Logbuch
PHILIPPIKA.
Tiefe im Seichten. Ich höre einen englischen Stand-up-Comedian die Frage aufwerfen, was man tun würde, hätte der Arzt mitgeteilt, dass man nur noch ein halbes Jahr zu leben habe. Wem dann dazu einfach gar nichts einfiele, sagt der Satiriker, und wer deshalb einfach nur weitermachte, der lebe glücklich. Das hohe Lied auf Routine und Ritual.
Das ist zum Beispiel die Frage nach dem Lotto-Gewinn. Was würde sich im Leben des Glücklichen ändern, wenn tatsächlich eine halbe Million auf‘s Konto käme? Die Glücksspieler hoffen auf eine riesige Wende. Anderen ist dieser Hang zum Spiel gänzlich fremd. Eine halbe Mille? Das kauft doch heutzutage nicht mal mehr eine Villa am Meer. Vielleicht könnte man sich entschulden, etwa die Hypothek los werden. Und dann? Ein Wohnmobil erwerben und mit 95 km/h auf einen Parkplatz vor Sankt Moritz schleichen? Ravioli auf dem Gaskocher.
Ähnliche Feststellung gestern Abend in einer alten Doku über das Leben des Modeschöpfers Karl Lagerfeld, der sich zum Ende seines Lebens zum Ziel gesetzt habe, einfach irgendwann wie ein alter Elefant verschwunden zu sein und vorher mit preußischer Routine seiner Arbeit nachging. Ein Deutscher in Paris.
In der Biografie eines emeritierten Wissenschaftlers lese ich, dass das Standardwerk, das er verfasst hat, einer Stiftung zu verdanken ist, die OPUS MAGNUM heißt. Sie hatte ihn für zwei Jahre von Lehrverpflichtungen freigestellt. Das war sicher schön für ihn, hinterlässt bei mir aber einen schalen Nachgeschmack. Wüsste ich, worüber ich schreibe, wenn mir zwei Jahre geschenkt würden? Nicht so richtig. Wenn es wichtig wäre, ginge es doch wohl auch ohne Freisemester.
Hätte ich der Menschheit einen großen Gedanken zu hinterlassen, so wäre das schon geschehen oder eben schnell getan. Von größerem moralischen Gewicht wäre die Frage offener Schuld. Im Großen tritt man damit ohnehin vor Gott. Und im Kleinen? Wem wäre noch ein gutes Wort zu sagen? Gar ein Pardon, sprich die Bitte um Entschuldigung. Vielleicht gar öffentliche Reue?
Zu einem solchen Nachsinnen darf man einen Satiriker nicht animieren. Es dauert keine halbe Stunde und eine Tasse starken Kaffees, bis er es zu der Frage gewandelt hat, wen er noch ohrfeigen sollte, bevor seine Zeit auf Gottes Erden zur Neige geht. Auf wen steht noch eine Philippika aus? Wem darf welcher Spott nun wirklich nicht erspart bleiben?
Lieber einen guten Freund verloren, als einen Witz ausgelassen.
Logbuch
FREITAG, DER FREMDE.
In den Kaffeehäusern Londons kursierte ab 1719 eine Reportage, um einen englischen Seemann, der 28 Jahre auf einer einsamen Insel überlebt hatte. Mittels seiner Hände Arbeit! Robinson Cruseo war ein Exempel für das neue Selbstbewusstsein des Bürgers, der seine Existenz nicht dem Adel oder Gott verdankte, sondern seiner Arbeit. Selbstkonstitution durch Arbeit; die Moderne der Aufklärung begann. Viel Licht, viel Schatten.
Was macht der Weiße Mann, da er auf den Eingeborenen trifft? Nun, er macht ihn, den Wilden, zu seinem Diener; im Geiste dieser Zeit eh klar. Da der fremde Kerl im Rahmen seiner Anstellung auch einen Namen braucht, benennt er ihn, berichtet Daniel Defoe, nach dem Wochentag, an dem er auftauchte. Freitag war geboren. Zu mehr Individualität hat es nicht gereicht. Eine typische Geschichte für all jene, die das Verhältnis des weißen Gentlemans zu den „persons of color“ kritisch sehen. Freitag, der Fremde; wie arm ist das denn?
Auch wer die Fremden freundlich zu begrüßen denkt, wird sich doch vor Romantisierungen hüten wollen. An der Bushaltestelle in Zehlendorf hat sich auf der Bank ein wohnungsloser Mann regelrecht niedergelassen, den sie Zigeuner nennen; was mir als Begriff nicht so leicht fällt, da ich das dicke Buch von Bogdan über Antiziganismus gelesen habe. Das Wort stammt hier und heute von dem Inhaber des vietnamesischen Restaurants gleich hier hinter der Haltestelle. Er sagt es zu dem von ihm herbeigerufenen türkischstämmigen Polizisten, der seiner brandenburgischen Kollegin ob der Situation ratlos ins Gesicht schaut. Schwieriger Job. Ich möchte mit der Streife nicht tauschen.
Aus anderen Kiezen wird berichtet, dass das Gesetz der Straße von Gruppen in die Hand genommen wird, die sich im Sinne ihrer Herkunftskulturen patriarchalisch verstehen, ihren Gott über das Gesetz stellen und Frauen dem Sachrecht zu ordnen. Ich bemühe mich um eine zurückhaltende Beschreibung. Aber man muss einräumen, dass es zu Fragen der Integration unterschiedlich gut geeignete Voraussetzungen gibt. Und unterschiedlich starke Bereitschaft. So wie es natürlich berechtigte Ängste vor einem Verlust der eigenen Identität gibt. Daniel Defoe hatte Robinson befragt, nicht aber Freitag.
