Logbuch
VERKOSTUNG.
Früher konnte ich Katalogen, die gedruckt in meiner Post lagen, nicht widerstehen. Insbesondere Antiquarisches oder auch nur Antikes oder Anglophiles wusste mich zu verführen. So ist eine Menge Gerümpel in meinen Besitz geraten, um sich nun als Staubfänger zu bewähren. Heutzutage sind es die Sonderangebote, die mich per Mail oder im Netz erreichen.
Es melden sich Weinhändler mit allerlei Tropfen edler Art und ich bin zu faul, um in den einschlägigen Lexika nachzuschauen, wieviel Punkte der jeweilige Kollege bei Parker oder Johnson hat. Daher ende ich oft bei Probierpaketen, deren bunte Mischung die Qual der Wahl ersparen. Professionell ist das nicht. Und wenn mir ein Wein gut geschmeckt hat, vergesse ich den Namen. Vom Connaisseur bin ich Welten entfernt.
Kürzlich hatte ich Zeit und fahre am Tag nach dem gelungenen Dinner zuhause ins Aldi zurück, um von dem guten Tropfen des Vorabends zwei, drei Kisten zu kaufen. Der hatte gerade mal fünf Euro gekostet. Nun, die schneiden die Kisten auf im Aldi, so dass Du die Pullen nur einzeln kriegst. Soll ich wie ein Penner mit einer klappernden Plastiktüte rumlaufen? So blieb es bei zwei Fläschchen.
Jetzt also bin ich auf ein Lockvogelangebot des Weinhändlers Tesladorf reingefallen und bestelle den besten Weißwein Frankreichs, 375 € die Flasche. Alter Schwede. Deren Trick: es gab nur zwei Pullen pro Kunde und das Paket brauchte zwei Wochen. Da war Ostern vorbei. Wie gesagt, wird heute Abend verkostet. Das begleitende Gericht ist noch offen.
Weinpreise. Du kriegst heute im Einzelhandel schon Trinkbares für unter zehn Euro. In der englischen Presse gibt es regelrechte Hitlisten für solche Schnäppchen auf der High Street. Und es gibt das Segment für knapp einen Fuffi, das Tradition hat, aber noch gemeine Handelsware ist. Ganz oben die raren Flaschen für fünfhundert. Im Restaurant mit dem Faktor drei, weil die Getränke die Speisen subventionieren. Kurzum man kann bei Wein jeden Preis finden.
Der Kenner hat es längst bemerkt, wir schwätzen hier von Weißwein. Ich mag keine roten, und wenn, dann nur kalt („très fraîche“). Aber Rotwein kann praktisch alles kosten. Ich bin mal zu einer Flasche Petrus eingeladen worden, in der Temperatur von Kinderpisse und mit einem Geschmack nach Kakao und alter Tennissocke. Der Chinese gießt sich da ja noch eine Cola mit rein. Nicht mein Ding. Morgen mehr zu dem weißen Franzosen.
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DAS TINTENKLECKSENDE SÄKULUM.
Wenn der Schweizer Martin Suter, ein lesenswerter Gegenwartsdichter, seine Hauptfigur „Allmen“ nennt, Johann Friedrich von Allmen, um genau zu sein, so klingt in der Anspielung auf „all men“ ein JEDERMANN. Das ist der Literatur nicht fremd.
Bert Brecht kürzt in seinem Protagonisten „Herr K.“ den Nachnamen „Keuner“ ab. Er erzählt Geschichten von Herrn Keuner. Wenn man nun weiß, dass der Wahlberliner Brecht den Augsburger Ton seiner Jugend nie ganz verloren hat, so hört man „keiner“ in dem Eigennamen; auch ein JEDERMANN.
So geht’s Kennern mit dem „Josef K.“ des Franz Kafka, dessen Verständnis dem Fernsehpublikum gerade durch eine ambitionierte Verfilmung einer elenden Biografie schwer gemacht wird. Auch Kafkas Josef K., der vor dem Gesetz verharrt, ist JEDERMANN.
Die Gutbetuchten unter uns erinnern von den Salzburger Festspielen das so benannte Drama des Hugo von Hofmannsthal, auch das nur eine neue Version des mittelalterlichen Mysterienspiels. Auch den Reichen droht der Tod. Was will ich sagen? Jeder Dichter ist anmaßend; er erzählt von sich und meint doch die ganze Menschheit.
Eigentlich also eine Unverschämtheit, die Nabelschau zur Weltsicht zu machen, aber so sind sie, die Tintenkleckser. „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen!" (Karl Moor in Schillers Räubern).
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HASENTAG.
Car-Friday, also. Omma und Oppa einsam auf dem Ostermarsch. Warum ausgerechnet Hasen? Weil sie soviel rammeln. Und bunte Eier. Osterglocken wecken mich. Wie passend. Es streitet sich ja die Christenheit, ob der Karfreitag der höchste Feiertag sei oder Ostern. Tatsächlich ist es Pfingsten, aber das versteht niemand mehr.
Gestern Abend eine Oper des barocken Händel im Fernsehen, ein Spätwerk, das er nicht zum Erfolg hat führen können. Eine Christin adliger Abstammung zu Zeiten der römischen Christenverfolgung namens Theodora, die, weil sie nicht dem Jupiter opfern will, ins Bordell soll, dem sie durch Kleidertausch entflieht, um im Finale den Märtyrertod zu wählen. Das also war dem 17. Jahrhundert ein Freudentempel. Tugend opfert sich. Versteht niemand mehr.
