Logbuch
EINSCHLÄGIG.
Ich plaudere mit einem Hochschullehrer meines Fachs über akademische Kollegen und es fällt das harsche Urteil über einen Altvorderen unserer Wissenschaft, dieser sei ja nie „einschlägig“ gewesen. Ein Schwätzer also, der zugelassen wurde, weil das Fach zur Konversationswissenschaft verkam. Man konnte mit Klugschwätzen durchkommen. An Hochschulen wird viel geschwätzt.
Das erinnert mich an mein Rigorosum, die mündliche Doktorprüfung, die damals in Bochum noch zweieinhalb Stunden dauerte mit drei sich ablösenden Prüfern unterschiedlicher Fächer. Das war eine Anstrengung eigener Art und irgendwann, dann war man einfach blank. Der letzte Prüfer fragte die Beisitzer, auf welche Note man eigentlich hin prüfe. Als er vernahm, dass „summa“ vorgelegt sei, erschien er überrascht und sagte: „Dem will ich nicht im Wege stehen.“ Ich erhielt Gnade vor Recht. Durchgewinkt. Daher meine habituelle Bescheidenheit.
Wenn ich späterhin prüfte, stimmte mich das gnädig. Bei offensichtlichen Wissenslücken wich ich auf meine Standardfrage aus. „Ist der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik auch auf die Gesellschaftswissenschaften anwendbar?“ Es geht dabei um das sogenannte Entropie-Gesetz, das gar nicht so unplausibel ist. Wenn man es kennt. Auflösung: das Gesetz der zunehmenden Entropie ist sozial anwendbar.
Schaue ich Dissertationen durch, widme ich mich gern der Frage, wie der große Weise aus Oerlinghausen zitiert wird. Man wird oft finden, dass zu seinem Namen Allerweltsweisheiten aus Wikipedia gekupfert werden und dann mit einer blinden Fußnote aus dem Hauptwerk versehen; das sogenannte PH-Verfahren. PH für Pädagogische Hochschule oder „Lehrerackamie“. Dann setze ich bei der Verteidigung der Diss nach mit der Frage: „Warum ist der Satz, dass sich moderne Gesellschaft funktional gliedere, falsch?“ Der stammt aus Oerlinghausen. Und galt dort als richtig.
Wenn ich das alles hier ausplaudern darf, so sieht man klar: Ich prüfe gar nicht mehr. Niemand kann dadurch künftig einen Vorteil erringen. Etwa, indem er sich auf den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik vorbereitet. Zudem nimmt der Anteil der Einschlägigen ohnehin dramatisch ab. Gestern sah ich Sloterdijk bei Lindner in Zehlendorf; er dürfte einer der letzten sein. Na ja, und ich, jedenfalls knapp, eher gerade mal so.
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MÜDE MÄNNER.
Keine weiteren Wortwitze über Lars Klingbeil; der Mann ist im Amt. Das sage ich auch über Friedrich Merz. Auf den Schultern dieser beiden Männer ruht die Verantwortung für‘s Land. Nicht nur, aber auch. Ich habe aus der Naherfahrung ein Gefühl dafür, wie hoch der Arbeitsdruck ist. Deshalb mein Respekt! Das ist mein bitterer Ernst. Hier endet des Hofnarren Macht. Alles Gute, Lars!
Mir fällt schon seit längerem auf, wie respektvoll sich jene Politiker untereinander behandeln, die mal „ChefBK“ waren. Ein Mörderjob, Leiter des Bundeskanzleramtes. Jedenfalls traf ich gestern Lars am späten Nachmittag und er sah echt müde aus. Nicht jene Müdigkeit, die mit einem beherzten Gähnen verflogen wäre, sondern die böse, die sich in der Knochenmühle ins Hirn frisst. Und ich wusste: Das, lieber Lars, wird Dich jetzt nicht mehr verlassen. Schlafentzug.
Sleepy Joe Biden wurde verspottet. Man sagt, dass ein starker Kaffee helfe; aber das ist Hausfrauen Schnack. Churchill hat Whisky „the lifeblood of all tired men“ genannt und er war solche Stützen gewohnt; schon als junger Mann ging er nicht ohne Adjutant ins Feld. Schließlich musste ihn jemand morgens anziehen. Zum Kaffee gehört der Tabak. Schröder genoss mit großem Sachverstand seine Kubaner; er hat mich mal mit einer Zigarre aus anderen Gefilden erwischt und harsch getadelt.
