Logbuch
FREUNDLICHKEIT.
Im Englischen nennt es sich KINDNESS, wenn man sich Gesten der freundlichen Zuwendung leistet. Der Gattin jeden Morgen eine Tasse Tee ans Bett bringen, zum Beispiel. Wann erlaubt man sich freundlich zu sein? Eine Frage der Kultur.
Freundlicher ist man zu jenen, zu denen man sich vertrauter fühlt. Es ist ein Verhalten, das NÄHE unterstellt. Darum behandelt die Öffentlichkeit zum Beispiel Flüchtlinge aus Osteuropa freundlicher als solche aus dem Vorderen Orient oder aus Afrika. Menschen aus dem Land, wo die Zitronen blühen, unserer Sehnsuchtsheimat, erscheinen uns näher als der fremdgläubige Finsterling, über den wir nichts wissen. Zu Italienern sind wir freundlicher als zu Somaliern, zum Beispiel. Bei dem Fremden, eine Wahrnehmung, wehrt sich das Tier in uns gegen das möglicherweise Feindliche, eine Unterstellung.
Die BBC hat eine weitreichende Studie gemacht, wann uns Freundlichkeit leichter fällt und wann schwer. Das eine ist die unterstellte Nähe zum Objekt der KINDNESS. Wir wollen Nähe belohnen. Das andere ist eine Eigenschaft, die im Englischen CUTENESS heißt. Das meint die Frage, ob wir etwas „süß“ oder „niedlich“ finden. Hier werden Puppies genannt, Katzen oder Käfigvögel. Ich zum Beispiel finde Haustiere niemals niedlich. Haustiere isst man oder man hat sie nicht.
Szene in einem recht guten Restaurant in Brugge, Belgien („Die kleine Mareike“ oder ähnlich). Ich lasse von einem üppigen Stück Rindsbraten etwas auf dem Teller, was der Tischnachbar, ein englischer Herr mit Gattin, offenbar bemerkt. Er sucht das Gespräch. Er deutet dazu mit seiner Gabel auf meinen Teller und fragt geradeheraus, ob ich das noch zu essen gedenke. Ich bin tief irritiert. Will der unverschämte Kerl vom meinem Teller essen? Vom Nachbartisch rübergreifend? Als ich verneine, beugt er sich herüber, erwischt das Bratenstück mit der Gabel und befördert es mit einem lauten Schmatzgeräusch in einem Schwung unter seinen Tisch. Ich höre dort einen Schoßhund das Schmatzen seines Herrchens wiederholen. Einen Köter vom Teller des Tischnachbar gefüttert. Während des Desserts sieht mich die Töhle erwartungsvoll an. In mehrfacher Hinsicht ein Kulturbruch.
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DAS PORTRÄT.
Face Book. Buch der Gesichter. Wie kann das Bild eines Gesichts den ganzen Menschen darstellen? Nicht nur seinen Körper. Es erscheint uns als SPIEGEL DER SEELE. Woher diese Offenbarung?
Diskussion mit Studenten über Fotos in Bewerbungen. Mein Eindruck: anhand der Bilder findet die erste Vorauswahl statt. Widerspruch einer Kommilitonin, die schon mal in einer Personalabteilung (sie nennt das englisch HR) gearbeitet hat; es werde nach Qualifikation ausgewählt. Ich habe da meine Zweifel und rate den Karrierewilligen zur professionellen Gestaltung der Fotos. Sie sollen dafür richtig Geld ausgeben.
Überhaupt ein Wunder. Woher wissen wir, dass Mona Lisa lächelt. Ich habe im Louvre vor dem Gemälde gestanden und war vor allem irritiert. Es ist unter Glas. Man sieht sich selbst gespiegelt. Aber bleiben wir bei der Mimik als Seelenspiegel. Das mag schon biologische Gründe haben („Will mich das Wesen fressen?“), aber sicher psychologische („Wird das Wesen mich stillen?“) Nächster Blick aufs Dekolleté. Geheimdienstleute achten bei Passfotos übrigens immer auf die Ohren, weil hier das Individuelle voll zuschlage; hat mir mal ein STASI-Offizier erzählt.
Von dem bettlägerigen Heinrich VIII wissen wir, dass er einen damals sehr berühmten Porträtmaler nach Deutschland geschickt hat, um eine Heiratskandidatin aus Kleve zu porträtierten. Das Bild war so anmutig, dass die Dame zur Verfertigung eines Thronfolgers angeliefert und geheiratet wurde. Zum Vollzug der dazu notwendigen Akte kam es aber wohl nicht, da seine Majestät seinen schweren Diabetes nicht durch Animation zu überwinden wusste. Er muss etwas in dem Bild gesehen haben, was er dann nicht wiederfand. Ein Minister wurde deshalb geköpft, der Maler blieb verschont.
