Logbuch

Am deutschen Wesen

Besser als die anderen. Wir vor den anderen. Das ist das Lied der Faschistentochter in Frankreich. Die deutsche Krankheit beim Franzmann. Am deutschen Wesen wollte historisch vor allem die politische Rechte, die Reaktion, die Nazis genesen.

Bemühen wir das kollektive Gedächtnis der Deutschen: Noch zu Zeiten meines Großvaters kannte man den Erbfeind. Es war der Franzose, und man hat sich mit ihm im Ersten Weltkrieg beschäftigen wollen. Noch zu Lebzeiten meines Vaters kannte man die Perfiden Albinos in Großbritannien, und man hat ihnen nächtens Bomber geschickt. Eine einzelne Rasse stand in Hitler-Deutschland mit perfider Perfektion gar zur vollständigen Vernichtung an.

Das ist Teil unserer Geschichte. Darum spreche ich über Nationalcharaktere weniger freimütig als meine englischen Freunden. Der Journalist Jeremy Clarkson nennt mich, weil er weiß, dass ich Deutscher bin, grinsend einen „Nazi prat“ (was gleich zwei Mal eine Frechheit ist), und alle in unserem Londoner Club finden das komisch.

Teil meiner Familiengeschichte ist, dass mein Onkel nach dem Zweiten Weltkrieg in England in Kriegsgefangenschaft geriet und dort ein englisches Mädchen heiratete. Ich habe meine Aunt Dolly gefragt, wie man als bürgerliches Mädchen aus gutem englischen Haus 1945 einen deutschen Prisoner of War freien konnte. Ihr Antwort: „We fall in love.“ Das ist ein Lehrstück.

Die Geschichte der Staaten ist nicht die Geschichte ihrer Menschen. Und der Begriff der Nation ist von vorne herein eine staatliche Propaganda, nämlich sein Gründungsmythos, den er nicht ohne Absichten pflegt. Man will die politische Zufallsgemeinschaft, die jeder Staat mehr oder weniger ist, mythisch begründen.

Ein juristisches Konstrukt namens Staat bemäntelt sich in der Annahme, eine Nation zu sein, mit Mythen, oft Mythen um Ethnien, um seine politische Künstlichkeit zu verbergen und als Schicksalsgemeinschaft zu erscheinen. Die Nation ist ein Anspruch auf Überlegenheit, für den die Bürger in der Regel teuer bezahlen müssen. Manchmal fordert es das Leben ihrer Söhne, die in den Krieg geschickt werden.

Ein aufgeklärter Mensch hat keine solche Heimat. Heimat ist meine Familie, meine Freunde, mein Dorf, mein Land, aber nicht das, was die herrschende Politik als Nation zu verkaufen gedenkt, um Ansprüche gegen andere Staaten oder gegen Zuwanderer legitimieren zu können. Wenn man das weiß, sieht man wie hohl die Vorstellung eines Nationalcharakters ist. Ich meine mich zu erinnern, dass Karl Marx gesagt hat, dass der Proletarier kein Vaterland hat. Nicht so falsch.

Jedenfalls kann man (mit Immanuel Kant) Patriot und Weltenbürger sein. Das ist frei von jedweden Hass. Wir sollten das Spiel mit den Nationalcharaktere lassen. Am Ende zahlen wir, die Menschen, immer die Zeche.

Quelle: starke-meinungen.de

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Führen ohne Führer

Merkel als Roboter. Madame No. Eine eiserne Lady. Merkel mit Hakenkreuz. Mutti als Monster. Alles Trugbilder. Dieses Land trudelt, Europa trudelt. Mitten in der Finanz- und Währungskrise brauchen wir ziemlich sicher mehr Führung. Aber brauchen wir einen Führer? Wieder einen Führer?

Der Begriff des Führers ist seit Adolf Hitler diskreditiert. In der Wirtschaft weicht man dem Unwort aus, indem man von „leadership“ spricht. Eine Notlüge, denn man meint schon einen Diktator, wenn auch auf Zeit. Es ist nicht die Historie, sondern der Zeitgeist, der uns begrifflich so eiern lässt.