Alle mir bekannten Gesellschaften, in die Zuwanderung stattfindet, kämpfen mit den Fragen der Integration. Das ist ein sozialer Prozess, der der politischen Gestaltung bedarf. Gute Nachbarn kriegt man nicht geschenkt. Und darum haben die Robinsons ja auch Regeln aufgestellt, die sich Menschenrechte nennen oder Religionsfreiheit oder Gewaltenteilung. Die gelten übrigens in der ganzen Woche, nicht nur freitags.
Logbuch
CUPPA.
Der englische Rundfunk begleitet mich seit Radio Caroline, ein Piratensender, der von einem Schiff in der Nordsee aus das Sendemonopol der BBC durchbrach. Man spielte ganztägig Musik, jene neue, die sich Pop nannte und dem Rock&Roll entstammte. Bands wie THE WHO oder STATUS QUO begeisterten ein junges Publikum; man fühlte sich kulturrevolutionär gestimmt. Mir war es vor allem ein Rätsel, wie man bei Seegang eine Schallplatte abspielen konnte.
Heute höre ich, sittlich reifer, Classic FM; andere Musik, älteres Publikum, wahrscheinlich die gleichen Menschen, die Ende der Sechziger Caroline hörten. Damals wie heute befassen sich die Moderatoren (früher DJs) mit Belanglosigkeiten. Wir erleben die Konversation über ein Sammelsurium des englischen Alltagslebens, Exempel der elementaren Soziokultur. Es gibt eigene Sendungen mit dem Inhalt, was man gestern zuletzt getan habe. Meint: vor dem Zubettgehen. Die meisten Hörer berichten vom Teetrinken.
Der Inglese setzt zumeist den Kessel auf und brüht sich Tee, cup of tea, auch kurz „cuppa“. Was hat dieses Volk gemacht, bevor sie China und Indien ausplünderten, um Tee und Zucker heimzubringen? Man kann doch nicht ganze Tagesabschnitte mit heißem Wasser und einer winzigen Spur von Koffein verbringen. Ich vermute, dass diese Ritualisierung von warmem Wasser einfach nur tarnt, dass sie nix tun, während sie das Zeug schlürfen. Wie der Türke beim Kaffee. Oder sind das die Araber? Und nimmt der Muslim nicht auch Tee? Oder Mocca? Italienische Kaffeeautomaten mit dem Aufwand von Mondlandefähren.
Das eigentliche Thema ist, lerne ich als Kulturanthropologe, die Ritualisierung der Biederkeit. „No sex, please, we‘re British!“ So sind sie vergangen, die Sehnsüchte des Rock&Roll. Cuppa tea. Tass Kaff.
Logbuch
DAS MERKEL-BUCH KOMMT.
Wer dem Gemeinwohl brav gedient hat, der darf danach Kasse machen. Das Obama-Buch wird zehn Millionen Honorar gebracht haben. Die Autorin Angela tut es für weniger. Es geht ihr um mehr.
Zum Naturrecht braver Beamter und keuscher Politiker gehört es, dass man für die Entsagungen des Amtes im Ruhestand entlohnt werden will. Böse Zungen sagen: Das Keuschheitsgelübde ist abgelegt, jetzt beginnt die ALTERSPROSTITUTION. Die schon immer Schamlosen (heimlich) gehen jetzt (öffentlich) unter die Laterne, sprich auf den Straßenstrich. Und manche vom denen wollen durchaus, dass dies bemerkt wird.
Ich könnte hier Dinge vom englischen Premier Tony Blair erzählen, respektive der Kanzlei seiner Frau, die mir niemand glauben würde; jedenfalls keine Sozialdemokraten. Der Rubel rollt, sagt man wohl. Bescheidenere Seelen haben eine Stiftung, damit der Obolus nicht sichtbar den eigenen Vorgarten dünkt. Aber GELD ist nicht alles. Helmut Kohl etwa, eine besondere banale Gestalt unter den Tragischen, ging es nicht um BIMBES für seine privaten Vergnügungen, die banal genug waren. Nicht GELD ist das Thema der Abgesetzten, sondern GELTUNG.
Die radikale Pragmatikerin Merkel will RECHT BEHALTEN. Mich würde nicht wundern, wenn es bei Frau Baumann eine eigene kleine Ablage gab, in die Kopien von Kalendern und Reden und Dokumenten wanderten, die für eine AUTOBIOGRAFIE nützlich sein könnten; seit Jahren. Aktenzeichen „Apokryphe“. Weil, wer immer nur gewerkelt hat, was zu werkeln war; und zwar so, dass die eigene Macht erhalten blieb, den plagt am Abend nach dem DURCHWURSCHTELN die Sorge, wie das wohl vor Gott aussieht. Das ist der ernste Kern des Knef-Liedes, nach dem man gehalten haben will, was versprochen war.
Ja, so ist sie, die GETTO-BOXERIN aus dem Osten: sie will es gottgefällig gemacht haben. Genau das werden wir aus den 800 Seiten (interne Verlagsplanung) lernen. Das Duo Merkel-Baumann will keinen Ghostwriter, weil sie keinem Confidenten trauen. Selbst die Lektorin ist von ihnen bestimmt; sagen die Gerüchte aus dem Verlag. Küchenkabinett: Du kriegst die Boxerin aus dem Getto, aber niemals das Getto aus der Boxerin.
Bleibt die Frage nach dem Titel. Nein, WIR SCHAFFEN DAS wird es nicht. Ich tippe auf WAS VOM TAGE ÜBRIG BLIEB.
Oder etwas Biblisches. Man schaue in die Sprüche Salomons. Oder auf den Grabstein von Johannes Rau. Es wird ein Wort Jesu. Die „Maria Magdalena Merkel“ (sic) will GELTUNG vor GOTT, sagen mir kluge Kenner.