Logbuch

DIE TALENTIERTE.

Patricia Highsmith hat zu schreiben begonnen, als ich noch nicht mal auf der Welt war; schon in meinem Geburtsjahr ein Weltstar. Dann jeden Tag mindestens acht Seiten, jeden Tag, fünfzig Jahre lang. Sie führte dazu gleichzeitig zwei verschiedene Tagebücher, gelegentlich gegenläufigen Inhalts.

Zweiundzwanzig Romane, dann die Tagebücher. Was den Verlag geritten hat, diese nicht nur inhaltlich zu zensieren, sondern auch noch ineinander zu fahren, wissen die Götter. So sind die Intentionen gegenläufiger Bücher in eine vordergründige Chronologie verschmolzen, der ihr eigentlicher Sinn zum Opfer fällt. Und das bei der multiplen Persönlichkeit einer selbstzerstörerischen Trinkerin mit großen lesbischen Abenteuern und ungebrochenem Schreibzwang. Unverzeihlich.

Aber die jüngste Biografie von Richard Bratford schlägt das alles. Dieser Einfaltspinsel glaubt sich dann auch noch in der Lage, wo das Genie der Highsmith die Quellenlage vorsätzlich verstellt und tiefe, weil bittere Ironie sachwaltet, Fehler anmerken zu dürfen. Er mag sie nicht, die gespaltene Persönlichkeit, aber zu so etwas wie Hass, da fehlt ihm die Kraft. Ein Beckmesser.

So bezweifelt dieses Hemd von einem Biografen, dass sich Highsmith 1952 in Venedig in HARRYˋS BAR einen Cocktail genehmigt habe. Natürlich hat sie, und zwar auf dem Weg nach Ischia, und zwar einen MARTINI (oder derer viele) und zwar in Begleitung von Peggy Guggenheim, mit der sie befreundet war. Sagt wer? Hat mir der Bartender in den Achtzigern erzählt, als in der Tagespresse die Rede auf eine Alterbosheit kam, die sie damals aus ihrem Schweizer Domizil abgesetzt hatte. Sagt der alte Mann zu mir: „Die haben da hinten in der Ecke gesessen. Ich weiß es wie heute.“ Was soll aus der Welt werden, wenn man nicht mal mehr Bartendern glauben kann?

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EREMIT.

Wenn wir jeder in eine Wüste gingen oder auf eine Berghütte oder in den Keller, dann wäre gut. Leprastation, mehr fällt denen nicht ein.

Tagträume. Am Anfang habe ich mich noch gewundert, dass der Chef der höchsten Bundesbehörde, des Robert Koch Instituts, ein Tierarzt ist. Dann kam das mit der Herdenimmunität. Da wusste ich, ich bin deren Schaf. Grasfressen. Der Lauterbach ernährt sich schon salzfrei und von Tofu.

Fieberfantasien. Jetzt sagt der mit den schwarz gefärbten Haaren, der dünne Drosten, dass das mit den Schweinen auf Dauer auch nicht gut gehen könne, deren Herden seien zu groß. Überbevölkerung. Und der dicke Narkosearzt von Mutti hadert mit dem zögerlichen Schlumpf. Woher hat der seine Adipositas?

Alpträume. Was macht eigentlich der Freund von Pferde-Micky in Bonn? Dieser HIV-Forscher? Und dass die im vorderen Orient Kamele verspeisen, warnt der mit den gefärbten Haaren. Mit Fledermäusen fing es ja an.

Ich plane ein Eremitendasein auf veganer Basis. Ich ziehe zu meinen Kaninchen.

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EITELKEIT.

Man erkennt den eitlen Gecken daran, dass sein Name ins Hemd gestickt ist. Oder er ein tolles Nummernschild hat. Der ganze Stolz bei Frisören oder Luden.

Ein SPRECHENDER NAME, das ist ein Eigenname mit einer zusätzlichen Bedeutung. Zum Beispiel „Gotthold“ für den Frommen oder „Hartmut“ für den Kühnen, „Tusnelda“ für das Treschen… Es gibt das aber auch bei Kfz-Nummernschildern. Sprechende Auto-Nummern. Nazi-Kürzel werden in Deutschland neuerdings vermieden. In England ein Kult, schon immer.

Es gibt einen regelrechten Handel mit Kennzeichen, die teurer als das Auto sein können. Ich sehe gestern in Chelsea vor dem THE IVY einen schwarzen Bentley mit der Reg.-No. , so heißt hier die Zulassungsnummer: „BOSS“. Boss im Bentley. Russen, vermute ich. Getönte Scheiben im Fonds. Handelswert des Schildes bestimmt 250.000 Pfund Sterling. Für das Nummernschild. Ich habe mal für „KK1“ an einem Defender einen Tausender gegeben.

Heute machen das bei uns vor allem Fahrlehrer und Zuhälter. Da gibt es dann die Initialen der Freundin oder den Hochzeitstag im Nummernschild. Ich verzichte darauf ganz bewusst; seit jenem Jahr, in dem mir mein Fahrer bei einem Frankfurter Laden meinen Dienst-Daimler mit meinen Initialen anmeldete. Oskar, so hieß er, war stolz wie Oskar. Ich nicht.
Ein Jahr lang fuhr ich eine Karre mit dem Kennzeichen: „F - KK 69“. Spott der Welt.

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LEBENSWELTEN.

Messebesuch auf der INTERSOLAR in München-Riem, wo früher der Flughafen war. Die Hallen rammelvoll mit Besuchern aus allen Ländern, vor allem aber Asiens, junge Leute, vorwiegend männlichen Geschlechts. Die Aussteller durchgehend mittelständischen Zuschnitts. Messestände ausnahmslos so groß wie Pommesbuden.

Ein Gewerbe bildet sich rund um die Photovoltaik, man spricht nur noch von PV; die Kleinteiligkeit überrascht mich. Gewusel. Hersteller mit einem Produkt. Industrie ging früher anders. Darunter fast verloren die große Siemens, übrigens mit dem Vortrag eines deutschen Diplom Ingenieurs in katastrophal radebrechendem Englisch. Deutscher Veränderungsverlierer. Typischer die jungen Männer Asiens, leger gekleidet, in hektischer Ambition. Wer noch die Hannoveraner Industriemesse kannte, sieht wie das ganze Milieu in die Horizontale verrutscht ist.

Ich habe das Gefühl einer Marginalisierung deutscher Industrie, was technikhistorisch ganz sachlich zutrifft und nur zeigt, dass wir nicht mehr Zentrum der Industrialisierung sind. Ohne jedes nationale Sentiment ist das so. Übernachtung dann in der Nähe von Ingolstadt in einem Landgasthaus aus dem 17. Jahrhundert. Die Taferngerechtigkeit wurde, so eine Urkunde, 1624 bestätigt, was das Brau- und Brennrecht an die Taverne (Tafern) band, also unabhängig von der feudalen Herrschaft machte. Bauern wurden Bürger und lösten den Adel ab.

Klosternaher Betrieb. Die Ruhe des Landlebens längst der Donau beeindruckt. Aber da war doch was. Irgendwo hier hatte die ESSO eine stattliche Raffinerie. Ganz in der Nähe fertigt AUDI. Und das Laufwasserkraftwerk, lese ich, gehört der UNIPER, die die Ruhrgas groß gemacht hat. Öl und Gas und Vorsprung durch Technik. Von alldem verrät die gepflegte Gastlichkeit wenig. Man vermarktet hier die ländliche Idylle einer anderen Zeit. Nostalgie wird unsere Lebenswelt beherrschen. Ich fürchte fürderhin Furchtbares.