Logbuch
EIN GETRIEBENER.
Dass ein Leben ohne jedes Glück gewesen sei, das soll man nicht glauben. Aber Rastlosigkeit spricht dafür. Keine Heimat gefunden haben, auch nicht in sich selbst. Wanderer wider Willen.
Ich lese von einem gescheiterten Leben. Der Journalist und Literat Joseph Roth haderte mit allem. Er wollte seiner ukrainischen Heimat, dem jüdischen Leben dort, nichts abgewinnen; sein Vater war früh dem Wahnsinn erlegen und bei einem Wunderrabbi versteckt. Und doch spricht er immer wieder von dem Galizien der k-u-k-Zeit. Er geißelt sich als „Ostjuden“.
Roth konvertierte zum Katholizismus und gab in Wien den Kaffeehaus-Dandy, der die Spießer verspottete. Ein „Schmähtandler“ und Gesellschaftskritiker, der den Abgesang auf seine Epoche zelebriert. Ein waches Auge und eine scharfe Zunge vor einem geneigten Kaffeehauspublikum. Unerträglich aber in seiner Eifersucht für seine Geliebte, die er in der Demenz abgibt. Dann, wieder Ortswechsel, im Berlin der Roaring Twenties, Zeitgenosse und Genosse von Brecht, Kisch, Zweig. Auch hier politisch motiviert und persönlich hadernd; ständig pleite, ein Schnorrer. Rastlos reisend.
Schließlich Opfer der Nazis: Man verbrennt seine Bücher und zwingt ihn ins Exil. Was ich vergessen habe? Seinen exzessiven Alkoholkonsum. Roth soff sich um den Verstand. Fassungslos stehe ich vor dem Lebensbild eines ewigen Wanderers wider Willen. Verwehrte Heimat.
So viel Unglück kann man gar nicht haben. Und es muss zudem weniger Schnaps gewesen sein; schließlich hat er die ganze Zeit geschrieben. Mein Verdacht: Man hat mir ein Werk durch eine Biografie verstellt. Ich werde ihn jetzt mal ganz naiv lesen und so tun, als hätte ich von seinem Schicksal vorher noch nie was gehört. Werkimmanente Interpretation. Da muss Hoffnung gewesen sein. Ein wenig Freude am Gelingen. Zumindest beim Wortgebrauch.
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SZENE.
Kultfilme aus der Kulturrevolution. Ich erinnere den Pariser Mai von 1968. Es lag Pubertät in der Luft. Und der naive Luxus der Metropole. Man summte: Paris erwacht. Die Liebenden sind müde. Welch ein Lied.
Meine Faszination mit der Leinwand ging Ende der sechziger oder zu Beginn der siebziger Jahre von den Filmen des Jean Luc Godard aus. Jetzt habe ich mir seine „Kinder von Marx und Coca-Cola“ noch mal angesehen. Ein schräges Stück. Der unerträgliche Schauspieler Jean-Pierre Leaud als der ewige Pinsel. Und die Bardot in einer Nebenrolle als Nutte. Ein erratisches Werk, das sich eigentlich um Sex dreht. Hier wurde für die Ohren eines Pubertanten aus der Provinz sehr metropol über Sex geredet. Ich errötete tief damals.
Zu der Zeit besuchte ich einen Freund, der sich an der Münchner Filmhochschule zum Kameramann ausbilden ließ. München war ein deutsches Paris. Steiles Milieu. Ich wusste nicht, was Koks ist, und war weit stärker davon fasziniert, dass dieser Rainer Werner Fassbinder nie duschte, nie. Und seine Mätressen nicht die Diven der Filme, sondern Jungs aus der Kulisse waren. Vor allem aber begeisterten mich „Zwei Eier im Glas“ zum Münchner Kaffeehausfrühstück; in Münster kannten die das noch letztes Jahr nicht. Vier-ein-halb-Minuten-Eier geschält im Glas. Frisches Baguette. Kalte Butter. So frühstücken Helden.
Leaud trinkt in Godards Film MASCULIN - FEMININ stets Johannisbeersirup. Sag ich doch, ein Pinsel. Und in diesem Gemisch von Ausgehen & Beschlafen ging es nebenbei gegen den Vietnamkrieg. Leauds Freund pinselt die Parole „Frieden für Vietnam“ auf ein amerikanisches Militärfahrzeug. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie ich das bzgl. des jüngsten Konflikts an einen Lada pinsel, um dann in einer Straßenbar einen Sirup von der Himbeere zu nehmen. Und am Nachbartisch sitzt Brigitte Bardot als Straßenhure. Unter dem Pflaster, sagte man damals, liegt der Strand. Romantik der Metropolen.
Die Faszination des Kinos und der Kaffeehausphilosophie ist verflogen. Heute wirkt ihre Dekadenz eher peinlich. Obwohl, ein Frühstück in Paris? Zwei Eier im Glas? Frisches Baguette?
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DIE BLASE.
