Logbuch
WAS MIT MEDIEN MACHEN.
Ein ausgezeichneter Chefredakteur, dessen Wohlwollen ich genieße, benennt seinen Beruf selbstironisch „was mit Medien machen“. Bittere Ironie. Leider ist Journalismus als Profession gänzlich runtergekommen. Ein Influencer für Damenunterwäsche ist aber kein Publizist. Jedenfalls früher. Heute wähnt sich jeder banal blöde Blogger im Geltungsbereich des Presserechts.
Noch ärgerlicher sind die grandios gescheiterten Schreiberlinge, die statt zum Jobcenter in die PR wechseln. Was mit Medien machen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, schuld sind die Verlage, die sie nicht mehr nähren, weil die Leute kein Papier mehr kaufen. Die Leser sind das eigentliche Problem. Und das Internet ist ein großer Gleichmacher. Ich sage am Schluss, was mich daran sehr grundsätzlich stört. Vorher was zu professionellem Rollenverständnis.
Kein Mensch weiß noch, was ORDNUNGSPOLITIK ist. Kein Mensch will noch wissen, was das ist. Darauf rumzureiten, macht womöglich einsam. Die Welt beschäftigt sich damit, dass es jetzt Fotos von Bill Clinton im Pool mit Ghislaine Maxwell und Gespielinnen gibt, der Tochter des mächtigen englischen Verlegers und Kupplerin von Jeffrey Epstein, dem Spekutanten mit Kinderwunsch. Sex sells.
Ich versuche es trotzdem. Bei ordnungspolitischen Überlegungen versucht man zu trennen, was nicht zusammengehört. Ich beginne mit dem Verführerischsten, Lob. Komplimente sind gefährlich, weil man ihnen so schlecht zu widerstehen weiß. In Berlin freuen sich Journalisten, wenn sie von PR-Leuten eingepreist werden: Man ist stolz darauf, als die Nummer Zwei unter den Hauptstadtjournalisten ausgerufen worden zu sein. Wer verleiht? Ein PR-Unternehmen. Ein alter Freund nennt das „Nuttenorden“, ein Orden mittels dessen die Jungfrau zur publizistischen Prostituierten wird. Ein wenig prämierte Mätresse und ein wenig erhabene Vierte Gewalt, welch eine Mesalliance.
Früher hat sich ein anständiger Journalist nicht mal von einem Verleger loben lassen, heute von Propagandisten, die ihm einen Nasenring durchgezogen haben und nun den so prämierten Esel durch die Manege führen, um zu behaupten, es sei ein Löwe. Und sie der Löwenbändiger. Wir erleben eine allseitige Deregulierung. Das ist der Lehrsatz. Die Ordnung ist im Arsch.
Im Gewerbe der Ghislaine Maxwell wird damit nicht mehr unterschieden zwischen Zuhälter, Freier und Hure; sie alle machen was mit Liebe. Nachwuchs willkommen. Journalisten sind Konsumenten von PR; deshalb glauben sie vom Fach zu sein, wenn sie in die PR wechseln. Da ist was dran: Wer gerne isst, kann auch gut kochen. Gourmand wie Koch machen ja was mit Essen. Ich bitte gelegentlich Gordon Ramsey um einen Kommentar.
Jetzt mal ernst: Wenn es sie in einen Gerichtssaal verschlägt, weil sie jemand wie bei Kafka denunziert hat, so sollten der Staatsanwalt und der Verteidiger unterschiedliche Personen sein, jedenfalls der Richter. Wenn das alles einer macht, weil er was mit Paragrafen macht, dann dürfte das ein anderes Land sein. Gewaltenteilung.
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VON DER KUNST DER BELEIDIGUNG.
Der amtierende US-Präsident verspottet in der Ahnengalerie des Weißen Hauses seine Vorgänger unter Verwendung übler Propaganda; das amüsiert seine Gefolgschaft und empört die, die vorgeführt. Einer meiner alten Freunde, dessen Herz leicht entflammbar, findet nun, das sei eine Schande für die USA. Wut & Zorn über Trump. Der pöble. Gemach.