Im Netz hält der Bundeswirtschaftsminister eine längliche Osteransprache mit bellizistischen Durchhalteparolen, vermutlich weil er Vizekanzler ist und der Chef der Bundesregierung sich im Lakonischen übt, was überdecken soll, dass er einst als Sprechautomat galt. Mit der Freigabe von Haschisch als Alltagsdroge fällt Herrn Habeck das Extemporieren zum Kriegswillen offenbar leichter als Herrn Scholz, der gesteht, dass er und seine frugale Gattin sich in der Potsdamer Mietwohnung gegen- und wechselseitig bekochen; sein Favorit sei der Königsberger Klops. Dabei wird im Ostpreußischen einem mit Salzhering gewürzten Kalbshack Sahne und Kapern beigeben. Keine Kochkunst. Eher ein Ritual in der Häschen-Schule.
Osteröde. Wie gesagt, warten wir auf Pfingsten.
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Mutti Neuland im Vaterlandsverrat?
Die Sozis hat man dereinst vaterlandslose Gesellen genannt. Dahinter stand ein reaktionäres Begehren gegen den Friedenswillen der Sozialdemokratie. Es war ein nachhaltiger Rufmord, an dessen Tilgung die demokratische Linke bis heute arbeitet. Im Zweifel ist man hier staatsmännischer als jene, die das Deutsche des Vaterlands gegen alles Fremde wohlfeil auf den Lippen führen.
Ob die Konservative Merkel mit ihrer Unterwerfung unter die amerikanischen Spähneigungen nun gegen nationale Interessen verstoßen hat, darüber empören sich jene, denen das im Wahlkampf nützt. Was aber sind die Interessen der Nation? Und warum stehen sie im Gegensatz zu denen der Engländer oder der USA?
Verteidiger der amerikanisch-deutschen Transparenz verweisen darauf, wo sich der Whistleblower mittlerweile aufhalte. In Russland. Dort darf er bleiben, wenn er nicht mehr öffentlich singt. Also wird es Gesangsstunden intimerer Art für den KGB geben, wie auch immer der heutzutage heißen mag. Davon versteht Herr Putin was.
Wenn das Verrat ist, so muss es sich bei Putins Schlapphüten um die Agenten einer feindlichen Macht handeln. Man versteht das Argument vor dem Schema des Kalten Krieges. Oder dem Antikommunismus, der den Bolschewismus fürchtet. Die Fratze des Iwan soll schrecken.
Das sind die Schlachten der Vergangenheit, aus Weltkriegen, in die uns unsere Großväter und Väter geritten haben. Ich sehe weder die amerikanische noch die russische Invasion an irgendeinem Horizont. Ohnehin denke ich mich als Europäer. Europa geht bis an den Ural. Und steckt in einem transatlantischen Bündnis. Der Westen ist meine politische Heimat.
Nun sagt man mir, dahin würde die Reise aber gehen, mit Herrn Putin, manche meinen sogar mit Herrn Obama. Gut, dann bin ich auf der Barrikade. Aber das ist keine nationale Frage, sondern eine politische. In eine Diktatur folge ich auch keinem deutschen Führer. Dazu ist mein Vaterland in der Vergangenheit schon zu tief gesunken.
Welche Interessen sind wirklich bedroht durch die als Terrorspähdienst verharmloste Spionage? Die meiner Privatsphäre. Das Ausmaß dessen, was wir erfahren, riecht nach einem totalitären Staat. Das kann man nicht wollen. An meiner Wohnungstür hat der Staat sein Recht verloren. Postkarten darf jeder lesen, Briefe nicht.
Das Recht der Personen entspricht dem Recht der Unternehmen. Wirtschaftsspionage fremder Unternehmen kostet bei den anderen Lohn und Brot. Dabei ist mir die nationale Frage egal. Es kann nicht sein, dass unsere Ideen gestohlen werden, um anschließend unsere Arbeitsplätze zu stehlen. Ich will hier arbeiten, nicht in Nordchina.
Wer nicht in den Vaterlandsfragen der Vergangenheit schwelgen will, wird nach seinen wirklichen Interessen fragen müssen. Die Privatsphäre wie das industrielle Knowhow sind aber Fragen des Eigentums, des Privateigentums. Dessen Vergesellschaftung im Internet muss der Kampf gelten. Wer das nicht versteht, ist doof oder Pirat oder beides.
Das Internet ermöglicht technisch einen rigorosen Urkommunismus, den es zu bekämpfen gilt. Die Spionage ist nur eine Sonderform dessen, was das „Neuland“ (Merkel) technisch ermöglicht. Die unpolitische Glorifizierung des weltweiten Netzes ist naiv oder verbrecherisch. Die Menschenrechte stehen nicht zur Disposition.
Die technologische Uhr wird man nicht zurückdrehen. Die Erfindung der Schwarzen Kunst des Herrn Gutenberg hat der Katholischen Kirche die Reformation beschert. Aber wir haben gelernt, auch gegen eine rotierende Massenpresse unsere Grundrechte zu verteidigen; jedenfalls diskutieren wir im Print darüber.
Quelle: starke-meinungen.de