Logbuch

LEADERSHIP.

Der Taktstock ist ein schönes Symbol. Obwohl ein so unscheinbares Instrument, ein Stöckchen, zeigt er, wie Führung geht. Eine Mischung aus Machtanspruch und Innigkeit.

Die Kommunikation zwischen dem Dirigenten und seinem Orchester ist ein überaus interessantes Schauspiel, geradezu ein Lehrstück. Ich sitze als Unmusikalischer im Konzertsaal und habe während der Sinfonie ja nichts zu tun, also betrachte ich den Mann am Pult, den Stummen der Musiker mit dem Taktstock. Es geht hier, wie im Leben, eigentlich um Macht.

Der durch den Stock verlängerte Arm des Konzertmeisters drückt seine Herrschaft über die Bande der Musiker aus, die da blasend, zupfend, streichend, schlagend vor ihm hocken. Eigentlich alles Solisten, deren Eigenleben zu unterbinden ist. Mittels drohendem Stock. Es ist der Befehlsstab, eine gut sichtbare Hand der Herrschaft, die die Vielen zum Gleichklang bringt. Man kennt es grobschlächtiger vom Tambourmajor.

Bei Dirigenten mit besonderer Autorität ist es vielleicht nur ein zartes Stöckchen, historisch der Geigenbogen, oder die bloße Hand. Aus der Waffe wird ein Fingerzeig. Überhaupt ist da mehr an Kommunikation als die etwas grobschlächtige Armbewegung. Zur Motorik kommt Mimik. Ich wende meinen Blick vom Dirigenten ab und beobachte diese gutaussehende Cellistin. Und die hässliche Bratsche. Man muss ihren stummen Blicken sehr aufmerksam folgen, um zu sehen, dass sie notorisch Kontakt halten.

Die Augen der Streicherinnen ruhen auf dem Notenblatt, aber immer nur für Sekunden. Dann erheben sich die Lider für einen winzigen Moment, um dann wieder auf die Noten zu blicken. Sie suchen das Gesicht des Dirigenten zu lesen, ein zarter Kontrollblick auf dessen Mimik, wieder und wieder. Der so Beobachtete belohnt das Interesse mit einem überexpressiven Gesichtsausdruck. Er schneidet geradezu Fratzen. Spannend.

Das ist für einen Kommunikator von fachlichem Interesse. Dass das Drohen mit einem Stock eine Ausdrucksweise ist, also Sprache, ist ja klar. Aber was ist dies süßliche Lächeln, das Spitzen des Mundes, die Kulleraugen? Natürlich auch Sprache, ein gestischer Idiolekt sehr feiner Art. Es sind Erinnerungsgesten an Inhalte über die man sich in den Proben verständigt hat. Denn der Dirigent entscheidet nicht nur, was wann gespielt wird, sondern auch wie.

Ein stummes Gespräch über die Interpretation des Komponisten. Und dieser musikalische Ausdruck muss mehr meinen als die Modi, die auch auf dem Blatt stehen. Ich bin als Unmusikalischer fasziniert. Mein Lieblingsinstrument ist, der geringen Expertise entsprechend, die Pauke. Auf die Pauke zu hauen gehört zu meiner Profession. Selbst hier sehe ich, dass der Dirigent einen Blick tauscht. Ha! Das bestätigt meine Theorie des nonverbalen intimen Gesprächs von Orchester und Dirigent. Faszinierend.

Übrigens ungleichzeitig. Der Führer auf dem Pult ist immer einen Takt zu früh. Ich weiß, dass eingefleischte Musiker jetzt grinsen über den Unverstand dieser Beobachtung. Aber es zeigt, was ich sage. Das ist strategische Kommunikation; man verständigt sich nonverbal darüber, was man verabredet hat, mit dem anzustellen, was jemand auf‘s Blatt geschrieben hat. Hochkomplex.

Wie bitte? Welches Stück? Keine Ahnung. Irgendwas von Moses Bach Oldy. Ich kenn mich da nicht so aus.

