Logbuch

WÜRDE JESUS DIE AfD WÄHLEN?

Dies ist eine sehr amerikanische Frage: „What would Jesus do?“ Und Joe wie Jill meinen das ernst; sie tragen Armbändchen mit dem Code WWJD. Sie suchen nach einer moralischen Orientierung. Diese ureigenste Naivität der Amis lässt uns immer wieder erstaunen. Es folgen dann oft bizarre Bibelzitate, wild aus jedem Zusammenhang gerissen; und aus dem Neuen wie dem Alten Testament. Jüngst der Verweis auf Levitikus (3. Buch Mose), wo vermeintlich gefordert wird, homosexuelle Männer zu steinigen. Dazu habe ich als Christ eine ganz und gar klare Meinung.

Amerika und das Christentum, ein erstaunliches Thema voller Verkennungen. Beginnen wir mit dem amtierenden Papst, ein Ami, der fließend Spanisch und Italienisch spricht, aber eben auch amerikanischer Zunge ist. Die katholische Welt ist schock-verzückt: ein ganz und gar moderner Mann! Welch ein Irrtum. Ich höre von meinen Confidenten im Vatikan, dass er schon begonnen hat, Reformen zurückzudrehen. Ich habe es gleich gesagt: Der Mann ist Franziskaner; die betreiben keine Reformation.  

Jetzt die Reaktion auf die infame Ermordung des Propagandisten Charlie Kirk. Es hebt in den multikulturellen USA eine christlich argumentierende Rechte ihr Haupt, die sich bei MAGA zu Hause weiß: „Make Amerika Great Again“. Gemeint ist ein nostalgischer Nationalismus vornehmlich evangelikaler Weißer. Man hat das auf einem deutschen Kirchentag noch nicht gehört, den Ruf nach Belebung von Großdeutschland, weil hierzulande noch das links-grüne Paradigma herrscht. In den USA aber sammelt sich eine reaktionäre Rechte mit Bezug auf den Protestantismus. Man macht rechte Politik mit der Bibel in der Hand. Jesus wählt Trump.

Man darf nicht vergessen, wer die Pilgrim Fathers der Neuen Welt waren; die Wurzeln dieser Sekten sind tief. Und man ist theologisch freizügig, wenn es der politischen Sache dient. Ich höre den Vizepräsidenten loben, wie oft er im Zusammenhang mit Charlie Kirk über Jesus gesprochen habe. Der Mann ist zum Katholizismus konvertiert und mit einer gebürtigen Inderin verheiratet. Rom fördert eigentlich keine Laienexegese.

Zu unserer Gretchenfrage: Wie hält es die AfD mit der Religion? Klare Antwort: völlig egal. Das einzige, was mich an der AfD interessiert, sind ihre Wähler, meine Nachbarn und Landsleute. Deren Motive kümmern mich. Darüber rede ich mit jedem und überall. Keine Brandmauern, keine Tabus. „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

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CHICKEN.

Hatten Sie als junger Mensch den Berufswunsch „im Fernsehen zu kommen“? Etwa als Moderatorin? Während ich mich durch das reichhaltige TV-Angebot unserer Tage „säppe“, fällt mir auf, dass bei der Auswahl der Moderatoren Gesichtspunkte der Diversität berücksichtigt werden; insbesondere die BBC ist bemüht, alle Milieus des Landes repräsentativ abzubilden. Das ist ja ein ganz sympathischer Gedanke, über den man nicht reaktionär richten muss.

Aber haben Sie mal die Augen geschlossen und nur auf die Stimmen geachtet? Sie wissen doch aus der Werbung, was man den Lidl-Ton („Lidl lohnt sich!“) nennt. Ich höre das sofort, weil zu den Zwangsveranstaltungen meines Studiums an der Ruhr Universität Bochum das Seminar von Dozentin Dopheide gehörte. Den Schein für „Atem-, Stimm- und Lautbildung“ bekam man nur, wenn man zum Schluss ein Gedicht eindrucksvoll zu rezitieren wusste. Ich höre mich noch, wie ich mich mit Schillers Glocke vor einem ganzen Hörsaal blamiere.