In der höheren Fachliteratur wie der breiteren wird viel Unsinn erzählt. Mal wieder über die Maläse mit den Medien. Wiedergänger, Untote, der Kulturkritik.
Früher sprachen Autoren mit Respekt von ihrer Leserschaft, weil die Käufer ihres Buches eben für sie ihre Welt waren. Das, was man mit einer ungebrochenen Hochachtung ÖFFENTLICHKEIT nannte. Die Philosophie der Aufklärung ist davon erfüllt, von KANT bis HABERMAS, bis fast zu Habermas.
Der letzte Schüler der Frankfurter Schule, vorgenannter Jürgen H., hat sich nun verführen lassen, ein törichtes Alterswerk zu veröffentlichen; töricht, weil dreißig Jahre Lektürerückstand, aber in der politischen Intention ungebeugt. Das mag ihm selbst imponieren, mir nicht.
Um es nur an einem Beispiel zu argumentieren: eine Plattform jener deliberativen Politikberatung, die Habermas ersehnt, ist TWITTER. Aber hier findet er sie nicht; so wenig wie der Germanist Precht und der Sozialpsychologe Welzer; angeblich Fachautoren, ich schwör, auch nur zwei Schwätzer. Man nimmt auf Twitter immer auch die Polemik wahr. Ja. Aber das war nie anders.
Wer die seltene Chance der AUFKLÄRUNG als Lichtblick will, wird sie nur in der Tiefe der Nacht der GEGENAUFKLÄRUNG erkennen. Auf eine plausible Weltregierung der Philosophen zu warten, das ist naiv. Man wird sich mit dem Rudimentären der umgebenden Öffentlichkeit zufriedengeben müssen. Jede Dummheit kann auf Twitter gesagt werden und alles Kluge.
Der Algorithmus, der uns eine Blase baut, ist ein Instrument der SELBSTBESPIEGELUNG. Darin liegt die Täuschung wie die Chance. Blasen sind so klein, wie der Nutzer sie lässt. Da ist die ganze Wahrheit, die ich der Diss eines jungen Kommunikationswissenschaftlers entnommen habe: Die Dummen werden dümmer, die Klugen klüger.
Für den zweiten Teil des Lehrsatzes ist jeder selbst verantwortlich.
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ZERR. SPIEGEL.
Bundesministerin Anne Spiegel hat ein Problem. Man spiegelt die taktierende PR ihres früheren Ministeriums gegen den moralischen Druck aus 134 Flutopfern. Die Grüne erscheint in diesem Gefälle als zynische Karrieristin. Das ist nicht fair, aber lehrreich.
In der Aufarbeitung der Flutkatastrophe im Ahrtal macht die verantwortliche Politik insgesamt keine gute Figur, vor allem weil zu spät gewarnt wurde. Es sind mehr Menschen ertrunken, als hätten ertrinken müssen. Das erfordert Demut. Und eine bessere öffentliche Verwaltung. Behördenversagen. Man kann erwarten, dass das geändert wird. Roger ran! Hinweis: So heißt der Innenminister von Malus Gnaden. Malu? So wiederum heißt die Ministerpräsidentin in dem Bundesland von Verleger Twer (Rheinzeitung), dessen Gattin wiederum die Schwester von Roger ist. So geht das hier.
Aus der politischen Aufarbeitung werden nun aber auch die internen Abstimmungen per Handy zwischen der verantwortlichen Ministerin und ihrem Pressesprecher durchgestochen. Peinliche SMS. Damit wird die damalige Landesministerin, jetzt im Bundeskabinett, diskreditiert. Sie habe sich mehr um ihr Image und das „Gendern“ als den Schutz der Bevölkerung gesorgt. Anne Spiegel im typischen Zerrspiegel: eine weitere Grüne im Licht der dort notorischen Doppelmoral. So geht das bei denen.
Ich werde der Beckmesserei darüber nichts hinzufügen. Will aber doch etwas zu den SMS-Gedanken ihres Pressesprechers sagen. Mein Gott, wie naiv kann man sein, so etwas aufzuschreiben? Dokumente der strukturellen Überforderung; peinlich. Dabei war der Kerl mal ein wirklich ausgezeichneter Journalist. Bis er sich, dem allseitigen Vernehmen nach, im Twer-Verlag seitens hochgestellter Damen unsittlichen Begehrens bezüglich politischer Bruderliebe (Thema Roger, siehe oben) ausgesetzt sah. Und in die PR floh. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Zu sagen ist: Journalisten können kein PR; wir, die PR-Leute wissen das eh. Ein weiterer toller Journalist versagt elend als Sprecher. Was der polnische Schwarzarbeiter beim Fliesenlegen, ist der umgeschulte Redakteur in der PR. Pfusch am Überbau. Ob PR-Leute nicht auch manchmal so was denken, was er da aufgeschrieben hat? Denken, vielleicht. Aber wir schreiben das niemals und nirgendwo hin. SCHRIFT ist GIFT.