Logbuch

DAS STADER LOCH.

Große Verbrechen zeitig immer mehrere Opfer, hier drei. Zunächst die tatsächlichen. Im Stader Fall sechs Sozialarbeiter, die sich eines Kindeswohls anzunehmen hatten und heimtückisch ermordet wurden. Den Täter und seine Gehilfinnen soll die Justiz bitte zur Rechenschaft ziehen. Es wäre mir recht, wenn wir dabei auf Sippenhaft verzichten könnten. Ich will Gerechtigkeit, aber keine Blutrache. Auch weil ich weiß, dass die Opfer für eine gute Sache standen, die des Sorgerechts. Ein Kind ist kein Besitz seiner Eltern.

Das zweite Opfer ist die Wahrheit, wenn sich die Geschichte des Verbrechers zu Propagandazwecken eignet. Man muss die Umstände der Tat nämlich nur symbolisch stellen und kann die Niedertracht des Täters so allen Menschen seiner Herkunft oder Religion unterstellen. Der vorher romantische Fremde wird dem Volkszorn dann zum Objekt von Vertreibung, wenn nicht Vernichtung. Auf diesem Feuer kocht notorisch der rechte Rächer sein Süppchen. Ich habe keinen Bedarf an solchen rechten Pogromen.

Das dritte Opfer ist der nützliche Idiot, der elementares Fehlverhalten als kulturelle Vielfalt romantisiert. Viele davon bei den Grünen, der Linken und der SPD. Hier wird man lernen müssen, dass die klare Definition und konsequente Einhaltung einer Leitkultur Pflicht der Migranten aufnehmenden Nation ist. Asyl hat Bedingungen zu haben. Und dazu gehören Kindeswohl wie die Tatsache, dass auch Frauen Menschen sind und keine Haustiere. Völlig ungeachtet davon, was dazu irgendwelche Pfaffen sagen. Wer hier permanent permissiv ist, wegschaut und duldet, vergeht sich am Gemeinwesen.

Drei Opfer also im speziellen und wir alle im allgemeinen. Ich erwarte ein Staatsbegräbnis für die sechs Opfer von Stade. Und dass die AfD die Schnauze hält. Wenigstens die nützlichen Idioten sollten was gelernt haben.

Logbuch

WETTKAMPF.

Mein Leben lang, allzumal in der Jugend, war ich, was man unsportlich nennen könnte. Leibesübungen waren nicht mein Ding. Die sogenannten Bundesjugendspiele habe ich gehasst. Wettkämpfe übten, so auf olympische Disziplinen bezogen, keinen Reiz auf mich aus. Um als Schulpflichtiger dem obligatorischen Sportunterricht entgehen zu können, besorgte man sich, so clever genug, ein Attest vom Arzt. Wie man daran kam, auch mangels medizinischer Indikation, war eine Frage der sozialen Intelligenz und schauspielerischer Kreativität; jedenfalls hatte ich immer Attest.

Unser Wettkampfwille wuchs auf anderem Gebiet, dem der Maulfechterei und des Rechthabens. In diesen Tagen ist mein damaliger Deutschlehrer von uns gegangen. Ich hatte ihn auf der Kettwiger Penne recht lange und er hat eine Menge von mir gelernt. Man galt damals was, wenn man belesen war. Die Versorgung mit linker Literatur klappte blendend und es reichte auch schon mal, wenn man sich das Suhrkamp-Bändchen unter‘s Kopfkissen gelegt hatte. Überzeugender Vortrag gelang gleichwohl.

Wir zitierten im Unterricht frech und mit Nachdruck MARKUSE, worauf sich der Pauker auch mit Lesestoff versorgte, aber frustriert eingestand, dort nicht gefunden zu haben, was wir Pubertanten so vortrugen. Ich schiele auf das Pult und sehe, dass sich mein Pauker mit LUDWIG MARKUSE eingedeckt hatte, nicht mit HERBERT. Haben wir gelacht. Wir müssen als Schüler echt unausstehlich gewesen sein. Jedenfalls war das eine wettbewerbliche Anstrengung, die nicht dümmer machte.