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SCHATTEN IN DER WIRTSCHAFT.

In einer Bar in Dallas, Texas las ich das Schild: „In God we trust, the rest pays cash.“ Das mit dem Gottvertrauen steht auf den Dollarnoten.

Morgens um sieben ist die Putzfrau mit ihrer Arbeit in dem Restaurant gegenüber fertig und bringt noch den Müll raus. Die Tonnen stehen im Innenhof und ich höre, wie die Weinflaschen in den Glascontainer geworfen werden. An Ton und Ausdauer des Schepperns ist zu erkennen, wie der vorige Abend war. War was los, rummst es lange; aber es gibt auch kürze Glaskonzerte. Korrelation von Umsatz und Leergut. Wäre ich bei der Steuerfahndung, wüsste ich das.

Im Westerwald kannte ich einen Gastronomen, der mittags Kassenbons hatte und abends Zettel vom Block. Den traf ich mal bei Edeka beim Einkaufen, bar aus der Tasche, und in der Metro auf Rechnung. Einmal im Monat fuhr er mit Gattin ins Spielkasino nach Bad Ems. Die Belege davon hob er sorgsam auf. Falls mal gefragt wird…Der Laden lief mittags weiß und abends schwarz. Geht halt nur in der Gastronomie. Wer nix wird, wird Wirt.

Was ich noch aus meiner ARAL-Zeit weiß: Die renditestärkste Investition für einen Tankstellenpächter ist der Staubsauger, in den die Kunden Münzen zu werfen haben. Der wird an einem guten Tag mittels Rollgriff vier-, fünfmal geleert. Verschwindet in der Hosentasche. Einen auf dicke Hose machen, das kommt daher. All das Glück hat ein Ende, wenn alle nur noch bargeldlos zahlen.

Warum mir das eingefallen ist? Ein Notar erzählte mir gestern, dass Immobilienerwerber in Berlin die Kaufsumme in Koffern bar übergeben. Glatte ungeknickte Scheine hoher Notierung. Das wundert mich. Nicht wegen des Prinzips, sondern der Höhe.

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MAULHELDENTUM.

Ich bin es leid. Die Debattenkultur zeigt ein Heer von Heckenschützen und Tambourmajoren, die mit patziger Propaganda leichte Beute machen wollen. Ich entwickele darüber eine gewisse Sehnsucht nach Kontemplation, meint Gelassenheit.

Nur wer die Tram noch kennt, weiß was ein TRITTBRETT ist. Meine Frau Mutter hat unter der Zwangsrekrutierung des Nazi-Staates als junge Frau in Berlin als Straßenbahnschaffnerin arbeiten dürfen und sollte sich dabei der Trittbrettfahrer erwehren. In den Geschichten meiner Kindheit spielte die “Müllerstrasse im Wedding“ schon eine Rolle; bis heute Depot der Elektrischen. Man konnte damals Schwarzfahren, indem man auf die Trittbretter der anfahrenden Tram sprang. Das sollte die junge Frau verhindern; ein Unding, klagte sie.

Schwarzfahrer also, die auf einen fahrenden Zug aufspringen. Das belohnt heute der Algorithmus bei Twitter. In der Kriminalistik verliert der Begriff seine Sozialromantik des „free riders“. Hier werden so die verdeckten Nutznießer von Verbrechen anderer genannt. Eine verbreitete Charakterlosigkeit, die aus dem Hinterhalt nach perversem Ruhm oder erpresstem Geld strebt. Allen Trittbrettfahrern ist das Parasitäre gemein: aus einer fremden Sache eigenen Nutzen ziehen. Die Skrupellosigkeit der Feigen.