Es wäre verfehlt, die ansonsten üblichen Porträts, alle mehr oder weniger schmeichelnder Natur, als Ausdruck der Wirklichkeit zu sehen; natürlich beschönigen sie vorsätzlich. Mehr noch, solche Herrscherbilder sollen den Menschen nicht nur persönlich vorteilhaft zeigen (Schokoladenseite), sondern auch seinen Nimbus ausdrücken, den Potentaten als Narrativ in die Geschichte einschreiben. Nichts ist typischer PR als ein geneigtes Herrscherporträt. Also hantierte man hier nicht bigott mit der Wahrheitsfrage. Dies ist lediglich ein Stilbruch, ein absichtsvoller.
Wenn ich das richtig weiß, dürfen sich die Amtsvorgänger üblicherweise den Künstler aussuchen, der sie malen oder fotografieren soll. Ich könnte nun eine Szene aus Lessings Drama EMILIA GALOTTI zitieren, in der der Fürst eine Dame porträtieren lässt und was zur Herzensbildung sagt; das wäre aber zu bildungsbürgerlich. Und würde deshalb dem Politikstil der Neuen Rechten nicht gerecht. Donald Trump hat seine Karriere als „outsider“ gemacht; er inszeniert sich als das sprichwörtliche Schwein auf dem Sofa, um Joe Six-Pack in seinem Caravan-Home zu begeistern. Er will nicht Elite sein, sondern arrivierter Proll. Da nennt man eine Journalistin schon mal „piggy“, Schweinchen, und droht Hillary, der Tusse von Bill, mit dem Knast.
Man kann nicht das Wirken der Demokraten im Weißen Haus, sagen wir unter Jacky Kennedy oder Michelle Obama, für authentisch halten und den Pfälzer Pimp im Unterschied dazu für inszeniert. Trump würde diesen schlechten Geschmack auch dann zeigen wollen, wenn er einen besseren hätte. Er hat keinen wesentlich besseren, zumal der ihm auch nur im Weg stünde. Pejoration ist das Prinzip. Got it, stupid? Die hohe Kunst des Pöbelns zur Unterhaltung des Pöbels.
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NACHKRIEGSZEIT VORBEI.
Wenn Kinder eine Sprache lernen, staunen sie oft über bildhafte Ausdrücke der Erwachsenen, die ihnen ein Rätsel bleiben. So habe ich nie verstanden, warum ausländische Soldaten in ihren Kasernen nicht sitzen oder stehen, sondern liegen. Ich hörte, dass in Lohhausen die Engländer liegen, in Köln oder Braunschweig die Belgier und am Berliner Flughafen die Franzosen. Meist im Singular und mit bestimmtem Artikel. So zum Düsseldorfer Flughafen: „Da liegt der Tommy!“ Sprache der Nachkriegsordnung.
In der Pfalz lag gar der Ammi und zwar mit Atomraketen; man erfreute sich an Einquartierungen und verdiente eine kleine Mark dazu. Eine Wuzz im Stall und nen Ammi unter’m Dach, so ging kleiner Wohlstand in der Provinz. Im Westerwald berichtet der Taxifahrer heute noch von schwarzen Wachsoldaten in den Dörfern neben den verborgenen Silos im Wald, die ihm gänzlich fremd schienen, aber nett, insbesondere zu Kindern. Es gab gratis Schokolade und Kaugummi. Die Nachkriegszeit ist vorbei.
Jetzt sagt der deutsche Kanzler, dass wir uns als Europäische Kleinstaaten nicht von Großmächten rumschupsen lassen. Im Plural. Ein mutiger Satz. Aber es liegen ja auch keine Russen mehr im Osten Deutschlands und keine Westalliierten hierzulande; fast keine. Die Tektonik habe sich verändert, sagt Merz. Wohl wahr. Russland hat sich bei der deutschen Wiedervereinigung sehr großzügig gezeigt; das ist historisch nicht zu leugnen. In der NATO wird Schutzgewährung neuerdings nicht mehr in Spendierhosen verabreicht. Gratis war gestern. Ich erinnere mich an eine Bar in einem Kaff in Texas, wo über dem Tresen ein Spruch hing, der auf die berühmte Formel auf den Dollarscheinen anspielte: „In God we trust, the rest pays cash.“
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Nelson Mandela- kein Held?
