Logbuch
VON WEGEN BETENDE HÄNDE.
Besichtigung des DÜRER-Hauses in Brügge. Vor fünfhundert Jahren war es dem da schon berühmten Maler in Nürnberg langweilig geworden und er zog für eine Zeit nach Flandern. Da war der HOTSPOT seiner Zeit; hier blühten die Künste, weil die Geschäfte blühten. Brügge und Antwerpen waren Metropolen.
Vor dem zweistöckigen Gebäude in einem kleinen Vorhof ein mächtiger Ginkgo-Baum, allemal hundertjährig. Der Fremdenführer behauptet, Dürer selbst habe in gepflanzt, was nicht sein kann. Die biologische Literatur jedenfalls ordnet die ersten Exemplare dem 18. Jahrhundert zu, Mitbringsel holländischer Kaufleute aus Japan. Daran habe wiederum ich Zweifel, weil GOETHE in Weimar die Blätter eines stattlichen Exemplars für ein ziemlich bescheuertes Liebesgedichte zu gebrauchen wusste. Kann also doch sein: Dürers Ginkgo in Brügge.
Der gute Albrecht Dürer, Meister der Betenden Hände, reiste übrigens mit Gattin und Dienstmagd. Das weiß man, weil er ein pingeliger Geizhals war. Er führte ein Reisejournal, in das er alle Ausgaben präzise eintrug. Selbst die Gastgeschenke stehen dort in Heller und Pfennig, die er anlässlich der Abendessen bei seinen Kollegen überreichte. Darum weiß man, wen er traf. Man feierte sich und kopierte Raffiniertes voneinander.
Von dem Reisebuch, wenn man so will, den Kontoauszügen seiner Kreditkarte, ist eine Abschrift erhalten, deren Microfilmkopie ich mir ansehen durfte. Was mir auffällt, sind Anschaffungen an Belgischer Spitze (eine regionale Kunstfertigkeit für Ziertücher), die er der Dienstmagd zuschreibt, nicht aber seiner Gattin. Ich hatte mich eh schon gewundert, dass der Franke seine Frau und deren Magd mit sich durch halb Europa schleppt.
Die zwanzigjährige Katharina, mutmaße ich, war seine Geliebte. Überhaupt war wohl Party angesagt. Dürer kehrt nach Nürnberg zurück und hat über eine venerische Infektion zu klagen. Soll sein Spätwerk beeinflusst haben. Dagegen hilft auch nicht das ansonsten viel gelobte Ginkgoblatt.
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BEHÖRDEN MIT SENDER.
Der halbe Rücktritt der Intendantin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Berlin und Brandenburg (RBB), nämlich von ihrem Vorsitz bei der gesamten ARD, weil sie das Amt beim RBB zweifelhaft geführt hat, wo sie aber bleiben möchte, ist unplausibel und nur als Anfang vom Ende zu verstehen. Die zweite Hälfte wird folgen.
Die Krise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) ist tragisch, weil sie eine an sich gute Idee von innen vergiftet. Beschert haben sie uns die Briten als Siegermacht, zu Zeiten als deren ÖRR, die berühmte BBC, noch ein Vorbild war. Der Kerngedanke ist der einer gemeinschaftlichen Finanzierung von Leitmedien, die sich gemeinwohlorientiert verhalten und ausgewogen berichten, also nicht dem Diktat von geldscheffelnden Verlegern oder der Propaganda von politischen Parteien unterliegen. Das hat ja was.
Die Idee ist verkommen. Entstanden sind riesige BEHÖRDEN MIT EIGENEN SENDERN, die sich geschickt wirklicher Kontrolle entziehen, indem sie sich unter dem Schutz der Zwangsgebühren als Staat im Staat verselbstständigen. Und faule Beamte durchfüttern, die unterbezahlte Freie die Arbeit machen lassen. Oder PR abkupfern.
An ihre Spitze wählen die Kolosse Symbolfiguren ihres Selbstverständnisses, meist prototypische Journalisten. Denen fehlt passim FÜHRUNGSERFAHRUNG. Woher auch? Auch der neue Interimschef der ARD, der WDR-Intendant Tom Buhrow, ist ein netter Kerl, aber ein schlichtes Gemüt. Gelernter Reporter.
Ideologisch erzürnen diese Behördenleiter, wenn sie einen politisch motivierten HALTUNGSJOURNALISMUS beherbergen, der über andere richten will, ohne dass er selbst sich den dabei angewandten Kriterien stellt. Man sieht sich seitens der Rundfunkbeamten durch SELBSTLEGITIMATION zur Belehrung der Welt berechtigt. Ankläger und Richter in einer Person. Wie bei allen Kasten mittelbarer Macht: Wein saufen, Wasser predigen.
Mir ist egal, was die RBB-Intendantin als Dienstwagen fährt; der „Audi A8 lang“ ist zudem ein klasse Auto, hatte ihn selbst mal zwei Jahre. Sollte es aber wahr sein, dass sie ihn zur privaten Nutzung nicht ordnungsgemäß versteuert (1% vom Anschaffungswert, also mit 1445€ als monatlichem geldwerten Vorteil) dann wäre das, sollte es so sein, wohl nicht legal. Die NEIDDEBATTE bricht los. Ich würde der Dame den A8 lassen, aber sie soll ihn versteuern. In der Industrie heißt das Legalitätsprinzip COMPLIANCE und wird seit einiger Zeit relativ ernstgenommen.
