Logbuch
TERRA NOVA.
Die Psychiatrie kennt das Phänomen der Fixierung: Man hängt auf einem Thema fest, in einer kranken Faszination, weiß wohl um den irren Zwang, folgt ihm aber. So geht es mir mit meiner Hassliebe zum amerikanischen Traum, jener ambivalenten Americanophilie, dem Usus, alles und jedes aus den USA wichtig zu nehmen, insbesondere jede Niederung der Neuen Rechten. Ich will nicht mehr jeden Tag mit dem primitiven Potentaten beginnen müssen. Vergessen wir den! Ignorieren wir sie.
Reden wir über Mark Carney, den Premierminister Canadas. Reden wir über das wunderbare Land unter dem Ahornblatt. Und klären wir, warum der Mounty immer seinen Mann kriegt; oft veralbert als „He always gets his can“ (Bierdose) statt „man“; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Ich beginne mein Loblied damit, dass dieses Land blendend sowohl englisch als auch französisch spricht.
Meine schönste Journalistenreise habe ich nach Quebec veranstaltet, Montreal ist eine faszinierende Stadt. Einer der Mitreisenden, der fabelhafte Journalist Jürgen Wintermann (damals für die WELT) erinnerte sich noch letzte Woche an eine Barszene, in der ich den stark angeheitertem CEO meines eigenen Ladens ins Bett schickte. Zur Verärgerung des Pressecorps, weil er gerade ins Plaudern kam.
Canada ist riesig. Und multikulturell; ich sehe indisch gekleidete Herrschaften im Parlament. Es ist auf die Westminster-Variante von Demokratie gestimmt, weiß das aber mit einer klugen Einwanderungspolitik zu verbinden. Man will die Klugen und Fleißigen aus aller Herren Länder. Natürlich funktioniert Multikulti, wenn man es gestaltet; man muss anlocken, wer aufbauen will. Dann ist egal, ob er Turban trägt oder Tirolerhut. Oder Kopftuch.
Jetzt zu der wirklich legendären DAVOS-Rede von Mark Carney. Die Macht der Kleinen beginnt mit Ehrlichkeit. Yes, Sir! Oui, Monsieur. Die Mittelmächte müssen sich gegen die tumben Titanen verbünden; jedenfalls untereinander. Ich befürworte die Aufnahme von Canada, eh schon im Commonwealth, in die Europäische Union. Wir sollten auch Grönland dazu nehmen und Norwegen rein zwingen. Australien und Neuseeland. Ich gebe auch noch Formosa, Madagaskar und Südafrika zu bedenken. Wir beginnen damit, dass wir den Regierungssitz dieser Welt der Willigen nach Vancouver verlegen. Mein Ernst. The Mounty always gets his man.
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DAS LÄCHELN DER SPHINX.
Ich sage nur: Cäsar und Cleopatra. Man hüte sich vor Ägypterinnen. Insbesondere, wenn sie eigenartig lächeln. Reden wir zeitgeschichtlich also über eine persona politica.
Dem gesamten Altertum war das Lächeln der Sphinx unerklärlich. Das hat zu einiger Irritation geführt. Man wusste nicht so genau, was von ihr zu halten sei. So ergeht es dem politischen Berlin mit der amtierenden Bundeswirtschaftsministerin, verkörpert durch Katharina Reiche, die als CDU-Politikerin dem Kabinett Merz-Klingbeil angehört. Wie die lächelnde Sphinx im Ägyptischen ist die Frau aus Luckenwalde vielen unheimlich. Man fremdelt, auch ihre Parteifreunde; viele beginnen allerdings sich auch die Augen zu reiben. Zurecht, die ist nicht ungefährlich.
Da wir hier unter uns sind, reden wir ja Klartext miteinander. Was irritiert? Zunächst ist die Frau als öffentliche Figur im Kulturellen irre ossig, was in der durch Beitritt der DDR entstanden großen West-Republik noch immer viele fremdeln lässt. Eine Chemikerin aus der DDR, Kind der Plaste-Nomenklatura des SED-Staates. Aber ossig war Merkel auch. Unsere Sphinx hat aber Familie und erfolgreich in einem großen Industrieverband gearbeitet sowie auf der Vorstandsetage eines ordentlichen Energieversorgers. Ungewöhnliche Karriere. Auch bei den westlichen Industriekollegen wurde damals gefremdelt, aber es überwiegen Urteile des fachlichen Respekts. Man ist nicht warm geworden mit ihr, aber zieht den Hut. Sphinx.
Zur Fremdheit im Vertrauten gehört auch, dass die aus dem Osten und der Chemie stammende Unionspolitiker eher ungelenker Art heute einen Adelsspross aus der bayrischen CSU auf ihrer Couch zu sitzen hat, einen Buhl-Freiherren, den an einer plagiierten Diss gescheiterten und # KT genannten von und zu Guttenberg. Kein böses Wort, der Mann ist Kollege, sprich Meinungskolumnist wie ich auch; oft anderen Zuschnitts, aber dies ist ein freies Land. Berlin irritiert allerdings die Mesalliance.
