Logbuch
MOTTO.
Ein Freund empfiehlt: „Morgen ist ein neuer Tag.“ Akzeptiert.
Irgendeinen Sinn muss es ja haben, dass wir so regelmäßig an die Boxen müssen. Vor der Erfindung des künstlichen Lichts vielleicht notgedrungen. Schlafen dürfen.
Das kleinteilige Pendant zum Wechsel der Jahreszeiten. Vor der Erfindung der künstlichen Wärme. Nicht frieren müssen.
Die alte Gefangenschaft in der Natur ändern die Verbrenner in Lampen und Heizungen. Und in den Kraftmaschinen. Eisenbahn und Dampfer fahren können und Wasser pumpen.
Im Ruhrpott übrigens durch die Iren, die konnten, was die Schotten erfunden hatten. Dann Stahl erzeugen, auch bei den Briten abgeguckt. Vergangene Zeiten.
Logbuch
KRIMIS.
All diese TATORTE simulieren ein vertrautes Milieu, weil der Schauder der Geschichte darin liegt, dass sie auch uns, den Zuschauern, passieren könnte. Aber die Erlösung bleibt ja nicht aus, am Ende ist die Welt wieder heil.
Die Unerschöpflichkeit der Gattung Krimi liegt in zwei Illusionen. Dass man Menschen sozialpsychologisch, aus ihrem Wesen, berechnen könne. Und dass Gerechtigkeit walte, am Ende, politisch. Dieser doppelte Unsinn hält schon vierhundert Jahre.
Zu Beginn sind wir in England, im ausgehenden 16. Jahrhundert. Der Hit der Straßentheater und Kneipenerzähler sind Stories zu „true crime“: Krimis, die wirklich passiert sind. Verbürgt. So wie die Ermordung einer höhergestellten Person (Master) durch einen Schurken und zwei seiner Helfer auf Bezahlung durch einen Schneider, der der Liebhaber der Gattin des Meisters war, die die Entsorgung des Ehemanns im Bett mit dem Schneider als Herzenswunsch vorgetragen hatte. Der Komplott wird, wie könnte es anders sein, entdeckt und gesühnt. Shakespeare ist begeistert.
Es geht in diesen Krimis immer um CHARAKTEROLOGIE. Eine Kabinett an typischen Menschen tritt auf. Wir haben Erwartungen daran, wie sich deren Wesenszüge entfalten. Das VERHALTEN als Folge des GEMÜTS. Und wir haben Erwartungen an die irdische Gerechtigkeit. Denn es geht auch um Eschatologie: GOTT DER GERECHTE. Die Sonne soll es an den Tag bringen, das Ungeheuerliche. Der Frevel darf nicht ungesühnt bleiben. Am Ende jedes Krimis steht ein Kreuz, sprich ein Galgen.
Im wirklichen Leben hätte man es von den sauberen Herrschaften nie erwartet, die gerade im Sonnenuntergang Manilas ihren Martiny trinken.
Logbuch
SITZORDNUNG.
Die CDU sitzt jetzt neben der AfD. Damit läuft das Schwarze in das Braune über. Das passt. Farbenlehre.
Dass die FDP in die Mitte gehört, das wünsche ich ihr. Sie war auch mal deutschnational und bei Möllemann der Hort eines abstrusen Antisemitismus. Möge sie die neue Sitzordnung im Parlament als Verpflichtung empfinden.
Dass die SED-Nachfolgerin, genannt die LINKE, als Linksaußen an den Rand gehört, ist klar; da hat sie auch Lafontaine nicht wegschmusen können.
Die neue SPD, die die alte SPD ist, um ehrlich zu sein, eingeklemmt zwischen dem sozialistischen Erbe und dem Wohlstandstrotz der GRÜNEN, das passt auch. Mal gespannt, wie sie NEW LABOUR diesmal nennt.
Und die Trennungslinie zwischen Konservativen und Reaktionären und dann Faschisten, die verläuft irgendwo verborgen in dem schwarzbraunen Lager. Da steht eine Spaltung der AfD an, die die Union fürchtet. Denn dann ist sie so groß wie die FDP, ihre Nachbarin zur Linken.
Alles im Lack.
Logbuch
EMANZIPATION.
Sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen, das heißt für bisher Beherrschte, dass sie es jemandem aus der Hand nehmen müssen. Das heißt ja Emanzipation: e-manu-cipere, aus der Hand nehmen. Der Sklave nimmt sein Leben aus der Hand des Sklavenhalters. In die eigene. Die beherrschte Frau nimmt ihr Schicksal aus der Hand des Patriarchen. Das Kind wird erwachsen; Vatershand leer. Ich erinnere mich noch, wer mir die Wortbedeutung so erklärt hat. Eine großbürgerlich gestimmte Professorin, die selbstbewusst wie Hannah Ahrend Zigaretten rauchte, und die Kippen ihren verschüchterten Studenten in der Sprechstunde anbot. Da saß ich Würstchen vor ihrem Schreibtisch und hätte ihr im Gegenzug Feuer geben müssen, hatte aber kein Feuerzeug am Mann. Ein peinlicher Moment, an den ich bis heute denke. Ich erwies mich als dummer Junge. Protokollarisch versagt, der Student aus kleinen Verhältnissen. Eine soziale Frage. Aber natürlich auch eine ideologische. Lady in black. Die Dame erklärte jedwede Emanzipation für Unsinn, da sie selbst ja keiner bedürfe. Das hatte etwas von dem „Warum isst das Volk, wenn es kein Brot hat, nicht Kuchen?“ Dabei geht es nicht so sehr um rechts oder links (im politischen Sinne). Es geht um oben und unten (im sozialen). Vor allem aber um öffnen oder schließen (im kulturellen). Es geht um REAKTIONÄRES. Denn überhaupt wird die Zukunftsfrage sich daran entschieden haben, ob man weiter öffnen will oder wieder verschließen. Will man die Dinge zurückdrehen oder sich entwickeln lassen? Emanzipation wieder aufheben oder entfalten? Das ist es, was jetzt in Großbritannien geschieht: Reaktion! Die Dinge zurückdrehen. Eine herrschende Klasse hätte es gern wieder kommod. Der Fisch schmeckt besser, sagt der Lord im Unterhaus, seitdem er nicht mehr europäisch sei, sondern wieder britisch. Das ist es, was in Polen die Konservativen an dem Recht auf die Straffreiheit der Abtreibung stört. Oder die ungarischen Oligarchen an liberalen Hochschulen. Oder die Hinterwäldler des Donald Trump, wenn sie von der WEISSEN ÜBERLEGENGEIT spinnen. Was diskutieren da die Bewohner der britischen Kronkolonie Hong Kong mit „Mainland China“? Sie diskutieren darüber, was eine Volks-Republik eigentlich meint. Fundamentale Frage: Treiben wir die Liberalisierung weiter oder brauchen wir eine Rückabwicklung? Das hat schon ein wenig von der Alternative „Revolution vs Reaktion“, aber dazu ist es eigentlich noch zu früh, vor dem ersten Kaffee.