Logbuch
FIESE MÖP.
Der britische Spionageschriftsteller John Le Carré, eigentlich David Cornwall, galt vielen seiner Leser als englischer Gentleman untadeliger Art; zunächst, weil Schweizer Charakter, zuletzt noch, da er dem Brexit widerstand und als Greis noch Ire wurde. Ich lese, dass er seine professionelle Karriere begonnen hat, indem er als junger Student in Oxford für den MI 5 seine Kommilitonen linker Gesinnung ausspionierte. Das Milieu der Schlapphüte.
Der Heiligenmaler Carravaggio hat uns vor Werken stehen lassen, die so gewaltig das Menschliche im Göttlichen zeigen, dass wir schon bei bloßer Betrachtung um Fassung ringen. Ich lese nun, dass er ein wirklich runtergekommener Kneipenschläger und Hurenbock war, der sich die elendesten Figuren der Gosse ins Studio holte und bei schlechtem Licht in edelste Rollen schlüpfen ließ. Seine Jungfrau wirkt so erhaben, weil vom Lotterbett. Das Helle im Dunklen.
Das Elisabethanische Zeitalter hat uns William Shakespeare geschenkt, den Titan der Charakterologie; wir denken die Abgründe der menschlichen Seele in seinen Figuren. Freilich steht er im Verdacht, vieles in seinem gigantischen Werk nicht selbst verfasst zu haben, sondern bei seinem Zeitgenossen Christopher Marlowe geklaut. Es wurde gar vermutet, dass Shakespeare eigentlich Marlowe sei. Ich lese vom Gegenteil, der Rivale nur ein Neider. Und die eigenen Stücke, bis heute Flops; über Jahrhunderte. „So I have heard and do in part believe it“, sagt Horatio im Hamlet.
Jetzt über einen Freund des Jeffrey Epstein, den britischen Labour-Politiker Lord Peter Mandelson, einer meiner Berufskollegen ganz berühmter Art. Ich kenne den Prinzen des Dunklen, wie sie ihn nannten, seit seiner Tage als PR-Manager von Tony Blair. Öffentliche Auftritte mit ihm habe ich allerdings in letzter Zeit eher gemieden, zuletzt als eine Delegation ihn in seinem Londoner Büro von „Global Counsel“ besuchte; ich schwänzte den Termin lieber. Peter war von Hause aus ein Mendelsohn, wie Epstein und dessen Gefährtin, geborene Maxwell. Alle dem Milieu von David Cornwall nicht fern.
Überhaupt durchgängig das Personal eines Stücks des Elisabethaners. Seltsam, dass mir all diese gerade heute durch den Kopf gehen.
Logbuch
AMBIVALENTE DYSPHORIE.
Dass gestern, am 1. April, der Eintrag ins Logbuch ausfiel, versteht sich von selbst; da dichten ja auch die Laien. Heute zur inneren Agenda meiner Generation und ihrer Lehrer. Gerade gestorben sind Jürgen Habermas und Alexander Kluge, es legt der große Hans-Ulrich „Sepp“ Gumbrecht seine Autobiografie vor und die Journaille feiert ihre Greise zwischen Stefan Aust und Giovanni di Lorenzo.
Allen gemein ist die Attitüde der schlechten Laune. Dysphorie. Keiner davon tritt euphorisch, sprich gutgelaunt ab. Man könnte ja „Ich bereue nichts!“ singen und der Menschheit die endlosen Belanglosigkeiten der eigenen Vita ersparen. Oder „ecce homo!“ Wir alle sind nicht von dieser Welt, wäre eine der Karwoche angemessene Aussage. Nein, man hält die Uhren an und intoniert den völlig belanglosen Schlager „Was ich noch zu sagen hätte…“. Dabei gibt es ein Wechselbad von vorgetäuschter Demut und berstender Eitelkeit, beides im Modus einer professionellen Übellaunigkeit. Ambivalente Dysphorie, so heißt das bei dem großen Gumbrecht.
Aber ich will gar nicht meine Bochumer Professoren kleinsetzen; sehr viel haben auch die eher flüchtigen Studenten von ihnen gelernt. Bis heute halte ich die intellektuelle Zuwendung, die wir als Studenten an der Ruhr Universität von den damals jungen Intellektuellen französischer Prägung erfahren haben, für ein großes und unverdientes Geschenk. Seitdem summen wir alle, wenn sentimental: „Es ist fünf Uhr. Paris erwacht.“
Ich sehe mir den verfilmten Podcast mit Giovanni di Lorenzo an; der Mann ist ganz Pose, was er für Haltung hält. Kein Idiot, nein, ganz und gar nicht, aber diese sich als nachdenklich gerierende Quälerei im Ausdruck, die Wechselstimmungen und dann doch das Beseelte. Er sagt, er misstraue seiner Routine. Das Oxymoron als rhetorische Grundfigur. Zum großen Gumbrecht weiß ich noch nichts an eigenem Eindruck zu sagen, weil ich das Buch bisher nur aus den Schilderungen eines Freundes kenne.
