Logbuch

ERLÖSUNG.

Wir sind es leid, dieses Gezerre. Heute hü, morgen hott. Der eine so, der andere so. Angela Merkel folgt wie immer der Stimme des Volkes, den Stimmen aus dem Volk. Die KANZLERIN beklagt sich in einer Talkshow über die MINISTERPRÄSIDENTEN. Sie ist, sagen wir es klar, demokratiemüde. Nicht mal der CDU-Vorsitzende folgt ihr. Sie droht mit Durchregieren. Eigentlich droht sie mit Notstandsrecht. Das ist KRIEGSRECHT in Friedenszeiten. Nennt sich neuerdings „knallharter Lockdown“, anders sei der übermächtige Feind nicht zu besiegen. Ich höre jetzt auch Stimmen. Der Führer muss jetzt wirklich mal durchgreifen. Und das einzig RICHTIGE tun. Dazu brauchen wir Wissenschaft und Wirtschaft in einer Hand, einer strengen. Solche Stimmen höre ich. Sie sagen: Und unbedingter Gehorsam auf den Straßen und in den Wohnungen! Hinter der epochalen Aufgabe muss der Föderalismus jetzt mal zurückstehen. Und die Demokratie! Notfalls müsse der Bund eingreifen, heißt es. Der Bund? Die Bundeswehr? So höre ich es aus der Tiefe des Raums grummeln. Deutet Frau Merkel an, sie könne auch anders; und glaubt, sie habe dazu ein Mandat? Glaubt sie, dass wir das von ihr erwarten? Wenn dem so wäre, begönne dieses Volk den Verstand zu verlieren. „Was bildet die sich eigentlich ein?“, fragt mich die Blonde. Nun, ich glaube, sie will die Erlösung sein, die es nicht gibt. Es schwindet ihre Macht. Ratlos und verzweifelnd. Mutti hat versagt. Merkel hat fertig.

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LICHT & SCHATTEN.

Nicht der larmoyante Thomas, sein Bruder, der tragische HEINRICH MANN ist mein Confident. Man muss wissen, wo man weiter sieht. Die bösen Zeiten („wahrlich ich lebe in finsteren Zeiten“) haben ihn allzu früh gerichtet, den Hellsichtigen. Man muss aber wohl für alle Zeiten seinen Roman vom UNTERTANen gelesen haben. Vielleicht auch den PROFESSOR UNRAT. Weiteres, obwohl lesenswert, war nicht so erfolgreich. Vertrieben von den Nazis, ausgebürgert, mit dem Tode bedroht, über Frankreich in die Staaten geflohen, aber nicht gerettet. Er gehörte dann zu den unseligen EXILANTEN, denen Hollywood kein Glück brachte. Wie auch Brecht. Immer war er der politischere Kopf. Ja, auch mit einem gewissen Neigung zum Berufsstand der Animierenden, einer derer hielt er die Treue, einer der Animierenden, wie es im Gender-Deutsch heutzutage heißen würde. Licht in finsteren Zeiten.

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ANZIEHSACHEN.

Thomas Mann, der Dichter des Bürgerlichen, saß immer gestiefelt und gespornt am Schreibtisch, zur immer gleichen Zeit. Im Homeoffice, gekleidet, als wolle er ausgehen. Derart affektiert angezogen, schrieb er dann Elegisches vom Knabenmissbrauch durch Herren seines Alters in Venedig. Ich verachte Thomas Mann. Der große Bertolt Brecht ließ sich in der Saville Row in London aus edelsten Kattun eine graue Arbeiterjoppe schneidern, die ihm bequem war und noch proletarischer aussah, als es die im Osten gängigen Originale konnten. Das war der Kern seiner sogenannten Verfremdungstheorie. Ich schätze ihn. Ich schätze ihn sogar sehr. Und auf dem Weg zum Bäcker sehe ich jeden Morgen den stellungslosen Nachbarn in Jogginghosen und würde ihm wünschen, dass er eine Arbeit fände, die ihn nebenbei auch zum Habit zwingt. Was ich aber online sehe an Freizeituniformierungen der ganz Lässigen, die den Unterschied von Nachtgewand und Ausgehuniform aufgehoben haben, weil ja auch die Morgentoilette entfällt im sogenannten Homeoffice, steigert mein Missvergnügen ins Grundsätzliche. Man nennt das INFORMALITÄTSGEBOT, in der Kleidung, in der Sprache, im Umgang. Im Denken. Man lässt sich gehen. 

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HOW MUCH, SCHATZI ?

Ich bin auf Rat des Steuerberaters zur DOLLEN BANK gegangen, weil die ganz doll sind. Zudem ist Hilmar Kopper mein Nachbar. Nun muss ich für vier Tage nach London und schätze es, wenn ich Trinkgeld bar geben kann oder in einem Taxi nicht mit Kreditkarten rumfummeln muss. Also steckt man sich ein paar Pfund Sterling ein.

In meiner Nachbarschaft gibt es keine Filiale der DOLLEN BANK mehr. Also Anfahrt mit dem PKW. Der junge Mann in der DOLLEN BANK, die ich dann erreiche, obwohl man nicht parken kann, teilt mir mit, dass man keine Devisen habe, da man auch keine Kasse mehr unterhalte. Ich stehe irritiert auf der Straße, finde aber die richtige Filiale im Internet: Unter den Linden. Man kann auch dort nicht parken.

Die Filiale bietet Automaten, ist aber ansonsten verrammelt, laut Zettel vorübergehend geschlossen. Noch mal ins Internet. Otto-Suhr-Allee ist geöffnet. Ob man da parken kann, dazu sage ich mal nix. Der freundliche Herr kann mir gerne 200 Pfund bestellen, aber in dieser Woche würde das nichts mehr. Ich deute an, dass ich das nicht so doll finde von der DOLLEN BANK. Er wünscht mir einen guten Tag. Dann zögert er doch.

Die offensichtlich nicht so dolle Bank fragt, wo ich denn hinwolle. Oh ha. Ich flüstere: London. Ja, da brauche man kein Bargeld, werde ich belehrt. Da ginge alles mit Karte. Auch Tipp. So in den Senkel gestellt, werde ich an die Reisebank im Hauptbahnhof verwiesen. Während ich dort einen Parkplatz suche, überlege ich, was die DOLLE BANK eigentlich angeht, wohin ich zu reisen gedenke. Die Reisebank im Bahnhof ist laut Zettel vorübergehend geschlossen.

Wohlgemerkt wir reden von 200 Quid, nicht von 1000-Frankenscheiben oder Geldwäsche. Ich will keinen Sack mit Krügerrand. Pocket money. Für London, nicht Hanoi. Wir reden von mir als langjährigen Kunden der DOLLEN BANK. Mir schwelt was, ich fürchte, ein Verschwörungsverdacht. Selbst das mit den fehlenden Parkplätzen ist kein Zufall. Die wollen keinen Publikumsverkehr mehr.

Man will mich umerziehen. Es geht um die vorsätzliche Verknappung von Bargeld. Das Cash muss weg. Dass ich das noch erleben darf, dass das „allgemeine Äquivalent“ (Marx) zu einem Anarchismus wird, den es auszurotten gilt. Und allen voran die Banken, deren Geschäft das mal war. Doll.