Logbuch

STATIONÄRER HANDEL.

„Wir kaufen nix an der Tür!“ Das war ein selbstbewusster Schlachtruf meiner Großmutter mütterlicherseits, die dem Hausierertum nichts abzugewinnen wusste, außer gelegentlich den Hausierer; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Mobiler Handel, wie ihn AMAZON gerade weltweit durchsetzt, das ist vom Prinzip her so neu nicht. Die Schwarzwälder Kuckucksuhr wurde so vertrieben, die Seidenstraße ging so und feine Galanteriewaren, was nichts intimes war, obwohl der Name das vermuten lässt. Der einer gewissen Tante Emma zugeschriebene Einzelhandel war so lange gut, wie seine Beratung erbeten war und erboten wurde. Aber hier ist ein Hauptschulabschluss inzwischen ein klares Einstellungshindernis. Im Grunde begann die Erosion des Handels mit der SELBSTBEDIENUNG.

Inzwischen ist der stationäre Handel so beliebt wie der gleichnamige Krankenhausaufenthalt: ein schlecht gelittenes Übel. Der erste Verdacht kam mir vor Jahrzehnten, als ich bei HARRODS erfuhr, dass die Bude einem Ägypter ohne gescheiten Pass gehört. Der Immo-Ösi Benco ist da nur das letzte Exemplar einer untergehenden Klasse. An der Spitze, von wo der Fisch immer zuerst stinkt. Im Bauch dieser Imperien arbeiteten zu Legionen die Wilmersdorfer Witwen, übellaunige Verkäuferinnen schlechten Geschmacks, aber von unerträglicher Impertinenz.

„Ich kaufe nix auf Station!“ So möchte man heute sagen. „Ich mach es nur noch ambulant.“ Den gleichen Witz erzählte kürzlich eine mir bekannte Dame über das Thema der Wiederverheiratung. „Nicht wieder auf Station, nur noch ambulant!“ Das ist jetzt wohl der Trend.

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NEUREICH.

Der italienische Geigenbauer Antonius Stradivari hat in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wohl tausend Violinen gefertigt, von denen gut die Hälfte noch erhalten ist. Gehandelt werden diese Instrumente für zweistellige Millionenbeträge; also ist der Sog nach Fälschungen erheblich. Und der Kult des Originalen. Am liebsten an der Wange einer Diva.

Es gehört zu den philanthropischen Gesten vermögender Geigenbesitzer das Instrument einer begabten Musikerin zur Verfügung zu stellen. Einige herausgehobene Geiger haben gar eine eigene. Man kann sich vorstellen, welche Bedingungen die Versicherungen an den Betrieb so alter Holzschachteln stellen, wenn die in die Haftung kommen.

Zum wirklichen Wunder kommen wir zum Schluss; zunächst zum Vordergründigen. Ich bin nach einer Fabrikbesichtigung in den Bergen über‘m Genfer See (Uhren) zum Nachtessen zufällig neben einem Herrn aus dem Russischen gesessen, der etwas zu Zigarren zu erzählen wusste. Da im Beau Rivage (Barschel) aber das Rauchen untersagt ist, sind wir nach dem Dessert zu einer Monte Christo auf sein Boot. Lag drüben bei den Franzosen.

Er hat die Stumpen in einem Feuchtraum, Humidor genannt, der wiederum in einem Safe saß; innen. Auf dem Boot mitten in der Lounge. Die meisten Oligarchen haben nicht alle Latten am Zaun. Als er „übererfrischt“ von all den Wässerchen ist und sentimental, holt er hinter den Zigarrenkisten eine Geige raus. Er nennt sie „strad“ und kann sie nicht spielen. Ich führe ihm vor Augen, dass wenn er mit dem Kahn auf dem Lac Leman absöffe, auch die Fidel ruiniert sei. Eine Strad ersäuft man nicht.

Da sagt er, plötzlich des Deutschen fähig: „Chlaus, dann auch egall!“ Man könne nämlich den Unterschied zwischen einer Strad und einem guten Neubau gar nicht hören. Niemand. Trotz der 18 Millionen, die das Ding gekostet habe. Ich habe das bei Experten geprüft. Es stimmt.

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ELEMENTARSCHÄDEN.

Niemand versteht, warum der Flussanlieger keine Versicherung gegen Hochwasser kriegt. Sauerei. Ich bin kein Versicherungsfachmann, staune aber über die Debatte. Vorweg: Allen Flutopfern jede Hilfe und Gottes Segen. Aber wer hat geraten, so zu bauen, dass man damit der Natur trotzt?