Was schlage ich vor? Doppelspitzen. Einer fürs Charisma und einer für den Cash. Männlich, weiblich, divers. Einen Präsidenten und einen Kanzler. Zu Deutsch: einen journalistischen Grüß-August und einen wirklichen Chef. Wie bei den Unis. Ups, höre gerade, da klappt das auch nicht. Dann bin ich ratlos.
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PFERDEVERSTAND.
Wer mit den Gäulen kann, der hat Pferdeverstand, pflegte mein alter Herr seinen Großvater zu zitieren, der aus Ostpreußen kam. Ich habe jetzt mal mit einem geredet.
Fiakerfahrt durch die Altstadt Brügges. Man sitzt hochherrschaftlich in einer offenen Kutsche und kann den Blick an der Schönheit mittelalterlicher Gebäude laben. Eine Handelsstadt des 13. Jahrhunderts, die die Welt auszubeuten wusste. Hier lagen die mit Kostbarkeiten bepackten Schiffe der Hanse. Mijnheer Pepperkorn. Vor Antwerpen und vor Amsterdam.
Auf dem Bock eine junge Frau mit Strohhut, die Zügel fest in der Hand, an ihrer Seite eine lange Peitsche, von der die keinen Gebrauch zu machen hat. Sie führt mit leisen Kommandos. Vorne ein stolzes Ross, das mit klapperndem Schritt die Kutsche zielsicher durch die Gassen zieht.
Für den gelernten Marxisten ein Bild der Klassengesellschaft. Das geschundene Proletariat schaukelt die Bourgeoise durchs Geschäft. Und dazwischen das Kleinbürgertum, das für die Herren die Chose managt, im Guten durch Worte oder im Bösen mit der Peitsche.
Man erhält bei Fahrtbeginn den Hinweis, dass die knappe Stunde der Rundfahrt durch eine Pause für das Pferd unterbrochen werde. Ich bleibe in der Kutsche sitzen und sehe, wie den Tieren frisches Wasser aus einem Brunnen gereicht wird und Hafer, dem gern zugesprochen wird. Die Auffangschürze für die Pferdeäpfel erfährt Reinigung. Ich nutze die Gelegenheit zu einem Gespräch. Der Gaul ist gut drauf.
Das Pferd ist verwundert, dass Menschen aus aller Herren Länder anreisen und 60€ bieten, damit er, der Gaul, zu seinem Vergnügen kommt. Und das fünf, sechsmal am Tag. Alle wollen in der Stadt nur zu seinem Brunnen und landen hinterher wieder, wo sie vorher schon waren. Für das Ross sitzen in der Kutsche eindeutig Deppen. Und seine Freundin auf dem Bock macht dabei 10 k Cash im Monat. Dafür gibt es eine Menge Hafer. Fury ist neoliberal, es fehlt ihm an Klassenbewusstsein.
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STÄDTEBAU.
Der besondere Reiz, den mittelalterliche Städte bis heute ausüben, ihre bauliche Schönheit, beruht auf einer sehr strengen Bauordnung, auch im gestalterischen und geschmacklichen Detail. Das ist verloren gegangen.
Man begehe in Ruhe die Kleinsiedlungen, die sich jedes Dorf, das etwas auf sich hält, in den Randlagen leistet. Eine Perlenschnur von Grundstücken beidseitig längst einer Straße, in der Häuslebauer nun ihre Seligkeit finden dürfen. Jeder wie er will. Bei zwanzig Neubauten finden sich zwanzig Stile. Eine Siedlung ist dies Sammelsurium wegen der Nähe, nicht wegen eines einheitlichen architektonischen Städtebaus.
Eine gewisse gestalterische Einheit wird deutlich, wenn man sich die Beifügungslogik für die Doppelgarage (Flachdach) ansieht; bestenfalls butt daneben gestellt. Tragisch schließlich das dritte Gebäude, die Gartenhütte. Hier war, verständlich ob des dahingeflossenen Budgets, Papa im Baumarkt und hat für eine kleine Mark eine finnische Hütte geschnappt. Die Bretterbude wird nun zu Tode geschmückt (Lichterkette). Damit das zusammengewürfelte Etwas wie ein Anwesen wirkt, ist es abschließend mit einem Metallzaun einzugrenzen, durch den Plastikbänder gezogen werden (Sichtschutz). Schrebergärtenkultur.
Das Überraschende dieser Vielfalt ist ihre Einfalt: alle machen das Gleiche, aber jeder entschieden anders. Die ganze Situation erinnert ästhetisch an jenen Tag in der Kita, an dem alle Kinder mit jener Kleidung kommen dürfen, die sie selbst schickt finden, auch aus Mamas Kleiderschrank, die sich aber raushalten muss. Ein Sammelsurium der Verkleidung, aber kein Stil, schon gar keine große Mode. Ein architektonischer Kindergeburtstag, diese Schrebergärtenkultur.
Will jemand aber die alten Zünfte zurück, die in den mittelalterlichen Städten strikt regierten, und die Gilden, die die Macht des Geldes im Magistrat durchsetzen? Kein Mensch! Und das Bauen ist eh von unzähligen Vorschriften belastet, die es unnötig verteuern. Niemand will die Kolonie zurück oder die Kaserne. Am Beispiel des Kindergartens: die Schuluniform ist einfach nicht unser Ding. Wir wollen es bunt und locker. Obwohl die Schuluniformen einen sozialen Sinn hatten, der durchaus respektabel war. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.