Logbuch
ROSENKOHL.
Die Königin des Gemüses. Gestern leider halbroh, was der Trottel von Koch „blanchiert“ nennt und aus dem Zuckerwasser („wie bei Spargel“). Barbaren. Kulinarische Nachhilfe.
Der international Brüssel oder Brabant zugewiesene Sprossenkohl wird vorsichtig vom Strunkansatz befreit, aber niemals roh zerteilt, schon gar nicht geviertelt. In Fleischbrühe kurz, aber kräftig aufkochen. Bei Tiefkühlware länger. Eine Casserole fetten (Olivenöl und Butter) und befüllen. Scharf anbraten, dann eine halbe Stunde bei kleiner Hitze simmern lassen. Schmoren erwünscht, deshalb nicht zu häufig wenden. Erst zum Schluss salzen und pfeffern (grober schwarzer), Muskatnuss. Beim Speisen je einzeln zerteilen.
Die Verwendung von Worcestershire Sauce kann toleriert werden, solange damit das englische Original gemeint ist. Der Rest ist Schweigen.
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POSITIVISMUS.
Man kann den Teufel nicht mit Belzebub austreiben. Gegen Propaganda hilft kein „fact checking“, das, was früher die DOKUMENTATION in Redaktionen machte und heute als CORRECTIV naive Jungjournalisten in Schülerzeitungsmanier. Ein philosophischer Exkurs.
Mit Donald Trumps „alternativen Fakten“ entwickelte sich das fahrlässige BULLSHITING, die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit, in vorsätzliche PROPAGANDA. Darin wurde die Presse zum „Volksfeind“ („enemy of the people“). Sie wehrte sich, indem sie ihre DOKU öffentlich machte; das ist die interne Überprüfung von Fakten. Ein oberflächliches Unterfangen zur Vermeidung grober Fehler. Zumindest die Namen sollen richtig geschrieben sein (das Curt-Jürgens-Theorem).
Die Relotius-Affäre beim Spiegel hat bewiesen, dass man so Fiktionalem gar nicht auf die Spur kommt. Philosophen kennen das Problem als POSITIVISMUS. Man unterstellt vagen Indizien die Aussagekraft schlüssiger Beweise und formt so aus vermeintlichen Fakten veritable Verschwörungstheorien. Haltet den Dieb! Im Endeffekt wird mit Tatsachen gelogen; ja, das geht. Ja, das ist notorisch.
Ich kenne dazu ein jüngstes Beispiel, in dem ein historischer akademischer Austausch mit russischen Wissenschaftlern zur Kriegstreiberei gegen die Ukraine stilisiert wird, also zu Völkermord. Eine ungeheure Diffamierung lauterer Leute. Denn auch die Propaganda für die gerechte Seite ist Propaganda. Mich stört nicht die Parteinahme in einem Konflikt, sondern der inquisitorische Wahrheitsanspruch, der die Häupter der so Verleumdeten der Guillotine anvertraut. Und „hoppla“ feixt, wenn sie über‘s Pflaster rollen.
Ich traue diesem POSITIVISMUS nicht. Ich habe Philosophie studiert.
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DER LEHRER.
Wenn Schüler ihren Lehrer allzu sehr verehren, ist Skepsis angebracht. Beispiel: der Journalisten-Pauker WOLF SCHNEIDER und die von ihm polierten Schreiberlinge. Sie rühmen sich, Opfer seiner Launen geworden zu sein, wie Masochisten die Peitsche preisen.
Die von ihm geführte Journalistenschule des RTL-Vorgängers GRUNER & JAHR besuchte regelmäßig die Ruhrkohle AG (RAG), um eine Grubenfahrt zu unternehmen, die dann als Reportage journalistisch zu verarbeiten war, Stücke noch ungeübter Feder, die er schließlich mit roter Tinte ins Lot stellte. Ich habe diese Übung damals beendet. Sie war zynisch. Jedenfalls nutzte sie nicht der RAG, meinem Arbeitgeber.
Bergfremde untertage sind immer ein Problem. Wer ungeübt tausend Meter tief ins Loch muss, kann leicht Panik empfinden und verunfallen. Aber wir waren von einem erfahrenen Obersteiger begleitet, da ging das schon. Zurück in der Kaue höre ich den Schönschwätzer im Deutsch für Profis dozieren, dass der Bergbau ein Exempel für menschenunwürdige Arbeit sei. Die Hölle, sagt er. Ich knurre. Deshalb sei man hier, bescheidet mich der Experte für gutes Deutsch. Die Hölle also. Ich beschloss, ihn nicht mehr einzuladen.
Denn im Kreise der kohlengeschwärzten Gesichter saß der PRAECEPTOR GERMANIAE mit weißem Hemd. Er war gar nicht angefahren. Der Herr hatte sich nicht schmutzig gemacht. Seine Schüler in die Hölle schicken, aber sich selbst dazu zu schade zu sein, das mag Brauch sein bei Verlegern, ist aber gegen die Knappenehre. Kumpel geht anders. Aber das wollte er ja auch nicht sein, der gerade Verstorbene: RIP. Glückauf.
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Es gibt sie noch, die guten alten Dinge
Der Flaneur durchstreift Berlin, die Hauptstadt. Am Ernst-Reuter-Platz neben der Technischen Universität hat das ManuFactum sein Edelwarenhaus mit der wunderbaren Dependance Brot & Butter. Das herrliche Sommerwetter lädt auf Gartenstühlen vor dem Geschäft zum Verweilen ein. Ein kräftige Brotzeit mit deutscher Wurst und krossem Bauernbrot wird von einer zuvorkommenden Bedienung im Dirndl gereicht.