Wenn jemand sein Haus nah am Ufer eines Flusses baut, von dem man geologisch wissen kann, dass er immer wieder über die Ufer tritt und dabei Täler schneidet, sprich Zerstörung anrichtet, dann geht er sehenden Auges ein Risiko ein, von dem er wissen kann, dass es bei ihm wahrscheinlich eintritt. Wer dagegen einen sicheren Ort zum Hausbau sucht, vermeidet dieses Risiko. Warum soll jetzt der Zweite eine Versicherung gegen die Risiken des Ersten mitfinanzieren? Er würde dessen Unvernunft doch quersubventionieren. Das ist die Debatte.

Wenn ein Gesamtrisiko insgesamt für eine Gemeinschaft erwartbar ist, es aber nicht absehbar ist, wen es aus der Gemeinschaft trifft, so kann es Sinn machen, dass jeder einen kleinen Beitrag in einen Topf legt, aus dem dann der seltene große Schaden beglichen wird, von dem man wusste, dass er im Prinzip passieren kann, aber nicht vorher sagen konnte, bei wem. Versicherung wäre dann eine kollektive Vorsorge für ein gemeinschaftlich zu erwartendes Risiko bei denen, die es individuell unerwarteterweise trifft. Unverschuldet.

Aus vielen Gesprächen mit Geschädigten weiß ich, dass man dann als Bürger vom Staat eine allgemeine Lebensfürsorge erwartet, insbesondere bei Schicksalsschlägen. Der Gott-hilf-Effekt. Wenn der dann nicht in Haftung geht, ist man empört. Im Osten wird das dann als typisches Versagen des Westens gelesen. Im Westen als Kapitalismus oder das übliche Staatsversagen. Wenn man ihn mal braucht, kneift er.

Und so ventiliert die Politik Parolen, wie man die Menschen (sic) vor der Natur schützen kann, wenn diese als Gewalt daherkommt. Das wäre aber immer bestenfalls eine Ersatzhandlung. Zuvorderst müsste doch die eigene Sorge stehen. Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott. Die Natur kennt keine Fürsorge, schon gar keine Idylle. Darum haben wir übrigens ein Dach über dem Kopf.

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VON PONTIUS ZU PILATUS.

Für die Hinrichtung des Jesus aus Nazareth soll der römische Präfekt verantwortlich sein. Das verkennt die Schuld seiner nervigen Ehefrau Claudia. Neue historische Erkenntnisse.

Die Gerüchte, dass die Juden, namentlich die Hohen Priester, die Kreuzigung des Nazareners verlangt hätte, stimmen nicht; antisemitische Motive werden vermutet. Die Hohen Priester hätten, so sie gewollt hätten, aus eigenem Recht, ein Todesurteil vollstrecken können. Dann wäre er gesteinigt worden. Gekreuzigt hat nur der Präfekt.

Der Römer soll seine Hände in Unschuld gewaschen haben. Denn einen Hochverratsprozess gegen den „König der Juden“ (daher INRI) hat er nicht führen können. Der Angeschuldigte erhob gar keinen politischen Anspruch; sein Reich sei nicht vom dieser Welt, hat er gesagt. Das apostolische Glaubensbekenntnis spricht gleichwohl von „passus sub pontius pilatus“, also „gelitten“ unter dem Ritter Pontius. Warum aber gab er dem wütenden Mob nach?

Es war seine Ehefrau Claudia, die sich zur Fürsprecherin des neuen Glaubens aufschwang und ihn damit öffentlich nervte. Dabei war er wegen ihr ohnehin schon in ernsten Schwierigkeiten. Weil sie, Claudia, unbedingt fließend Wasser im Haus wollte, hatte er auf Staatskosten eine Leitung bauen lassen; leider illegal. Was wiederum die Hohen Priester wussten, die ihm damit drohten, ihn bei Kaiser Tiberius in Rom anschwärzen zu lassen. Rom konnte zickig sein bei Korruption.

Überhaupt ein schräger Fall fand der Ritter mit dem Speer (pilatum). Der Nazarener war, das beunruhigte ihn, eigenartig entspannt, zumal er eine Vorsehung für sich als Messias anführte und vom Willen seines Herrn Vaters sprach, den der Römer aber gar nicht kannte. Mit alldem erstaunte mich meine Geschichte, der ich gestern den höchsten Feiertag erfuhr, auf den Katholiken noch bis morgen warten müssen. Claudia also.

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