Drogen und Macht sind ein Thema, so wie Drogen und Krieg eines sind. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Ich wünsche von frischen Jünglingen regiert zu werden, weiß aber, dass die Welt nur müde alte Männer hat. Wie ist das eigentlich bei Frauen? Angela Merkel sah ja immer bettreif aus. Kann man sich die Eiserne Lady müde vorstellen oder Ursula von der Leyen? Nun, die ist Ärztin und kann sich selbst ein Rezept ausstellen. So bleibt man resp. frau auch schlank.
Meiden wir Mädchenwitze und sprechen in allem Ernst geschlechtsneutral von müden Menschen an der Macht. Schlafentzug ist Folter. Das beunruhigt mich. Ich will von AUSGESCHLAFENEN regiert werden. Vielleicht würde eine Pflicht zum Mittagsschlaf wie in der Kita auch in der großen Politik helfen. Mein Ernst.
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IN GOD WE TRUST.
Märchen aus tausend und einer Nacht. Dem amerikanischen Präsidenten sei bei seinem Staatsbesuch in Quatar ein Flugzeug zum Geschenk gemacht worden, das 400 Millionen Dollar wert sei; er habe erklärt, es anzunehmen. Seine Airforce One sei eine 35 Jahre alte Mühle. Märchenstunde. Die Quataris hätten damit gute Erfahrungen gemacht. Der türkische Präsident habe ein solches Gastgeschenk angenommen. Gleichzeitig sei ein Vertrag mit Boeing unterzeichnet worden, mit dem 160 Flugzeuge in den USA bestellt worden seien.
Moment! Immer langsam mitti jungen Pferde. Mythen stimmen mich skeptisch, wenn sie allzu gut zu Vorurteilen passen. Brechen wir es runter. Erstens bin ich frei von Neid. Wenn da jemand den Scheich reich macht, soll er ein Leckerli genießen dürfen. Zweitens wird auch umgekehrt ein Schuh draus. Ich lobe Politik, wenn sie Arbeit schafft, insbesondere industrielle. Man sieht ja bei Ford in Köln, wie schwer die Amis es heutzutage industriell haben. 160 für‘s Land, 1 für den Chef: fair deal.
Drittens ist ja gänzlich unklar, ob die Person das Ding kriegen würde oder das Amt. Ich weiß etwas von der zeitlichen Belastung in Spitzenämtern, da braucht es gute Flieger. Und eine großzügige Handhabung. Ein Volk, das da nicht wirklich großzügig ist, wird zurecht schlecht regiert. Aber ich habe gestern Morgen im Café Einstein Unter den Linden Hiltrud gesehen, die dort mit einer Freundin frühstückte; das bringt assoziativ das Thema COMPLIANCE auf dem Tisch. Hiltrud war dafür mal in einem mir vertrauten Konzern zuständig. Man muss von ihr etwas halten.
Compliance? Gemeint ist mit dem Modewort, dass sich ein Unternehmen auch dann an Recht & Gesetz hält, wenn es schlecht für‘s Geschäft ist. Im Zuge dieser Regelorientierung sind in den Konzernen die Juristen zu einer unvorhersehbaren Machtfülle gekommen. Auch wenn das schlecht für‘s Geschäft ist. Einwand Nummer fünf: Zu diesem Thema habe ich selbst nichts beizutragen, da mir jedwede Erinnerung an Fallbeispiele aus meiner Erfahrung fehlt. Und das bleibt auch so.
Ein Verleger, sprich der Boss eines Verlagshauses also, hat mir mal erklärt, warum er bei seinem Geschäft für diese Compliance sei und gegen bestechliche Journalisten. Das seien ja kleine Geschäfte, an denen er nicht beteiligt sei; ihm ginge es aber um die großen, die zu seinen Gunsten. Das ließ mich lächeln. So geht ja auch Börsenaufsicht. Die kleinen Sauereien verbieten, damit die großen möglich bleiben. Eine marxistische Pointe. Ich bitte um Nachsicht.
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Der Euro, das Mysterium, und Mutti, die Märchentante
Im Universum des Dummschwätzens, das unsere Zeit prägt, taucht gelegentlich ein wahrer Satz auf, der wie ein Blitz die Nacht erhellt: „Eine Staatsschuldenkrise lässt sich nicht mit immer neuen Schulden bekämpfen. Die Schuldentragfähigkeit der Griechen wurde nur auf dem Papier hergestellt. Das gilt für die ganze Euro-Rettung: Der Wunsch hat sich als Wirklichkeit maskiert.“ Unser Schicksal wird von einem Mysterium bestimmt, das wir als Euro-Krise wahrnehmen, aber nicht wirklich verstehen. Politik als Opium für das Volk.