Einzuräumen ist, dass vieles von dem, was man in jenen Jahren so daher schwätzte, schlicht Unsinn war; aber das ist das Urteil des Alters. Jetzt, da sie meinen Pauker zu Grabe tragen, rufe ich einen Dank hinterher. Er hat uns zu Olympischem motiviert. Die Früchte dessen haben ein Leben lang genährt. Man achte seine Lehrer! Möge ihnen die Erde nicht zu schwer werden.

Logbuch

MIT GEWÄHR.

Eine Soziologie der Industrie, das wäre mal ein interessantes Thema. Da ginge es um die Frage, wie so große Gebilde wie Industrieunternehmen funktionieren, zunächst mal unabhängig davon, was genau sie jetzt fertigen. Über Familienbetriebe in Handel und Handwerk weiß jedermann Bescheid, weil er über die Ladentheke schielen kann oder durch die Werkstatttür. Wie aber geht ein BASF oder eine AEG? Und wie gehen diese Monster mit tausenden von Beschäftigten in anderen Erdteilen? Sagen wir BYD.

Ich habe den ersten Teil meines Berufslebens in Industrien verbracht und weiß, wie das soziale Milieu in den Chefetagen hinter den Hallen so riecht. Übrigens für die politische Klasse ein eher seltenes Wissen, da sie sich im Dreierschritt rekrutiert von Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Im Ernst: Wenn es ein Innenleben von Kirchen, Internaten oder Kasernen gibt, so muss es auch eines bei jenen geben, die die Großindustrie lenken. Deren Soziologie würde man mal erforschen sollen. Als erstes zeige man mir das Casino, die Kantine der Leitenden. Der diskrete Charme der Bourgeoisie.

Zwei Beobachtungen. Zunächst eine generelle. Je mehr sich die Sozialstruktur des Unternehmens einer Zwiebel nähert, dünne Wurzeln, dünne Triebe, aber dicker Bauch, desto mehr ist der Laden dem Untergang geweiht. In der Mitte da sitzt die Lehmschicht. Sie isoliert die Führung vom Betrieb und den Betrieb von der Führung, frisst Gemeinkosten wie blöd und leistet nichts. Die Lehmschicht ist eine Lähmschicht. Deshalb auch vollkommen resistent gegen jedwede Rationalisierung.

Was hilft? Zweites Beispiel. TOYOTA verlängert die Garantie auf seine Automobile, diese an Verlässlichkeit nicht zu übertreffenden kreuzhässlichen Schüsseln auf 15 Jahre. Das sind drei Vorstandsverträge in Folge. Damit holt jeder Konstruktionsmangel seine Verursacher ein. Das ist klug. Wahrscheinlich wird für die Kunden dabei der Service Pflicht; aber das ist eh schlau, ordentlich zu warten. Übrigens ist jede Batterie, die heutzutage in diese rollenden Musikboxen der E-Mobilität eingebaut wird, nach 8 oder 10 Jahren fertig; kostet als Ersatzteil 30k oder mehr. Auf Gewährleistung? Das wird spannend; das wird sogar sehr spannend.

Was lernen wir? Der Mittelbau ist die Sau. Und Gewährleistung schlau.

Logbuch

Der Euro, das Mysterium, und Mutti, die Märchentante

Im Universum des Dummschwätzens, das unsere Zeit prägt, taucht gelegentlich ein wahrer Satz auf, der wie ein Blitz die Nacht erhellt: „Eine Staatsschuldenkrise lässt sich nicht mit immer neuen Schulden bekämpfen. Die Schuldentragfähigkeit der Griechen wurde nur auf dem Papier hergestellt. Das gilt für die ganze Euro-Rettung: Der Wunsch hat sich als Wirklichkeit maskiert.“ Unser Schicksal wird von einem Mysterium bestimmt, das wir als Euro-Krise wahrnehmen, aber nicht wirklich verstehen. Politik als Opium für das Volk.