Ich muss nicht alles tatsächlich gelesen haben, von dessen Lektüre ich berichte und zu dem ich eine Meinung bereithalte. Ich will mich ohnehin der Euphorie verpflichten, der vorsätzlich guten Stimmung wider besseres Wissen. So, jetzt Jacques Dutronc:
„Je suis le dauphin de la place Dauphine
Et la place Blanche a mauvaise mine
Les camions sont pleins de lait
Les balayeurs sont pleins de balais
Il est cinq heures
Paris s'éveille
Paris s'éveille
Les travestis vont se raser
Les strip-teaseuses sont rhabillées
Les traversins sont écrasés
Les amoureux sont fatigués
Il est cinq heures
Paris s'éveille
Paris s'éveille.“
Logbuch
WEHE DEN BESIEGTEN.
Es gibt Sätze, die so bitterböse sind, dass sie sich einbrennen in unser Denken, und zwar weil wahr. Dazu gehört: „Die Starken machen, was sie wollen; die Schwachen dulden, was sie müssen.“ Wem das gesagt, der ist nicht mehr zu jedwedem Frohsinn frei.
Es geht um Politik, um das, was man heute Realpolitik nennt, das Wesen der Macht. Politik ist nicht nur das neueste Geschäft mit dem Schicksal der Menschen, oft ein schmutziges genannt, sondern auch ein Fach, eine Wissenschaft, die man studieren kann. Dann liest man irgendwann in jungen Jahren einen alten Schinken, den ein gewisser Thucydides vor gut sieben Jahrhunderten geschrieben hat. Die griechische Antike beschäftigte der Peloponnesische Krieg; dabei besonders das Schicksal der kleinen, aber feinen Insel Milos.
Die Athener gingen ruppig mit den freien Geistern auf Milos um. Als diese ihre Neutralität zu wahren gedachten, so etwas wie eine Eidgenossenschaft, ließ die Großmacht die Männer hinrichten und nahmen Frauen wie Kinder in die Sklaverei. Darauf angesprochen, wussten sie zu ihrer Rechtfertigung vorzutragen: „Die Starken machen, was sie wollen; die Schwachen dulden, was sie müssen.“
Das Recht des Stärkeren. Übrigens gehörte zum Peloponnes auch das rabiate Sparta, dessen Bellizismus uns bis heute beschäftigt, da die Straßen Berlins für einen Marathon gesperrt. Aber das ist nun wirklich, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Wir sind in der Karwoche und mit dem klaren Hinweis ECCE HOMO eigentlich zu einer Nachdenklichkeit angehalten, die über das Marathonlaufen hinausgeht.
Der Satz von dem Duldsamen der Schwachen ist nicht normativer Natur. Nur empirischer. Der Geschichtsschreiber formuliert ansonsten sein Entsetzen. Das sollte uns ergreifen, wenn wir ihn die Starken unserer Tage sagen hören. Sie schreiben ihn in die Sozialen. Vae victis, wehe den Verlierern! Sie tun es, weil sie es können. Aber das ist nicht das letzte Wort, wenn ich Karfreitag richtig verstanden habe.
Logbuch
CLUBHOUSE.
Das ist der neue heiße Scheiss! Über eine App laden sich die wirklich Wichtigen zu Gesprächsrunden. Bin gestern ausgestiegen als Herr Ramelow, der MP aus Thüringen, sich im Kopf und Kragen quatschte. Bleibe für heute beim Altbewährten, der SONNTAGSZEITUNG. Was der Sonntagsbraten für den Magen, ist die Sonntagszeitung fürs Gemüt. Da ist die FRANKFURTER, noch immer gut, aber unterschiedlich in den Ressorts (Geheimtipp: HANKs Kolumne). Da ist wieder interessant die WamS (neuer Chefredakteur, der, als noch bei der SZ, mal ein tolles Portrait über mich geschrieben hat; interessanter Typ). Stark verändert die BamS, einfach ein anderes Blatt als unter Marion Horn und Christian Lindner. Und weil mir das mit den zweieinhalb Blättern zu wenig Papier für einen langen Sonntag unter Ausgangssperre, da habe ich jetzt wieder die SUNDAY TIMES abonniert, zwar von der Vorwoche; es geht mir aber eh um die beiliegenden Magazine. Da fällt mir ein: Marion Horn soll doch jetzt bei der PR-Agentur des unglückseligen Herrn Innacker sein, früher WMP; ob das ein Glücksgriff war? Ich meine, zu Innacker zu gehen. Dessen Umgang beschäftigt die Gazetten. Christian Lindner (ex ChefR der Rheinzeitung) ist jetzt im Friesischen; das war klug, von den Friesen. Und Rainer Hank schreibt seine wunderbaren Stücke aus der Pension. Gossip. Getratsche. Wenn jemand jetzt noch wissen will, wie der Hund heißt und es um die Verdauung steht, und zwar gestammelt im O-Ton, der ist richtig bei CLUBHOUSE. Ich ertrage das Fremdschämen nicht, mein eigenes Schamgefühl über das Dummschwätzen anderer. Wie sie sich wichtig nehmen, den Finger heben, drangenommen werden, um sich zu räuspern und im Banalen verlieren. Oh Mann: Wer nicht klar denkt, redet verworren. Wusste schon Ludwig Wittgenstein, der Bruder des einarmigen Pianisten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.