Heutzutage findet diese Ausbildung für Moderatoren auf einem Hühnerhof statt. Das erste Übel liegt darin, dass alle Moderatorinnen eine ganze Oktave zu hoch sprechen. Lidl lohnt sich. Das zweite darin, dass sie alle schnattern, respektive gackern. Wie beim Federvieh geht es: „Pooh, Poohpo, Popopoh…“ So lautet die Anmoderation; dann geht es weiter mit: „Tah, Tatah, Tattatah.“ All, überall dieses Wiesenhof-Konzert. Wozu hat der Herrgott die sonoren und gutturalen Töne geschaffen, wenn nur noch hysterische Mezzo-Soprane im Kastratenton gackern?

Man möchte als Fuchs in den Hühnerstall. Es gibt nur noch eine Ausnahme; das ist die wohlgestaltete Frau Susanne Daubner vom NDR; ich erwäge ernsthaft, sie zur Bundespräsidentin vorzuschlagen.

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DIE ENKELWIRTSCHAFT.

Sie werden das langweilige Kaff namens Welschneudorf nicht kennen, das irgendwo im Westerwald vor sich hindämmert. Einst nach den zugewanderten Belgiern benannt, die Montanwissen mitbrachten für den lokalen Erzbergbau. Wir sind in der Provinz der Provinz. Ausgerechnet hier passiert es mir. Ich bin, obwohl notorischer Barzahler, umgefallen und habe mir meine Fleischwurst mit einem QR-Code in einem automatisierten Mini-Laden gekauft. Ich schwöre, ich wusste nicht mal, was das ist, eine hybride METZGERIA. Das passiert mir, der ich stets mit meinem metropolen Profil prahle. Hier, am Arsch der Welt. Sorry, ist nicht so gemeint.

Es war mir schon auf Heathrow, dem supermodernen Flughafen Londons, so gegangen, dass der Laden keine Verkäuferin mehr hatte und ich mich für ein Paar Kopfschmerztabletten und ein Wasser mit einem Automaten abplagen musste. Und weil die Tabletten eine autorisierte Abgabe brauchten, tauchte dann eine pakistanische Dame aus dem Off auf und half dem doofen deutschen Touri. Im örtlichen Baumarkt habe ich die Selbstbedienungskassen immer gemieden. Jetzt aber heißt Tante Emma, kein Scheiß, Tante Ensa und überzieht Rheinland Pfalz mit automatisierten Mini-Läden, die 24/7 geöffnet haben. Immer. Eine Revolution im Einzelhandel.

Man kennt aus Paris den Entrepanneur und aus Berlin das SPÄTI, ein Erbe der DDR, die haben immer auf; es gibt Allohol und Zichten, unter‘m Ladentisch auch was zum Wachbleiben für die Nase. Keine Orte, an die man seine Kinder oder Enkel gerne schicken würde. Aber eine METZGERIA, alter Schwede, beziehungsweise Belge (weil Welschneudorf). Die Deregulierung der alten Ladenschlusszeiten wird den Gewerkschaften nicht gefallen und den Kirchen, bringt aber einen großen Vorteil für die nicht so mobile Landbevölkerung; man ist zum Einkaufen nicht mehr auf lange Autofahrten angewiesen. Kesselfrische Fleischwurst auch nachts um eins, um die Ecke.

Aber werden die Alten & Armen & Analogen wissen, wie man mit QR-Code kauft? Gut Frage. Aber mein Rat wäre: Fragt Eure Enkel. Die können es. Das ist im Übrigen überhaupt ein gutes Motto. Begrüßen wir, dass die Enkel übernehmen. Und das Land erblüht. Auch auf dem Land.

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Gott grüß die Kunst!

So war die selbstbewusste Ansage, wenn Drucker sich trafen. Gott grüß die Kunst! Ein Imperativ, keine Fürbitte. Gemeint war das Schriftsetzen und Drucken mit beweglichen Lettern.

Jetzt aber lamentieren die „chatting classes“ über das Zeitungssterben. Web-zwei-null, Twitter, Fratzenbuch…Geheimwörter werden geraunt. Was ist passiert? Die neue Welt erklärt sich für die Alten nur aus der alten. Was also ist anders? Wenn früher die Alsbecker Neuesten Nachrichten dem pfeifeschmauchenden Hausvater zum Tagesausklang davon berichteten, dass in China ein Sack Reis umgefallen war, so bestand die Sensation weniger in dem umgefallenen Sack als in der raumzeitlichen Differenz. Man konnte in Alsbeck etwas wissen, das auf der anderen Seite des Erdballs passiert war, eine Weltreise entfernt. Und falls man Abonnent des Blattes war, wusste man dies eher als jene, die es erst erfuhren, wenn sie den Fisch vom Wochenmarkt aus dem Zeitungspapier wickelten. In jedem Fall war die Qualifizierung des Alsbecker Blattes ein Euphemismus; wirklich neu war hier nichts, Monate waren bestimmt vergangen.