Hat sie Mandela noch alle? Vor drei Jahren traf ich einen britischen Journalisten, der mir von einer Audienz bei Nelson Mandela erzählte. Der ältere Herr habe ihn, den Motorredakteur der BBC, allen Ernstes gefragt, ob er ein Astronaut sei. Und wie es denn so wäre auf dem Mond? Mein Freund Jeremy erzählt solche Geschichten nicht ohne Absicht. Er hat Zweifel am Heiligenstatus des südafrikanischen Politikers. Ich glaube, er verachtet ihn. Als Engländer kennt er sich mit Eingeborenen in Kolonien aus.
Ist Mandela sauber? Hatten seine Gegner, die Buren der Rassentrennung, doch Recht, da sie ihn als Kriminellen schmähten? Man kann weit in die Geschichte gehen und sich den Revolutionär Mandela und seine Anwälte ansehen. Und nach der Herkunft dieses oder jenes Vermögens fragen. Da mag es Meineide gegeben haben und regelrechte Verbrechen. Es war Bürgerkrieg. Und Networking, to say the least.
Spinnt der Clan des Mandela? Man kann sich in der Familie Mandela umsehen und trifft auf wenig Licht und viel Schatten. Es gibt oder gab da eine Gattin mit schlechtem Ruf und allerlei Nachkommen mit recht profanem Erscheinungsbild. Die schwarzen Südafrikaner sind offensichtlich keine besseren Menschen. Und nicht alle Erben werden der Würde des Erblassers gerecht.
Einmal mehr Spott und Verachtung gegenüber einem Helden? Was mich mehr prägt als der Zynismus der Publizisten, ist ein Erlebnis, das ich vor fünfzehn Jahren hatte. Ich flog mit dem Hubschrauber auf die Gefangeneninsel zu, die den Freiheitskämpfer Jahrzehnte seines Lebens beherbergt hatte. Mein Begleiter, ein Bure durchaus bürgerlichen Zuschnitts, wies mich landeskundlich ein. Hier hätten nur Terroristen gesessen, und dieser Mandela sei der schlimmste von ihnen: „a fuckin crook.“
Dann stand ich in der Zelle Mandelas. Ein kleiner Raum kargen Zuschnitts. Hinter diesen Gitterstäben hatte er fast ein ganzes Leben zubringen müssen; Pausen durch Sklavenarbeit im Steinbruch ausgenommen. Seine Mitgefangenen hatten ihn wie ihren König behandelt. Und seine Wächter wohl wie ein Stück Vieh. Durch meinen Kopf ging ein Dylan-Lied, das die Geschichte eines Boxers namens Hurricane („the authorities came to blame“) erzählt. Mir imponierte, dass er dies überlebt hat.
Noch weit mehr hat mir imponiert, dass Nelson Mandela danach Aussöhnung zwischen den Rassen gepredigt und politisch auf den Weg gebracht hat. Es gibt historische Leistungen, die nicht durch dritte Umstände dementiert werden können. Nicht mal durch bescheuerte Ehefrauen und geldgeile, strohdumme Kinder. Die Geschichte ist keine Koranschule; das Leben kein Ponyhof. Helden müssen keine Heiligen sein.
Der genannte BBC-Journalist rühmt sich ferner, den greisen Mandela nach der Astronautenepisode gefragt zu haben, ob er schon mal in einer Table-Dance-Bar war. Das habe dieser verneint. Diese Episode, in allen Archiven verbürgt, sagt mehr über Journalisten, jedenfalls den Boulevard, und über das Selbstverständnis des englischen Kolonialismus als über schwarze Bürgerrechtler. Dem Gemeinen ist alles gemein.
Quelle: starke-meinungen.de