Den klugen Satz schrieb der Herausgeber des Handelsblattes, Gabor Steingart, mir morgens um sechs Uhr in einer Mail, mit der er sein Blatt anpreisen will. Gut gebrüllt, Löwe. Ich sage das, obwohl ich keine historisch gewachsene Zuneigung zu diesem Menschen empfinde. Als er noch beim Spiegel war, ging er mir gelegentlich auf den Geist. Insbesondere, wenn er sich samstagmorgens bei mir in rüdem Ton beschwerte, dass eine Info, die er von mir hatte, auch woanders stand, wozu ich nun wahrlich nichts konnte. Aber damals war die Welt noch halbwegs in Ordnung.
Wir wissen heute nicht mehr, ob wir in der europäischen Finanzpolitik das Zusammenspiel vernünftiger Akteure erleben oder ein Spektakel reiner Unvernunft. Die ökonomischen Prozesse haben spätestens seit der Finanzkrise eine geisterhafte Unheimlichkeit angenommen. Täglich werden uns neue Rätsel aufgegeben, die in ihrer Folge als immer unlösbarer erscheinen. Chimären und Chiffren, Mysterien, die sich der Entzifferung entziehen, bestimmen die Nachrichten. Wo Klarheit in Euro und Cent herrschen sollte, treiben Geister Spuk. Und jene Experten, die das leugnen, sind zeitgleich untereinander tief uneinig und morgen ohnehin wieder anderer Meinung.
Im Casino-Kapitalismus treibt der Spekulant das Geschehen. Das ist ein Böser; so wie ein Banker ein Guter und ein Investmentbanker ein Schuft ist. Märchenstunde für Doofe. Die Krise ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel; so einfach ist das. Früher war der Spekulant für jeden Lateiner ein „speculator“, ein Seher: so wurden die römischen Wachposten genannt, die auf den Limestürmen Ausschau hielten, ob sich wieder die Barbaren nähern. Der Späher von heute sieht aber nichts mehr. Der Spekulant lebt von blinden Wetten. Das ist der Kern des gesamten Finanzmarktes, ein allseitiges Wettgeschäft, das jede Verbindung zur Realwirtschaft abgelegt hat. So definiert der schon gelobte Vogl ein Termingeschäft: „Jemand, der eine Ware nicht hat, sie weder erwartet noch haben will, verkauft diese Ware an jemanden, der diese Ware ebenso wenig erwartet oder haben will und sie auch tatsächlich nicht bekommt.“ Das ist aber nur das halbe Elend. Darauf, dass das gutgeht, schließt jemand eine Versicherung ab, gegen die jemand wettet, der glaubt, dass es schiefgehen muss. Wenn diese Blase platzt, darf Papa Staat die Rechnung zahlen.
Der Markt regelt gar nichts in dieser Welt, außer dass er dem vagabundierenden Wahnsinn irgendwann ein Ende setzt. Ich finde in einem Antiquariat in Goslar, das ein belesener Ossi führt, die Bände 23 bis 25 der Werkausgabe der Herren Marx und Engels und erwerbe sie in alter Sentimentalität. Marx beschreibt den Fetischismus des Kapitalismus mit einer Verselbstständigung, die man ansonsten nur aus religiösen Spinnereien kenne. Die Beziehungen der Menschen zueinander nähmen die „phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen“ an: „Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten…“ (MEW 23,86) Im Fetischismus unterwerfen sich die abergläubischen Menschen den angenommenen Kräften des irrational Bösen, das sie sich zuvor selbst geschaffen haben. Und dann der Jahrhundertsatz: „Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“ (MEW 23,88) Das Motto meiner Generation: Lire le capital…
Mutti rettet nicht den Euro, sondern versucht sich durch eine internationale Staatsschuldenkrise zu lavieren, in der das Schicksal der Staaten in die Händen der Spekulanten gelegt worden ist. Man höre den irischen Bankern zu, wie sie über Mutti reden, und lerne. Diese Jungs haben die Macht. Bittere Weisheit: Wir können nicht mehr ausgeben, als wir arbeiten, auch nicht in der griechischen Sonne oder bei spanischem Wein. Demokratie geht nicht auf Pump. Und genau dies verwischt das Wahlgeschenke-Konzept der CDU erneut. Taktisch klug, weil es die Sozis in die hässliche Rolle der Nein-Sager drängt. Denn der Wähler will Muttis Märchen hören. Uff.
Quelle: starke-meinungen.de