Logbuch

SICHTFLUG.

Nicht jeder in der Politik hat einen Flugschein. Mein Herr Vater hat einen, allerdings im Segelflug, weil der Versailler Vertrag den besiegten Deutschen das Motorfliegen seinerzeit untersagte. Daher die Euphorie fürs Gleiten in der Thermik. Ein friedlicher Spaß. Das hat dann der dicke Göring geändert, leider. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
AUF SICHT FLIEGEN, so nennt die Politik jenes Wurschteln, mit dem sie auf Strategieverlust reagiert. Vornehm ausgedrückt ist das DEZESSIONISMUS. Zum Beispiel in der Anti-Seuchen-Politik. Ich kenne den SICHTFLUG als einen besonderen Trick, wenn man zum Beispiel von Biggin Hill nach Heathrow oder vom Flughafen Braunschweig-Waggum nach Frankfurt rein keinen gescheiten Slot mehr kriegte, so hielt der findige Pilot des Propellers das Gerät knapp überm Boden und schlich sich übern Taunus hintenrum nach Rhein-Main rein.
Vielleicht war es nicht so ganz korrekt, aber Spaß hat es gemacht. OLD SCHOOL means: don’t do it by the book. Man kriegt den Alt-Achtundsechziger nicht mehr raus aus meiner Generation.

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PFERDEVERSTAND.

Eine endlose Flotte von Lieferwagen durchschwärmt das Land. Der Markt für diese kleinen Nutzfahrzeuge (Kastenwagen mit Dieselmotoren) und LKWs (mit großen Dieseln) muss leergefegt sein. Ein arabischer Migrant fragt mich nach einer Adresse. Und stellt dann beim Nachbarn ein Amazonpaket zu. Gut, denke ich, er hat einen Job. Möge es Aufstieg ermöglichen. Er macht das, was mal Einzelhandel war, wo wir einst in Innenstädten holten, was heute nach Hause gebracht wird. Blühende Landschaften.
Erinnert mich an meinen Urgroßvater, der aus Ostpreußen (heute Russland) an die Ruhr kam, weil hier PFERDEVERSTAND benötigt wurde, den er hatte. Ein Heer von Kutschern und ihre Gäule. Zur Auslieferung von Bier und Milch. Zum Treideln der Schiffe flussaufwärts. Untertage, um Kohleloren zu schleppen. GRUBENPFERDE. Lieber das, als im Osten, in der kalten Heimat, zu verhungern. Die ewige Logik der Migration. Es ermöglichte Aufstieg. Blühende Landschaften.
War das idyllisch? Na ja, man mochte als Migrant der ersten Runde (Protestant aus Ostpreußen) die der zweiten Runde (Katholiken aus Polen) nicht; die wiederum mochten die der dritten Runde (Moslems aus der Türkei) nicht. Aber man kam zurecht. Als Gefahrengemeinschaft, auf dem Fußballplatz und auch sonst, irgendwie mit der Zeit. Kumpel-Ehre. PFERDEVERSTAND. Blühende Landschaften.

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WEIZEN.

Renate Künast (Grüne), lese ich, lobt an ihrem Kiez die Läden mit unverpackten (!) Lebensmitteln. Wie dumm. Attitüde der Beerensammlerin. Von der Hand in den Mund. Aber von vorne.
Dass unsere Ernährung zu so großen Teilen auf Getreide beruht, also am MEHL hängt, hat seinen Grund im KORN. Weizen kommt verpackt! Und zwar von Mutter Natur. Bevor der Müller zuschlägt, ist Korn ein Verpackungswunder. Das Mehl schlummert in einem Tresor. Lagerfähig, haltbar, transportabel, teilbar, handelbar: ein logistisches Genie.
So ließ sich Ernte teilen und dann der Winter überleben. Oder das Versprechen von BROT & SPIELEN einhalten. Pasta machen. Kuchen backen. Die Korntürme waren die Kathedralen des hungernden Plebs. Und BIER BRAUEN, Schnaps brennen. Für Reis gilt Ähnliches.
„It’s the packaging, stupid.“

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Nelson Mandela- kein Held?