So kann ein Tag beginnen. Das Motto des Hauses: Es gibt sie noch, die guten alten Dinge. Ein wunderbarer Laden, wäre da nicht diese Binnenmajuskel. Aber das kriegen wir erst später. Man muss auch mal die positiven Seiten des Lebens sehen. Sonst wird man noch zum larmoyanten SeeleFant.
Auf der Friedrichstraße, jetzt sind wir im Osten, Mitte genannt, hatte ich auf meinem Weg ins Borchardt zuvor gesehen, wie die amerikanische Schauspielerin Sandra Bullock den Edel-Italiener Bocca di Bacco („Maul des Weinsäufers“) verließ und in Richtung Hedwigsdom strebte, wo Erzbischof Woelki predigt, ein Mann, der als künftiger Papst gehandelt wird.
Hier trifft sich die Welt. Begleitet wurde Bullock von Dr. Peter Ramsauer, dem Deputierten des Wahlkreises Traunstein, Bayern, und amtierenden Kabinettsminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, genannt Ramses. Der Hollywood-Star ist eine Cousine von Ramsauers Frau Susanne.
Als Bundesverkehrsminister sitzt Ramsauer auch der Deutschen Bahn AG vor, die in der Vergangenheit seltsamen Irrungen unterworfen war. Unter dem zwischenzeitlichen Management von Herrn Mehdorn (genannt Ei-Pie-Oh, nach dem Börsengangkürzel IPO) hatten dort Lufthansa-Manager Einzug gehalten, die das Schienengeschäft durch Anglizismen aufnorden wollten. Nur wenige der autochtonen Bediensteten verstanden aber, warum sie unter einem Schild arbeiten sollten, das After Sales Service verspricht. Wer will schon beim Verkauf von Arschlöchern Dienstleister sein? Die Verwirrung der Engländer war nicht geringer, als sie das Angebot Rail&Fly lasen („to rail against sth“ meint „über etwas meckern“).
Das Mietrad-Angebot der Bahn muss sich nicht mehr in der Call-a-Bike-Kategorie anbieten lassen. Der Service-Point mit Counter ist wieder eine Information am Schalter. Die Handzettel heißen nicht mehr Flyer, und die Hotlines dürfen sich endlich wieder Dienstleistungsnummern nennen. Das assoziativ verhängnisvolle Feld der privaten Körperteile und der Hotline-Callgirls ist verlassen, und wir sehen wieder die deutschstämmige Würde der Fahrkartenknipserin der Reichsbahn. Selbst den Anzeigen an den Bahnsteigen soll nun zu entnehmen sein, ob die angezeigte Wagenfolge tatsächlich die schon geänderte ist oder ob die tatsächliche eine Änderung gegenüber der Anzeige ist.
Es gibt sie wieder, die guten alten Dinge. Ich selbst bin leidenschaftlicher Bahnfahrer und Inhaber einer Bahnkarte Erster Klasse, also befangen (man lese hier den bei Springer-Blättern notorischen Hinweis auf die Unabhängigkeit des bestochenen Autors gleich mit). Und von englisch geprägter Bildung, deshalb habe ich den SchnöselSpott („Sänk ju vor träwelling…“) über die englischen Durchsagen nie geteilt. Die Bahn macht einen richtig ordentlichen Job. Selbst die besserwisserische Journaille verkneift sich inzwischen die billige Häme. Auch nach Hochwasserkatastrophen bringt sie mich sicher von Frankfurt nach Berlin. Über Eisenach, Erfurt, Weimar und Leipzig, Mit nur 120 Minuten Verspätung. Und nun also der Einsatz eines Glossars auf Ministerweisung zur Wiederherstellung der Reinheit der deutschen Sprache. An der Übersetzung des Kürzels A/C arbeitet die von ihm eingesetzte Kommission noch; dem Bundeseisenbahnamt, der Genehmigungsbehörde für alles, ist noch nicht klar, um welches Gerät es sich dabei handeln könnte.
Nun komme man mir nicht damit, dass der Abgeordnete Ramsauer seinerzeit gegen die Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze gestimmt habe oder die Initiative der Burschenschaftler gegen Neonazis nicht unterstütze. Das ist die Weltsicht der Wowereits und Platzecks, die erstmal den Berliner Flughafen fertig kriegen sollen, bevor sie wieder die Klappe aufmachen. Ramsauer ist ein Mann des Volkes und von respektabler Bildung, ein europäisch gesinnter Abgeordneter des deutschen Parlaments und stellvertretender Vorsitzender seiner Partei. Ich persönlich bin ihm dankbar für die Beseitigung eines Missstandes, der mich seit Jahren aufregt. Ich meine die vermaledeite Binnenmajuskel. Die Binnenmajuskel ist eine der Hauptverantwortlichen für die Verwahrlosung der Sitten, die Jugendarbeitslosigkeit und die Aidsrate; ich schwör. Kennen Sie nicht? Wenn mitten in einem Wort ein Großbuchstabe auftaucht, dann ist das Wort von einer Binnenmajuskel befallen. Ekelhaft. Zum Glück heißt jetzt das neumoderne „ReiseZentrum“ wieder Reisezentrum. So geht Politik. Damit geht man als Politiker ein in das, was Helmut Kohl die „Gechichte“ genannt hat.
Quelle: starke-meinungen.de