Den klugen Satz schrieb der Herausgeber des Handelsblattes, Gabor Steingart, mir morgens um sechs Uhr  in einer Mail, mit der er sein Blatt anpreisen will. Gut gebrüllt, Löwe. Ich sage das, obwohl ich keine historisch gewachsene Zuneigung zu diesem Menschen empfinde. Als er noch beim Spiegel war, ging er mir gelegentlich auf den Geist. Insbesondere, wenn er sich samstagmorgens bei mir in rüdem Ton beschwerte, dass eine Info, die er von mir hatte, auch woanders stand, wozu ich nun wahrlich nichts konnte. Aber damals war die Welt noch halbwegs in Ordnung.

Wir wissen heute nicht mehr, ob wir in der europäischen Finanzpolitik das Zusammenspiel vernünftiger Akteure erleben oder ein Spektakel reiner Unvernunft. Die ökonomischen Prozesse haben spätestens seit der Finanzkrise eine geisterhafte Unheimlichkeit angenommen. Täglich werden uns  neue Rätsel aufgegeben, die in ihrer Folge als immer unlösbarer erscheinen. Chimären und Chiffren, Mysterien, die sich der Entzifferung entziehen, bestimmen die Nachrichten. Wo Klarheit in Euro und Cent herrschen sollte, treiben Geister Spuk. Und jene Experten, die das leugnen, sind zeitgleich untereinander tief uneinig und morgen ohnehin wieder anderer Meinung.

Im Casino-Kapitalismus treibt der Spekulant das Geschehen. Das ist ein Böser; so wie ein Banker ein Guter und ein Investmentbanker ein Schuft ist. Märchenstunde für Doofe. Die Krise ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel; so einfach ist das. Früher war der Spekulant für jeden Lateiner ein „speculator“, ein Seher: so wurden die römischen Wachposten genannt, die auf den Limestürmen Ausschau hielten, ob sich wieder die Barbaren nähern. Der Späher von heute sieht aber nichts mehr. Der Spekulant lebt von blinden Wetten. Das ist der Kern des gesamten Finanzmarktes, ein allseitiges Wettgeschäft, das jede Verbindung zur Realwirtschaft abgelegt hat. So definiert der schon gelobte Vogl ein Termingeschäft:  „Jemand, der eine Ware nicht hat, sie weder erwartet noch haben will, verkauft diese Ware an jemanden, der diese Ware ebenso wenig erwartet oder haben will und sie auch tatsächlich nicht bekommt.“ Das ist aber nur das halbe Elend. Darauf, dass das  gutgeht, schließt jemand eine Versicherung ab, gegen die jemand wettet, der glaubt, dass es schiefgehen muss. Wenn diese Blase platzt, darf Papa Staat die Rechnung zahlen.

Der Markt regelt gar nichts in dieser Welt, außer dass er dem vagabundierenden Wahnsinn irgendwann ein Ende setzt. Ich finde in einem Antiquariat in Goslar, das ein belesener Ossi führt, die Bände 23 bis 25 der Werkausgabe der Herren Marx und Engels und erwerbe sie in alter Sentimentalität. Marx beschreibt den Fetischismus des Kapitalismus mit einer Verselbstständigung, die man ansonsten nur aus religiösen Spinnereien kenne. Die Beziehungen der Menschen zueinander nähmen die „phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen“ an: „Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten…“ (MEW 23,86) Im Fetischismus unterwerfen sich die abergläubischen Menschen den angenommenen Kräften des irrational Bösen, das sie sich zuvor selbst geschaffen haben. Und dann der Jahrhundertsatz: „Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“ (MEW 23,88) Das Motto meiner Generation: Lire le capital…

Mutti rettet nicht den Euro, sondern versucht sich durch eine internationale Staatsschuldenkrise zu lavieren, in der das Schicksal der Staaten in die Händen der Spekulanten gelegt worden ist. Man höre den irischen Bankern zu, wie sie über Mutti reden, und lerne. Diese Jungs haben die Macht. Bittere Weisheit: Wir können nicht mehr ausgeben, als wir arbeiten, auch nicht in der griechischen Sonne oder bei spanischem Wein. Demokratie geht nicht auf Pump. Und genau dies verwischt das Wahlgeschenke-Konzept der CDU erneut. Taktisch klug, weil es die Sozis in die hässliche Rolle der Nein-Sager drängt. Denn der Wähler will Muttis Märchen hören. Uff.

Quelle: starke-meinungen.de