Stuttgart 21 gilt als wirklich neues Phänomen in unserem Land: Ein bildungsnahes Kleinbürgertum, das Milieu der Ökos mit Doppelgarage, begehrte auf. Aber das ist Unsinn, weil ahistorisch.

In den Schwabenländern waren die pietistischen Hungerleider immer schon rebellisch, wenn es um die Obrigkeit ging. Man lese Schiller: „Was die Medizin nicht heilt, heilt das Schwert. Was das Schwert nicht heilt, heilt das Feuer.“ So war er drauf, bevor ihm Goethe und Weimar den Schneid abkauften.

Die SPD ruft aus lauter Angst vor der Macht keinen Kanzlerkandidaten aus. Die Lebenslüge der Unentschlossenen heißt Troika plus Hannelore. Bei den Sozis ist die Ethik des moralisch erhabenen Verlierers so ausgeprägt, dass die Genossen jeden ersticken, der den Kopf zu heben wagt.

Was dieses Land lähmt, ist der Drang der Kleinbürger, immer gefragt werden zu wollen, zu allem und jeden, aber nichts entscheiden zu können, jedenfalls nicht nachhaltig und belastbar. Eine Klugscheißerkultur: Immer hinterher so tun, als sei man vorher klüger gewesen. Partizipationsmanie nennt man das.

Durch Volksabstimmungen mag man Eidgenossen regieren können, aber kein Land, in dem BILD den Ton angibt. Also keine direkte Demokratie, sondern eine repräsentative. Die wiederum kann die Beute der Parteien werden. Also ein souveräneres Parlament als der Bundestag.

Bei zwei Kammern wie Bundestag und Bundesrat ist eine weitere Blockade vorprogrammiert. Und das Bundesverfassungsgericht lässt sich am Nasenring durch die Manege führen. Der Bundespräsident verlegt sich auf’s Pastorale. So wird Macht zur Merkelei.

Nichts überzeugt mehr von den Vorzügen einer Diktatur, als ein halbstündiges Gespräch mit Bürgern auf der Straße. Das hat Churchill gesagt, nicht Hitler. Wir werden also darüber reden müssen, wie man führen kann ohne Führer. Wie wäre es mit einer Präsidialdemokratie?

Gute Idee, wenn man nicht weiß, wer Hindenburg war. Der Herr Reichspräsident hat das Parlament ausgeschaltet und die Machtergreifung Hitlers ermöglicht.

Dann vielleicht das amerikanische Modell, auch eine präsidiale Konzeption? Da muss sich der Präsident seine Mehrheiten in Senat und Repräsentantenhaus immer wieder neu beschaffen. Aber ist daran nicht Obama gescheitert?

Der amtierende amerikanische Präsident ist gezwungen, mit dem linken Bein zu tanzen und auf dem rechten Hurra zu schreien. Vieles klingt wie Georg W. Bush und nicht wie Kennedy. Obama bleibt ein Oxymoron.

Vielleicht stimmt es ja: Wir haben, noch ein Churchill-Wort, das schlechteste aller Regierungssysteme, kennen aber kein besseres.

Und doch will ich ein personell klares Schattenkabinet in der Opposition sehen, ein souveräneres Parlament, einen politisch agierenden Bundespräsidenten und vor allem ein wehrhaftes Verfassungsgericht, während Merkel die deutsche Souveränität in Brüssel scheibchenweise ausverkauft.

Quelle: starke-meinungen.de

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Medienschelte: Wie die Presse unerträglich verludert

Die Jungfrau geht auf den Strich. Wer in diesen Tage eine Zeitung ansieht, hält ein Souvenir, ein Erinnerungsstück in Händen; eine blasse Erinnerung an etwas, das einmal wichtig und erhaben sein sollte. Begründet wurde die Vierte Gewalt im Staate durch eine Reihe strikter Trennungen. So wichtig diese Scheidungen den Gründungsvätern schienen, so durchgängig sind sie heute aufgehoben.

