Logbuch

MASTER OF DESASTER.

Ein alter Film-Mitschnitt eines Empfangs mit Lady Thatcher und Dr. Helmut Kohl. Mit Ton; man kann lauschen. Dieser in Pfälzerdeutsch mittels Übersetzerin selbst im Zwiegespräch deklamierend, diese wie immer eine halbe Oktave zu hoch flötend; die eiserne Lady auf Zuckersüß. Dann aber die Queen, Mitterand in bestem Französisch grüßend, in klarer Ansprache an den amerikanischen Außenminister stellt sie die epochale Frage (thematisch zu einem Dritten, der gerade vom englischen Außenminister Edward „Ted“ Heath verhackstückt wurde): „Is he master of his situation?“ Großartiger Gedanke. Nicht nur HERR DER LAGE, das ist etwas anderes, sondern „Herr seiner (!) Lage“. Ich bin begeistert. Was für eine kluge Frau!

Welch ein Lebensziel: Herr seiner eigenen Situation zu sein. Was ja auch eine andere Frage klärt: Was man tun kann, wenn man sich getrieben fühlt. Bedrängt. Verbittert. Antwort: die Situation ändern. Wenn ich nicht mehr Herr der Lage bin, dann muss die Lage halt dran glauben.

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SEHNSUCHT.

Mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin geht etwas, das mir nicht fehlen wird. Sie definierte als Wesenskern des WEIBLICHEN auf ihrer letzten Bundespressekonferenz die „Sehnsucht nach Effizienz“. Meint: Nicht immer diese komplizierten Männer und ihre Prinzipien ertragen zu müssen, sondern einfach mal das ALTERNATIVLOSE ohne Räsonnieren der Machos regeln können. Mutti machen lassen. Meint: RIGOROSER PRAGMATISMUS. Und das meint: FLEXIBLER NORMALISMUS. Das bin ich leid; ich bin es sogar sehr leid.

Ich kenne diese Politikerin persönlich wohl seit 30 Jahren (sie war stellvertretende Sprecherin von Lothar de Maizière und ich in der Gaswirtschaft) und habe sie davon 16 Jahre im Kanzleramt beobachtet, sie meint das so. Sie hält sich für eine Naturwissenschaftlerin, ist aber im Kern preußische Pfarrerstochter mit weltpolitischer Ambition. Das ist geistesgeschichtlich das ewig nüchterne Protestantische, in dem „etwas mit seiner Zeit anzufangen wissen“ (Merkel) schon als Sehnsucht gilt. Mein Gott, Sehnsucht… Politik nicht als „Recht auf Glück“ (happiness). Weniger und anderes wird gewollt: Mutti einfach mal machen lassen. Ideologie ist eine variable Größe, auch Prinzipien sollen nicht überbetont werden. Ja, den Herrgott achten, aber im lutherischen Verständnis: nur die EXEGESE schafft die Wahrheit. Ha, das ist der Kern!

Wahr ist, was wir, die nüchternen Christeninnen, aus der Bibel herauslesen. Das meinte Luther mit „sola scriptura“! Nicht nur der Schriftgelehrte, jeder Laie mit der Familienbibel auf dem Küchentisch, darf da reinlesen, was er lesen möchte. Die Laien-Lektüre hat oberste Gültigkeit, und zwar die jeweilige. SITUATIV ANGEPASST. Und ansonsten: Mutti machen lassen. Ich werde diesen radikal pragmatischen Protestantismus nicht vermissen. Allerdings fürchte ich, dass MAMA BÄRBOCK da nicht besser ist. Eher radikaler. Und der Katholik LASCHET zeigt sich als ein Weichei. Oh je. Kann ich diesen SCHOLZ noch mal sehen?

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DAS SCHWEIGEN.