Hat sie Mandela noch alle? Vor drei Jahren traf ich einen britischen Journalisten, der mir von einer Audienz bei Nelson Mandela erzählte. Der ältere Herr habe ihn, den Motorredakteur der BBC, allen Ernstes gefragt, ob er ein Astronaut sei. Und wie es denn so wäre auf dem Mond? Mein Freund Jeremy erzählt solche Geschichten nicht ohne Absicht. Er hat Zweifel am Heiligenstatus des südafrikanischen Politikers. Ich glaube, er verachtet ihn. Als Engländer kennt er sich mit Eingeborenen in Kolonien aus.

Ist Mandela sauber? Hatten seine Gegner, die Buren der Rassentrennung, doch Recht, da sie ihn als Kriminellen schmähten? Man kann weit in die Geschichte gehen und sich den Revolutionär Mandela und seine Anwälte ansehen. Und nach der Herkunft dieses oder jenes Vermögens fragen. Da mag es Meineide gegeben haben und regelrechte Verbrechen. Es war Bürgerkrieg. Und Networking, to say the least.

Spinnt der Clan des Mandela? Man kann sich in der Familie Mandela umsehen und trifft auf wenig Licht und viel Schatten. Es gibt oder gab da eine Gattin mit schlechtem Ruf und allerlei Nachkommen mit recht profanem Erscheinungsbild. Die schwarzen Südafrikaner sind offensichtlich keine besseren Menschen. Und nicht alle Erben werden der Würde des Erblassers gerecht.

Einmal mehr Spott und Verachtung gegenüber einem Helden?  Was mich mehr prägt als der Zynismus der Publizisten, ist ein Erlebnis, das ich vor fünfzehn Jahren hatte. Ich flog mit dem Hubschrauber auf die Gefangeneninsel zu, die den Freiheitskämpfer Jahrzehnte seines Lebens beherbergt hatte. Mein Begleiter, ein Bure durchaus bürgerlichen Zuschnitts, wies mich landeskundlich ein. Hier hätten nur Terroristen gesessen, und dieser Mandela sei der schlimmste von ihnen: „a fuckin crook.“

Dann stand ich in der Zelle Mandelas. Ein kleiner Raum kargen Zuschnitts. Hinter diesen Gitterstäben hatte er fast ein ganzes Leben zubringen müssen; Pausen durch Sklavenarbeit im Steinbruch ausgenommen. Seine Mitgefangenen hatten ihn wie ihren König behandelt. Und seine Wächter wohl wie ein Stück Vieh. Durch meinen Kopf ging ein Dylan-Lied, das die Geschichte eines Boxers namens Hurricane („the authorities came to blame“) erzählt. Mir imponierte, dass er dies überlebt hat.

Noch weit mehr hat mir imponiert, dass Nelson Mandela danach Aussöhnung zwischen den Rassen gepredigt und politisch auf den Weg gebracht hat. Es gibt historische Leistungen, die nicht durch dritte Umstände dementiert werden können. Nicht mal durch bescheuerte Ehefrauen und geldgeile, strohdumme Kinder. Die Geschichte ist keine Koranschule; das Leben kein Ponyhof. Helden müssen keine Heiligen sein.

Der genannte BBC-Journalist rühmt sich ferner, den greisen Mandela nach der Astronautenepisode gefragt zu haben, ob er schon mal in einer Table-Dance-Bar war. Das habe dieser verneint. Diese Episode, in allen Archiven verbürgt, sagt mehr über Journalisten, jedenfalls den Boulevard, und über das Selbstverständnis des englischen Kolonialismus als über schwarze Bürgerrechtler. Dem Gemeinen ist alles gemein.

Quelle: starke-meinungen.de