Deklinieren wir das: Eine Zeitung gehört einem Verleger, der mit ihr Geld verdienen will. Deshalb bestand eine Redaktion früher darauf, von der Verlagsseite unterschieden zu sein. Zwischenzeitlich gab es gar Redaktionsstatuten, in denen diese Unabhängigkeit festgeschrieben wurde. Schnee von gestern. Gerade wurde ein Chefredakteur geschasst, weil sein greiser Verleger nicht mochte, wem er ein Interview gegeben hatte, weil dessen Haus ein Buch eben des Verlegers nicht gelobt hatte.

Der Verlag verdiente dereinst sein Geld mit den Verkaufserlösen und mit der Werbung, die er in seinem Medium zuließ. Die Redaktion legte Wert darauf, dass Anzeige als solche gekennzeichnet wurden. Heute finden wir alle Formen der Schleichwerbung und einen Reigen bunter Kooperationen, bei denen sich das Blatt mit Werbungstreibenden verbindet und verbündet. Der Begriff Schleichwerbung hat in dieser Melange längst seinen Sinn verloren. Er wird nichts mehr erschlichen. Alles geht.

Das Zeitzeugenprinzip ist gefallen. Den Inhalt des Blattes erfuhr die Redaktion früher durch ihre Korrespondenten oder die der Nachrichtenagenturen. Kluge, kritische, kundige Frauen und Männer vor Ort, mit allen Wassern gewaschen. Heute sind die Agenturen in den Händen derer, die man früher allenfalls als Werbungstreibende oder aber Gegenstand der Berichterstattung ertragen hätte: Politik und Wirtschaft.

Bloomberg: ein Broker, eine Agentur, ein Bürgermeister: staatsmonopolistischer Kapitalismus. Die wesentliche Grundlage der Medienberichte sind heute PR-Quellen. Manchmal scheinen sie auf, meist sind sie verborgen. Verleger sparen Geld, indem sie Redaktionen zwingen, PR zu nutzen; man weiß, dass diese dritten Zwecken dient.

In den Blättern selbst findet nicht nur die betuliche Werbung statt, in der einem neuen Abo-Kunden eine Kaffeemaschine versprochen wird. Weite Teile sind Eigen-PR. Sie dienen nicht der Unterhaltung oder Information des Lesers, oder nur mittelbar. Vor allem dienen sie der Selbstdarstellung, des Herausstellens der eigenen Marke. Dabei wird Wettbewerb ausgetragen, also Geschäft gemacht. Eine Kampagne gegen einen vermeintlich oder tatsächlich korrupten Politiker kann am Ende auch eine Kampagne zur Darstellung des eigenen Markenanspruchs gewesen sein. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Man frage Wulff.

Die Blätter werden überbunt; es treibt sie die Manie, alle alten Grenzen zu überschreiten. Sie bieten zunächst ein Puzzle von Geschäft und Gesinnung, von Werbung und Wertung, von Unterhaltung und Manipulation. Dieses Nebeneinander verschränkt sich aber immer stärker zu einem Ineinander, das dem Leser kein Urteil mehr erlaubt, welcher Übung er sich bei der Lektüre aussetzt. Die Frage „Wem nützt, was ich da lesen?“ ist noch möglich, aber nur als rhetorische. Jedweder Quellenforschung ist durch die neue Qualität die Basis entzogen. Das zu Trennende hat sich in einer chemischen Reaktion so gewandelt, dass der Prozess nicht mehr umkehrbar ist. Man kann aus Eiern Rührei machen, aber nicht aus Rührei Eier.

Jüngst zeigten sich beim edlen Netzwerk Recherche in einer Runde der Chefredakteure selbst die wirklichen Spitzen der Branche unfähig, diesen Prozess der Verluderung begrifflich klar zu beschreiben. Ja, es gebe eine Boulevardisierung der Branche, aber man wolle keinen „trash“ in den Qualitätsblättern. Aha. Und dann kommen sie wieder die Floskeln, bei denen sich der alte Kant im Grab herumdreht: Aufklärung, Enthüllung. Auf die Frage nach der letzten großen Investigativen Leistung greifen die Helden nach Episoden ihrer Kindertage. Man verweist auf Barschel. Und auch zu Barschel kann man eine ganze Reihe von sehr ernsten Fragen stellen.

