Logbuch
GELB FÄLLT DURCH.
Wenn ich FDP sage, erlebte ich oft heftige Reaktionen. Wie bei AfD oder LINKS-Partei. Seltsam. Sie könnte das allseits geschätzte Weltenkind in der Mitte sein.
Ich erinnere mich noch gut an den peinlichen Moment, als mir Michel Friedman einen Exkurs zum Liberalen in einer Talkshow einfach aus den Händen schlug. Leichterdings. Für ihn war die FDP wohl auch wegen ihrer antisemitischen Vergangenheit unter Möllemann kein Thema. Mein Gedanke welkte, bevor er blühte. Wohlgemerkt, ich bin kein Mitglied dieser Partei, wollte sie aber für notwendig halten.
Aber der neuerliche Niedergang der FDP überrascht mich. Vom Prinzipiellen her wäre sie als Option in der Mitte nötiger denn je. Aber sie hat sich wohl selbst verloren. Die Tragik der Todessüchtigen lautet: „Go woke - go broke.“ Das beschreibt den Verlust der eigenen Identität durch Überanpassung an den Zeitgeist. Die Alten wählen schwarz, die Jungen grün. Gelb ist niemandes Alternative.
Die FDP hat ihren Markenkern aufgegeben: die eigene und eigenständige Attraktivität für ein liberales Bürgertum. Viel Halbseide. Feindbilder herrschen. Man will einen gefallsüchtigen Laffen auf Sylt sehen, ein kriegerisches Flintenweib im Anspruch der Allergeilsten, den stets angetrunken Winkeladvokaten, den übergrünen Buschmann… Und der Kandidat in Berlin hatte gleich zwei Jobs; er war auch noch Generalsekretär bei der CDU. Irritation ist das Ende von Identität.
Die FDP brachte viele ihrer Wähler in Berlin nicht erneut an die Urne und vertrieb viele zur Union. Das sind die beiden wesentlichen Aderlasse, Wählerwanderung genannt. Go woke, go broke.
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STAATSVERSAGEN.
Der ehemals Regierende Bürgermeister Berlins hat mir mal in seinem Amtszimmer im Roten Rathaus (ein Ziegelbau) von einem Erstaunen erzählt, über das er erstaunt war. Ein liebenswerter Mann, der mir freundlich einen Kaffee einschenkte.
Michael Müller war, was er freimütig einräumte, ohne formelle Bildung aufgrund einer Parteikarriere in seinem Amt gelandet und hatte sich zudem nie einem persönlichen Votum der Wähler stellen müssen. Das kann in einer repräsentativen Demokratie so sein, in der die Parteien die Willensbildung gestalten. Die milieugeschulten („Stallgeruch“) Parteibonzen werden mit Ämtern belohnt und beamten unter sich ihre Helfershelfer. Der Staat als Beute.
Müller war gelernter Drucker und gab sich neben dem Regierenden (Ministerpräsident) noch das Amt des Wissenschaftsministers. Sozusagen für Spaß. Bei seinem Antrittsbesuch, jetzt kommt das doppelte Erstaunen, in den Universitäten der Stadt seien die Professoren von den Socken gewesen, als er dort erzählte, dass er noch nie zuvor einen Fuß in eine Hochschule gesetzt habe. Das wiederum fand er erstaunlich. Lachend schüttelte er den Kopf.
Wir vergeben die öffentlichen Ämter nach sachfremden Motiven und wundern uns, wenn es dann nicht klappt. Das ist Lenins Doktrin, dass auch die Köchin den Staat lenken können müsste. Das Berliner Wahlergebnis kennt viele Verlierer und einen Gewinner, für den es nicht reicht, also nur Verlierer. Das am Ort notorische Staatsversagen wird bleiben.
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KORYPHÄE.
Der Grundsatz des Geschichte-Schreibens lautet: „Ja, wenn es der Mythosbildung dient.“ Dieses Bestreben gibt sich selbst stets als Wahrheitsfindung aus.
Autobiographie, das ist die Selbstbeschreibung des eigenen Lebens; dabei wird jedweder Chorknabe zur Koryphäe, dem Chorführer, der den Ton angab, auf dessen Zeichen man hörte. „It’s lonely at the top!“ Man weiß nicht, was die Leute dazu treibt, sich diesem Unterfangen hinzugeben. Eitelkeit getarnt als Wahrheitsliebe. Ich lese drei Autobiographien von drei Professoren meines Fachs und bin verstört. Warum tun die sich das an?
Spoiler: Ich werde mich dazu nicht wertend äußern, weil ich dazu kein Mandat habe. Haben will. Ich will für mein (!) Leben nichts rechtfertigen, schon gar nicht über die Lebensdarstellungen anderer richten und so doch noch eine Selbstdarstellung durch die Hintertür einführen. Für mich gilt: Der Rest ist Schweigen.
Man war ja dabei, als aus Zufällen Schicksale gestrickt wurden, aus Verlegenheiten Menschheitsträume. Man hat der Banalität des Bösen ja zugeschaut. Wohlgemerkt, man könnte kleine Notlügen aufdecken und große Verlogenheiten; aber da sollen die Zeitzeugen schweigen und es den nächsten Generationen überlassen, die Geschichtsklitterungen aufzuklären.
Ich widerstehe der Neigung, Brechts Gedicht von den Fragen eines lesenden Arbeiters umzuschreiben in ein Werk mit dem Titel „Fragen eines arbeitenden Denkers“, mit dem dann Hohn über Leerstühle (pun intended) gegossen würde. Ich sage lieber: „Aha, liebe Kolleginnen und Kollegen. So war das also. Nun, gut, wenn Ihr das so betrachtet haben wollt.“ Man sollte der Mythosbildung nicht im Wege stehen.
Der zu sich selbst Schweigende hat zudem die Chance, dass man hinter Trivialem ein Geheimnis vermutet. Das hat mehr Charme als eine ausgeplauderte Plattitüde.
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RELIGION IST PRIVAT.
Politik soll von Interessen handeln, nicht von Werten oder gar dem richtigen Glauben. Religion radikalisiert. Interessen aber lassen Kompromisse zu.
Er hat es gerade auf Twitter wieder gesagt: „We don‘t do god!“ Das will mindestens so viel heißen wie: „Wir kommentieren keine religiösen Fragen.“ Die Rede ist von ALAISTAIR CAMPBELL, dem legendären Spin Doctor des englischen Premierministers TONY BLAIR. Ein sehr bodenständiger NEW LABOUR Mann, nicht unkompliziert. Sie nannten ihn einen “Controll Freak“, aber das trifft es nicht. Er roch eine Sackgasse, bevor man in sie reinlaufen konnte. Ein Antizipierer, mit allem Wassern gewaschen.
Ich war noch heuriger Hase und auf Einladung von PETER MANDELSON in London, zufälliger Zeuge eines Interviews der BBC mit dem frisch gewählten Regierungschef, dem sein Pressechef CAMPBELL eher gelangweilt lauschte. Dann kam sie, verdächtig beiläufig, die böse Fangfrage. Irgendetwas mit dem üblichen nordirischen „Mein Jesus ist besser als Dein Jesus!“ Wie von der Terantel gestochen sprang der Spin Doctor auf und stellte sich zwischen Kamera und den Prime Minister.
Ein Eklat? Na ja. Begründet wurde die Intervention lakonisch mit: „We don‘t do god!“ Wie ruppig, aber klug. Haltet die Religion raus. Sie ist Privatsache.