Und ich rate zur regelmäßigen Aktualisierung von Porträtfotos. Ich habe im Flieger nach New York mal neben der Mutter einer sehr bekannten Modeschöpferin gesessen, deren Tochter ich von all den Pressefotos kannte. Ich sprach sie als die Frau Mama der berühmten Schönheit an. Das ging wie bei Heinrich VIII gründlich schief. Es war nicht die Mutter, sondern die in Ehren gealterte Tochter. Man war nicht amüsiert.
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RADIKAL.
Etwas mit samt der Wurzel ausrotten, das ist radikal. Das härteste Mittel. Radix ist die Wurzel. Mit Stumpf und Stiel vernichten wollen. Eine Welt der Entgrenzung. Ein wenig Apokalypse wagen wollen.
Die Vorstellung kommt im Häuslichen aus der Unkrautbekämpfung; dass man etwas nicht nur abpflückt oder zurückschneidet, so dass die Zeit den Eingriff heilen kann, sondern es für alle Zeiten tilgt. Da ist dann gegen das lästige Unkraut Glyphosat noch zu sanft. Feuer und Eisen kommen zum Einsatz. Denn die Sense scheint noch zu zahm.
Kerrwoche. Zwischen Nachbarn entsteht ein irrer Wettbewerb, wer radikaler zu sein vermag. Es werden nicht nur Bordsteine frei geblasen oder entschieden mit Besen gekehrt. Das Trottoir wird bis zum letzten Halm von Gräsern gereinigt. Ein schmiedeeisernes Gartengerät namens Sauzahn kommt zum Einsatz. Feuerwerfer und Chemiewaffen.
Dieser Vernichtungswille spiegelt die Entgrenzung von Zorn. Er ist, wenn wir mal beim Unkraut bleiben, eigentlich ungärtnerisch. Wendet man diesen Darwinismus ins Politische wird er gänzlich böse. Ich will das nicht ausführen, aber man könnte es. Sportpalastlogik: den totalen Krieg wollen.
Der kluge Gärtner kennt Mitte und Maß, er wählt stets das mildeste Mittel. Diesen Hinweis hörte ich gerne von meiner Geschichte.
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GESSLER-HUT.
Der Ur-Schweizer Wilhelm Tell hat es an Unterwürfigkeit mangeln lassen, als er den Hut seines politischen Herren nicht grüßen wollte. Symbolische Anerkennung einer Vorherrschaft verweigert.
So könnte es mit Kruzifixen gemeint gewesen sein. Ich erinnere, dass ein bayrischer Provinzpolitiker diese Symbole der Hinrichtung Jesu noch kürzlich in alle öffentlichen Räume hängen wollte. Als warnenden Hinweis für jene mit anderem Gott und, schlimmer noch, an jene ohne.
So kann es uns Staatsbürgern mit wirklichen Hoheitszeichen gehen, der Uniform mit Mütze beim Polizisten oder der Robe des Richters oder ganz einfachen Symbolen der Straßenverkehrsordnung, sagen wir, dem Stoppschild. Symbole der Macht, die ungefragt Autorität beanspruchen.
Im Rechtsstaat ist das streng codifiziert, welcher Fetisch Macht über mich hat. Welchen Gesslerhut ich zu grüßen habe. Die Herrschaft jenseits der Gesetze, das Ideologische, der Zeitgeist, sie versuchen das auszuweiten. So soll ich Gender-Regeln in meine Sprache aufnehmen, die fachlich schlecht begründet sind, aber eben ideologisch inbrünstig daherkommen. Und Straßen umbenennen, weil sie an Geschichte erinnern, die nicht mehr als vorbildlich gilt.
Das stünde in der Verfassung. Unsinn. Es entspräche aber dem Geist der Verfassung. Nebelgebilde des Wunschdenkens. Diese Sternchen und andere Albernheiten sind Gesslerhüte, deren Befolgung zeigen, dass ich dem Machtanspruch ihrer Anhänger Gehorsam entgegenzubringen bereit bin. Bin ich das? Unterwerfung unter die Selbstlegitimierten?
Apfelschuss bei Schiller. Eidgenossen. Wenn man sich so gegen die Vorherrschaft verschwört, begründet das vlt. eine Bruderschaft, die in einem freien Land enden kann. Dieses Rütli-Ding der Schweizer. Friedrich Schiller muss daran etwas fasziniert haben. Daher Wilhelm Tell als Held des Ungehorsams. Eidgenössisches als Utopie. Lesegebot.