Auf einem Grabstein, zufällig entdeckt, lese ich erstaunt nur zwei Daten, Jahreszahlen. Sonst nichts. Kein Name, kein Spruch. Jedes Symbol fehlt. Vor den Jahreszahlen jeweils ein Sonderzeichen: ein großes Ypsilon mit einem kleinen Strich in der Mitte. Eine Lebens- und eine Todesrune.
Beim Geburtsjahr sieht es wie ein Strichmännchen aus, das freudig die Arme hochreckt. Hurra, geboren. Beim Todesjahr ist das gleiche Zeichen nur auf den Kopf gestellt. Falling down. Erst die Arme zum Himmel, dann zur Hölle. Kein „Wiederauferstanden von den Toten“, ein Sterblicher, wie die Alten Griechen sagten.
Das Leben als Delta, als Zwischenwert. Mich rührt die Kargheit des Gedenksteins an. Wer mag hier beerdigt sein? Wie mag es ihm ergangen sein in seinem kurzen Leben. Warum erhielt er, obwohl anonym, doch einen Stein? Ein Mann, eine Frau? Oder gar ein Übeltäter, etwa ein Selbstmörder, den man noch über den Tod beschämen wollte? Waren die Nachgelassenen damit gemeint?
Ein eigenartiges MEMENTO MORI: Bedenke, Lebender, dass Du sterben wirst. Der Unbekannte wurde nur 38 Jahre alt und starb im letzten Kriegsjahr 1944. Wer hatte da Zeit, einen Grabstein behauen zu lassen? Und ein regelrechtes Grab zu errichten? Vielleicht für einen unbekannten Soldaten? Ein Vertriebener ohne Papiere? Ein Zwangsarbeiter? Man weiß es nicht. Ruhe in Frieden.

Grabsteine interessieren mich. Eine spannende Textsorte. Sie sollen von etwas zeugen, aber in aller Kürze und für die Ewigkeit. Viele sind heutzutage kitschig mit Porzellanfotos des Verstorbenen oder Engelchen und anderem Tand. Geschwätzig. Da scheint mir SCHWEIGEN doch die bessere Option. Schweigend stehe ich vor dem Beschwiegenen. Wir unterhalten uns.

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AUF DER GLATZE LOCKEN DREHEN.

Mein Kollege Peter D. fragt gestern, ob ich in Katar war, weil er eine feine Uhr japanischer Provenienz für einen Blender hält. Mangelnde Wertschätzung gegenüber japanischer Technologie. Banaler Fehler. Und ich bin nicht in Katar, sondern in Istanbul, also dem europäischen Teil der Türkei.

Wir schlendern durch den Basar zum Frühstück. Ich verstehe meinen türkischen Freund nicht auf Anhieb; wir sprechen Englisch miteinander und Ali hat einen beträchtlichen Akzent. Rauskommt am Ende das Schlagwort „brazilian butt lift“, also ein Anheben des Gesäß nach südamerikanischer Art. Ein brasilianischer Arsch. Ich hatte gefragt, was Damen aus den Vorstädten Nordenglands in die Hotels Istanbuls treibt, wo sie offensichtlich einen Pauschalurlaub mit einer chirurgischen Behandlung verbinden.

Ich ahne, wie hier die der Fehlernährung geschuldete Figur korrigiert wird. Man entfernt Viszeralfett („Wampe“, bei Männern „Bierbauch“) und lagert das am Hintern des Weibchens so ein, dass eine Attraktivität der Rückseite entsteht, die den Begattungswillen der Männchen steigert. Sie machen, was ich in Kreuzberg bei den Lippen junger Mädchen an gewünschter Deformation sehe, am Hintern. Geht das chirurgisch gut? Nicht immer. Es bleibt auch schon mal eine Aphrodite auf dem Tisch, scherzt er; meint: Es gibt Kunstfehler, auch Todesfälle.

Die spinnen, die Ladies aus Hull. Aber gemach. Ich sehe Gentlemen mit blutigen Verbänden auf dem Haupt. Sie machen den Kloppo und lassen sich Haupthaar einpflanzen. So erhält die Glatze wieder Locken, womit man dann jene lockt, die mit dem Popo wackeln, der mal ein Bäuchlein war. Im Ernst: Für kleines Geld gibt es Locken für den Liverpooler und Urlaub für die mitreisende Gattin und das Kind. Ein neuer Tourismus für Flüchtige vor dem NHS. Das ist das blühende englische Gesundheitssystem, das sie mit den Milliarden finanzieren, die sie durch den Brexit gespart haben. Ironie aus.

Ali spottet über die Inglesen; ich kann es ihm nicht verdenken, als ich erfahre, was da bei den Herren der Schöpfung verpflanzt wird. Genitalbehaarung. Auf den Kopf. Haupthaar vom Sack. Alta!