Schließlich: Die Grenzen zwischen Information und Desinformation fallen. Das ist keine Kleinigkeit mehr, man frage die Stasi, insbesondere ihre Opfer. Die Murdoch-Presse in England ist die Spitze dieser Bewegung. Ihr wird gerade wegen geheimdienstlicher Verfahren, insbesondere beim Ausspionieren und Abhören ihrer Opfer, der Prozess gemacht. Und die Leitende Dame der Murdoch-Blätter, die sehr schöne Rebecca Brooks, sagt ihrem Richter, sie verstehe sich als Journalistin, da dürfe man das. Warum pflegen selbst die übelsten Boulevardblätter den Aufklärungsmythos? Zwei Gründe: Um bessert im Trüben fischen zu können. Und um den Lesern ihre Niedertracht als erhaben darzustellen.

Die Verluderung der Presse hinterlässt den klassischen Leser in einem Zustand zwischen Wehmut und Zorn. Warum machten die alten Trennungsgebote Sinn? Nehmen wir das Beispiel der Sportwette. Man kann als Zuschauer auf den Ausgang eines Spiels wetten. Weil es ungewiss ist, wer heute gewinnt. Oder man kann ein Spiel spielen, um zu gewinnen. Alles ist vorbei, wenn die Trennung aufgehoben wird. In dem Moment, in dem die Spieler wetten und die Wetter spielen, bricht das System zusammen. Denn nun ist nicht mehr klar, ob der Spieler spielt, wie er gewettet hat und ob der Wetter gewettet hat, wie er spielen wird.

Die Aufhebung der Grenzen zwischen Verlag und Redaktion, zwischen Werbung und PR einerseits und Redaktion andererseits vernichten das Modell Presse. Wir alle sind Zeugen eben dieses Prozesses. Und verhalten uns paradox. Wir beklagen ein Phänomen, das wir selbst sind. Es ist wie mit jener Überschrift an der Autobahnbrücke, die ich las, als nichts mehr ging. Dort stand: „Du stehst nicht im Stau. Du bist der Stau.“

Quelle: starke-meinungen.de

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Im Urlaub und kein Heimweh

Ich bin dann mal weg. Welch ein Glück. Die deutsche Politik langweilt mich zu Tode. Der Wahlkampf ödet mich an. Selbst in den Skandalen ist dieses Land nur noch lau. Diesem meinem Staat fehlt jede Größe. Die wirkliche Folge der Wiedervereinigung ist, dass jetzt alles nach Zone riecht.

Auch die Speichelleckerei gegenüber den Geheimdiensten haben wir geerbt.  Und das duckmäuserische Schweigen dazu. Ekelhaft. Eine Idee wächst: Ich komme aus dem Urlaub nicht zurück und geh ins englische Exil. Hier ist ganztags Rosamunde Pilcher. Wunderbar.

Die Innenministerin der Parlamentarischen Monarchie Großbritannien steht unmittelbar vor einer Pflichtverletzung. Sie will bei der Niederkunft des Thronfolgers nicht persönlich anwesend sein. Eigentlich ist es ihre historische Pflicht, neben der Hebamme am Schoß der Gebärenden zu harren und sicherzustellen, dass dem Schoß kein fremdes Balg als Thronfolger unterschoben wird.

Das britische Volk erwartet in diesen Stunden ungeduldig den überübernächsten Thronnachfolger; seine Großmutter, die amtierende Regentin, hofft, dass er oder sie bald geboren werde, weil man doch schon den Urlaub in Schottland geplant habe. Ob es aber ein Junge oder ein Mädchen sei, dazu sagt Elizabeth II Regina: „I think I don’t mind.“ Und natürlich tritt sie nicht ab und macht den Ratzinger.

Man liest in den seriösen Zeitungen Englands Dinge, von denen man dachte, sie seien der Yellow Press vorbehalten, jenen Magazinen, die beim Zahnarzt im Wartezimmer liegen. Oder Rosamunde Pilcher. Aber alles ist wahr und wirklich.

