhalten ein. Wo also liegt die Grenze zwischen Usus, dem Gebrauch, und dem Missbrauch, Abusus. Gute Frage.

Logbuch

Drei drei drei – bei Issos Keilerei: Was Europa ausmacht

Wenn Europa nur ein hohle Vertragsgemeinschaft ist, ein juristisches Konstrukt von Regierungen ohne wirkliche kulturelle Identität, ein internationales Gebilde, das nicht mal eine Verfassung hat, über die die Völker abgestimmt haben, wenn Europa also keine Mitte hat, wird es in sich zusammenfallen. So weit, so schlecht. So weit, so falsch.

Die Wahrheit, sagt Hegel, ist konkret. Fragen wir also konkrete Menschen, wer sie sind, was sie ausmacht. Beginnen wir bei dem vielgescholtenen „american way of life“, wie ihn Alexandre Kojève oder Theodor W. Adorno und jetzt wieder Giorgio Agamben mit Ekel erfüllte. Unter den anglo-amerikanischen Calvinisten in den USA, England oder bei den Mafia-Capos treffen wir auf Menschen, die als erstes erzählen, wieviel sie machen. Die Rede ist von Geld. Man redet offen und kokettierend über Gehälter oder Renditen. Im Geld liegt Gottesgnadentum.

Die Asiaten und Inder und sonstigen fernen Völker, alle über einen Kamm, sind von solchen eschatologischen Fragen völlig frei. Für die meisten ist die Geschichte ohnehin eine kreisförmige Angelegenheit , bei der man sich fragt, ob man als Elefant oder als Affe wiedergeboren wird, aber nicht, ob man bis dahin wohlgefällig gelebt hat. Götter gibt es nur in der Mehrzahl und man sollte sie alle fürchten, insbesondere aber die Zahl 13, weil sie am meisten Unglück bringt. Die eigene Lebenserfahrung ist so prekär, dass man zu Aufschubhaltungen nicht bereit ist: alles, was geht, jetzt! Oder morgen, aber dann immer noch eher als die anderen. In Singapur will eine junge Frau von Leben zwei Dinge, eine Gucci-Handtasche und einen westlichen Lover, in dieser Reihenfolge. Sagt mir Herr Chan, der hier Philosophie lehrt. Natürlich ein Stereotyp, aber darüber reden wir ja hier.

Im alten Europa ist Thema, was man von Beruf ist und dann woher man kommt. Hans Sachs ist Schuster aus Nürnberg, beides ist von großem Gewicht. Cosimo, genannt der Ältere, und viel später Lorenzo, genannt der Prächtige, waren Geldwechsler aus Florenz und eben keine Genueser. Und der Doktor Heinrich Faust aus Leipzig war Universalgelehrter: „…habe nun, ach, Philosophie, Juristerei, Medizin studiert mit heißem Bemühn.“ Europa ist eine gemeinsame Geschichte selbstbewusster Städte mit aufklärerischem Eifer, an deren Spitze bürgerliche Berufe stehen.

Die europäische Geschichte war als Geschichte der nahen Vielfalt eine Geschichte der ständigen Kriege. Noch mein Großvater wusste in Frankreich den Erbfeind. Zwei Weltkriege sind von diesem Kontinent ausgegangen. Cato wollte den phönizisch-afrikanischen Konkurrenten Karthago bis auf die Grundmauern zerstört wissen. Alexander der Große ritt nicht in friedlicher Absicht in die heutige Türkei: Der Muselmane hat in Spanien nicht nur Prachtbauten hinterlassen, sondern auch Witwen. Was also macht die EU aus? Die Abwesenheit von Krieg, euphemistisch Frieden genannt. Wenn das eine Leitidee Europas ist, dass wir uns nicht mehr erschlagen, so war die Nato-Intervention im ehemaligen Jugoslawien eine europäische Idee. Und Afghanistan eine Frage der Bündnispolitik mit den USA, eine fragwürdige. Europa ist Kriegsdienstverweigerung, jedenfalls im Innenverhältnis.

Nachtrag: Im November 333 v. Chr. zeigte Europa den Iranern, wo der Hammer hängt. In der Schlacht bei Issos vernichtete Alexander der Große (gebürtiger Grieche, die da noch was taugten) die Truppen des Perserfürsten Dareios III, angeblich, weil die Iraner 150 Jahre zuvor böse waren, faktisch als Eroberungszug bis nach Syrien und Ägypten, in dessen Folge Alexander als „Herrscher über Asien“ gelten wollte. Aus heutiger Sicht: ein uneuropäisches Projekt. Das machen wir heute nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr so. Wenn Europa die permanente Renaissance ist, wissen schon Schüler, was der Merksatz „Drei, drei, drei, bei Issos Keilerei“ sie lehrt.

Quelle: starke-meinungen.de