Bei der notorischen Unzuverlässigkeit von Reiseberichten war der zweite Euphemismus möglicherweise die Qualifizierung der Geschichte als Nachricht. Ins Blatt gehoben hätten die Redakteure die „neueste Nachricht“ ohnehin nur, wenn das Umfallen des Reissackes eine „Geschichte“ gewesen wäre, also etwa einen Einblick in den Nationalcharakter der Chinesen gewährt hätte.

Hier hätte die Politik Rahmenbedingungen gesetzt, die darüber entschieden hätten,ob man das Ereignis für belanglos oder aber für bedeutungsvoll gehalten hätte. Etwa so: Englische Lady stolpert beim Verlassen einer Opiumhöhle über umgefallenen Reissack, was im Chaos eines solchen Ameisenstaates kein Wunder ist, hier aber von Rebellen übler Art herbeigeführt worden sein soll; aber das haben sie jetzt davon, diese dekadenten englischen Kolonialherren! Man lernte in Alsbeck aus den Neuesten Nachrichten, es werde Zeit, den Boxeraufstand niederzuschlagen und die Kanonenboote loszuschicken.

Was ist heute anders? Sicher nicht die Kriegspropaganda um einen casus belli. Verändert hat sich unser Koordinatensystem. Die raumzeitliche Differenz besteht nicht mehr. Die Welt ist für einen bestimmten Kreis von Kommunikationsteilnehmern ubiquitär und simultan. Alle jene, die immer mit ihren Smartphones unterwegs und in den Social Media miteinander verbunden sind, wissen fast zeitgleich, was vor der Opiumhöhle passierte, weil ein facebook-Freund ein richtig gutes Foto gepostet hat; es zeigt die stolpernde Lady mit hochgerutschtem Rock und einem skandalösen Tattoo am Oberschenkel.

Zwischenzeitlich verflossene Zeit: zwei, drei Stunden. Bevor eine Zeitung überhaupt die Möglichkeit hat, zum umgefallenen Reissack etwas zu vermelden, werden weitere 12 oder 24 Stunden vergehen, früher Wochen und Monate. Am nächsten Morgen ist die Geschichte um den hochgerutschten Rock für die Social Media schon Geschichte. Inzwischen hat es nämlich hundert andere dieser Art gegeben. Noch viel geiler, wo man sagen konnte: „Ja, wie geil ist das denn?“ Und zur nächsten Geilheit.

Von der Ermordung John F. Kennedys würden wir heute wissen, bevor er überhaupt einen Notarzt sähe. Noch schlimmer: Hätten die Alsbecker Neuesten Nachrichten dessen Erschießung wirklich exklusiv, würde es zwar Papa im Lehnstuhl erfahren, aber nicht mehr seine Kinder und Enkel, weil die gar kein Papier mehr anfassen. Über die Hälfte der jüngeren Generation, der unter 40jährigen, erfährt von Nachrichten nur noch aus elektronischen Medien.

Eine Zeitung ist etwas Ominöses, auf das Twitter-Kurznachrichten verweisen; richtiger: Eine Zeitung ist etwas,auf dessen Internetausgabe Twitter verweist. Der alte Euphemismus der neuesten Nachrichten als bedrucktes Papier ist zur Groteske geworden. Noch nicht überall, noch nicht für alle, nur für die nachwachsende Generation.

Wen das Argument beruhigt, der ist senil. Wir haben es mit einer kreativen Zerstörung im Schumpeter´schen Sinne zu tun. Und was nachkommt, das ist ein Universum neuer Möglichkeiten. Wäre der Herrgott ein kluger Mann, hätte er den deutschen Verlegern den Verstand gegeben, das zu verstehen. Hat er nicht. Ohnehin haben sich Verleger um den Herrgott nie geschert.

Wer bleibt auf der Strecke? Der Fortschritt wird nicht den Journalismus abschaffen, nur das Verlegertum. Wahrlich kein Verlust.

Quelle: starke-meinungen.de