Logbuch
ROLLENTHEORIE.
Ich sehe im Fernsehen den Politiker KARL LAUTERBACH und bin fasziniert. Er spielt notorisch die Rolle des Medizin-Experte. Dafür wird der Lebenslauf schon etwas überstrapaziert. Er soll in den USA zum Professor für Epidemiologie ausgebildet worden sein. Das stimmt eher nicht; er ist in medizin- ökonomischen Fragen habilitiert und die Habilitationsschrift selbst nicht zugänglich; kann in den USA so eingerichtet werden. Das mit der Epidemiologie, das war seine Frau, von der er mittlerweile geschieden ist. Na ja, ob er oder seine Frau, was soll´s.
Wir alle spielen nur Rollen, im Theater des Lebens. Diese Vorstellung hat vor fünfzig Jahren sogar die SOZIOLOGIE beflügelt. Ein gewisser Ralf Dahrendorf machte sich daraus Hoffnungen, vom marxistischen Klassendenken wegzukommen. Er war ein liberaler Kopf und ein Denker des Liberalismus. Das war damals noch kein Schimpfwort, im Gegenteil. Ich erinnere seinen Pfeifentabak; man rauchte noch im St. Anthonyˋs College. Die ROLLENTEORIE hatte etwas von der Mobilität neuer Zeiten, eine gewisse Leichtigkeit, die befreiend wirkte.
Das erlauben uns heute die Sozialen Medien, leichterdings NEUE ROLLEN zu finden und kommunikativ, sprich inszenatorisch auszufüllen. Wenn da nicht die ewigen SPIELVERDERBER im Journalismus wären, die mit unerträglichem Ernst Doktorarbeiten und Lebensläufe prüften und rumpolemisierten. Als wenn es im Theater wichtig wäre, dass der Schauspieler Müller oder Schulze gar nicht „in echt“ der dänische Prinz Hamlet ist. Sondern aus Bielefeld in Westfalen kommt, nicht aus Dänemark. Spielverderber.
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CHEMIE.
In unseren Gärten hat sich an verschiedensten Orten, vornehmlich in Töpfen, eine Zierpflanze breit gemacht, die geduldet wurde, weil sie als blühendes Wesen ganz nett anzusehen war. Sie erweist sich jetzt aber als invasiv. Sie weiß andere Pflanzungen regelrecht zu ruinieren. Es handelt sich um „Germanium robertianum“. Im Volksmund STINKENDER STORCHSCHNABEL genannt; auch kurz STINKSTORCHSCHNABEL. Sachen gibt´s.
Und das nach der Invasion des „Cydalima perspectalis“, der den Buchs an Hecke, Zierstrauch wie Bäumchen kahl frisst, ratzekahl. Eine importierter ostasiatischer Schmetterling, der als Raupe den BUCHSBAUMZÜNSLER gibt. War mit lauwarmem Brennnesselsud nicht zu bekämpfen. Und jetzt ein stinkender Storchenschnabel. Ich will CHEMIE.
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DIE FRAU DOKTOR.
Früher hieß die Ehefrau des Arztes „Frau Doktor“, kein Mensch hat da die Doktorarbeit sehen wollen. Es war protokollarisch und sollte eine Ehrbezeugung sein. Beim Metzger hieß es beim Aufschnittabwiegen dann: „Darf es etwas mehr sein, Frau Doktor?“ Zum Skalpell hat sie allerdings nicht gegriffen, die Doktorengattin. Es gibt einen Unterschied von EITELKEIT zum TITELMISSBRAUCH oder dem BETRUG, der der Hochstaplerin vorzuwerfen wäre.
Episode mit einer GRÜNEN, die bald Bundespräsidentin sein könnte. Vor Jahrzehnten saß ich beim Bundespresseball neben Katrin Göring-Eckhard von den Grünen, die mir als evangelische Pfarrerin in Erinnerung war. Ich sprach das an. Sie stellte sofort fest, dass Ihr Gatte, der bärtige Isegrimm neben ihr, der Pfarrer sei, und sie nur „fromm“. Studium abgebrochen. Kluge Frau mit Humor. Trug lange weiße Handschuhe. War ein netter Abend. Sie tanzt (im Gegensatz zu mir) hervorragend (erblich vorbelastet, sagte sie).
Was Anna-Lena Baerbock, die sich gerade ins Kanzleramt stolpert, betrieben hat, nennt sich „pimp your CV“, zu Deutsch: Möbel Deinen Lebenslauf auf! Der männliche Konkurrent Habeck, sagte sie im internen Wahlkampf, sei ein Bauerntölpel, sie aber „komme aus dem Völkerrecht“, ein beachtlicher Euphemismus. Wohl kein BETRUG oder TITELMISSBRAUCH, halt nur recht eitel. Keine faustdicken Lügen, nur ein wenig Aufgehübschtes. Befund: Die Vita wie die Frisur, schlecht gefärbt.
Ich nenne das „die Toupet-Theorie“ (nach dem peinlich wirkenden Haarteil, das eine Glatze verbergen soll, aber sie eigentlich erst kenntlich macht). Wir wollen die Wahrheit ungeschminkt, ohne Perücke. Kein Antlitz kann von Natur so peinlich sein wie ein schlecht aufgesetztes schlechtes Make Up. Aber zur ungeschminkten Wahrheit gehört eben Mut. Es fehlt der Dame Baerbock vermutlich, das steht heute in den Zeitungen zur Debatte, an CHARAKTER.
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MEISTERSCHAFT.
Ich habe keine Ahnung von Fußball, aber die Spanier haben verdient gewonnen. Klar die bessere Mannschaft. Deutschland hat sich als Gastgeber blamiert; Stichwort Ausbuhen des Wischmobs wg. ungepfiffenem Handspiel. Das alles haben die zwölf Jungens aus Luton, England, nicht mehr so richtig mitgekriegt. Ein Sittengemälde.
Man war in der Gruppe angereist, obwohl keine Karten. Schwarzmarktpreise schon im Bereich eines Mittelklassewagens. Knapp noch ein Hotelzimmer in Moabit gefunden. Genau gesagt drei. Zu zwölft. Man fühlt sich in Moabit heimisch, wenn man aus Luton kommt. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich traf die Jungs morgens um 11 im Kleinen Tiergarten, bewaffnet mit Six Packs Dosenbier. Man fragt mich nach Nachschub. Ich empfehle DIE QUELLE. Nachmittags um 6 laufe ich da zufällig lang und werde wiedererkannt. Man lässt mich hochleben. So was haben die Jungs noch nie erlebt. Wie ich mit diesem Luxus leben könnte.
Nun, die QUELLE, das ist eine Absackerkneipe aus dem SCHULTHEISS-Imperium, die immer auf hat. 24/7, schlicht immer. Ich bin hier schon morgens um 6 vorbei gekommen und der Laden war voll. Man weiß nicht, ob er morgens „schon“ voll ist oder „noch“. Wer aus dem Land der strikten Barregeln kommt („last calls“) kann sein Glück nicht fassen. Ein Pub, der immer auf hat; das gilt es auszunutzen.
Die Jungs aus Luton haben nächtens ihre drei Zimmer nicht gebraucht, weil sie auf der Wiese im Tiergarten ausgepennt haben. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wissen, wer die Meisterschaft gewonnen hat.