Wie er da so nächtens um den Palast schreitet, sei plötzlich ein Fenster aufgegangen und die Stimme von Prinz Philip habe ihn auf gefordert, nicht auf dem Kiesweg zu laufen, sondern dem Rasen, der Geräusche der knirschenden Steine wegen. Der Prinz habe ihn, den gelernten Kadetten, einen Sopp genannt, erzählt der Mann voller Stolz, um für die deutschen Ohren zu erklären: „That is actually S.O.B.!“ (meint: son of a bitch, Hurensohn also). Wir stimmen überein, dass dies ein großartiger Mann ist. Wunderbarer Humor.

Reisebilder. Gestern Abend war ich mit Journalisten der Financial Times noch einen trinken. Unmittelbar hinter dem hässlichen Neubau der FT an der Southwark Bridge Rd erstreckt sich unter Brücken und in Gewölben ein mediterran anmutender Markt mit Ständen voller Köstlichkeiten aus aller Herren Länder und zig Kneipen und Restaurants. Es wird auf der Straße gefeiert und exzessiv getrunken.

Die Stimmung unter den Eisenbahnbrücken hat die Dimension eines Volksfestes, das man in Südfrankreich oder Italien vermuten würde.  Mittendrin eine Kathedrale. Einen Moment Ruhe suchend gerate ich in einen anglikanischen Abendgottesdienst, der dort seit 1549 in dieser Art abgehalten wird. Ich zweifle an der Jahreszahl auf meinem Flyer, aber das ist auch egal. Es herrscht eine gelöste Feierlichkeit.

Welche Rolle spielen Rituale in der Politik? Die großen Staatsrituale binden die Menschen emotionaler und damit tiefer an die Macht. Wie blutleer ist dagegen das Bekenntnis eines „Verfassungspatrioten“, schon das Wort ist ein deutsches  Begriffsungeheuer.  Wie frugal ist das, was der Ossi-Pfarrer und seine Lebensabschnittsgefährtin in meiner Heimat als Staatsoberhaupt abgeben? Wie erbärmlich war, was zuvor der deutsche Kennedy namens Christian W. mit seiner PR-Gattin im höchsten Amt versucht hat?

Der Staat blutleer, Regierung und Parlament banal. Wie karg der Charme, den die nägelbeißende Kanzlerin aus der Uckermark verströmt? Von der Opposition wollen wir nicht reden. Den Gegenkandidaten kann nicht mal mehr Mitleid ins Amt tragen. Wie arm die Geschichten, die man in „Groß Deutschland“ über meinen Staat und meine Regierung erzählen kann?

Beim Abendessen versuche ich meinem englischen Freund  zu erklären, dass all das mit den berühmten Konsequenzen aus der deutschen Geschichte zusammenhängt. Nach dem hohlen Pomp von Kaiserreich und dem Terror der Gosse in der Nazi-Herrschaft ist es uns verleidet.  Das Weimarer Chaos hat uns Königshaus und die „Quatschbude“namens Reichstag verleidet. Die Aufmärsche der Nazis führten in einen verbrecherischen Krieg. Am Ende hat mein Vaterland den symbolbeladenen Pomp zum Vorspiel eines, mindestens eines, Völkermordes gemacht.

Wir sitzen in einem Laden, den es so seit 1742 gibt; die Speisekarte sei zwischendurch zweimal geändert worden, davon einmal nach dem Zweiten Weltkrieg, weil die Versorgungslage in Großbritannien als Siegermacht schlechter war als in dem geschlagenen Deutschland. Man darf daraus ruhig einer Vorwurf hören.

Jedenfalls prangt auf dem Menu eine Krabbe mit Zylinder, Champagnerglas und silberbeknauftem Spazierstock. Oscar Wilde hat hier gegessen. Dessen Kenntnisse in Altgriechisch waren übrigens, so erfahre ich, so außergewöhnlich gut, dass es die Graecisten in Oxford um Jahre zurückgeworfen habe, als dieser sich entschlossen habe, die griechische Lyrik mit dem Nachtleben am Piccadilly zu vertauschen.

Wer  weiß so etwas in Berlin oder von Berlin zu erzählen? Berlin ist pro Kopf so verschuldet wie Detroit, aber es geht nicht mal pleite. Selbst zum Untergang fehlt die Größe.

Quelle: starke-meinungen.de