Letzter Punkt. Reichel dreht im Amt vieles von dem grünen Unsinn, den uns das Regime Habeck hinterlassen hat, zurück. Die Günstlinge dieser grünen Kommandowirtschaft heulen auf. Ich begrüße da einiges. Möge sie in dieser Entgiftung lange wirken. Und die SPD nicht den Fehler begehen, das ägyptische Moment zu unterschätzen; die Frau ist gekommen, um zu bleiben. Ich ahne, warum die Sphinx lächelt. Man wird auf sie aufpassen müssen, weil echt gefährlich. Die ersten politischen Leichen pflastern ihren Weg. Ich sage: Cäsar und Cleopatra.
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APOTHEOSE.
Man wird künftig mit einer Kritik im Sinne der Aufklärung an GOTTESSTAATEN etwas vorsichtiger umgehen müssen. Das ist nicht länger dem Islam vorbehalten oder anderen Fundamentalisten. Die NEUE RECHTE in den USA, auch MAGA im Sinne von „make America great again“ genannt, lässt nicht davon ab, dass der Religionsstifter aus Nazareth oder gar Gott selbst auf ihrer Seite stehen. Präsident Trump unternimmt wie der leibhaftige Christus Wunderheilungen. Der Vizepräsident will, für alle Fälle, in denen die Amis Kriege vom Zaun gebrochen haben, die Gewissheit bemühen, dass Gott auf ihrer Seite stand; der Mann ist konvertierter Katholik. Der Papst widerspricht.
Im Evangelikalen gibt es in den Bibelgürtel genannten Provinzen der US of A die naiv klingende Frage „What would Jesus do?“ als handlungsleitendes Prinzip für Alltagsentscheidungen. Nun, meine Seele hängt nicht am Katechismus, aber ich bin bibelfest; daher meine tiefe Verwunderung, wenn bei der anschließenden Exegese munter Sentenzen aus dem Alten Testament zitiert werden. Die Apotheose der Amis ist ein dümmlicher Götzendienst vulgärreligiöser Eiferer. Der Tanz um das Goldene Kalb. Siehe Wandschmuck im Weißen Haus.
Der gelbe Prophet hat sich mit seinen Gelüsten, tatsächlich als Messias verehrt zu werden, in einen Fundamentalkonflikt mit den Gläubigen unter seinen Anhängern bewegt, der ihn tiefer beschädigen wird, als seine Eitelkeit ihn ahnen lässt. Das ist Gotteslästerung im Amt. Der Papst möge ihm den Gospel vorhalten, seine Mitbrüder rücken von ihm ab, da sie aus der Bibel wissen, wie der Himmel auf derartige Blasphemie reagiert. Babylon.
Gerade noch genug Zeit, die radebrechende Gattin in Maria umzubenennen und zur Jungfrau zu erklären. Jetzt, wo wir doch wissen, dass sie keine Magdalena auf der Insel der Seligen war. Wäre ein weiteres Ass im Ärmel auf seinem Weg in den Himmel. Wenn schon nicht Gottvater, aber mindestens doch Heiliger Geist.
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ADDITIVE ENERGIEN.
Der einzige Backofen des Dorfes gehört mir; Backes genannt. Es gab nur einen je Dorf. Ich habe ihn bei der Renovierung eines Fachwerkhauses erhalten. Er erzählt eine Geschichte. Das knappste Gut der alten Zeiten war nicht das Korn für‘s Brot, sondern der Brennstoff zum Backen. Einmal die Woche wurde der Steinofen beheizt und die Dörfler brauchen ihren Laib, der hier gemeinschaftlich aufgebacken wurde.
Beheizt wurde mit Ästen, deren Sammeln in den Wäldern auch den Armen freigestellt war, kostenloses Brennmaterial. Die kalten Scheunen dieser Zeit waren groß wie Kirchen und die zu beheizenden Häuser winzig. Ein Dorf maß seine Kultur an der Anzahl der Feuerstellen. Energie war knapp, weil Licht, Kraft und Wärme. Knappheit als Wert. Das änderten die Kohle, das Öl, das Gas, dann die Kernkraft. Jeweils im Überfluss. Jedes in seiner Periode. Immer war die hohe Verfügbarkeit, sprich der geringe Preis, das Argument.
Knappheit treibt die Kosten. Billige Energie brachte Wohlstand. Das Argument hat sich verloren. Jetzt lese ich erstmals wieder bei einem französischen Multi: Man wolle die Menschen mit preisgünstiger Energie versorgen. Dazu nutze man alles, was es gibt. Fast kleinlaut die Anfügung, dass man dann irgendwann auch noch frei von Zeh-Oh-Zwei sei. Jedenfalls lese ich seit Jahren erstmals wieder, dass billige Energie Brot bedeutet, Wohlstand. Hier, nicht in China.
Unsere Energiepolitik ist zu einem vulgär-religiösen Institut geworden, jedenfalls ideologisch überlagert. Sie frönt der Vorstellung, dass es mit den erneuerbaren Energien eine vollständige Alternative gebe, die alles andere ersetze. Das mag irgendwann so sein. Für meine Zeiten und die der nächsten Generation wird es aber darum gehen, dass man alles nutzt, was man hat. Die Tesco-Regel: „Every little bit helps.“ Additive Energien eben.
Na gut, ohne die Energien des Bösen, Atom und Russengas. Das zweite haben andere uns verboten, das erste wir uns selbst. War beides wohl zu billig.