Logbuch
RESTAURATION.
Eine Buchhändlerin in Wernigerode am Brocken sagt mir ein kleines Gedicht auf. Es lautet: „Lauter Steine / Aussicht keine / Müde Beine / Heinrich Heine.“ Ich hatte sie nach einer Ausgabe von Heines „Harzreise“ gefragt.
Das Frühwerk des Harry Heine aus Düsseldorf, der gerade seine Uni-Stadt Göttingen verlässt, um das Montane in Tiefe wie Höhe zu erleben, ist eine wunderbare Kompilation von Erlebnisbericht, Naturlyrik, Liebesschwüren, Satire und beißender Polemik. All das im Nebel verhangenen Harz. Die preußischen Zensoren strichen einiges von den bösen Possen des liberalen Juden. In einer historisch kritischen Ausgabe ist das in hundert Fußnoten brav entschlüsselt; ich lese sie mit Vergnügen.
Heine steht als Freigeist gegen die Restauration seiner Zeit. Und damit ist nicht die Bewirtung der Reisegesellschaft beim Brockenwirt gemeint. Wunderbare Beschreibungen übrigens eines studentischen Besäufnisses. Nein, gemeint ist das Reaktionäre im 19. Jahrhundert. Die antisemitische Deutschtümelei. Davor floh er später nach Paris.
Typisches Gedicht dieser Zeit (gegen Napoleon, versteht sich):
„Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
dem Mann in seine Rechte;
drum gab er ihm den kühnen Mut,
den Zorn der freien Rede,
dass er bestände bis aufs Blut,
bis in den Tod die Fehde.
So wollen wir, was Gott gewollt,
mit rechter Treue halten
und nimmer im Tyrannensold
die Menschenschädel spalten.
Doch wer für Tand und Schande ficht,
den hauen wir in Scherben,
der soll im deutschen Lande nicht
mit deutschen Männern erben.“
Poch. Dann doch lieber in die Matratzengruft in Paris.
Logbuch
UNVOREINGENOMMEN.
Vieles im Englischen geht auch der deutschen Zunge glatt; einiges fällt aber schwerer, Zungenbrecher. So die Tugend der „impartiality“. Das ist nicht, was hier in Debatten „ausgewogen“ meint. Der Reihe nach.
Ein „ausgewogenes“ Meinungsbild bemüht die Vorstellung der Mitte, also eine Balance der Kaufmannswaage, die Justizia hochhält. Dazu sollen beide Seiten gehört worden sein. Die hier propagierte Temperatur ist die des Lauwarmen. Die Annahme eines mittleren Glück unterstellt aber, dass es ein Kontinuum zwischen zwei Polen gibt, auf dem man mit dem Finger brav hin und her fahren könne. Diese Annahme ist nicht unvoreingenommen.
Zwischen Täter und Opfer eines schreienden Unrechts, etwa einer Vergewaltigung, gibt es keine lauwarme Mitte, in der die Weisheit schlummert. Wie will man „ausgewogen“ würdigen, dass eine Dreijährige, Weise zumal, eine auszutauschende Geisel sei? Man kann sich wg. Ausgewogenheit nicht des Rechts auf rigorose Urteile berauben lassen.
Die historische BBC-Tugend der „impartiality“ spricht nicht vom abschließenden Tenor der publizistischen Bewertung, sondern der Einstellung des Betrachters. Unvoreingenommen soll er sein. Sagen, was ist. Es geht dabei nicht um Wahrheiten, die der einen Seite oder die der anderen. Bevor sich an der Wahrheitsfrage die Philosophen die Arme brechen, will der Historiker wissen, was wirklich geschehen ist.
Ich lese eine unvoreingenommene Analyse des jüngsten Nahostkonflikts und werde mit Beispielen beschäftigt, wie sich dazumalen die Franzosen als Kolonialmacht in Algerien verhalten haben; nicht klug nämlich. Die Frage danach, was ist, hat Wurzeln, die danach fragen, was war. Wirklichkeiten. Nun könnte eben das zu etwas führen, was neudeutsch „Kontextualisierung“ heißt; sprich der Mischtemperatur des Lauen.
Es bleibt bei dem Recht des rigorosen Urteils, gegen jedermann.
Logbuch
HERRCHEN & FRAUCHEN.
Zum Verhältnis von Herr und Knecht hat der große Philosoph Hegel alles gesagt, was zu sagen ist. Nicht rechnen konnte er mit den Merkwürdigkeiten, wenn sich Verkleinerungsformen einschleichen. Ein Bericht aus der Alltagskultur.