So auch die Haltung des “frontrunnig“ bei den Grünen und Gelben. Es imponiert mir nicht, wie die Lieferung von Angriffswaffen auch von jenen gefordert werden, die weder die Ziele der Panzerkanonen sein werden noch die Schützen. Krieg von der Couch. Mir imponiert auch die begleitende Propaganda nicht, die sich vorsätzlich dumm stellt, um dann rhetorisch geschickt schlau zu wirken. So sagt ein grüner MdB im Radio, die amerikanischen Kampfpanzer kämen nur deshalb in der Ukraine nicht zum Einsatz, weil sie eine so lange Anfahrt hätten, 9000 km. Darf ich fragen: War der Weg für die US-Tanks seinerzeit bis in Saddams Irak kürzer?

Aber auch in anderen Themen finde ich sie, die argumentativen Trittbrettfahrer. Dieses Maulheldentum. Eigentlich sollte man das toll finden, wenn man Meinungskolumnist ist. Strong opinions. Ich verliere daran aber die Freude. Kann ich mal was lesen, wo die niedere Absicht nicht durch ein bloßes Schamtuch verborgen ist?

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AGIL WIE VERGIL.

Es plaudern Insider immer in einer Fachsprache, was den Laien ärgern mag, aber einfach der Fachlichkeit dient. Man will einer eindeutigen Bezeichnungsfunktion dienen. Denomination genannt. Wenn der Mediziner „Krebs“ sagen würde, könnte es ja auch ein anderes Krustentier sein, Hummer oder Garnele. Er meint aber „Cancer“ und trägt nur ein „Ca“ im Krankenblatt ein. Es geht dabei eher nicht um sein Abendessen.

Für den Chemiker ist es ganz elementar, die Elemente sauber auseinanderzuhalten. Obwohl, da geht’s schon los, mein Herr Vater war Chemiker; er hätte nicht verstanden, warum es moralisch verwerflichen Kohlenwasserstoff gibt und ethisch erhabenen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Soziologisch dient die Fachsprache der Distanzierung des Laien; der Ärger ist also gewollt. Quod licet iovi non licet bovi. Was für Jupiter gilt, gilt nicht für den Ochsen.

Ich hätte das mit dem Rindvieh und Gottvater (Jupiter ist der römische Zeus) auch gleich deutsch sagen können. Aber wie der weißbekittelte Onkel Doktor mit dem Krustentier fröne ich der Latinitas. Wessen Bildungsbiographie nicht vergönnt war, Latein zu lernen, dem bleibt ja noch Dinglisch. Der freundliche Inder spricht bei diesem Jargon vom Tauben-Englischen, warum auch immer.

Ich höre im eigentlich immer unsäglich woken Deutschlandfunk einen Personalchef einer Aktiengesellschaft sagen, dass man sich bemühe, die „Mitarbeitenden zu Leadership zu enabeln“. Der Enabler ist ein Ermöglicher; na gut. Die Mitarbeitenden sind Männlein wie Weiblein wie Hermaphroditen in abhängiger Beschäftigung; auch noch verstanden. Aber LEADER, das ist ja wohl der Führer. Nachfragen erlaubt.

Lassen wir mal Braunau (Geburtsort von Herrn Schicklgruber jun.) außen vor. Und billigen zu, dass Verantwortungsbewusstsein und Eigeninitiative zu fördern sind, aber tatsächlich alle in der Mannschaft zu Offizieren machen zu wollen, das ist organisatorisch herausfordernd. Aber man will sich dazu committen. Na dann. Wenn das committet ist.

Es kann nicht ganz einfach sein, einen ohnehin trägen Teil der Verwaltung (Lähmschicht, Kissenpuper) von der Anwesenheitspflicht zu befreien (Home Office genannt, was eigentlich zu Deutsch Innenministerium heißt) und so selbst die Kommunikation auf dem gemeinsamen Gang in die Kantine („Mahlzeit!“) zu unterbinden und damit Produktivität zu steigern. Das war falsch. Jetzt klebt es an denen, die es verbockt haben. Da muss man Geschnatter in Dinglisch über Agilität (sic) hinnehmen. Wie wäre es mit „AGIL mit VERGIL“?