Hunde werden in Kinderwägen durch die Promenade geschoben. Nicht in dazu missbrauchten alten Gefährten, nein, eigens angeschafften Karren, vierrädrig, mit Sichtfenster für den chauffierten Köter. Das ist unzweifelhaft pervers.
Zuerst sah ich es als Rucksack: ein Haustier-Tournister. Die Dame stand vor mir an der Kasse und so ein Puffpudel knurrt mich von ihrem Rücken her an. Das Vieh lässt sich tragen. Dann sah ich es auf dem Weihnachtsmarkt in Buggies, regelrechten Pet-Vehikel. Das Tier vollbringt seinen Ausgang getragen, sprich geschoben. Im eigenen Kinderwagen. Das Haustier als Kindersatz. Ekelhaft.
Wir sind in der Welt der Leckerli, noch so ein Deminuativ. War die alte Lehre, dass der Köter körperlich den Ausgang brauche, so ist die neue, dass das Hundchen sich zu verlustifizieren gedenkt und gefahren wird. Der Tugend-Terror des Terriers. Darauf ein Leckerli. Spätrömische Dekadenz.
Logbuch
SUITS.
Man hört von dem Bolivianischen Marschierpulver, dass es den routinierten Nutzer zur Selbstüberschätzung animiere. In bösen Fälle führe es zu Wahnzuständen. Das kann sich seinen Weg bis in künstlerische Ausdrucksformen brechen. Die Weltliteratur ist voll davon, auch das Triviale in der Glotze.
Auf Netflix gab es eine Serie aus der Welt der RECHTSANWÄLTE, diese Typen in Anzügen („suits“), die wirklich authentisch wirkte, es passte („suits“). Und zwar so gut, dass ein Mitglied des Englischen Königshauses aus dem Personal der Serie im wirklichen Leben seine Gattin wählte. Übrigens für mich als Zuschauer die falsche. WIR ALLE (meine „Blase“) hätten DONNA genommen. DONNA ist eine Göttin von Frau! Da nimmt Harry diese Miss Mega Marple. Versteht man nicht, das FIKTIONALE mit dem FAKTISCHEN verwechselnd und im FIKTIVEN landend.
Willkommen in der fiktionalen Welt der Hollywood-Berühmtheiten. In diesem Licht, so lese ich, wollte PROF DR CHRISTIAN SCHERTZ, der einschlägig zitierte Presserechtsanwalt vom Ku-Damm, angeblich auch seine Profession beleuchtet sehen. Er zeichnet nun unter IDEE für eine Spielfilmserie mit der fiktiven Staranwältin Leo Roth, die die Öffis als DOUBLE FEATURE SHOW bringen (zwei Folgen hintereinander weg). Für mich Pflicht!
Ich kenne viele prominente Vertreter des ÄUSSERUNGSRECHTS, berühmte, berüchtigte und zwei, drei gute. Deshalb schaue ich hochinteressiert zu. Nicht wegen der spannenden Handlung, nicht wegen des flotten Filmschnitts, nicht wegen der Berliner Handlungsorte. Nicht mal, weil Herr SCHERTZ in der Serie einen Auftritt haben soll, wie einst Alfred Hitchcock in seinen Filmen. Sondern?
Mich interessiert das gelegentliche Auftauchen eines Hauchs von FAKTISCHEM in all dem FIKTIONALEN, ein Zipfelchen der wirklichen Verhältnisse. Sehr selten sowas. Natürlich gibt es die Technik des SCHLÜSSELROMANS auch im Film: es wird angespielt auf reale Personen oder Medien. Unschwer entdeckt man hinter dem Boulevardblatt TAG Springers BILD. Aber juristisch Korrektes? Selten. Wirksames PR? Nie! Politisch Korrektes, also PC? Schon eher.
Unter der Decke eines gewöhnlichen TATORTS lauert, so legt die kolportierte Entstehungsgeschichte nahe, das Eigenbild einer Branche, der Promi-Anwälte und der Promi-PR.
Ein Berufsbild wird für Laien geformt. Ich bestaune dabei die LATENZ von rückhaltloser EITELKEIT, deren Wirken ich aus meinem Berufsleben kenne, und gebe zu, so auf die Spitze getrieben, wandelt sich mein notorischer Brechreiz davor in Faszination. So sehen sie sich also selbst, die PROMMI-ANWÄLTE und ihre PROMMIS? Ist das die Insider-Story? Es riecht nach Potsdam.